Was guckst du?

Im gesellschaftlichen Bild finden Menschen mit Behinderung wenig bis gar keine Präsenz. Und das kann unterschiedliche Gründe haben. Bauliche Barrieren, wie z.B. Stufen oder zu enge oder zu schwere Türen, Gesetzeslagen, die Behinderte vom ersten Arbeitsmarkt fern halten oder Vorurteile, die den Weg zur Inklusion behindern, machen es Menschen mit Behinderung schwerer, selbstbestimmt am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilnehmen zu können.

Als Frau mit einer Behinderung habe ich mich dazu entschieden, mich aktiv für Inklusion einzusetzen, zu sensibilisieren und Vorurteile abzubauen. Ich blogge und schreibe über das Thema Behinderung und alles was dazu gehört. Mein Blog, die Magazine, für die ich schreibe, und meine Arbeit bei den Sozialhelden für das Projekt Leidmedien bieten mir u.a. Kanäle, wo ich mich mit meiner Behinderung sichtbar und hörbar machen kann. Meine Behinderung ist fester Bestandteil meines Jobs und – so seltsam es klingen mag – ich verdiene damit mein Geld.
Aber wie in jedem anderen Job, endet meine Arbeitszeit nicht um 18 Uhr, wenn ich das Büro verlasse. Anders als meinen Laptop im Büro liegen zu lassen und ihn am nächsten Tag wieder anzuschmeißen, kann ich meine Behinderung nicht nach Arbeitsschluss einfach ablegen und auf zwei Beinen nach Hause hüpfen. Ich nehme sie mit nach Hause, gehe mit ihr ins Bett und stehe am folgenden Tag wieder mit ihr auf. Und oft schleicht sich dann das Gefühl ein, als ob ich 24/7 arbeiten würde.

Verlasse ich das Haus, werde ich angeschaut. Ich fahre Rollstuhl und betrete somit automatisch eine Bühne, sobald ich mich auf den Straßen bewege. Ich schließe die Haustür hinter mir, gehe raus in die Öffentlichkeit und gestalte meinen alltäglichen Wahnsinn. Ich fahre zur Arbeit, gehe Einkaufen, treffe mich mit Freunden im Restaurant.
Und auch wenn es ein seltsamer Gedanke ist, aber allein durch meine Erscheinung als Frau im Rollstuhl mache ich Behinderung in der Gesellschaft sichtbar. Ich nehme mich dabei nicht wichtig, aber ich erkenne einen Mehrwert, warum ganz offensichtlich eine bloße Erscheinung, ein bloßes Präsentsein von Behinderung von unheimlicher Wichtigkeit zu sein scheint. Und das sind die unterschiedlichen Reaktionen meiner nicht behinderten Mitmenschen, wenn ich als Rollstuhlfahrerin öffentlich auftrete. Es sind Reaktionen, wie Mitleid, Anerkennung, Schock oder gar Bewunderung. Es sind Blicke, die mir täglich begegnen.

Der erschrockene Blick

Ja, ich habe einen rasanten Fahrstil. Und da ich seit über sieben Jahren in Berlin lebe und jegliche Ruppigkeit, die den Berlinern unterstellt wird, schon längst übernommen habe, kommt es auch vor, dass ich Leute unbewusst streife, wenn sie mir zu langsam gehen, plötzlich mitten auf dem Gehweg stehen bleiben oder nebeneinander in einer Fünfergruppe die ganze Breite des Gehwegs einnehmen. Die Art des erschrockenen Blicks, die ich hier beschreiben möchte, wird mir genau in dem Moment des Streifens entgegengebracht. Und das ist erstmal nichts besonderes. Auch ich würde erschrocken gucken, würde mich jemand ohne Ankündigung streifen. Ich wäre nicht nur erschrocken, sondern auch sauer über diese Dreistigkeit, was ich mit einem „Ey!“oder einem „Ey, hallo?!“ oder einem „Ey, hallo, geht’s noch?“ mit leicht aggressivem Unterton lautstark unterstreichen würde. Bin ich jedoch diejenige, die jemandem ein Vorderrad in die Fersen rammt oder ruppig mit dem Ellbogen die Hüfte des anderen streift, dreht sich dieser jemand zwar irritiert und hektisch in meine Richtung, doch während mich ärgerliche und zum Teil aggressive Blicke vergebens auf Augenhöhe suchen, nur um mich in der nächsten Sekunde auf dessen Hüfthöhe zu entdecken, verschwindet jegliche Irritation und Ärgernis aus dem Gesicht des eigentlichen Opfers und zurück bleibt lediglich der erschrockene Blick. Und das ist ziemlich enttäuschend. Denn während ich mich innerlich schon auf eine Pöbelei gefreut eingestellt habe, wird dieser ernüchternde erschrockene Blick auch noch durch eine Entschuldigung (!) bei mir getoppt. Jemand entschuldigt sich bei mir – oft auch unter leichten Schmerzen – weil ich sie/ihn angefahren habe!
Was zurückbleibt ist eine genervte und enttäuschte Rollstuhlfahrerin, die immerhin so gnädig ist, dass sie allen Angefahrenen verzeiht.

