Ibiza – von Schweinen und der Kunst der Demut

Die Bustür geht auf. „Erstmal nur der Rollstuhl! Nur der Rollstuhl!“, ruft ein großer, breiter Mann mit gelber Neonweste. Seine Worte gelten besonders den Menschen, die sehr nervös direkt an der Tür darauf warten, dass sie und wirklich nur Sie die ersten, die aller ersten sein werden, die das vor uns parkende Flugzeug betreten werden. Ganz besonders eilig scheint es der Mann vor mir zu haben. Schon seit 20 Minuten klebt seine faltige, weiße Hand an dem aus Sicherheitsgründen deaktivierten Türöffner des Busses, bereit ihn durch ein strebsames Pressen einzudrücken und die Bustür zum Öffnen zu zwingen. Seine kleine, dicke Frau krallt sich fordernd um den matt weißen Arm ihres Mannes, so als ob sie ihm sagen will: „Horst, öffne die Tür! Öffne endlich die verdammte Tür, Horst!“ Aber Horst muss warten. Alle müssen warten, denn erst muss „der Rollstuhl“ raus. Das wäre in diesem Fall dann ich.

Der Mann mit gelber Neonweste schiebt mich die kleine, schmale Rampe runter, während Horst und seine Frau und alle anderen Fluggäste im Bus warten müssen und mir dabei zusehen, wie ich mich auf dem Rollfeld vom Rollstuhl auf den sehr schmalen Bordrollstuhl setze. „Cool, dich kenn‘ ich!“, wirft mir eine männliche Stimme an meinen Hinterkopf. Intuitiv ducke ich mich leicht nach vorne. „Äh, wie bitte?“ Ich drehe meinen Kopf nach hinten und treffe auf zwei große, strahlende Augen. „Gestern im Fernsehen gesehen.“, sagt der Mund unter den Augen. „Oh! Ja, das kann sein.“, lächle ich zurück, während mich zwei unbekannte Hände mit dem Gurt am Bordrollstuhl festschnallen.
Mit dem Profil zum Bus sitzend, sehe ich wie der Urlaub für die meisten Menschen im Bus schon jetzt in diesem Moment begonnen hat. Wie im Zoo stehen sie da. Dicke, bleiche Menschen mit blonden Strähnchen in den Haaren, glitzernden Gürteln und Bauchtäschchen und drücken sich die Nasen an der Glasscheibe platt, begierig darauf zu hoffen, dass die schwarz angezogene Frau auf dem Rollfeld durch einen brennenden Reifen springt.
Die Frau – das bin ebenfalls ich – springt aber nicht, sie wird in Zeitlupe Stufe für Stufe auf dem viel zu schmalen Stuhl die Treppe hoch zum Flugzeug getragen und das ist mindestens genauso spannend zu beglotzen, wie ein Sprung durch einen brennenden Reifen, mit doppelten Salto. Ich hasse Menschen, denke ich mir und hebe ganz oben angekommen den Ficker-Finger zu all den gaffenden Menschen unter mir, eingesperrt hinter einer Scheibe.
Ich hasse Menschen, denke ich nicht zum ersten Mal, und in letzter Zeit immer öfter.

Es ist windig und irgendwo im Osten geht die Sonne auf. Es ist 7:05 Uhr und um 7:20 Uhr startet unser Flug nach Ibiza.

