Kann man da noch was machen? – Das Buch zur Frau

Am 12. September ist mein Buch „Kann man da noch was machen?“ im Heyne-Verlag erschienen. Seitdem ist viel passiert.

Nach Abgabe des Manuskripts fühlte ich mich schlapp und fett und unwohl in meiner Haut. Wenn ich vor dem Spiegel stand, sah ich einen unmotivierten blassen Klumpen im Rollstuhl, der zwar gerade ein vielleicht ganz cooles Buch abgegeben hatte, aber jetzt eben auch vor dem Nichts, beziehungsweise vor dem Spiegel stand und begriff, dass er sich zwar mit den wunderschönen, traurigen und sehr lustigen Erinnerungen in seinem Kopf auseinandersetzte und diese in einem Buch verpackte, aber dabei der Körper, der sich jetzt eben wie ein schlapper Klumpen anfühlt total auf der Strecke blieb.

Um schnellstmöglich wieder auf die Beine (Entschuldigung!) zu kommen, bei anstehenden Presseterminen und Lesungen nicht zusammenzubrechen und vor allem um mich mal wieder fit und schön und halbwegs geil zu finden, beantragte ich bei der Krankenkasse eine ambulante Reha. IMG_1621Vier Wochen fuhr ich jeden morgen mit dem Handbike dorthin, beantwortete ein bis zweimal am Tag die Frage, ob ich auch eine Knie-OP gehabt hätte, mit „nein“ und organisierte zum Teil bis zu acht Interviews pro Tag für verschiedene Print- und Onlinemagazine, Vorgespräche für TV-Sendungen, die ich mir zwischen die Massagesessions mit Alejandro, den Sporteinheiten mit Kevin und den Physioterminen mit Jean-Claude legte und in aller Ruhe auf der Behinditoilette durchzog.

Vier Wochen lang legte ich etliche Kilometer durch die Gänge des Rehazentrums mit meinem Rollstuhl zurück, nahm zwei Kilo ab (inzwischen wieder drauf) und bekam sowas wie „definierte Oberarme“ (inzwischen wieder undefiniert).

Mit neuer Kraft packte ich mir schließlich den Mann in ein Tragetuch und trug ihn nach Frankreich auf einen Berg.

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In Frankreich gab ich dann auch mein letztes Interview, bevor das Buch am 12. September erschien. Dem kurier erzählte ich, wie man Vorurteile abbauen und Hemmungen und Missverständnisse zwischen Behinderten und Nichtbehinderten durchbrechen kann.

Viele Reaktionen, die ich auch in meinem Buch beschreibe, beruhen auf Unsicherheiten der Leute. Und dass sie nicht wissen, wie begegne ich der Person, die im Rollstuhl sitzt und eine Behinderung hat. Diese Unsicherheit kommt daher, weil diese Leute nie in ihrem Alltag mit Menschen mit Behinderung in Berührung gekommen sind. Und das kommt daher, dass Kinder einfach getrennt werden und nicht zusammen geschult werden oder in inklusive Kindergärten gehen. Das ist traurig. Wenn man als Kleinkind damit groß geworden ist, dass es verschiedene Behinderungen gibt, ist das nichts Besonderes. Dann weiß man das und weiß, wie man damit umgeht und dann ist auch keine Unsicherheit da. Deshalb ist es so unglaublich wichtig, dass alle zusammen miteinander aufwachsen und miteinander leben.

Es war eines der vielen schönen und manchmal sehr intensiven Gespräche, die ich die letzten Wochen und Monate mit Journalistinnen und Journalisten hatte.