Der geschockte Blick

Neben rasant, kann ich aber auch ganz gediegen durch die Straßen flanieren. Immer dann, wenn ich nicht in Eile oder gestresst bin, genieße ich meinen ‚Spaziergang‘ durch meine Stadt. Ich gucke in Schaufenster und beobachte Menschen und höre dabei Musik. Kurzum: Ich genieße mich selbst.
Leute, die vor mir (spazieren)gehen, machen mir dann nichts aus. Ich habe Zeit und es stört mich nicht, mich ihrem Tempo anzupassen. Sollte ich dennoch das Bedürfnis haben, zu überholen, frage ich freundlich von hinten um eine Lücke zum Durchhuschen.
Doch immer dann, wenn ich als erste von hinten bemerkt werde, auch wenn ich keinerlei Zeichen zum überholen gebe, springen die Leute beinah panisch zur Seite. Dabei sind solche Ausweichmanöver unnötig und gefährlich. Einmal sprang jemand unsanft vor einen Baum, als er mir unaufgefordert den Weg frei machen wollte. Und letztendlich war das auch für mich gefährlich, da ich mich vor Lachen nicht mehr halten konnte und selbst fast einen Laternenmast geküsst hätte.
Fairerweise muss ich an dieser Stelle sagen, dass mein Handbike, mit dem ich mich auf den Straßen bewege, Geräusche macht. Im Rad befindet sich ein Motor, von dem ich mich gerne mal ziehen lasse, und dieser Motor gibt ein leises Brummen von sich. Es mag sein, dass sich Menschen dadurch irritiert fühlen oder denken, sie müssten mir schnell aus dem Weg gehen und das Geräusch als Aufforderung zum Seitensprung interpretieren. Besonders schlimm sind Pärchen, wo mich eine/r von hinten bemerkt und seine/n PartnerIn meint sie/ihn von mir wegziehen zu müssen. Und dann kann ich in diesem geschockten Blick auch eine Art Todesangst entdecken. Die Angst, ich könnte alles und jeden mit meinem Rollstuhl überfahren. So, als ob ich mein Gerät nicht unter Kontrolle hätte. Dem ist aber nicht so! (Außer ich habe deutlich einen sitzen.) Ich fahre seit zehn Jahren Rollstuhl und seit neun Jahren Handbike. Beides habe ich inzwischen ganz gut drauf.*

Der mitleidige Blick

Es ist der Blick, bei dem ich am liebsten zum Schlag ausholen würde. Der Blick, wo die Stirn leicht zusammengedrückt wird und zusammengepresste Lippen ein mühsames Lächeln hervorquälen. Ein Blick, der mir zu sagen scheint, dass ich aufgrund meiner Behinderung ne ziemlich arme Sau bin. Aber bin ich das denn wirklich?
Wird mir Mitleid entgegengebracht, geht dem immer die Annahme voraus, dass ich leide. Eine mir völlig unbekannte Person stellt sich in diesem Moment über mich, nimmt eine Herrschaftsposition ein und lässt mich hilflos in einer Art Opferrolle zurück. Das macht mich wütend und ich frage mich, wo diese für mich sehr anmaßende Annahme, ich würde leiden, herkommt?
Menschen geraten schnell in den Modus, ihre eigene Lebensrealität mit der des anderen zu vergleichen. Fragen wie „Was würde ich tun, wenn ich im Rollstuhl sitzen würde?“, „Wie würde mein Leben aussehen?“ schießen einen durch den Kopf, möglicherweise gefolgt von Antworten, wie „Nein, ich könnte so nicht leben“ oder „Lieber sterbe ich, als im Rollstuhl zu sitzen“. Letzteres wurde mir sogar schon mehrmals ins Gesicht gesagt.
Bis heute ist nicht geklärt, ob es sich beim Mitleid um ein angeborenes Gefühl handelt und es insofern zur menschlichen Natur gehört, oder ob dieses Gefühl kulturell bedingt ist und wie beides zusammenhängt. Infolgedessen steht ebenfalls im Raum, ob das Mitleid als eine Emotion oder vielmehr als eine Einstellung, bzw. Haltung betrachtet wird.
Beziehe ich mich ausschließlich auf die hier oben beschriebene Situation, liegt die Annahme erstmal nahe, dass es sich um ein kulturell bedingtes Gefühl handelt, eine Emotion, die uns anerzogen wurde und durch Dinge, wie z.B. mitleidserregende Berichterstattung über Menschen mit Behinderung noch verstärkt und bestätigt wird.
Seit Jahrzehnten werden Menschen mit körperlich und kognitiven Behinderungen als Opfer deklariert. Es sind die Menschen, die in Einrichtungen leben müssen, auf Hilfe angewiesen sind. Es sind die Eingeschränkten, die Kranken, die Passiven. Und weil uns von Beginn an eingebläut wurde, dass die Gesundheit im Leben das höchste Gut zu sein hat, man funktionieren muss, um die nötige gesellschaftliche Akzeptanz und politischen Rechte zu bekommen, wird der nicht perfekte Körper als etwas Negatives, Schreckliches oder als etwas Trauriges, Bemitleidenswertes gesehen.
Das bittere ist: Es ist ein Bild, das fremdbestimmt wurde. Menschen, die mich und offensichtlich auch viele andere Behinderte nicht kennen, haben mir das Bild des bedauernswerten Opfers auferlegt und ich darf den ganzen Mist nun ausbaden! Denn immer dann, wenn mir dieser mitleidige Blick an den Kopf knallt, übergießt sich auch ein kleines Gefühl der Niederlage über mich, da ich hier für etwas kämpfen muss, was ich nicht selbst verschuldet habe.
Bedingung des Mitleids ist die Nähe, d. h. faktisches Mitleid kann sich immer nur auf anschaulich gegebenes Leid beziehen. Ich leide nicht, also hab‘ kein Mitleid mit mir.

