Ibiza – von Schweinen und der Kunst der Demut

Die Bustür geht auf. „Erstmal nur der Rollstuhl! Nur der Rollstuhl!“, ruft ein großer, breiter Mann mit gelber Neonweste. Seine Worte gelten besonders den Menschen, die sehr nervös direkt an der Tür darauf warten, dass sie und wirklich nur Sie die ersten, die aller ersten sein werden, die das vor uns parkende Flugzeug betreten werden. Ganz besonders eilig scheint es der Mann vor mir zu haben. Schon seit 20 Minuten klebt seine faltige, weiße Hand an dem aus Sicherheitsgründen deaktivierten Türöffner des Busses, bereit ihn durch ein strebsames Pressen einzudrücken und die Bustür zum Öffnen zu zwingen. Seine kleine, dicke Frau krallt sich fordernd um den matt weißen Arm ihres Mannes, so als ob sie ihm sagen will: „Horst, öffne die Tür! Öffne endlich die verdammte Tür, Horst!“ Aber Horst muss warten. Alle müssen warten, denn erst muss „der Rollstuhl“ raus. Das wäre in diesem Fall dann ich.

Der Mann mit gelber Neonweste schiebt mich die kleine, schmale Rampe runter, während Horst und seine Frau und alle anderen Fluggäste im Bus warten müssen und mir dabei zusehen, wie ich mich auf dem Rollfeld vom Rollstuhl auf den sehr schmalen Bordrollstuhl setze. „Cool, dich kenn‘ ich!“, wirft mir eine männliche Stimme an meinen Hinterkopf. Intuitiv ducke ich mich leicht nach vorne. „Äh, wie bitte?“ Ich drehe meinen Kopf nach hinten und treffe auf zwei große, strahlende Augen. „Gestern im Fernsehen gesehen.“, sagt der Mund unter den Augen. „Oh! Ja, das kann sein.“, lächle ich zurück, während mich zwei unbekannte Hände mit dem Gurt am Bordrollstuhl festschnallen.
Mit dem Profil zum Bus sitzend, sehe ich wie der Urlaub für die meisten Menschen im Bus schon jetzt in diesem Moment begonnen hat. Wie im Zoo stehen sie da. Dicke, bleiche Menschen mit blonden Strähnchen in den Haaren, glitzernden Gürteln und Bauchtäschchen und drücken sich die Nasen an der Glasscheibe platt, begierig darauf zu hoffen, dass die schwarz angezogene Frau auf dem Rollfeld durch einen brennenden Reifen springt.
Die Frau – das bin ebenfalls ich – springt aber nicht, sie wird in Zeitlupe Stufe für Stufe auf dem viel zu schmalen Stuhl die Treppe hoch zum Flugzeug getragen und das ist mindestens genauso spannend zu beglotzen, wie ein Sprung durch einen brennenden Reifen, mit doppelten Salto. Ich hasse Menschen, denke ich mir und hebe ganz oben angekommen den Ficker-Finger zu all den gaffenden Menschen unter mir, eingesperrt hinter einer Scheibe.
Ich hasse Menschen, denke ich nicht zum ersten Mal, und in letzter Zeit immer öfter.

Es ist windig und irgendwo im Osten geht die Sonne auf. Es ist 7:05 Uhr und um 7:20 Uhr startet unser Flug nach Ibiza.