Mir wurden Fragen über die erlebten Geschichten in meinem Buch gestellt, die VICE stellte „10 Fragen an eine Frau (das wäre in diesem Fall ich) im Rollstuhl, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“, Fragen über meine Familie, mein Studium, die Liebe und ganz oft wurde ich gefragt, warum ich denn jetzt eigentlich im Rollstuhl säße. Die Welt hat meine Antwort darauf gut zusammengefasst:

Auch deshalb möchte sie eigentlich nicht über ihre Krankheit, über die Diagnose sprechen. „Ich finde, das ist etwas sehr Persönliches. Ich schreibe ganz bewusst nicht viel darüber“, sagt sie. Sie spricht ruhig, überlegt, sie erklärt diese Dinge offensichtlich nicht zum ersten Mal. „Mein Körper ist, wie er ist. Würde ich über meine Diagnose schreiben, wäre die Behinderung wieder nur mein Problem. Und ich möchte erreichen, dass meine Behinderung nicht bei mir bleibt, sondern als gesellschaftliches Problem angesehen wird.

Und überhaupt hat sich das Interview mit der Welt als einer der schönsten Artikel in den letzten Wochen entpuppt. Grund dafür war auch, dass sich die Journalistin einem wichtigen Thema widmete, das mir und vielen anderen sehr am Herzen liegt, der systematischen Ausgrenzung von Behinderten in Deutschland:

„Ich verstehe ja, dass die meisten Menschen es nicht böse meinen. Wenn mir etwas Unbekanntes begegnet, bin ich auch erst mal neugierig, vielleicht taktlos“, sagt sie, „nur woher kommt das denn? Wenn Menschen mit Behinderung in der Mitte der Gesellschaft existieren dürften, dann gäbe es diese Unsicherheiten nicht.“ Sonderschulen, Behindertenwerkstätten, Arbeitsplätze ohne Barrierefreiheit – das alles sind für sie Einrichtungen, die eine systematische Ausgrenzung von behinderten Menschen nur fördern.

Es ist, wie ich es auch in meinem Buch beschreibe, irritierend, dass sich auf einmal viele wundern, dass Behinderte die Forderung stellen teilzunehmen, gleiche Chancen für sich in Anspruch nehmen wollen, das gleiche Gehalt verdienen wollen. In einem Interview für ein Frauenmagazin wurde ich mal gefragt, wo denn die ganzen Behinderten auf einmal herkämen?
Nun – Überraschung! – sie sind immer schon da gewesen! Nur eben da, wo sie niemand wirklich zu Gesicht bekommt. Es sind die Menschen, die irgendwo am Rand der Gesellschaft ihren Platz zugewiesen bekommen, in Behindertenwerkstätten arbeiten müssen und in Wohnheimen leben. Mein Bruder Julian ist einer davon. Ich habe ihm mein Buch gewidmet, weil ich ihn liebe und auf diese Art von Ausgrenzung aufmerksam machen wollte.

Aber bisher hat mich nur eine Journalistin auf Julian angesprochen. Mareice Kaiser hat mit mir darüber gesprochen, warum es wichtig ist, andere Menschen mit Behinderung in seinem Leben zu haben, warum es schön ist, die Laura zu sein und warum Pragmatismus in unserer Familie eine Tugend ist.

Die Behinderung ist einfach da, die Dinge sind, wie sie sind. In meiner Familie denken wir alle eher pragmatisch. Wir machen kein großes Thema draus. Wenn dann was passiert, Julian krampft, Laura liegt drei Tage mit einem gezerrten Rücken im Bett, dann ist das kurz Kacke. Und dann gucken wir, wie es wieder besser werden kann und irgendwann ist wieder alles gut. So ist das halt.

Das war bisher das persönlichste Gespräch.

Danke an das ZDF für die wunderschönen Drehtage und die geilen Rampen im Studio bei Volle Kanne, dem Mittagsmagazin und hallo Deutschland.

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„Eine Meisterin in Sachen Witz und Selbstironie“, haben sie im ZDF gesagt. „Schonungslos, offen und ehrlich“ meint die IN (ja, ja, ja, ich war in einem Promimagazin!) und für den Berliner Kurier ist das Buch „eine leidenschaftliche Kampfansage an das völlig verzerrte Bild der Realität vieler Behinderter“.

Aber vielleicht ist es auch einfach nur ok.
He_TB_Gehlhaar_Kann man da noch was.inddMein Buch gibt es ab sofort überall da, wo es Bücher gibt. Und eine eigene Website habe ich jetzt auch.

