Frau Gehlhaars Monatszyklus – Mai 2017 mit Schmerzen, Hass und Jan Böhmermann

Es ist mit Sicherheit der kürzeste Monatszyklus, der jemals verfasst wurde. Ja klar, es ist Sommer und da lässt die Gehlhaar sich lieber die Sonne auf den dicken, weißen Bauch scheinen, als hier im Internet große Geschichten zu erzählen. Richtig? Falsch! Die schmerzvolle Wahrheit ist nämlich, dass ich seit Tagen nur in meiner Bude hänge, nichts erlebe und sich der Frust, nicht nach draußen zu können, langsam in Hass gegen alle glücklichen Menschen verwandelt, die sich mit Eis am Stiel in der Sommersonne vergnügen. Einfach so, ohne mich. Möge sie die Sonne zu Asche verbrennen!

Ich bin dumm. Sehr sogar. Seit einer Woche liege ich mit eingeklemmtem Nerv und Muskelschmerzen in der Kiste. Ich kann nicht sitzen, und das ist für jemanden, die den ganzen Tag eigentlich nichts anderes tut, schon sehr unvorteilhaft. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich mich überanstrengt habe und nicht rechtzeitig auf die kleinen Warnsignale meines geliebten Körpers gehört habe. Jetzt muss ich den ganzen Mist ausbaden, wobei ausliegen vielleicht das treffendere Wort ist. Und nun liege ich hier, vergammle und ärgere mich, dass ich noch nicht mal am Fenster sitzen kann, um die Menschen auf der Straße mit ihrem Eis in der Hand anzugröhlen. Das einzige, wozu ich noch halbwegs in der Lage bin, ist in alten Erinnerungen zu schwelgen, daran zu denken, dass ich mal jung war und ganz gut aussah und bei Jan Böhmermann in der Sendung saß. Daran, wie er mich „die Top-Autorin“ nannte und ich mir dachte, ja, endlich sagt es mal jemand. Wie wir uns mit tödlichen Blicken duellierten, ich gewann und wir gemeinsam über Behinderte lachten. Kurz.

Monatshighlight

Diesen einzigen und vielleicht ruhmreichen Auftritt im Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann und mir kann man sich als ganze Folge nur noch bis zum 30.06 im Internet ansehen. Und das war es auch schon in punkto Monatshighlight.

ZDF neo

Monatslink

Letztendlich habe ich erst später begriffen, dass ich in diesem Kampf, es allen beweisen zu müssen, dass ich doch so normal sein kann wie alle anderen auch, nur gegen mich selbst gekämpft habe… Stattdessen kämpft sie nun für die Rechte behinderter Menschen, etwa mit Blick auf das Bundesteilhabegesetz, das die Situation behinderter Menschen eigentlich verbessern soll, das Laura Gehlhaar aber kritisch sieht. Und hier wird die Frau, die gern und viel lacht, sehr ernst.“

Ja, das war ein gutes, ruhiges und besinnliches Gespräch mit dem Deutschlandfunk Kultur. Und hier kommt es nun zum nachhören.

Monatsvideos

Zusammen mit der großartigen Jodie Calussi habe ich ein YouTube-Video produziert. Und eigentlich wäre das schon alleine ziemlich dope, aber das Beste ist, dass wir gemeinsam mit der Aktion Mensch mehr Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung schaffen wollen, um Vorurteile und Diskriminierung mehr und mehr abzubauen.

Ich spiele gerne. Besonders gegen Menschen, die schlecht verlieren können. Dann gibt es zwei Optionen: Entweder ich gewinne und die andere Person verliert und ärgert sich, weil sie verloren hat, was mich immer sehr amüsiert. Oder ich verliere und die andere Person gewinnt und freut sich, weil sie gewonnen hat, was mich dann ebenfalls freut. Ich bin eben ein richtig guter Mensch. Und so freue ich mich auch für Jan Böhmermann im Spiel viral oder egal – die ganz besondere Edition, egal wie es ausgeht.