Aber was ist das genau, das ich immer wieder und in letzter Zeit eben auch sehr häufig, einen Hassschub auf Menschen bekomme? Wo kommt das her, frage ich mich? Letzte Woche stand ich mit dem Auto an der Ampel einer großen Kreuzung in Düsseldorf. Ich hatte rot und sah gelangweilt dabei zu, wie von rechts die Autos langsam über die Kreuzung fuhren. Ziemlich schnell sah man, wie sich links die Autos langsam stauten, und jede*r vernünftige Autofahrer*in hätte jetzt, auch wenn er/sie grün hatte, hinter der Linie gewartet, da dessen Auto sonst mitten auf der Kreuzung hätte stehen bleiben müssen, während ich und alle anderen Autos hinter mir ihre Grünphase gehabt hätten.
Die Ampel wurde grün und die Hoffnung, jetzt gediegen aufs Gas treten zu können, verpuffte in dem Moment, als sich 4-5 Autofahrer*innen dachten, noch schnell auf die andere Seite der Kreuzung durchdrücken zu können, obwohl sich schon lange eine offensichtliche Autoschlange gebildet hatte. Und während ich mich früher lauthals und aggressiv über alle Autofahrer*innen aufgeregt hätte, saß ich in diesem Moment einfach nur da und starrte resigniert auf die Autos vor mir, in denen sich die Fahrer und Fahrerinnen darüber aufregten, dass sich andere über sie aufregen, weil sie nicht hinter einer grünen Ampel eine weitere Rotphase abwarten konnten, nur um dann drei Minuten später auf das vor ihm fahrende Auto aufzuschließen, weil sie überheblich waren, anstatt Rücksicht zu nehmen. Vollidioten. Und dennoch wundere ich mich, warum ich in diesem Moment so ruhig bleiben konnte, mein Temperament sich in keinster Weise äußerte und ich einfach nur dasaß und innerlich weinte. Nicht, weil Autofahrer*innen mich daran hinderten bei Grün über die Straße zu fahren, sondern weil ich eine Art Charakter wiederentdeckte, der sich auf so viele Situationen des Alltags beliebig transferieren lässt. Es kommt mir so vor, als ob jeder Mensch wahnsinnige Angst davor hätte, etwas von sich, seinem Platz abgeben zu müssen. Jede*r scheint enorme Angst zu haben zu kurz zu kommen, nicht schnell genug zu sein, nicht den ganzen Kuchen für sich allein abzubekommen. So als ob es große Schmerzen für einen bedeutet, abzugeben, auf etwas verzichten zu müssen, damit es anderen auch gut gehen kann. Das zu beobachten, tut mir wiederum weh.

Während der letzten Reisen habe ich den größten Wert darauf gelegt, so wenigen Menschen wie möglich zu begegnen. Im Urlaub rede ich auch nicht viel. Eigentlich sitze ich immer nur da und gucke irgendwo hin. Als geübte und eingesessene Rollstuhlfahrerin gucke ich zum Beispiel oft aus dem Fenster. So wie hier.

Diesen Blick habe ich, seit ich mit meiner Mama aus dem Auto gestiegen bin, nachdem wir einen sehr steilen und mit Schlaglöchern, so groß wie Krater, bedeckten Weg hoch auf den Berg des kleinen Dörfchens Es Cubells gefahren sind. „Oh Gott, ist das schön.“, ist das erste, was ich sage, als sich mein Blick auf den Fels im Meer verliert. „Boah, ist das windig hier oben! Hoffentlich werden wir hier nicht krank!“, sagt meine Mutter, als sie aus dem Auto steigt.
Während mein Blick weiter auf dem Fels Es Vedra haftet, trägt meine Mutter unseren Koffer ins Steinhaus. Und dann ist sie da – Ruhe. Keine lauten, ängstlichen Menschen, nur meine Mama und ich und ab und zu ein paar neugierige Schweine, die uns besuchen kommen und ihre feuchten, zuckenden Schweinsnasen überall reinhalten, auch in unsere Haare, wenn wir nichts ahnend auf unseren Sonnenliegen liegen und pennen. Aber all das dürfen sie und dann gebe ich Ihnen auch mal ein Stück von meinem Käsebrot ab und freue mich, dass es ihnen schmeckt.

Ich glaube, dass mangelnde Demut ein grundlegendes Problem des/der einzelnen in unserer Gesellschafft ist. Die Menschen vergessen, vor allem das, was sie nicht jeden Tag sehen oder hören. Wir alle wissen aus unseren Geschichtsbüchern, wie schnell alles verloren gehen kann, wenn sich Menschen abschirmen, eine Mauer um sich herum bauen und andere ausschließen. Wenn jede*r stets große Angst davor hat, zu kurz zu kommen und etwas von sich und seinem/ihrem Hab und Gut abgeben zu müssen, sollten wir uns fragen, wann es uns selbst und anderen am besten geht. Wenn man für einander da ist, Respekt wahrt und auf gegenseitige Unterstützung hoffen kann? Wenn man aufmerksam durch seinen Alltag geht und auf den anderen achtet? Vielleicht sollten wir versuchen demütiger zu sein – vor anderen und vor uns selbst – und uns darauf besinnen, dass wir selbst und alles um uns herum schnell zerbrechen kann.