Ganz besonders bedanke ich mich bei den vielen, vielen Menschen, die mein Buch bereits gelesen haben und mir teilweise sehr herzzerreißende Mails schreiben. Ich sitze dann da und heule. Ihr berührt mich und ich bin froh, ja sogar ein bisschen stolz, euch ebenfalls berührt zu haben.

Danke.

Juist – mit Mama und Celine Dion

Kurz vorm Sommerloch habe ich mir meine Mama eingepackt und bin mit ihr nach Juist gefahren. Juist – die schönste Nordseeinsel und das von meinen Eltern am meist angesteuerte Urlaubsziel meiner Kindheit. Juist war für mich als Kind der größte Abenteuerspielplatz. Schlafenszeiten und andere Verpflichtungen existierten auf der Insel nicht. Auf Juist bin ich den ganzen Tag Fahrrad gefahren. Oder Ponykutsche.
Wenn mir heute auf der Berliner Straße der Wind durch die Ohren pfeift oder ich höre, wie große Stofffahnen durch den Wind an ihre Mäste geschlagen werden, schalte ich automatisch in den Juister Erinnerungsmodus. Sogar mein Gehirn gaukelt mir dann vor, salzige Meeresluft zu riechen.

Ganze 20 Jahre war ich nicht mehr auf Juist. In diesen 20 Jahren habe ich aber oft an die schönen Zeiten auf Juist gedacht. Es ist nicht so, dass ich Juist je bewusst vermisst habe oder ständig daran dachte, irgendwann noch einmal dorthin zurückzukehren. Es kam mir noch nicht mal in den Sinn, Juist als Reiseziel vorzuschlagen, als meine Mutter und ich vor kurzem unseren alljährlichen Urlaub planten.
Ich wollte nach Formentera. Doch dieser Vorschlag wurde kurz und knapp zerschlagen, als meine Mutter verkündete, aus Angst vor Terroranschlägen nie wieder fliegen zu wollen. „Lass uns mal lieber mit dem Auto fahren. Dann können wir wenigstens schön singen und Päuschen machen!“

Mit meiner Mama stundenlang im Auto zu sitzen und zu Celine, Whitney oder Mariah zu singen, war ein guter alternativer Plan. Doch die erste und vielleicht größte Enttäuschung des ganzen Urlaubes, tischte sich schon auf, als mich meine Mutter vom Düsseldorfer Hauptbahnhof abholte:

Panisch suchte ich nach einem USB-Stecker im Auto meiner Mutter, mit dem wir am darauffolgenden Tag von Düsseldorf aus nach Norddeich fuhren, um mit der Fähre (barrierefrei!) rüber auf die Insel zu setzen. Mit meiner eigenen Best-of-Dion-Liste, die wir dank des vorhandenen USB-Steckers auf den knapp drei Stunden Autofahrt rauf und runter hörten. Gott sei dank.

Und Juist? Juist war wunderschön. Mit meinem Handbike bretterte ich in alter Vertrautheit durch die Straßen, wich gekonnt plattgefahrenen Pferdeäpfeln aus und fuhr bis an die Enden der Stege am Strand*, um meinem Gehirn zu beweisen, dass es auch noch den echten, uneingebildeten Geruch von salziger Meeresluft gibt.

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Die nächsten Tage beschränkte sich unser Leben auf das Folgende: Morgens an den Strand, dann schwimmen, dann wieder Strand und immer essen. Und zwischendurch stellte meine Mutter mal wieder einiges fest:

„Mir tut es beim Atmen weh. Genauso fängt bei mir ne Gallenkolik an.“

„Ich kann nicht schlafen. Ich hatte bestimmt schon über 20 Hitzewallungen.“

„Ich kann nicht schlafen. Mein Knie.“

„Mein ganzer Körper juckt. Das liegt an dem Mückenstich.“

„In diesem Aufzuglicht sehe ich immer krank aus.“

„Ich sehe aus, als hätte ich die Schwindsucht. Das ist dieses Aufzuglicht.“

„Ich sehe aus, als wäre ich tot krank. Das liegt am Aufzuglicht.“

„Bei diesem Licht im Aufzug bekomme ich Depressionen.“

Ich liebe die Zeit mit meiner Mutter und merke – auch wenn ich immer dagegen angekämpft habe – dass ich ihr immer ähnlicher werde. Und das ist gar nicht mal so schlimm, denn meine Mama ist ne ziemliche Bombe. In jeglicher Hinsicht.