Monatsvorhersagung

Am 2.06 sitze ich bei Bettina Böttinger im Kölner Treff. Start ist um 22:00 Uhr auf WDR! Und als ich mir die vergangenen Sendungen einmal angesehen habe, freute ich mich besonders über den Gastauftritt von Kassandra Wedel. Sie ist Tänzerin und Schauspielerin und lebt mit einer Behinderung. In der Sendung saßen Kassandra Wedel abwechselnd zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen gegenüber, die für sie übersetzten. Ich möchte den Wert dieser Aussage hier nicht allein auf diese Gegebenheit legen, denn natürlich sollte es normal sein, dass gehörlose Gäste in solchen Talkshows, Gebärdensprachdolmetscher*innen zur Seite haben. Die höhere Stellung des Besonderen an dieser Aussage hat einen eher bitteren Beigeschmack, denn noch immer sind Menschen mit Behinderung im deutschen Fernsehen schlichtweg unterrepräsentiert oder finden in der Medienwelt erst gar nicht statt. Das ist immer noch ein großes Problem, da diese Minderheit somit automatisch nicht in den Köpfen der Medienkonsument*innen existiert. Würde ich das warum und weshalb dieser Aussage erörtern, würde dieser Monatszyklus wohl nicht der kürzeste, sondern der längste in seiner Form werden. Es sei deshalb kurz gesagt, dass der Beruf des*der Gebärdensprachdolmetscher*in ein sehr wichtiger Bestandteil zur Teilhabe gehörloser Menschen ist. Leider üben in Deutschland gerade mal ca. 600 bis 700 Frauen und Männer diesen Beruf aus, wobei es laut BGSD – Dachverband der Gebärdensprachdolmetscher und DGB – Gehörlosenverband mind. 80.000 gehörlose und hörbeschädigte Menschen gibt. Auch gibt es für viele Bereiche keinen expliziten Kostenträger, so dass die Finanzierung schwierig ist.

 

So, ich sehe gerade, dass dieser Beitrag doch etwas länger geworden ist als geplant. Für einen kurzen Moment drohte sogar der Hass in mir zu verfliegen. Schreiben hilft. Deshalb höre ich jetzt an dieser Stelle auf.
Der Mann kocht und bringt mir gleich Indisches Essen ans Bett. Ich kann ja nichts. Draußen sitzen meine Nachbarn auf dem Balkon und lachen. Ich rufe den Mann, er soll bitte das Fenster schließen.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2017

Ein paar Monatszyklen sind vergangen und hier ist nicht viel passiert. Oft wurde ich seither gefragt, ob alles in Ordnung sei, ob es mir gut ginge. Ja, es geht mir gut. Denn wie meine Oma schon damals immer meine Mutter beruhigte, als ich mit meiner Klasse in der Jugendherberge war  und nichts von mir hab hören lassen, gilt: „So lang de nix vong denn Blagen hörs, jeht et denn jut!“

Monatshighlight

Und dann kommt ganz plötzlich jemand aus dem Nichts, deckt mal eben schwerwiegende Fälle von Demütigung, körperlichen und seelischen Missbrauch an Menschen mit Behinderung in Einrichtungen und Werkstätten auf und fackelt die ganze Watte, in die das deutsche Wohlfahrtssystem über all die Jahre gemütlich eingehüllt war, mit einem einzigen RTL-Beitrag ab. Burn motherfucker, burn.
Das Team Wallraff schickte Undercover-Reporterin Caro Lobig als Praktikantin „Steffi“ in Einrichtungen der Lebenshilfe e.V., wo behinderte Menschen leben und arbeiten, und nahm mit versteckter Kamera verstörende Szenen auf, die mich bis heute sehr wütend und traurig machen. Heimbetreuer*innen und Heilerziehungspfleger*innen schikanieren, quälen und unterdrücken behinderte Bewohner*innen. Ein Pfleger stellt einer strak gehbehinderten Bewohnerin ein Bein, sodass sie stürzt und macht sich dann über sie lustig. Ein Bewohner wird in einem dunklen Zimmer eingesperrt als Strafe, weil er sich beim trinken mehrmals bekleckert. Solche Szenen sind schlimm und ich befürworte deren Veröffentlichung sehr. Jedoch verbirgt sich hinter diesen grausamen Taten noch ein ganz anderes Problem.