Der anerkennende Blick

„Toll, dass Sie trotzdem rausgehen!“ oder „Sie inspirieren mich.“ sind Sprüche, die mir seit meiner Rollstuhllaufbahn oft begegnen. Der für mich negative Beigeschmack ist allerdings, dass ich dabei für etwas Lob bekomme, was für mich mein alltägliches Leben ausmacht: Einkaufen gehen, zur Arbeit fahren, eine Beziehung führen, mich mit Freunden zum tanzen treffen. Mit Sicherheit erfordern all diese Dinge mehr Aufwand, mehr Organisation im objektiven Vergleich zu einem Menschen, der all das ohne eine Behinderung durchzieht, jedoch ist dieser nach außen zu scheinende Mehraufwand meine Normalität. Ich bin somit irritiert, wenn ich Anerkennung für diese Normalität bekomme. Auch möchte ich nicht als Fühl-dich-gut-Tropfen herhalten, wenn mir eine Person anerkennend auf die Schulter klopft, damit sie sich besser fühlen kann.

Ich möchte Anerkennung für meine Leistung. Jede/r darf mir lobend auf die Schulter klopfen, wenn ich einen netten Vortrag gehalten habe, einen coolen Text geschrieben habe oder laut und emotional eine Strophe von Celine Dion gesungen habe, ohne zu merken, dass im Aufzug jemand hinter mir stand.

Der ignorierende Blick

Es ist der vielleicht interessanteste Blick von allen. Der Blick, wo bewusst weggeguckt wird. Man könnte ihn auch den „verbissenen“ Blick nennen, denn es sind meistens genau die Leute, denen früher eingetrichtert wurde: „Behinderte guckt man nicht an!“ und dabei hektisch von ihren Eltern weggezogen wurden. Und das ist sehr schade, weil diesen Menschen auf eine Art nicht beigebracht wurde, ihre Umwelt zu erforschen und sie womöglich zu hinterfragen. Vor allem Kinder müssen sich alles anschauen und erfragen. Als Frau mit Behinderung musste ich erst lernen, dass Kinder auch schonmal gnadenlos gucken, Fragen stellen und in Wunden bohren, ohne mich dabei unwohl oder beleidigt zu fühlen und ihnen das zu gewährleisten. Und auch Eltern von neugierigen Kindern sollte das bewusst sein. Ich mag es von Kindern gefragt zu werden, wieso, weshalb, warum ich Rollstuhl fahre. Es ist wie eine Chance für Kinder und heranwachsende Menschen, Berührungsängste gar nicht erst entstehen zu lassen. Und dann braucht es den bewusst ignorierenden Blick auch nicht mehr, da er abgelöst wurde, von einem neutralen und im Idealfall freundlichen Blick.

Das Glotzen

Ich bin ein neugieriger Mensch. Wenn ich etwas oder jemanden sehe, das oder den/die ich vorher noch nie zuvor gesehen habe, ist meine erste Reaktion, hinzuschauen. Erst einmal, vielleicht ein zweites Mal. Und vielleicht sogar ein bisschen länger. Dabei ist es natürlich wichtig, dass man nicht in den Glotzer-Modus verfällt – ein Blick, bei dem jeglicher Ausdruck aus dem Gesicht verschwindet, die Kinnlage nach unten sinkt und die Augen weit aufgerissen sind. Ein Blick, der nicht nach gefühlten zwei Sekunden aufhört, sondern einfach non-stop weitergeht.
Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man interessiert guckt oder einfach nur sinnlos glotzt. Ich erkenne sofort, wer mich wie anschaut. An das ‚Angucken‘ aufgrund meiner Behinderung musste ich mich gewöhnen. Heute ist es okay, wenn Leute aus Interesse gucken – nicht glotzen! Wenn sie jemanden, wie mich noch nicht gesehen haben, müssen sie sogar hinschauen, um zu kapieren, dass es Leute wie mich gibt und dass ich mit meiner Erscheinung als Rollstuhlfahrerin das gesellschaftliche Bild mit präge.