*In der juister Touristeninformation kann man zwischen zwei verschiedenen Strandrollstühlen wählen, um gemütlich bis ins Meer zu fahren.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2016

Zwischen seelischen Abgründen, schlaflosen Nächten, fettigen Haaren und noch fettigerem Essen, habe ich mir endlich mal wieder ein wenig Zeit für meinen geliebten und stark vermissten Monatszyklus genommen. Auch um zu beweisen, dass ich außerhalb meines Buchschreibens noch irgendwie sowas wie ein Leben habe. Ich übertreibe, ich weiß. Aber ich liebe es, zu übertreiben.

Herzlich Willkommen bei Frau Gehlhaars Monatszyklus über geile Bilder und geile Frauen.

Monatshighlight

Wenn man das Wort besoffen mit mir in Verbindung bringt, finde ich das schon mal gut. Nicht, weil ich ständig besoffen im Slalom durch Berlin heize und irgendwelche Straßenschilder umniete, sondern weil dieses Adjektiv in einem positiv lustigen Zusammenhang benutzt wird. Ja, ich weiß, ich freue mich hier über eine Nichtigkeit, aber wann kommt es schonmal vor, dass mir eine gewisse Coolness fürs Rollstuhlfahren attestiert wird, wenn das Wort besoffen fällt?

Laura Gehlhaar erzählt, dass sie immer ein sportlicher Typ gewesen sei – und das auch heute noch ist, sie liebe Bewegung. In ihrem Blog schreibt sie sehr ehrlich und persönlich über sich, ihr Leben, ihren Alltag und auch Reaktionen auf ihre Behinderung. Sie schreibt, dass sie manchmal besoffen Rollstuhl fährt – aber auch wie fremde Menschen mit ihr umgehen, die sie oft ohne Vorankündigung tätscheln oder Dinge sagen wie: „Du bist doch viel zu hübsch, um behindert zu sein.“ Oder: „Toll, wie du dein Schicksal meisterst.“

In der Sendung Neugier genügt auf WDR5 gab ich, wie ich finde, mein bisher schönstes Radiointerview. Völlig tiefenentspannt, ohne Aufregung und mit ganz viel Spaß erzählte ich ein bisschen über meinen Alltag, in dem Diskriminierung, Vorurteil und andere Arten von Ausgrenzung nunmal eine Rolle spielen. Es ist kein Interview, in dem sich nur auf Negatives konzentriert wird und doch mussten manche Dinge, wie Gesetzeslagen und dringende Wünsche, die mir als Frau mit Behinderung sehr wichtig erscheinen, genannt und besprochen werden. Und am Ende geht es dann doch auch um Essentielles, wie Reisen, nicht-kochen und den Mann.

Monatsmagazin

Es gibt vieles, was man lesen sollte. Es gibt einiges, was man besser nicht lesen sollte. Und es gibt die Barbara. Die sollte man sich diesen Monat unbedingt noch schnell besorgen, weil…

Jaaa, genau! Das neue Tatort-Team aka Ninia LaGrande und Frau Gehlhaar schmücken so manche Seite im aktuellen Magazin Barbara. Zu kaufen an jedem Kiosk. Und weil das ein professionelles Fotoshooting mit einer super Fotografin, Valeria Mitelman, war und wir dadurch extrem geil aussehen, wie ich ich finde, habe ich Valeria gebeten, gleich mal meine Wampe wegzuphotoshoppen. Das hat zwar nicht ganz geklappt, aber ich habe auch schöne Schuhe!
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Monatserlebnis