Aber was ist das genau, das ich immer wieder und in letzter Zeit eben auch sehr häufig, einen Hassschub auf Menschen bekomme? Wo kommt das her, frage ich mich? Letzte Woche stand ich mit dem Auto an der Ampel einer großen Kreuzung in Düsseldorf. Ich hatte rot und sah gelangweilt dabei zu, wie von rechts die Autos langsam über die Kreuzung fuhren. Ziemlich schnell sah man, wie sich links die Autos langsam stauten, und jede*r vernünftige Autofahrer*in hätte jetzt, auch wenn er/sie grün hatte, hinter der Linie gewartet, da dessen Auto sonst mitten auf der Kreuzung hätte stehen bleiben müssen, während ich und alle anderen Autos hinter mir ihre Grünphase gehabt hätten.
Die Ampel wurde grün und die Hoffnung, jetzt gediegen aufs Gas treten zu können, verpuffte in dem Moment, als sich 4-5 Autofahrer*innen dachten, noch schnell auf die andere Seite der Kreuzung durchdrücken zu können, obwohl sich schon lange eine offensichtliche Autoschlange gebildet hatte. Und während ich mich früher lauthals und aggressiv über alle Autofahrer*innen aufgeregt hätte, saß ich in diesem Moment einfach nur da und starrte resigniert auf die Autos vor mir, in denen sich die Fahrer und Fahrerinnen darüber aufregten, dass sich andere über sie aufregen, weil sie nicht hinter einer grünen Ampel eine weitere Rotphase abwarten konnten, nur um dann drei Minuten später auf das vor ihm fahrende Auto aufzuschließen, weil sie überheblich waren, anstatt Rücksicht zu nehmen. Vollidioten. Und dennoch wundere ich mich, warum ich in diesem Moment so ruhig bleiben konnte, mein Temperament sich in keinster Weise äußerte und ich einfach nur dasaß und innerlich weinte. Nicht, weil Autofahrer*innen mich daran hinderten bei Grün über die Straße zu fahren, sondern weil ich eine Art Charakter wiederentdeckte, der sich auf so viele Situationen des Alltags beliebig transferieren lässt. Es kommt mir so vor, als ob jeder Mensch wahnsinnige Angst davor hätte, etwas von sich, seinem Platz abgeben zu müssen. Jede*r scheint enorme Angst zu haben zu kurz zu kommen, nicht schnell genug zu sein, nicht den ganzen Kuchen für sich allein abzubekommen. So als ob es große Schmerzen für einen bedeutet, abzugeben, auf etwas verzichten zu müssen, damit es anderen auch gut gehen kann. Das zu beobachten, tut mir wiederum weh.

Während der letzten Reisen habe ich den größten Wert darauf gelegt, so wenigen Menschen wie möglich zu begegnen. Im Urlaub rede ich auch nicht viel. Eigentlich sitze ich immer nur da und gucke irgendwo hin. Als geübte und eingesessene Rollstuhlfahrerin gucke ich zum Beispiel oft aus dem Fenster. So wie hier.

Diesen Blick habe ich, seit ich mit meiner Mama aus dem Auto gestiegen bin, nachdem wir einen sehr steilen und mit Schlaglöchern, so groß wie Krater, bedeckten Weg hoch auf den Berg des kleinen Dörfchens Es Cubells gefahren sind. „Oh Gott, ist das schön.“, ist das erste, was ich sage, als sich mein Blick auf den Fels im Meer verliert. „Boah, ist das windig hier oben! Hoffentlich werden wir hier nicht krank!“, sagt meine Mutter, als sie aus dem Auto steigt.
Während mein Blick weiter auf dem Fels Es Vedra haftet, trägt meine Mutter unseren Koffer ins Steinhaus. Und dann ist sie da – Ruhe. Keine lauten, ängstlichen Menschen, nur meine Mama und ich und ab und zu ein paar neugierige Schweine, die uns besuchen kommen und ihre feuchten, zuckenden Schweinsnasen überall reinhalten, auch in unsere Haare, wenn wir nichts ahnend auf unseren Sonnenliegen liegen und pennen. Aber all das dürfen sie und dann gebe ich Ihnen auch mal ein Stück von meinem Käsebrot ab und freue mich, dass es ihnen schmeckt.