 

Ich mag Aufmerksamkeit. Und wenn nicht gerade Mitleid, Schock oder glotzen dabei ist, werde ich sogar gerne angeschaut. Ich zeige meinen Körper – außer die Knie! – gerne. Ich mag meine Nase und meine Haare und liebe meine Brüste. Und natürlich bekomme ich auch nette Blicke auf meine Nase ab oder ernte Bewunderung für das Kleid, das ich gerade trage.

Gucken ist gut. Auch ich gucke mir manchmal Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen an. Vielleicht frage ich mich, was er/sie wohl hat oder schaue mir das Rollstuhlmodell genauer an. Das Hinschauen bereichert mich, erweitert meinen Horizont und beruhigt mich, dass ich nicht die einzige bin, die sich zeigt, den ganz normalen Lebenswahnsinn in Angriff nimmt und Vielfalt in unsere Gesellschaft bringt.

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Foto: Andi Weiland

*An dieser Stelle möchte ich mich aufrichtig bei all den Leuten entschuldigen, die ich angefahren und verletzt habe, tot sind oder jetzt selbst im Rollstuhl sitzen müssen.

Komplimente zu Silvester

Es war Silvester 2009. Mein erstes Silvester in Berlin. Ein Freund meiner ehemaligen Mitbewohnerin lud uns zum Feiern in seine WG ein. Im langen Flur hing ein Rennrad an der Wand, in der Küche hing das gleiche Modell in Olivgrün. Eine alte Kinositzbank stand im Flur. Eine typische Berliner Studenten-WG in Kreuzberg, Altbauwohnung, zweiter Stock. Damals, noch acht Kilo weniger auf den Rippen, nahm mich dieser Freund Huckepack und trug mich nach oben. „Boah, bist du leicht!“, verkündete er mir beim Erreichen des ersten Stocks. Von da an mochte ich den Freund meiner Mitbewohnerin. Und es sollte nicht bei diesem einen Kompliment in dieser Silvesternacht bleiben.

Ich quetschte mich durch den engen Flur, vorbei an den anderen Partygästen und fuhr drei Typen etwas unsanft in die Hacken. Sie entschuldigten sich dafür, ich verzieh ihnen und belohnte mich mit einem ersten Glas Champagner.

Schnell kam ich ins Gespräch mit anderen Partygästen, erzählte gefühlte 40 Mal, wer ich bin, was ich studiere und wie lange ich schon in Berlin sei. Aus dem Augenwinkel sah ich zwei junge Frauen. Blond, süß und mit so hohen High-Heels, dass ich mich fragte, ob der Freund meiner Mitbewohnerin sie ebenfalls einzeln nach oben getragen hat. Mit grellen und immer in einer Oktave zu hohen Stimmen kam immer wieder mal ein „Schaaatz, mach ma Foto!“ und dann standen sie da, lächelten sexy in die Digitalkamera und winkelten bei jedem Schuss ein Bein mit einem High-Heel an.

Sie stellten sich mit ,Nina‘ und ,Franzi‘ vor und setzten sich vor mir auf die schwarze Ledercouch. Sie seien die Freundinnen von Lucas und Tobi. Franzi beschwerte sich, dass Tobi kurz vor Mitternacht schon so betrunken sei. Sie müsse übermorgen ihre Hausarbeit einreichen. BWL, zweites Semester. Und deshalb müsse sie den Abend etwas ruhiger angehen. Nina und Lucas feierten heute ihren Jahrestag. Sie sind Silvester 2008 zusammengekommen, waren zwischenzeitlich getrennt, weil Lucas für ein Semester im Ausland war und da was mit Blanca hatte. Ich versuchte, mitfühlend zu schauen, nickte verständnisvoll und atmete demonstrativ einmal tief ein. Wir schauten uns so lange an, bis mich Nina leicht zögernd fragte: „Hast du eigentlich auch einen Freund?“ „Ja“, lächelte ich. „Oh, schön!“, grinste mich Nina an und Franzi fügte hinzu: „Und?“ „Und was?“, fragte ich zurück. Wollte Franzi jetzt wissen, ob er auch hier ist? Ob er auch eine Blanca im Ausland hat? Oder ob er auch in Berlin wohnt? „Nee…“ ergänzte Nina Franzis Frage. „Sitzt der auch im Rollstuhl?“ „Noch nicht“, sagte ich grinsend und hob verschwörerisch eine Augenbraue. Nina und Franzi guckten mich schockiert an. Mit einer beruhigenden Handbewegung wollte ich die beiden aus ihrer Schockstarre erlösen, schien sie jedoch mit dem Satz „Nein, der sitzt nicht im Rollstuhl.“ gleich in den nächsten Schockzustand zu katapultieren. „Voll schön für dich! Herzlichen Glückwunsch!“, rief Franzi schrill hervor und klatschte aufgeregt in die Hände. Und Nina fügte anerkennend hinzu: „Naja, du bist ja auch voll die Hübsche!“ Jetzt hob ich beide Augenbrauen. Ich war irritiert und verblüfft. Nicht zum ersten Mal bekam ich Reaktionen, wie Anerkennung und Schock nach der Aussage, dass mein Freund nicht im Rollstuhl sitzt. Jedoch bekam ich es noch nie so laut und offensichtlich aufs Butterbrot geschmiert, wie in dieser Silvesternacht. Aber immer wieder stelle ich mir die gleichen Fragen: Warum diese Anerkennung? Warum dieser Schock? Warum werde ich glorifiziert als jemand, die es geschafft hat, mit einer Behinderung, einen Partner ohne Behinderung an der Seite zu haben? Ganz nach dem Motto ,Du hast es geschafft!‘.