Nach einer monatelangen Undercover-Ermittlung in diversen Einrichtungen wird schnell klar, dass es sich hier zunächst um ein Problem der Machtstrukturen zwischen Betreuer*innen und Bewohner*innen handelt. Hier wird die Selbstbestimmung der Bewohner*innen ganz strukturell unterbunden. Man fragt sich, warum arbeiten solche Vollidiot*innen in so einem Beruf, bei dem es um soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz und das fördern der individuellen Selbstbestimmung geht? Man fragt sich aber auch, wer und warum solche Menschen eingestellt hat und wie es überhaupt zu solchen Taten seitens der Betreuer*innen kommen kann. Aus Frust? Oder um sich an dem geilen Gefühl von Macht an vermeintlich Schwächeren zu ergötzen?

Geht man in der Hierarchie ein bisschen weiter nach oben, erkennt man, dass die Unterdrückung der Selbstbestimmung von behinderten Menschen ein generelles Problem der Wohlfahrtsindustrie ist. Denn wie wir alle längst wissen, ist das Geschäft mit Behinderten eine sehr lukrative Angelegenheit. Jedes Jahr gehen mehrere Milliarden Euro an Institutionen, in denen behinderte und psychisch kranke Menschen arbeiten und wohnen müssen. Mein Bruder ist einer dieser Menschen. Und während sein Arbeitsplatz den Staat um die 6.000 € kostet, geht mein Bruder mit 76,00 € nach Hause. Klar, dass man behinderte Menschen auch immer schön „behindert macht“ und alles dafür tun muss, dass diese ekelhafte Beziehung von Abhängigkeit der Wohlfahrt gefördert und gefordert wird. Das bedeutet nicht, dass aktiv zu solchen Taten aufgerufen wird, aber es wird auch nichts aktiv dagegen getan, bzw. präventive Maßnahmen ins Leben gerufen, die Mitarbeiter*innen in ihren Untaten entlarven. Es muss an Strukturen gearbeitet werden, die erst gar keinen Nährboden für Abhängigkeit liefern.
Wie die Wohlfahrtsindustrie in Deutschland funktioniert, warum sie so boomt und Exklusion, statt Inklusion schafft, liest man z.B. in den Artikeln „Werkstattbericht“ und „Geldgierige Wohlfahrt“.

Monatsbilder

Letzte Woche war ich mit Andi Weiland unterwegs. Immer, wenn ich mit Andi unterwegs bin, passieren schöne Dinge. Und diese schönen Dinge werden dann mit der Kamera festgehalten.

Fotos: Andi Weiland

Monatsgrusel

Es gibt sie – Menschen, die einem auf ganz eklige Art und Weise zu nahe kommen. Sie müssen dich noch nicht mal angefasst haben, und dennoch fühlst du dich betoucht. Deine Privatsphäre wurde durchdringt und auf eine komische Art beschmutzt.

Meine erste Reaktion, als ich diese Mail bekam, war mich zu schütteln. Mein Körper sagte mir, dass ich das, was mich gerade angefasst hat, sofort wieder abschütteln muss.

… es gibt vielleicht eine Möglichkeit, ihren Körper
über alternative Heilmethoden zu unterstützen, möglicher Weise
sogar ihm zu helfen.

Ich bin Reiki Lehrer und seit langen Jahren Mitglied im Dachverband
für Geistiges Heilen.

Als ich mich das letzte Mal mit einem kleinen Mädchen in
Osnabrück beschäftigt habe, die eine Art von Blutkrebs hatte,
da bekam ich auf der geistigen Ebene Bilder zu sehen, die dieses
junge Mädchen als junge Frau zeigten. Aus diesen Bildern zog ich den
Schluss, dass diesem Mädchen geholfen werden kann.
Nach einem 3/4 Jahr war dem Mädchen dann geholfen.
Sie ist heute wieder kerngesund und ihre Blutwerte sind normal.