Ich glaube, dass mangelnde Demut ein grundlegendes Problem des/der einzelnen in unserer Gesellschafft ist. Die Menschen vergessen, vor allem das, was sie nicht jeden Tag sehen oder hören. Wir alle wissen aus unseren Geschichtsbüchern, wie schnell alles verloren gehen kann, wenn sich Menschen abschirmen, eine Mauer um sich herum bauen und andere ausschließen. Wenn jede*r stets große Angst davor hat, zu kurz zu kommen und etwas von sich und seinem/ihrem Hab und Gut abgeben zu müssen, sollten wir uns fragen, wann es uns selbst und anderen am besten geht. Wenn man für einander da ist, Respekt wahrt und auf gegenseitige Unterstützung hoffen kann? Wenn man aufmerksam durch seinen Alltag geht und auf den anderen achtet? Vielleicht sollten wir versuchen demütiger zu sein – vor anderen und vor uns selbst – und uns darauf besinnen, dass wir selbst und alles um uns herum schnell zerbrechen kann.

Der Urlaub ist wunderschön. Gerne hätte ich von Traumstränden und anderen schönen Orten der Insel erzählt, aber nach jedem Besuch eines solchen Strandes oder urigen Dörfchens mit seinen kleinen, verwinkelten Gassen, wurde uns immer wieder klar, dass es hier oben auf unserem Berg einfach am schönsten ist.
Morgen Abend geht unser Flug zurück nach Düsseldorf. Meine Mutter steht in der Küche und kocht Gemüse, während ich ein letztes Mal mit deepen Gedanken in den Sonnenuntergang schaue. „Mücke! MÜCKE!“, höre ich sie aus der Küche rufen und nach zwei Sekunden folgt ein dreckiges Lachen: „Tot! TOT!“ Wir wurden nicht krank hier oben auf dem Berg und meine Mutter ist der lustigste Mensch auf der Welt.

Juist – mit Mama und Celine Dion

Kurz vorm Sommerloch habe ich mir meine Mama eingepackt und bin mit ihr nach Juist gefahren. Juist – die schönste Nordseeinsel und das von meinen Eltern am meist angesteuerte Urlaubsziel meiner Kindheit. Juist war für mich als Kind der größte Abenteuerspielplatz. Schlafenszeiten und andere Verpflichtungen existierten auf der Insel nicht. Auf Juist bin ich den ganzen Tag Fahrrad gefahren. Oder Ponykutsche.
Wenn mir heute auf der Berliner Straße der Wind durch die Ohren pfeift oder ich höre, wie große Stofffahnen durch den Wind an ihre Mäste geschlagen werden, schalte ich automatisch in den Juister Erinnerungsmodus. Sogar mein Gehirn gaukelt mir dann vor, salzige Meeresluft zu riechen.

Ganze 20 Jahre war ich nicht mehr auf Juist. In diesen 20 Jahren habe ich aber oft an die schönen Zeiten auf Juist gedacht. Es ist nicht so, dass ich Juist je bewusst vermisst habe oder ständig daran dachte, irgendwann noch einmal dorthin zurückzukehren. Es kam mir noch nicht mal in den Sinn, Juist als Reiseziel vorzuschlagen, als meine Mutter und ich vor kurzem unseren alljährlichen Urlaub planten.
Ich wollte nach Formentera. Doch dieser Vorschlag wurde kurz und knapp zerschlagen, als meine Mutter verkündete, aus Angst vor Terroranschlägen nie wieder fliegen zu wollen. „Lass uns mal lieber mit dem Auto fahren. Dann können wir wenigstens schön singen und Päuschen machen!“

Mit meiner Mama stundenlang im Auto zu sitzen und zu Celine, Whitney oder Mariah zu singen, war ein guter alternativer Plan. Doch die erste und vielleicht größte Enttäuschung des ganzen Urlaubes, tischte sich schon auf, als mich meine Mutter vom Düsseldorfer Hauptbahnhof abholte:

Panisch suchte ich nach einem USB-Stecker im Auto meiner Mutter, mit dem wir am darauffolgenden Tag von Düsseldorf aus nach Norddeich fuhren, um mit der Fähre (barrierefrei!) rüber auf die Insel zu setzen. Mit meiner eigenen Best-of-Dion-Liste, die wir dank des vorhandenen USB-Steckers auf den knapp drei Stunden Autofahrt rauf und runter hörten. Gott sei dank.