Bei der Fachveranstaltung „Online trifft Offline – Feministische Diskurse und Strategien“ durfte ich einen Input geben zum Thema Inklusion heute: Digitales Empowerment als Chance und Herausforderung. Kern des Statements war es zu zeigen, wie gesellschaftliche Minderheiten das Netz für sich und ihre Stimme nutzen können. Das Internet hat meine Behinderung sichtbar und hörbar gemacht. Es ist gut zu sehen, dass immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen das Netz nutzen, um auf ihre Lebensrealität aufmerksam zu machen. Das Netz fungiert dabei als eine Art Spiegel der Gesellschaft, die von Vielfalt geprägt ist. Durch das Internet und den damit verbundenen Einblick in verschiedene Lebensrealitäten bietet sich die Chance, seine eigene Sichtweise, eigene Privilegien und Ansichten zu reflektieren und sie zu hinterfragen.
Und weil es sich bei der Veranstaltung um eine Feministische Veranstaltung handelte, widmete ich ganz frei meinen Vortrag den Frauen, die nur eine ganz leise, bzw. gar keine Stimme im Netz haben. Frauen, denen es an Möglichkeiten fehlt, aufgrund einer Lern- oder anderen kognitiven Behinderung, im Internet auf sich selbst und ihre Lebensrealität aufmerksam zu machen.
Wenn ich mich in Berlin auf die Suche machen muss nach einer Gynäkologischen Praxis, die einen höhenverstellbaren Untersuchungsstuhl hat, und ich an meiner Suche fast verzweifle, weil es in einer Metropole wie Berlin tatsächlich nur eine einzige Praxis gibt, die barrierefrei ist, ist das ein kleiner Skandal, wie ich finde. Und was mache ich dann? Ich greife zum Handy und twittere darüber. Ich mache diese Art von Diskriminierung öffentlich.
Frauen, die aufgrund ihrer kognitiven Behinderung in Wohnheimen leben müssen und nicht selten keinen Internetzugang haben oder auf andere Kommunikationskanäle zurückgreifen können, haben auch keine Chance, auf ihre Lebensrealitäten aufmerksam zu machen. Sie haben keine Stimme im Netz und auch nicht im „Real Life“, die ihre individuellen Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt laut ins Land ruft. Dabei erfährt jede zweite bis dritte Frau, die aufgrund ihrer Behinderung in einem Wohnheim lebt, Auswirkungen von Gewalt.

Es war die erste Veranstaltung, bei der ich als Speakerin auftrat, die erstmal nichts mit Inklusion zu tun hatte. Das ist eine bittere Feststellung und ich wünschte, es würden noch viel mehr Organisatoren Menschen mit Behinderung eine Plattform bieten, um ihre Veranstaltung kulturell zu bereichern.

Monatsbegegnung

Kübra Gümüşay ist Journalistin, Bloggerin, Mama, Politikwissenschaftlerin, Feministin und seit diesem Monat eine meiner größten weiblichen Vorbilder. Ich traf sie auf der Veranstaltung „Online trifft Offline“ in Duisburg zum ersten Mal und war sofort hypnotisiert von ihrem sehr klaren, offenen und bodenständigen Auftreten. Mit ihrem Blog Ein Fremdwörterbuch bricht sie mit Stigmata und gibt all denen eine Stimme, die sonst medial eher stumm gehalten werden. Sie erzählt von Vorurteilen, die sie als Deutschtürkin erfährt; von sich wundernden Menschen, wenn sie als Kopftuchträgerin – für viele ein Symbol der Unterdrückung – den Mund aufmacht, Kritik äußert, Meinungen vertritt und (!) fließend (!) Deutsch (!) spricht. Und ja, das alles legt sich wie eine Schablone über meine eigene Landkarte des Lebens mit den ganzen Dörfern voll mit Vorurteilen und den Einbahnstraßen an Alltagsdiskriminierungen, die ich als Frau mit Behinderung erfahre.