Ich war so frei, mich mit Ihnen auf geistiger Ebene zu verbinden,
um zu sehen, ob ich etwas für Sie tun kann. Ihr Oberkörper macht einen
sehr fitten Eindruck, aber ab dem Becken bis zu den Füßen wird es
schwierig. — Im Laufe dieser energetischen Untersuchung habe ich
ihren rechten Fuß in die Hand genommen und Sie haben ihn weggezogen.
Wenn Sie das auch in der Realität mit Ihrem Fuß machen können, dann
wären meine Bilder/Visionen nichts Besonderes. Wenn Sie das aber in der
Realität mit Ihrem Fuß nicht machen können, dann wäre das für mich eine
interessante Sache und die Bestätigung meines Gefühls, dass man
Ihrem Körper auf der geistigen Ebene helfen kann.

Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht, dass mein Körper auf diese Art angefasst wird. Ungefragt. Und vor allem möchte ich nicht, dass mein Körper – den ich so liebe, wie er ist – als Versuchskaninchen für irgendwelche heiligen Heilmethoden herhalten muss. Lasst die Finger von mir – auch die imaginären.

Monatslinks

Wie passen die Unfähigkeit zu Kochen, die Liebe zu gutem Essen und das Rollstuhlfahren zusammen? Stimmt, gar nicht! Da ich aber auf eine vielfältige Küche nicht verzichten will und es wenige barrierefreie Restaurants gibt, habe ich mir die Zeit genommen, beides miteinander zu verbinden. Und hier die besten Tipps für euch auf dem neuen Blog der S-Bahn: „Essen leicht gemacht – der Kiezcheck Friedrichshain-Kreuzberg mit Laura Gehlhaar“ 

Immer, wenn ich in meine Heimatstadt Düsseldorf fahre und ich mit meiner Mama über die Rhein-Knie-Brücke fahre, nachdem sie mich vom Hauptbahnhof eingesammelt hat, habe ich Pipi in den Augen. Und das liegt nicht nur an der großen Celine Dion, die wir dann im Auto hören, sondern vor allem am Ausblick den Rhein runter, über seine Promenade, bis hin zum Fernsehturm. Düsseldorf, ich liebe dich. Und euch nehme ich jetzt mit auf eine die „Rollstuhlgerechte Tagestour durch Düsseldorf“ – die schönste (!) Stadt am Rhein.

Monatsvideo

Wer hätte gedacht, dass ich mal in der TV Sendung von Raul Krauthausen sitze, um mein Buch „Kann man da noch was machen?“ vorzustellen, als wir uns vor fünf Jahren kennenlernten? Ich nicht. Aber jetzt ist das eben so und ich mag es.

Monatsvorhersagung

30.3, 22:15 Uhr, Neo Magazin Royale
25.04, 9:07 Uhr, Deutschlandradio Kultur
5.05 Jolie (Printausgabe am Kiosk)

 

So, in zwei Stunden geht mein Zug nach Düsseldorf. Denn leider muss ich am Samstag nach Ibiza fliegen. Jedes Jahr pack ich mir meine Mutter ein und fliege mit ihr in die Sonne. Was das für jeden von uns bedeutet, kann man auf „Kopf aus“ und „Juist – mit Mama und Celine Dion“ nachlesen. Und wer ein bisschen mitgenommen werden möchte, kann das auf meinem Instagramaccount gerne tun. Tschüss, wir sehen uns.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2015

Ach du scheiße, es ist schon wieder Weihnachten! Die Zeit rast, mein 33-jähriger Geburtstag rückt näher und die Phase der Akzeptanz meiner nicht mehr verschwindenden Schlaffalte am linken Auge hat begonnen.

Es ist an der Zeit, kurz stillzustehen und sich die Ereignisse des letzten Monats noch einmal genau anzusehen. Herzlich Willkommen bei Frau Gehlhaars Monatszyklus über Hass und Bosheit und tolle Aktionen als kleine Lichtblicke. Warum man den Glauben an das Gute im Menschen gerade in diesen Tagen niemals verlieren darf und die Liebe immer gewinnt.