Und Juist? Juist war wunderschön. Mit meinem Handbike bretterte ich in alter Vertrautheit durch die Straßen, wich gekonnt plattgefahrenen Pferdeäpfeln aus und fuhr bis an die Enden der Stege am Strand*, um meinem Gehirn zu beweisen, dass es auch noch den echten, uneingebildeten Geruch von salziger Meeresluft gibt.

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Die nächsten Tage beschränkte sich unser Leben auf das Folgende: Morgens an den Strand, dann schwimmen, dann wieder Strand und immer essen. Und zwischendurch stellte meine Mutter mal wieder einiges fest:

„Mir tut es beim Atmen weh. Genauso fängt bei mir ne Gallenkolik an.“

„Ich kann nicht schlafen. Ich hatte bestimmt schon über 20 Hitzewallungen.“

„Ich kann nicht schlafen. Mein Knie.“

„Mein ganzer Körper juckt. Das liegt an dem Mückenstich.“

„In diesem Aufzuglicht sehe ich immer krank aus.“

„Ich sehe aus, als hätte ich die Schwindsucht. Das ist dieses Aufzuglicht.“

„Ich sehe aus, als wäre ich tot krank. Das liegt am Aufzuglicht.“

„Bei diesem Licht im Aufzug bekomme ich Depressionen.“

Ich liebe die Zeit mit meiner Mutter und merke – auch wenn ich immer dagegen angekämpft habe – dass ich ihr immer ähnlicher werde. Und das ist gar nicht mal so schlimm, denn meine Mama ist ne ziemliche Bombe. In jeglicher Hinsicht.

*In der juister Touristeninformation kann man zwischen zwei verschiedenen Strandrollstühlen wählen, um gemütlich bis ins Meer zu fahren.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Oktober 2015

Sie mögen denken „Na super, kaum hat die Gehlhaar ein bisschen Lob für lausige Blogtexte geerntet, legt sie sich auf die faule Haut. In die Sonne. Frisst den ganzen Tag und säuft ab 16 Uhr den besten Wein.“ Und ich kann Ihnen eins sagen, liebe Leserinnen, lieber Leser: Sie haben recht. Denn genau das tat ich. Für einen Monat habe ich mich ausgeklinkt, meine 17 Sachen gepackt und der Großstadt mit all ihrem Lärm und Schmutz und hektischen Leuten den Rücken gekehrt. 

Der Mann hat mich ins Auto gepackt, ist mit mir erst ins schöne, etwas ruhigere NRW zu meinen Eltern gefahren und hat mich dann den ganzen Weg runter nach Italien geschaukelt. Über das Rheinland, durch die Schweiz, über den San Bernadino, rein nach Piemont, Italien, und weiter in die Toskana. Und das wird kein detaillierter Reisebericht, sondern Frau Gehlhaars Monatszyklus mit einem schönen Highlight, wo ich noch ein bisschen über den Urlaub erzähle, zwei informativen Monatslinks und einem Ohrwurm, der definitiv noch lange über diesen Monat hinausgehen wird.

Monatshighlight

Noch keine zwei Stunden saßen der Mann und ich im Auto, als sich abrupt ein wohliges Glücksgefühl einstellte und wir gemütlich und bei blauem Himmel mit Romano in den Ohren auf der Bundesstraße den Rhein im Rheinland entlangfuhren. Es war der Beginn der schönsten und lustigsten Autofahrt in meinem Leben. Mit einem großen Picknickkorb (danke Mama & Papa) und ganz viel Kanye West ließen wir die Autobahn einen großen Teil der Strecke links liegen und nahmen die sich verändernde Vegetation von Deutschland über die Schweiz nach Italien bewusst wahr. Bäume veränderten sich, Berge wurden größer, dann wieder kleiner, Straßenschilder warnten uns vor Steinböcken und an den Raststädten wechselten wir die Sprachen und manchmal auch die Dialekte.

Und da der Mann die besten Ideen hat und Herr der Route war, schlug er vor, über den San Bernadino Pass im schweizerischen Kanton Graubünden zu fahren. Meter für Meter schlängelte sich die Straße nach oben. Bäume und Gras wurden von Meter zu Meter weniger und bald von Steinen und Schnee abgelöst. Die Luft wurde dünner und auf 2.065m Höhe brauchte ich ein Sauerstoffzelt. Vor Freude. Denn es gab Internet! Und den schönsten (und einzigen) Bergsee, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe.