Und dann saß ich da in der ersten Reihe auf dieser Veranstaltung, auf der ich gleich sprechen müsste, und hörte Kübras ehrlichen, starken und wahren Worten zu, die mich so sehr berührten, mein kaltes Herz erwärmten und mich zum heulen brachten.
Zum Glück waren zwischen Kübra und mir noch zwei andere Frauen mit ihrem Statement an der Reihe, so dass ich kurz Zeit hatte, meine Tränen zu trocknen und noch einmal tief durchzuatmen.

Und wer sich ebenfalls mitziehen lassen möchte von dieser tollen Stimme, hört sich Kübras Radiointerview „Wir haben die Pflicht, uns zu empören!“ an.

Monatsvideo

Diesen Monat wurden mir so viele Links mit Videos und Filmen in die Timeline gespült, dass ich es nicht wagen möchte, mich für nur eins zu entscheiden. Deshalb kommt hier eine kleine Auswahl für den individuellen Geschmack und die tagesabhängige Stimmung!

Auf Arte kann man sich gerade den Kurzfilm „Nimm mich“ anschauen. Der Film bietet einen sehr (!) intimen Einblick in das Sexleben eines Paares, das in einem Behindertenheim lebt. Ein Mitarbeiter assistiert ihnen im sogenannten “Intimitätszimmer”.
Ich muss ehrlich gestehen, dass selbst ich, die denkt, sie hätte schon alles gesehen, bei diesem Film schlucken musste und die ein oder andere Schamröte durch mein Gesicht fegte.

Jeder zehnte Mensch in Deutschland hat eine Behinderung – aber warum nehmen wir Menschen mit Behinderung in unserem Alltag so selten wahr? ze:tt hat mit Raul Krauthausen gesprochen und ist dieser Frage mal auf den Grund gegangen.

 

Ein bisschen sterben

Man mag meinen, der fließt alles aus der Feder. Die erledigt ihren Job chilli-vanilli mit links.
Weit gefehlt. Sehr weit sogar. Denn jeden Tag sterbe ich einen kleinen Heldentod, bekomme Panik vor der ganzen Arbeit, die noch vor mir liegt. Die leeren Seiten, die ungeduldig auf ihre Buchstaben warten. Schon zwei Mal war der Notarzt da. Atemnot, Angst zu ersticken und zu sterben, ohne die leeren, ungeduldigen Seiten beschrieben zu haben. Der Puls ist normal, das Herz schlägt stark und gleichmäßig, Sauerstoffversorgung perfekt. Panikattacke, alles psychisch, sagt man mir. Und natürlich weiß ich das alles. Dass das alles nur in meinem Kopf ist. Die Angst, die Unruhe genährt von so hohen Erwartungen an mich selbst. Das alles ist nur in meinem Kopf. Und der sucht sich jetzt Ausreden, um weiterhin davonzulaufen. Mit anhaltenden Kopfschmerzen immer dann, wenn ich an die immer noch leeren Seiten denke, plötzlich auftretende Rückenschmerzen, wenn ich weiß „so, heute muss ich echt ran! Sonst wird es knapp mit der Deadline!“
Mehrmals in der Woche übergebe ich mich und kotze mein ganzes Frühstück wieder aus. Nur nicht reinsteigern, rede ich mir ein und scheitere bei jedem erneuten Würgen, während mir die Tränen die Wangen runterlaufen.
„Ach Laura, niemand weiß, dass kreatives Schreiben die größte Qual sein kann. Außer man durchlebt genau diese Qual, wenn man eben schreiben muss, kreativ sein muss. Auf Knopfdruck.“, sagte mir eine Freundin vor kurzem. Sie ist Autorin. Sie weiß es.
Einfach machen, sage ich mir jeden Tag. Einfach machen und weiter atmen.
Ich liebe das Schreiben. Denn neben der unendlichen Qual ist es die wohltuendste Befreiung, das pure Ausleben von Glück und ein Ventil für Trauer und Wut und Verzweiflung.
Im Mai muss ich abgeben. Die Hälfte der Buchstaben bedecken bereits viele weiße Seiten. Jeden Tag kommen mehr Zeilen hinzu. Und dann ist es irgendwann da, mein erstes Buch.

(c) Andi Weiland | www.andiweiland.de

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