Monatshighlight

Selten hat mich ein Text so traurig und fassungslos nach dem Schreiben zurückgelassen. Es ist etwas passiert, das mich sehr gekränkt und meine Würde verletzt hat. Ich wurde beleidigt und beschimpft und fühlte mich macht- und wehrlos. Die Begegnung mit dummen, bösen Menschen habe ich in dem Text „Krüppel-DNA gehört ausgerottet“ niedergeschrieben und auf diese Art versucht, sie zu verarbeiten. Doch das soll und darf nicht als offizielles Monatshighlight verbucht werden! Dafür will ich hier keinen Raum mehr geben. Mein ganz persönliches Monatshighlight ist die Reaktion meiner LeserInnen auf dieses Erlebnis! Reaktionen von Mitgefühl, Verständnis, Wut und ganz viel Zusprechen von Mut und Liebe. Noch nie habe ich mich Menschen so nahe gefühlt, denen ich noch nie zuvor begegnet bin. Und das allein durch die vielen Nachrichten auf allen Kanälen, die mich nach der Veröffentlichung des Textes erreicht haben. Ich fühlte mich von jedem verstanden und das ist eines der stärksten Gefühle, die ich kenne. Ich danke euch.

Monatslink

Letzten Monat bekam ich eine sehr herzliche Anfrage von dem österreichischen Online-Magazin Better than ever, ob man einen Artikel über mich schreiben dürfe. Na klar! Und hier ist das gute, kurze Stück, inmitten von anderen Artikeln über andere tolle Frauen, die durch Taten und Projekte andere motivieren und inspirieren.

Monatsaktion

Frauen, Männer und Kinder, die vor Krieg und Armut mit gefährlichen Mitteln flüchten mussten, brauchen Menschlichkeit und Unterstützung. Sie brauchen Nahrung, warme Kleidung und eine Zukunft, in der sie Frieden und Ruhe erfahren können. Und jeder kann hierzu einen kleinen Teil beitragen.
Mit dem Projekt ‪#‎HelpDontHate‬ meiner lieben Kollegen aus der Blogfabrik startete am 30.11 ein Fundraising für Geflüchtete und man kann immer noch spenden.

Stufen sind eine alltägliche Barriere für Millionen von Menschen weltweit – ob mit Rollstuhl, Gehhilfe oder Kinderwagen. Das wissen auch wir von den Sozialhelden und riefen mit Map My Day – Sei die Bewegung! am 3.12 dazu auf, mitzuhelfen und mit ein paar Klicks auf der Online-Karte Wheelmap.org Orte einzutragen, nachdem sie auf ihre Barrierefreiheit untersucht wurden. Seit der Aktion wurden über 22.000 neue Orte auf auf der wheelmap eingetragen, sodass wir inzwischen bei über 600.000 Orten weltweit sind. Und natürlich können immer weiter neue Orte Markiert werden! Für mehr Freiheit und Rock’n’Roll.

Monatsbegegnung

Am 3.12 war der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung und seitdem hänge ich mit dem Mann im UN-Hauptquartier in New York. Nicht physisch, aber für alle sichtbar, festgehalten für die Ewigkeit auf einer Fotografie. Ein Bild, das keine großen Worte braucht, um zu erzählen, was Inklusion bedeutet.

Foto: Andi Weiland

Foto: Andi Weiland

Das Foto zeigt mich und den Mann von hinten, wie wir händchenhaltend durch die Hinterhöfe der Blogfabrik spazieren. Ein bisschen Liebe zwischen Backsteinhäusern und Baustellen. Und auch wenn es für den Mann und mich nichts Besonderes ist, Hand in Hand durch die Stadt Berlin zu flanieren, ist es ein Bild mit gesellschaftlichem Seltenheitswert. Wir merken es an den verwundernten Blicken der Passanten. Oft werden wir angelächelt, was natürlich schön ist, aber es zeigt eben auch, dass das Bild eines inklusiven Paares, von dem eine/r eine Behinderung hat und die/der andere nicht, für deutlich mehr Reaktionen sorgt, als bei dem typischen Mann-Frau-Bild, bei dem niemand eine sichtbare Behinderung hat. Das Bild ist nicht nur schön und liebevoll, wie ich finde.
Es zeigt etwas Außergewöhnliches in seiner Normalität. Und das ist Liebe.

Und weil die Liebe immer gewinnt und Andi Weiland einfach ein toller Fotograf ist, wurde das Bild mit zehn anderen Fotos aus der ganzen Welt für die ‚UN Photo Exibition‘ ausgewählt.