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Der schönste (und einzige) Bergsee, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe.

Nach zwei Pensionen an der Schweizer Grenze und im italienischen Piemont, fuhren wir das Kontrastprogramm auf und es ging weiter auf einen Biobauernhof mit eigenem Gemüse- und Obstgarten, Ziegen, Hühnern und einer schwarzen Katze. Jeden Tag kochten wir unser Essen selbst und tranken den besten Wein. Und das war eine der besten Erkenntnisse der Zeit: die Selbstverpflegung! Anders wie in den Pensionen, wo wir uns abends ein Restaurant suchen mussten – auch wenn das sehr gute Restaurants mit original italienischen Zutaten waren – hatten wir auf dem Bauernhof nicht mehr das Gefühl, „gefüttert“ zu werden, weil wir selbst wählen konnten, welche Zutaten wir wie und wann zubereiten wollten. Und von nun an werden wir für anstehende Urlaube nur noch Unterkünfte ansteuern, die über eine benutzbare Küche verfügen. Auch um ein gutes Gefühl für die Lebensmittel zu kriegen, die je nach Land ortstypisch und traditionell sind.

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Was ich mag: Wenn der Weg zum Wein barrierefrei ist.

Monatserkenntnis

Für meine zarten 32 Jahre bin ich, glaube ich, schon ganz gut rumgekommen. Ich war auf den Kontinenten (außer Australien) unterwegs und habe mir viele europäische Städte angesehen. Meine Eltern sind immer gern verreist und haben mich und meine Brüder schon als Babys mit auf große Reisen genommen. In meiner Kindheit haben wir dann viel „Strand-Urlaub“ gemacht und somit war meine Idee von Urlaub auch immer das typische Sonne-Sand-Strand-Gefühl zu bekommen.
Erst im Laufe der Zeit und durch Reisen alleine oder mit Freunden, erkannte ich für mich, dass Urlaub mehr ist als „einfach mal die Seele baumeln lassen“ oder „eins mit der Natur werden“. Für mich bedeutet Urlaub in erster Linie, sich für eine bestimmte Zeit von seinem Alltag und gewohnten Ritualen zu lösen, sich auf etwas neues, fremdes einzulassen, andere Lebensmittel zu essen, andere Menschen zu beobachten und mir Dinge, wie Berge, Seen oder Tiere anzusehen, die ich in meiner Alltäglichkeit nicht sehe oder bewusst wahrnehme.

Monatslink

Wenn ich verreise und an einem anderen Ort ein mir fremdes Badezimmer benutzen möchte, ist das immer eine kleine Herausforderung. Informiere ich mich vorab in Hotels, Pensionen oder bei Privatleuten über die Badezimmergegebenheiten, lasse ich Begriffe, wie behindertengerecht, barrierefrei und/oder rollstuhlfreundlich meistens weg, da jede/r etwas anderes darunter versteht. Vor meinem Urlaub habe ich mir deshalb Fotos von den jeweiligen Badezimmern schicken lassen, um genau abschätzen zu können, wie breit/eng/hoch die Dusche/Badewanne/Toilette ist. Denn während mir die regulären, sehr hohen Behindertentoiletten jedesmal den Spaß beim Toilettengang verderben, weil ich aufgrund ihrer Höhe wenig Halt habe, ist es für mich wiederum ohne Probleme machbar, in eine engere Dusche mit einer Stufe davor zu kommen. Aufgrund dessen lasse ich mich auch nicht abschrecken, wenn kein rollstuhlgerechtes Zimmer mehr frei ist, da ich je nachdem auch in einem regulären Zimmer ganz gut mobil sein kann.
In den letzten zwei Monaten war ich in vielen unterschiedlichen Badezimmern in Deutschland, der Schweiz und in Italien unterwegs. In kleinen Hotels und Privatunterkünften. Und jedes Mal kamen mir neue Ideen und Inspirationen, wie ich mein eigenes zukünftiges Badezimmer für meine Bedürfnisse optimal gestalten könnte.
Mein jetziges Badezimmer ist sehr klein, aber fein. Seit fast sechs Jahren verbringe ich viel Zeit in diesem schönen, blauen Bad mit vielen Bildern an der Wand und einer Lichterkette um den großen Spiegel. In meinem Badezimmer ist es immer warm und ich musste vor ein paar Jahren erst aus dem Rollstuhl fallen, um zu entdecken, dass ich sogar eine Fußbodenheizung habe.
Und dennoch würde ich einige Dinge bei meinem nächsten Badezimmer anders machen: Eine größere Dusche mit Klappsitz (jetzt habe ich nur einen Hocker in der Dusche stehen), ein höhenverstellbares Waschbecken und eine Badewanne (!) mit höhenverstellbarem Stuhl.
Bei meiner Recherche im Netz bin ich schließlich über diesen Link gestoßen, wo auch nochmal erklärt wird, was die Begriffe behindertengerecht, barrierefrei oder seniorengerecht beim Umbau von Badezimmern eigentlich bedeuten und wie man diesen Umbau genau planen kann.