Dass in diesem Moment meine eigene Person und alle anderen Menschen mit Behinderung in ein schlechtes Licht gestellt werden, ist den Leuten meist nicht bewusst. Und in solchen Momenten können mir noch so viele Leute etwas von Gleichberechtigung und vollwertiges Leben erzählen. Denn Anhand von diesen Reaktionen erkenne ich, dass diese Begriffe in den Köpfen noch lange nicht angekommen sind. Das hat auch einen traurigen Beigeschmack, denn viele Behinderte könnten sich durch diese Erwartungshaltung unter Druck gesetzt fühlen und einen Partner, der wie sie auch eine Behinderung hat, kategorisch ablehnen. Oft aus dem Grund, weil sie es auch ‚schaffen’ wollen.

Das Paradoxe war: Auch mein Freund bekam Anerkennung zugesprochen, wenn er erzählte, dass seine Freundin im Rollstuhl sitzt. Jedoch aus einer anderen Motivation heraus. Er war der Mutige, der Starke, der sich mit einer, in deren Augen, schwachen Frau eingelassen hat, sich für sie opfert, sie womöglich pflegt und viele Kompromisse eingehen muss. Das kam bei anderen Frauen gut an. Sie sahen in ihm den Fürsorglichen, den Frauenversteher, den tiefgründigen Menschen. Und das alles wären schöne Gedanken gewesen, würden sie mich nicht automatisch in die Rolle der Bittstellerin pressen. Denn natürlich sah ich meinen damaligen Freund als mutig und stark und sehr tiefgründigen, bodenständigen Menschen. Sonst hätte ich ihn schließlich nicht für mich gewählt. Aber wo bleibe ich mit meiner Stärke und Fürsorge? Dass ich als Frau ebenfalls Stärke, Fürsorge, Rücksicht oder Kompromissbereitschaft mitbringe, wird oft vergessen.

Mit Sicherheit ist es ein nicht ganz leichter Prozess, sich von diesen vorurteilsgeprägten Denkmustern zu lösen, wenn man es denn überhaupt möchte. Selbst ich habe mich schon dabei ertappt, dass mich die Behinderung eines Mannes im Erkennen seiner Attraktivität blockierte. Es hat lange gedauert, bis ich mich von solchen Denkmustern lösen konnte. Dabei spielte die eigene Akzeptanz eine entscheidende Rolle. Mein Freund sagte mir mal, dass er mich ohne meine Behinderung gar nicht haben wolle, weil ich dann ein anderer Mensch wäre. Und mehr gibt es nicht zu sagen.

Ich trank mein viertes Glas Champagner aus. Wäre ich nicht auf meiner ersten Berliner Silvesterparty gewesen, hätte ich den beiden Mädchen erklärt, warum ich ihre Reaktion unpassend und verletzend finde. Aber ich wollte mich amüsieren und sagte stattdessen: „Girls, ich gehe jetzt ins Wohnzimmer, tanzen.“, beugte mich nach vorn und flüsterte: „Ich habe schon ziemlich einen sitzen, versteht ihr.“ Sie verstanden nicht.
Franzi rief in Babysprache: „Schaaatz, machst du ma Foto von uns dreien?!“ Doch noch bevor Tobi seine Digitalkamera zücken konnte, drehte ich mich um und verschwand ins Wohnzimmer.
Um kurz nach 12 machte Franzi dem sehr betrunkenen Tobi eine Szene. Zur gleichen Zeit verließ ich die Silvesterparty und fuhr zu meinem Freund.

Der Text erschien ebenfalls hier. Die Hörversion kann man sich hier reinziehen.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2014

Es war Dezember. Zeit für Frau Gehlhaars Monatszyklus.

Liebe Leserinnen und Leser, dank vielen von euch, hatte ich ein großartiges Jahr 2014. Frau Gehlhaar ist in diesem Jahr online gegangen und ich durfte spannende und emotionsgeladene Monate erleben, die ich auf jeden Fall mit ins Jahr 2015 nehmen werde. Ich freue mich auf die anstehende Zeit mit schönen und lustigen Texten, mit starken Kommentaren darunter und auf neue Erkenntnisse.