„…We are pleased to inform you that your photograph has been selected for the UN Enable Photo Exhibition 2015 and will be incorporated in the commemorations of the International Day of Persons with Disabilities at UN Headquarters in New York on December 3. Your photograph will include the title, caption and name of photographer, as submitted in the Copyright release form. The final ten images will also be posted on the UN Enable website, and may be used in our outreach efforts. We received over 150 photograph submissions from around the world. The final ten images were selected by an in-house Committee of UN officers and staff at the UN Departments of Economic and Social Affairs, and Public Information.“

Monatsvideo

Selten hatte ich ein Telefonat mit einem Journalisten, der sich so natürlich, interessiert und geistreich mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt hat, wie vom Magazin PULS des Bayrischen Rundfunk. Umso mehr freute ich mich auf das Endprodukt, das die Frage „Sind uns Behinderte egal“ sehr authentisch aufgreift und jetzt in einem Film zu sehen ist.

Monatsliebeserklärung

Und die geht ganz stark an meine LeserInnen. Danke für eure Anteilnahme, das Lesen meiner Texte, die Kritik, die kleinen Liebeserklärungen zwischendurch und das Mutmachen. Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit euch und wünsche euch und den Menschen, wo das Herz dran hängt, eine Frohe Weihnacht!

Und jetzt Alkohol.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Oktober 2015

Sie mögen denken „Na super, kaum hat die Gehlhaar ein bisschen Lob für lausige Blogtexte geerntet, legt sie sich auf die faule Haut. In die Sonne. Frisst den ganzen Tag und säuft ab 16 Uhr den besten Wein.“ Und ich kann Ihnen eins sagen, liebe Leserinnen, lieber Leser: Sie haben recht. Denn genau das tat ich. Für einen Monat habe ich mich ausgeklinkt, meine 17 Sachen gepackt und der Großstadt mit all ihrem Lärm und Schmutz und hektischen Leuten den Rücken gekehrt. 

Der Mann hat mich ins Auto gepackt, ist mit mir erst ins schöne, etwas ruhigere NRW zu meinen Eltern gefahren und hat mich dann den ganzen Weg runter nach Italien geschaukelt. Über das Rheinland, durch die Schweiz, über den San Bernadino, rein nach Piemont, Italien, und weiter in die Toskana. Und das wird kein detaillierter Reisebericht, sondern Frau Gehlhaars Monatszyklus mit einem schönen Highlight, wo ich noch ein bisschen über den Urlaub erzähle, zwei informativen Monatslinks und einem Ohrwurm, der definitiv noch lange über diesen Monat hinausgehen wird.

Monatshighlight

Noch keine zwei Stunden saßen der Mann und ich im Auto, als sich abrupt ein wohliges Glücksgefühl einstellte und wir gemütlich und bei blauem Himmel mit Romano in den Ohren auf der Bundesstraße den Rhein im Rheinland entlangfuhren. Es war der Beginn der schönsten und lustigsten Autofahrt in meinem Leben. Mit einem großen Picknickkorb (danke Mama & Papa) und ganz viel Kanye West ließen wir die Autobahn einen großen Teil der Strecke links liegen und nahmen die sich verändernde Vegetation von Deutschland über die Schweiz nach Italien bewusst wahr. Bäume veränderten sich, Berge wurden größer, dann wieder kleiner, Straßenschilder warnten uns vor Steinböcken und an den Raststädten wechselten wir die Sprachen und manchmal auch die Dialekte.

Und da der Mann die besten Ideen hat und Herr der Route war, schlug er vor, über den San Bernadino Pass im schweizerischen Kanton Graubünden zu fahren. Meter für Meter schlängelte sich die Straße nach oben. Bäume und Gras wurden von Meter zu Meter weniger und bald von Steinen und Schnee abgelöst. Die Luft wurde dünner und auf 2.065m Höhe brauchte ich ein Sauerstoffzelt. Vor Freude. Denn es gab Internet! Und den schönsten (und einzigen) Bergsee, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe.

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Der schönste (und einzige) Bergsee, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe.