Der Urlaub ist wunderschön. Gerne hätte ich von Traumstränden und anderen schönen Orten der Insel erzählt, aber nach jedem Besuch eines solchen Strandes oder urigen Dörfchens mit seinen kleinen, verwinkelten Gassen, wurde uns immer wieder klar, dass es hier oben auf unserem Berg einfach am schönsten ist.
Morgen Abend geht unser Flug zurück nach Düsseldorf. Meine Mutter steht in der Küche und kocht Gemüse, während ich ein letztes Mal mit deepen Gedanken in den Sonnenuntergang schaue. „Mücke! MÜCKE!“, höre ich sie aus der Küche rufen und nach zwei Sekunden folgt ein dreckiges Lachen: „Tot! TOT!“ Wir wurden nicht krank hier oben auf dem Berg und meine Mutter ist der lustigste Mensch auf der Welt.

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9 Gedanken zu „Ibiza – von Schweinen und der Kunst der Demut

  1. … oder diejenigen, die ihr Gepäck in Zügen der Deutschen Bahn lieber mitten in den Gang pflanzen anstatt sie auf die Gepäckablage zu legen, wo die Koffer, die nicht mal besonders groß waren, noch locker Platz gehabt hätten. Aber dazu hätte man ja eventuell andere Mitreisende um Hilfe bitten müssen, wenn man es alleine nicht schafft. Oder – noch gewagter – anderen selbst seine Hilfe anbieten, wenn man sehen, wie der andere sich abmüht. Anscheinend grassiert die Angst vor direkter Kontaktaufnahme mit anderen Menschen.

    • Guten Tag Frau Gehlhaar,

      schöner Artikel. „Ich hasse Menschen“ denke ich mir auch oft, gefolgt von „Menschen sind wohl so“. Sei es im Schwimmbad oder in der Sauna (die verwendeten Handtücher pro Badegast die irgendwas reservieren scheinen manchmal bei gefühlten 10 zu liegen) oder eben auch beim Einstieg in ein Flugzeug, 10 Minuten vor dem Einstieg stehen alle schön in einer Schlange an, wo doch die Sitzplätze sowieso reserviert sind. Ich sitze dann meist bis zum Ende dort und denke mir „Verrückte Welt“. Leider scheint sich dieses von ihnen so treffliche Beschriebene Verhalten zu verbreiten. Ich führe es oft auf wachsende Dummheit zurück vgl. man bspw. die Ausführungen von Robert Axelrod in seinem Buch „Die Evolution der Kooperation“ bzw. im Original „The Evolution of Cooperation“.

      Beste Grüße und viel Lebensfreude!