Monatshighlight

Ein paar schöne Dinge sind im Dezember passiert. Weihnachten gehörte nicht dazu. Weder ‚Sissi‘, noch ‚Titanic‘ liefen im Fernsehen, nach dem ersten Gang vom Vier-Gänge-Weihnachtsmenü wurde mir schlecht und jedes Jahr muss ich mit der Angst umgehen, beim Betreten einer Kirche nicht in Flammen aufzugehen.
Und da ich manchmal ziemlich blöd bin, habe ich mich mit den Menschen gestritten, die ich am meisten liebe – meiner Familie. Nach ein bisschen Reue, Demut und Versöhnung war ich dann ziemlich geschlaucht und kein Stück motiviert, Silvester zu feiern.

Mein Monatshighlight war deshalb ein Radiointerview bei DRadio Wissen. Zwei Stunden durfte ich OnAir unter dem Thema ‚Auf Augenhöhe‘ über meine Erlebnisse, Erfahrungen als Frau im Rollstuhl, über Inklusion und das SozialeModell von Behinderung berichten. Dabei wurde ich lediglich von sehr gut gewählter Musik unterbrochen, die ich sogar selbst mitbestimmen durfte.
Aufhänger des Interviews waren drei Sprüche aus meinem Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo: Kann man da noch was machen?, Sie inspirieren mich! und Sitzt dein Freund auch im Rollstuhl?

Monatsbegegnung

Das erste Mal habe ich meine ‚Monatsentdeckung‘ auf der re:publica 2013 persönlich kennengelernt. Sie ist Journalistin, lebt in London, hat ihre eigene Kolumne bei zeitonline und heißt Christiane Link. Christiane schreibt über Barrierefreiheit, Inklusion und holt sich ihren Input aus aktuellen, medialen Anlässen und ihren eigenen Erfahrungen. Denn sie sitzt selbst seit ihrer frühen Kindheit im Rollstuhl. Ich lese ihre Kolumne deshalb so gerne, weil ich dabei das empfinde, was wohl viele meiner LeserInnen bei meinen Texten empfinden: Ich erkenne mich darin wider. Und dennoch richten sich die Texte vor allem an Nichtbehinderte. Christiane lässt Leute, die mit der Thematik Behinderung und Barrierefreiheit wenig zu tun haben, an ihrer Erlebniswelt teilhaben und zeigt auf, wie Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen inklusiv an der Gesellschaft teilhaben können und müssen. Ich bin froh darüber, dass es die Kolumne stufenlos in ein großes Magazin, wie die zeit geschafft hat und die manchmal sehr diskriminierenden Leserkommentare zeigen, dass wir solche Kolumnen dringend brauchen.

Monatsfact

Am 6. Dezember verstarb Stella Young. Unerwartet und schmerzlos, teilte ihre Familie mit. Stella Young war australische Journalistin, Aktivistin und Comedian. Sie setzte sich dafür ein, Behinderung zu normalisieren und nicht mehr als Defizit zu betrachten. Sie sprach von behinderten Menschen und nicht von Menschen mit Behinderung und lehnte sich dabei an das Soziale Modell von Behinderung, was besagt, dass Behinderung erstmal ein gesellschaftliches Problem sei. Niemand sollte seinen Körper als falsch betrachten und erkennen, dass es die gesellschaftlichen Umstände sind, die diesen Körper behindern und/oder einschränken. In meinem Radiointerview sprach ich ebenfalls darüber.
Ihre wohl bekannteste Rede hielt sie in Sydney auf der TEDx-Bühne. ‚Ich bin nicht hier für eure Inspiration‘ lautete das Motto. Stella Young betonte die Ungerechtigkeit, die sie erfährt, wenn sie von Nichtbehinderten als Inspiration herhalten muss. “Ist es wirklich fair, Menschen als Inspiration zu benutzen, nur weil sie ihren Körper so nutzen, wie sie ihn nutzen können?” Auch ich habe zu diesem Thema mal einen Text verfasst.
Stella Young war und ist eins meiner größten Vorbilder in der Behindertenbewegung. Sie hat einen großen Teil dazu beigetragen, mich wegen meiner Behinderung nicht zu schämen und passiv daneben zu stehen. Ihre berühmten Worte Disability doesn’t make you exceptional, but questioning what you think you know about it does“ haben in mir ihre Spuren hinterlassen.

Der ganze TEDx-Talk wurde hier transkribiert.