Und wo ich schonmal dabei bin, mein komplettes Bad imaginär umzubauen, mache ich mit meiner Küche gleich mal weiter: Meine Küche ist niedriger als normale Küchen. Der Herd geht mir knapp über den Bauchnabel, sodass ich in alle Töpfe mühelos reingucken kann. Kurz gesagt: Ich habe eine Hobbit-Küche. Meine größte Herausforderung ist das Erreichen meiner oberen Schränke, da ich weder aufstehen, noch etwas schweres von oben nach unten heben kann. Somit habe ich alle Sachen, die ich täglich brauche, in den unteren Schränken und Schubladen, während ich oben nur Dinge lagere, die ich selten brauche. Aber liebe Leserinnen und Leser, bitte bedauern Sie mich nicht, denn ich koche sowieso nie! Nicht weil ich es nicht könnte, sondern weil ich es nicht will. Ich hasse nämlich kochen. Ich bin Gastronomentochter und bekomme seither immer nur das beste Essen vor die Nase gestellt. Ich musste mich nie um gutes Essen bemühen, da ich es einfach immer vorgesetzt bekam. Ich weiß, es ist traurig, aber was soll ich machen? Und nun habe ich auch noch einen Mann, der wahnsinnig gut kochen kann. Es ist ein Kreuz! Nur noch aus reiner Höflichkeit frage ich den Mann, ob ich irgendetwas schneiden oder anbraten soll. „Nein, lieber nicht“ bekomme ich als Antwort.
Und dann schmerzt es mich leicht zu sehen, wie jeder großgewachsene Mensch in meiner Hobbit-Küche beim Kochen immer halb nach unten gebückt stehen und mit den Töpfen hantieren muss. Hätte ich vorher gewusst, dass es Arbeitsplatten gibt, wie Herd und/oder Spülbecken, die auf Knopfdruck höhenverstellbar sind, hätte ich mich von Anfang an für diese Variante entschieden.
Ich habe hier eine sozusagen inklusive Küche entdeckt. Die Seite zeigt auf, welche Voraussetzungen und Anforderungen die rollstuhlgerechte Küche, die seniorengerechte Küche und sogar die blindengerechte Küche jeweils haben sollten. Bei letzterer Kategorie sollen Blinden und sehbehinderten Menschen akustische Signale dabei helfen, um das Ende einer Backzeit anzuzeigen oder zu warnen, wenn beispielsweise eine Herdplatte angelassen wurde.
Zum Schluss ist mir noch positiv aufgefallen, dass die Fotomodelle auf den unteren Bildern wirklich RollstuhlfahrerInnen zu sein scheinen. Oft passiert es noch, dass Leute, die ganz offensichtlich keine Behinderung haben, in viel zu große Krankenhausrollstühle gesetzt werden und für das Bild den/die Behindert/e spielen müssen. Geht es um Barrierefreiheit und speziell um Barrierefreiheit in Küche und Bad, wirkt es natürlich gleich authentischer, wenn echte und auch gerne mal junge RollstuhlfahrerInnen, beim Kochen oder Waschen fotografiert werden.