Nach zwei Pensionen an der Schweizer Grenze und im italienischen Piemont, fuhren wir das Kontrastprogramm auf und es ging weiter auf einen Biobauernhof mit eigenem Gemüse- und Obstgarten, Ziegen, Hühnern und einer schwarzen Katze. Jeden Tag kochten wir unser Essen selbst und tranken den besten Wein. Und das war eine der besten Erkenntnisse der Zeit: die Selbstverpflegung! Anders wie in den Pensionen, wo wir uns abends ein Restaurant suchen mussten – auch wenn das sehr gute Restaurants mit original italienischen Zutaten waren – hatten wir auf dem Bauernhof nicht mehr das Gefühl, „gefüttert“ zu werden, weil wir selbst wählen konnten, welche Zutaten wir wie und wann zubereiten wollten. Und von nun an werden wir für anstehende Urlaube nur noch Unterkünfte ansteuern, die über eine benutzbare Küche verfügen. Auch um ein gutes Gefühl für die Lebensmittel zu kriegen, die je nach Land ortstypisch und traditionell sind.

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Was ich mag: Wenn der Weg zum Wein barrierefrei ist.

Monatserkenntnis

Für meine zarten 32 Jahre bin ich, glaube ich, schon ganz gut rumgekommen. Ich war auf den Kontinenten (außer Australien) unterwegs und habe mir viele europäische Städte angesehen. Meine Eltern sind immer gern verreist und haben mich und meine Brüder schon als Babys mit auf große Reisen genommen. In meiner Kindheit haben wir dann viel „Strand-Urlaub“ gemacht und somit war meine Idee von Urlaub auch immer das typische Sonne-Sand-Strand-Gefühl zu bekommen.
Erst im Laufe der Zeit und durch Reisen alleine oder mit Freunden, erkannte ich für mich, dass Urlaub mehr ist als „einfach mal die Seele baumeln lassen“ oder „eins mit der Natur werden“. Für mich bedeutet Urlaub in erster Linie, sich für eine bestimmte Zeit von seinem Alltag und gewohnten Ritualen zu lösen, sich auf etwas neues, fremdes einzulassen, andere Lebensmittel zu essen, andere Menschen zu beobachten und mir Dinge, wie Berge, Seen oder Tiere anzusehen, die ich in meiner Alltäglichkeit nicht sehe oder bewusst wahrnehme.

Monatslink

Wenn ich verreise und an einem anderen Ort ein mir fremdes Badezimmer benutzen möchte, ist das immer eine kleine Herausforderung. Informiere ich mich vorab in Hotels, Pensionen oder bei Privatleuten über die Badezimmergegebenheiten, lasse ich Begriffe, wie behindertengerecht, barrierefrei und/oder rollstuhlfreundlich meistens weg, da jede/r etwas anderes darunter versteht. Vor meinem Urlaub habe ich mir deshalb Fotos von den jeweiligen Badezimmern schicken lassen, um genau abschätzen zu können, wie breit/eng/hoch die Dusche/Badewanne/Toilette ist. Denn während mir die regulären, sehr hohen Behindertentoiletten jedesmal den Spaß beim Toilettengang verderben, weil ich aufgrund ihrer Höhe wenig Halt habe, ist es für mich wiederum ohne Probleme machbar, in eine engere Dusche mit einer Stufe davor zu kommen. Aufgrund dessen lasse ich mich auch nicht abschrecken, wenn kein rollstuhlgerechtes Zimmer mehr frei ist, da ich je nachdem auch in einem regulären Zimmer ganz gut mobil sein kann.
In den letzten zwei Monaten war ich in vielen unterschiedlichen Badezimmern in Deutschland, der Schweiz und in Italien unterwegs. In kleinen Hotels und Privatunterkünften. Und jedes Mal kamen mir neue Ideen und Inspirationen, wie ich mein eigenes zukünftiges Badezimmer für meine Bedürfnisse optimal gestalten könnte.
Mein jetziges Badezimmer ist sehr klein, aber fein. Seit fast sechs Jahren verbringe ich viel Zeit in diesem schönen, blauen Bad mit vielen Bildern an der Wand und einer Lichterkette um den großen Spiegel. In meinem Badezimmer ist es immer warm und ich musste vor ein paar Jahren erst aus dem Rollstuhl fallen, um zu entdecken, dass ich sogar eine Fußbodenheizung habe.
Und dennoch würde ich einige Dinge bei meinem nächsten Badezimmer anders machen: Eine größere Dusche mit Klappsitz (jetzt habe ich nur einen Hocker in der Dusche stehen), ein höhenverstellbares Waschbecken und eine Badewanne (!) mit höhenverstellbarem Stuhl.
Bei meiner Recherche im Netz bin ich schließlich über diesen Link gestoßen, wo auch nochmal erklärt wird, was die Begriffe behindertengerecht, barrierefrei oder seniorengerecht beim Umbau von Badezimmern eigentlich bedeuten und wie man diesen Umbau genau planen kann.