Monatsentdeckung

Immer wieder und fortlaufend werden mir Blogempfehlungen, Artikel oder lustige Tweets in die Timeline gespült. Freunde empfehlen mir gute Serien und Bücher. Oder ich lande per Zufall in einer schönen Bar oder außergewöhnlichem Restaurant.
Diesen Monat habe ich (und viele andere auch) eine junge Künstlerin aus England entdeckt, die mit ihrem Video Prototype viral ging. Viktoria Modesta wirkt dabei an der aktuellen Channel 4 – Kampagne Born Risky mit und wird von selbiger als der ‚erste Popstar mit Amputation‘ unter dem Slogan Forget what you know about disability gehyped. Beim erstmaligen Ansehen des Videos war ich begeistert. Ich schickte es an meine Kollegen im Büro, teilte es auf Twitter. Doch bei all der Begeisterung gab es ein kleines Problem: Es war einzig und allein die Beinprothese, die Modesta seit ihrem 20. Lebensjahr trägt, die mich begeisterte. Auf sehr kunstvolle, beinah aggressive Art wird die Prothese im Video in Szene gesetzt und scheint Gesang, Liedtext und Outfit in den Schatten zu stellen. Und es scheint, als ob Modesta die ganze Aufmerksamkeit, die ganze Begeisterung nur wegen ihrer Beinprothese bekommt. Schaut man sich frühere Interviews oder Auftritte Modestas an, wo ihre Behinderung nie eine Rolle spielte, wird dieser Eindruck nur noch bestätigt. Auch Modesta selbst legte in vergangenen Auftritten ganz offensichtlich viel Wert darauf, weder ihre Prothese, noch ihre Behinderung zu thematisieren. Sie sah sich selbst der Behindertenszene nicht zugehörig. Und das fände ich völlig in Ordnung, denn am Ende muss jede/r selbst schauen, was er/sie mit seiner/ihrer Behinderung macht.
Channel 4, der generell Menschen mit Behinderung gerne als superhumans glorifiziert, scheint in Viktoria Modesta wieder einen dieser superhumans gefunden zu haben und vergisst leider, dass ein Slogan, der uns auffordert, alles über Behinderung zu vergessen, den behinderten Menschen selbst nicht hilft und nur wenig mit Inklusion zu tun hat.
Ich hätte mir ein Video mit genau dieser sehr talentierten Musikerin gewünscht, ohne dass eine wenig reflektierte Kampagne, erst dafür sorgen muss, eine Künstlerin groß rauszubringen.

Monatssong

Ich hatte mir noch nie einen Song im Radio gewünscht. Und schon gar nicht, wenn ich gerade selbst live im Studio sitze. Der Song ‚Stadtrandlichter‘ von Clueso ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich ihn zum ersten Mal hörte und mutierte schnell zu meinem Song des Monats. Er erinnert mich an das Schöne der Einsamkeit und macht, dass ich mich wohl und kuschelig fühle, während es draußen kalt und nass ist. Glücklich darüber, gerade live ein Gespräch mit einer tollen Moderatorin im Radio zu haben und zu wissen, dass mir gute Menschen dabei zuhören, gab mir der Song schließlich den Rest an Überwältigungsgefühlen und es kullerten mir ein paar Tränen übers Gesicht, was von der Moderation natürlich sofort aufgegriffen wurde. Während meines Radiointerviews wurde die Playlist leider rausgeschnitten. Aus GEMA-Gründen.

„Wo will der Rollstuhl denn raus?“

Muss ich einen Blinden vom Bahnsteigrand wegziehen? Hilft es, einem Stotternden die Worte in den Mund zu legen? Und kann ich Behinderte behindert nennen? Betroffene erklären Nichtbetroffenen, wie sie Situationen vermeiden, die für beide Seiten peinlich sind.

“Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?” lautet das aktuelle Thema der Rubrik Die Recherche – ein Onlineprojekt der Süddeutschen Zeitung. Redakteurin Sabrina Ebitsch schreibt in einem gelungenen Artikel über Klischees und Floskeln, die Menschen mit verschiedenen Behinderungen in ihrem Alltag entgegengebracht werden, und wie eine vorurteilsfreie Begegnung auf Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung aussehen könnte.

Ich freue mich immer sehr, wenn aus Interviews schöne und informative Artikel werden, frei vom Tonus des erhobenen Zeigefingers.

Und jetzt kommt der Auszug meines Interviewparts: Aus der Rollstuhlperspektive.

„Mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland sind schwerbehindert, fast neun Prozent der gesamten Bevölkerung. Trotzdem und trotz wachsender Bemühungen um Inklusion haben die meisten Nichtbehinderten keinen oder nur wenig Kontakt mit Menschen mit Behinderung oder anderen Einschränkungen. Entsprechend unsicher ist der Durchschnittsdeutsche, wenn es dann doch dazu kommt – wenn beispielsweise der neue Kollege im Rollstuhl sitzt oder einen ein blinder Passant nach dem nächsten Supermarkt fragt. Um Peinlichkeiten für beide Seiten, die leider noch immer allzu häufig sind, zu vermeiden, berichten fünf Betroffene aus eigener Erfahrung, wie es ist und wie es sein soll.