Monatssong

„HELLO FROM THE OTHER SAAAAIDE…!“ So geht es seit einigen Tagen jeden Tag. Ich mag Adele und ich liebe diesen Song. Es werden wohl noch weitere Tage vergehen bis dieser Monatssong von einem anderen Lied abgelöst wird. Es tut mir leid, liebe NachbarInnen.

 

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Januar 2015

Mit kleiner Verzögerung kommt nun mein Monatszyklus – Januar 2015. Es war ein guter, fruchtbarer Monat. Nein, ich bin nicht schwanger, sondern trage lediglich viel Arbeit und neue Ideen mit mir herum. Deshalb die Verzögerung.
Da wir uns gedanklich aber gerade doch irgendwie in der unteren Körperhälfte befinden, folgt gleich mal ein Übergang zu einer Ankündigung: Am 6.02 werde ich bei DRadiowissen zu hören sein. Bei der Sendung Eine Stunde Liebe geht es dann über… genau, Liebe. Und Sex. Und Behinderung.

Monatshighlight

Ich liebe Geburtstage. Besonders meinen eigenen. Der war am 8. Januar und machte mich 28 Jahre und ein paar zusätzliche Monate alt. Gefeirt habe ich mit alten (=langjährigen) und neuen Freunden, Arbeitskollegen und einem Baby, Ava Linh, unser jüngster Sozialheldenzuwachs. Die ganze Sause über steckte ich in einem Löwenkostüm. Warum, weiß ich nicht.
Ich mag meinen Geburtstag deshalb so gerne, weil das neue Lebensjahr, ähnlich wie Silvester, ein Anlass ist, über Altes nachzudenken und Neues zu kreieren. Ich bin dankbar, gute und lustige Menschen um mich zu wissen, die mich schon so lange Zeit begleiten, unterstützen, kritisieren und zum lauten lachen bringen.

Andi, einer meiner Lieblingskollegen und Freund war mal wieder ganz in seinem Element und hat ein paar schöne Fotos gemacht.

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Ihr erinnert euch an ‚Sissi‘ und ‚Heidi‘? Meine Damen von Riga? Das sind sie.

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Monatsfact

„Laura? Sitzt du?!“, schrieb mir eine der lustigsten Twitterkolleginnen. „Ja, moment. Ich brauche sowieso gerade ne Pause vom Joggen. Schieß los!“, „Hier. Lies.“ Ich klickte auf den Link und freute mich über meine erste Nominierung der Goldenen Blogger 2014 in der Kategorie ‚Bestes Tagebuchblog 2014‘. „Geil.“, antwortete ich, kaufte mir salziges Popcorn und warf mich am Abend mit Laptop auf die Heizdecke im Bett, um den Livestream der Verleihung zu verfolgen.

Noch vor der Bekanntgabe des Gewinners der ersten Kategorie forderte die schlechte Qualität der Live-Übertragung jegliche Konzentration, sodass mich nur noch die in regelmäßigen Abständen eingehenden, hysterischen whatsapps von Mareice, die ebenfalls nominiert war, wach und bei guter Stimmung hielten.

Ich wurde zweite, schniefte mir die mit Mühe hineingesetzten Popcornstücke aus der Nase, weil yolo, freute mich, twitterte darüber und schlief ein.

Herzlichen Glückwunsch an Patricia von dasnuf, die Gewinnerin der Kategorie ‚Bestes Tagebuchblog‘!

Vielen Dank für meine erste Nominierung, lieber Herr Fiene. Ich wäre vor Freude fast, aber auch nur fast, aus dem Rollstuhl gesprungen. Meine tollen Leserinnen und Leser, danke fürs Abstimmen und Beglückwünschen!