  2. Hallo Fr. Gehlhaar,
    ich habe über Ihre Gedanken zu den ‚hassenswerten‘ Menschen nachgedacht. Solche Situationen wie die an der Kreuzung gehören ja mittlerweile zum Alltag (sofern man sich in einer Großstadt befindet, auf dem Land geht es wesentlicher entspannter zu). Und auch die Gaffermentalität ist eine ‚Normalität‘. Doch wie kommen erwachsene Menschen dazu, sich so zu benehmen?
    Ich habe zwei kleine Jungs zuhause, vier und fünfeinhalb Jahre alt. Die Zwei gönnen sich nicht die Butter auf dem Brot (ist so!), alles muss genau geteilt werden und jeder will zuerst haben. Meine Apelle an deren Vernunft verpufft regelmäßig, da so kleine Kinder einfach noch keine soziale Kompetenz entwickelt haben. Dafür ruhen sie einfach noch zu sehr in ihrem Selbst. Soweit die Erkenntnis meinerseits, gefüttert durch zahlreiche Erklärungsversuche der Fachwelt. Was das Benehmen der Erwachsenen angeht so habe ich folgende Theorie, basierend auf einen Vortrag eines renommierten Kinder- und Jugendpsychologen:
    Jeder Mensch durchläuft in seinem Kinder- und Jugendalter bestimmte Reifungsphasen. Oft werden diese aber gestört oder sogar unterbunden, so dass hier nur unzureichende Kompetenzen erworben werden. Dummerweise lassen sich diese aber nicht einfach überspringen, sondern man bleibt dort stehen. Und damit entwickelt sich das Dilemma, dass man zwar körperlich und geistig weiter wächst, aber emotional abgehängt ist. Und so kommt es dann, dass Erwachsene in bestimmten Situationen ein kindliches Verhalten an den Tag legen. Das ist traurig. Das ist aber auch lustig.
    Seit ich diese Theorie verfolge, stelle ich mir alle Personen mit ‚unmöglichem‘ Verhalten als Kinder vor. Und schon bin ich wieder viel geschmeidiger, denn diese armen Kleinen können ja nicht anders … Klar nervt das trotzdem. Aber ein Bus voll mit Kindern, die ihr Gesicht an die Scheiben kleben oder ein Autokinderklumpen auf der Kreuzung ist ja irgendwie auch süß.
    Übrigens ist das Reifungsdilemma auflösbar. Man muss die Menschen nur dort abholen, wo sie stehen geblieben sind. Das kann auch sehr witzig sein.

    Als kleines Goodie noch ein paar Mantras für den Alltag:
    Jesus: Lasset die Kinder zu mir kommen.
    Frl. Rottenmayer: Erbarmong!
    Bläck Fööss: Pänz, Pänz, övverall nur Pänz, Pänz, Pänz!
    Asterix: Gngngngngnn!

    Grüße von dem Betongärtner, der voll neidisch auf den Urlaub mit Schweinen ist.

    • Die Beobachtung erinnert mich an das Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück.“ von „Jean Liedloff“. Mag teilweise etwas esoterisch sein, aber im Grunde beschreibt es diese Reifung auch. Ich verschenke es gerne an frisch gebackene Eltern.

  3. Wunderschöne Ausblicke, auch auf einen hübschen Rücken.
    Da werde ich glatt etwas neidisch. Und fast alles kann ich nachvollziehen.
    Menschenmassen kann ich auch schon lange nicht brauchen.
    Und gaffende Leute beim verladen meines Sohnes in Flugzeugen
    Kenne ich auch gut. Hat mich immer Nerven gekostet bis der
    endlich im Flugzeug saß. Dann noch der peinliche Hinweis der Stewardess „im Notfall ist es ihm verboten sich aus dem Sitz zu. Bewegen, aus Sicherheitsgründen…-Aber es wird nichts passieren.“
    Dennoch hat mein Vale nicht die Freude am verreisen verloren.
    Und sie offensichtlich auch nicht.
    Gut so
    Grüße von Uli

  4. diesen „ich hasse menschen“ gedanken habe ich auch hin und wieder mal. und jedes mal erschrecke ich mich dann fast vor mir selbst. aber ich denke, dass es mir da so ähnlich wie dir geht…. danke, dass du das in worte gefasst hast.
    liebe grüße,
    jule*

  5. „Es kommt mir so vor, als ob jeder Mensch wahnsinnige Angst davor hätte, etwas von sich, seinem Platz abgeben zu müssen. Jede*r scheint enorme Angst zu haben zu kurz zu kommen, nicht schnell genug zu sein, nicht den ganzen Kuchen für sich allein abzubekommen.“
    Mir auch. Jeden Tag. Das spricht mir aus der Seele. Bzw. schön, dass andere auch so etwas verzeichnen.
    Den Menschen dieser Gesellschaft fehlt ne Menge Demut und Umsicht!

  6. Vielen Dank für den schönen Beitrag.
    Ruhe im Urlaub ist echt was unbezahlbares. Wobei es für mich auch gerne mal ein bisschen Programm haben darf. Ich brauch da irgendwie beides.
    Und zum Thema Verkehr: Ja verdammte Axt, du sprichst mir aus der Seele. Getoppt wird das auf meiner Skala nur noch von Leuten, die es schaffen auf ner Kreuzung dann auch noch auf den Straßenbahnschienen stehen zu bleiben.

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