Und wo ich schonmal dabei bin, mein komplettes Bad imaginär umzubauen, mache ich mit meiner Küche gleich mal weiter: Meine Küche ist niedriger als normale Küchen. Der Herd geht mir knapp über den Bauchnabel, sodass ich in alle Töpfe mühelos reingucken kann. Kurz gesagt: Ich habe eine Hobbit-Küche. Meine größte Herausforderung ist das Erreichen meiner oberen Schränke, da ich weder aufstehen, noch etwas schweres von oben nach unten heben kann. Somit habe ich alle Sachen, die ich täglich brauche, in den unteren Schränken und Schubladen, während ich oben nur Dinge lagere, die ich selten brauche. Aber liebe Leserinnen und Leser, bitte bedauern Sie mich nicht, denn ich koche sowieso nie! Nicht weil ich es nicht könnte, sondern weil ich es nicht will. Ich hasse nämlich kochen. Ich bin Gastronomentochter und bekomme seither immer nur das beste Essen vor die Nase gestellt. Ich musste mich nie um gutes Essen bemühen, da ich es einfach immer vorgesetzt bekam. Ich weiß, es ist traurig, aber was soll ich machen? Und nun habe ich auch noch einen Mann, der wahnsinnig gut kochen kann. Es ist ein Kreuz! Nur noch aus reiner Höflichkeit frage ich den Mann, ob ich irgendetwas schneiden oder anbraten soll. „Nein, lieber nicht“ bekomme ich als Antwort.
Und dann schmerzt es mich leicht zu sehen, wie jeder großgewachsene Mensch in meiner Hobbit-Küche beim Kochen immer halb nach unten gebückt stehen und mit den Töpfen hantieren muss. Hätte ich vorher gewusst, dass es Arbeitsplatten gibt, wie Herd und/oder Spülbecken, die auf Knopfdruck höhenverstellbar sind, hätte ich mich von Anfang an für diese Variante entschieden.
Ich habe hier eine sozusagen inklusive Küche entdeckt. Die Seite zeigt auf, welche Voraussetzungen und Anforderungen die rollstuhlgerechte Küche, die seniorengerechte Küche und sogar die blindengerechte Küche jeweils haben sollten. Bei letzterer Kategorie sollen Blinden und sehbehinderten Menschen akustische Signale dabei helfen, um das Ende einer Backzeit anzuzeigen oder zu warnen, wenn beispielsweise eine Herdplatte angelassen wurde.
Zum Schluss ist mir noch positiv aufgefallen, dass die Fotomodelle auf den unteren Bildern wirklich RollstuhlfahrerInnen zu sein scheinen. Oft passiert es noch, dass Leute, die ganz offensichtlich keine Behinderung haben, in viel zu große Krankenhausrollstühle gesetzt werden und für das Bild den/die Behindert/e spielen müssen. Geht es um Barrierefreiheit und speziell um Barrierefreiheit in Küche und Bad, wirkt es natürlich gleich authentischer, wenn echte und auch gerne mal junge RollstuhlfahrerInnen, beim Kochen oder Waschen fotografiert werden.

Monatssong

„HELLO FROM THE OTHER SAAAAIDE…!“ So geht es seit einigen Tagen jeden Tag. Ich mag Adele und ich liebe diesen Song. Es werden wohl noch weitere Tage vergehen bis dieser Monatssong von einem anderen Lied abgelöst wird. Es tut mir leid, liebe NachbarInnen.