Monatsbegegnung

Mareice Kaiser regiert das Kaiserinnenreich, ihr inklusives Familienblog. Sie schreibt über das Leben als Mutter von zwei Töchtern, mit und ohne Behinderung. Sie erzählt von Inklusionsfamilien, der Suche nach guten Kindergärten und von gemeinsamen Familienausflügen, auch mal in Krankenhäuser. Und das alles macht sie so wunderbar unaufgeregt und frei von jeglichem Mitleids-chi-chi, dass sich ihr Blog rasch zu einem meiner Lieblingsblogs entpuppte. Durch Mareices Geschichten fühle ich mich an meine Kindheit erinnert. Als ich fünf Jahre alt war, wurde mein Bruder geboren. Durch eine schwere Meningitis und viele Komplikationen lebt Julian heute mit einer Lernbehinderung, Epilepsie und ist gehörlos. Ich weiß also nicht nur, wie es ist, selbst mit einer Behinderung groß zu werden, ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn eins deiner Geschwister eine Behinderung hat. Ich bin davon überzeugt, dass sich Mareice und meine Mutter viel zu erzählen hätten. So schreibt Mareice ganz unverblümt darüber, wie ihre behinderte Tochter, Kaiserin 1, das Kacken lernte und ich denke, genauso hätte es meine Mutter auch über Julian geschrieben. Denn auch Julian, mein Seelenverwandter, musste ein Jahr lang aufgrund vieler Darmoperationen, das Kacken erst lernen. 
Zurecht hat Mareice, die als beste Newcomerin der Goldenen Blogger 2014 nominiert war, den ersten Platz in besagter Kategorie gewonnen. Herzlichen Glückwunsch, Püppi!

Mit großer Begeisterung und ein bisschen Wehmut habe ich die Maledivenreise von Christine Neder ende letzten Jahres verfolgt. Mein Herz schlug schneller, als ihre Erzählung und Fotos von Kuramathi auf meinem Bildschirm aufpoppten. Denn ich war auch schon zwei Mal dort. Und leider muss ich gestehen: Es waren die schönsten Urlaube meines Lebens. Damals bin ich das letzte Mal durch Sand gelaufen.
Als Christine dann ihre LeserInnen aufrief, ihre eigenen schönsten Urlaubsbilder mit ihr zu teilen, fühlte ich mich abrupt herausgefordert, ein ebenso paradiesisches Inselfoto, Qualität: Hochglanzmagazin, an sie zu senden. Ein Foto, mit dem ich alle neidisch machen könnte. Neidisch auf die von mir besuchten Traumstrände dieser Welt. Also entschied ich mich für ein Foto aus… Usedom.

Monatsentdeckung

Immer wieder und fortlaufend werden mir Blogempfehlungen, Artikel oder lustige Tweets in die Timeline gespült. Freunde empfehlen mir gute Serien und Bücher. Oder ich lande per Zufall in einer schönen Bar oder außergewöhnlichem Restaurant.
Meine Bloggerkollegin und Freundin Anastasia Umrik hat eine neue Rubrik in ihrem Blog. In Begegnungen stellt sie nach eigener Aussage schöne, schlaue, besondere, liebenswerte und interessante Menschen vor. Ich weiß nicht, wie sie da auf mich gekommen ist. Vielleicht liegt es an dem ‚liebenswert‘. Anastasia hatte mich damals gefragt, ob ich bei ihrem Fotoprojekt anderStark mitmachen möchte. Das wollte ich aber nicht, weil die Fotos nicht zu mir passten. Ich mochte die Art, wie sie mit meiner Direktheit und Ehrlichkeit umgegangen ist und sich meine Kritik angehört hat. Seither schätze ich Anastasia sehr. Es ist schön, sie in meinem Leben zu haben.

Monatssong

Es tut mir leid. Ich muss mich bei all jenen entschuldigen, die ich im Januar mit diesem Video genervt habe. Ich weiß auch, dass die Entschuldigung jetzt und sofort wieder hinfällig wird, da ich noch immer nicht aufhören kann, jedem dieses geile Video aufzuzwingen. Und der Song ist auch ganz nett.