„Ich sage ja selbst: Also, ich geh jetzt“

Manchmal fragen mich fremde Menschen, wie es denn so im Bett läuft. Und ich frage mich, warum mich fremde Menschen auf mein Sexualleben ansprechen. Ist das in deren Erziehung so üblich gewesen? In meiner jedenfalls nicht. Ich würde das bei niemandem tun, den ich nicht kenne. Dann schaue ich nach unten: Ich sitze im Rollstuhl und bei Menschen mit Behinderung wird der Rahmen des ganz normalen Miteinanders leider oft gesprengt. Das ist nicht böse gemeint, aber anstrengend. Ich kann damit umgehen, meistens zumindest. Aber auch ich habe schlechte Tage und reagiere dann mit sarkastischen Kommentaren. Wenn mir jemand beim Einkaufen meint mitteilen zu müssen, dass ich ihn inspiriere, entgegne ich: „Warum? Ich gehe nur einkaufen. Genau wie Sie auch.“

Am besten ist es immer, sich zu fragen: Wie würde ich das finden? Wie wäre es mir in dieser Situation am liebsten? Einfach mal kurz in sich gehen, das hilft – auch weil es einem bewusst macht, dass Menschen mit Behinderung eben auch nur Menschen sind und nicht grundsätzlich anders ticken.

Über Hilfe annehmen und anbieten

Manche mögen es nicht, aber ich finde es super, wenn mir Hilfe angeboten wird. Ignoranz ist tausendmal schlimmer. Wenn ich mit einer schweren Tür kämpfe, ist es mir lieber, dass jemand eingreift, als dass er danebensteht und zuschaut. Zumindest dann, wenn es möglich ist, Hilfe auch abzulehnen, ohne dass der andere beleidigt ist (was auch vorkommt). Aber es gibt kein allgemeingültiges Rezept, da ist jeder anders.

Über den Kniefall

Besonders bemühte Gesprächspartner gehen neben mir in die Hocke, um auf Augenhöhe sprechen zu können. Dann schaue ich aber nach unten und frage mich, ob meinem Gegenüber nicht langsam die Knie wehtun. Ich bin es gewöhnt, nach oben zu gucken, und selbstbewusst genug dafür. Körperhöhe hat nichts mit Augenhöhe zu tun.

Über sprachliche Fallstricke

„Komm, wir gehen“ kann man natürlich auch zu einem Rollstuhlfahrer sagen. Das sind Sätze, die intuitiv zu unserem Vokabular gehören. Ich sage ja selbst: „Also, ich geh jetzt.“ Schlimm finde ich es, wenn sich Menschen nicht trauen, das Wort „Behinderung“ in den Mund zu nehmen. Ich mag sprachliche Überkorrektheiten nicht – Handicap ist nun mal falsch, es ist verniedlichend und klingt eher nach Abhängigkeit (mehr dazu hier). Mit solchen Euphemismen wird das Wort Behinderung und damit auch der Zustand schlechtgemacht. Ich habe nichts gegen „Behinderter“, finde aber „Mensch mit Behinderung“ besser, weil der Mensch im Vordergrund steht und die Behinderung eine Eigenschaft ist – wie die Haarfarbe. „Behinderter Mensch“ ist auch gut, weil es offen lässt, ob man behindert ist oder wird.

Was gar nicht geht: Wenn mich jemand auf meine Behinderung reduziert, wie es mir neulich im Bus passiert ist. Der Busfahrer hat nach hinten geschrien: „Wo will der Rollstuhl denn raus?“ Ich hab nicht reagiert und mir gedacht, wenn er eine Antwort von meinem Rollstuhl will, kann er lang warten. Als er noch mal und noch mal gerufen hat, habe ich nur gesagt: „Ich nehme mal an, da, wo ich raus will.“ Ich definiere mich nicht über meinen Rollstuhl, ich bin tausendmal mehr als das.

Über politisch nicht korrekte Kinder

Kinder sind unverblümt, sie stellen Fragen, vor denen Erwachsene zurückschrecken: Warum kann die nicht laufen? Warum sitzt die Frau da drin? Ich finde es toll, wenn Kinder Dinge hinterfragen und habe eher Schwierigkeiten mit Eltern, die verschämt danebenstehen und zischen: „Guck da nicht so hin“. Kinder – und nicht nur die – müssen hingucken, müssen fragen. Das ist eine Chance, von Anfang an Unsicherheiten abzubauen.

Ich lächle in solchen Situationen immer, versuche nett zu sein, auch wenn mir gerade nicht danach ist. Ich sage zum Beispiel: Weil ich nicht laufen kann. Oder: Weil ich lieber sitze. Und wenn das Kind dann wieder nach dem Grund fragt, sage ich: Spring mal. Und dann hüpft es, und ich erkläre, dass ich das meinen Beinen eben nicht genauso befehlen kann. Das verstehen Kinder. Jeder Mensch mit Behinderung hat eine Mission, aufzuklären und das Miteinander zu entkrampfen.“

 

Beim Lesen des vollständigen Artikels habe ich auch noch einiges lernen können! Dafür möchte ich mich bedanken bei Heiko Kunert („Das Fleisch liegt auf sechs Uhr“), Julia Probst („Reden Sie mit Gehörlosen nicht wie mit einem Kind“) und Aleksander Knauerhase („Je weniger Small Talk, desto besser“). Den ganzen Artikel „Wo will der Rollstuhl denn raus?“ kann man hier nachlesen.