Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2017

Ein paar Monatszyklen sind vergangen und hier ist nicht viel passiert. Oft wurde ich seither gefragt, ob alles in Ordnung sei, ob es mir gut ginge. Ja, es geht mir gut. Denn wie meine Oma schon damals immer meine Mutter beruhigte, als ich mit meiner Klasse in der Jugendherberge war  und nichts von mir hab hören lassen, gilt: „So lang de nix vong denn Blagen hörs, jeht et denn jut!“

Monatshighlight

Und dann kommt ganz plötzlich jemand aus dem Nichts, deckt mal eben schwerwiegende Fälle von Demütigung, körperlichen und seelischen Missbrauch an Menschen mit Behinderung in Einrichtungen und Werkstätten auf und fackelt die ganze Watte, in die das deutsche Wohlfahrtssystem über all die Jahre gemütlich eingehüllt war, mit einem einzigen RTL-Beitrag ab. Burn motherfucker, burn.
Das Team Wallraff schickte Undercover-Reporterin Caro Lobig als Praktikantin „Steffi“ in Einrichtungen der Lebenshilfe e.V., wo behinderte Menschen leben und arbeiten, und nahm mit versteckter Kamera verstörende Szenen auf, die mich bis heute sehr wütend und traurig machen. Heimbetreuer*innen und Heilerziehungspfleger*innen schikanieren, quälen und unterdrücken behinderte Bewohner*innen. Ein Pfleger stellt einer strak gehbehinderten Bewohnerin ein Bein, sodass sie stürzt und macht sich dann über sie lustig. Ein Bewohner wird in einem dunklen Zimmer eingesperrt als Strafe, weil er sich beim trinken mehrmals bekleckert. Solche Szenen sind schlimm und ich befürworte deren Veröffentlichung sehr. Jedoch verbirgt sich hinter diesen grausamen Taten noch ein ganz anderes Problem.

Nach einer monatelangen Undercover-Ermittlung in diversen Einrichtungen wird schnell klar, dass es sich hier zunächst um ein Problem der Machtstrukturen zwischen Betreuer*innen und Bewohner*innen handelt. Hier wird die Selbstbestimmung der Bewohner*innen ganz strukturell unterbunden. Man fragt sich, warum arbeiten solche Vollidiot*innen in so einem Beruf, bei dem es um soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz und das fördern der individuellen Selbstbestimmung geht? Man fragt sich aber auch, wer und warum solche Menschen eingestellt hat und wie es überhaupt zu solchen Taten seitens der Betreuer*innen kommen kann. Aus Frust? Oder um sich an dem geilen Gefühl von Macht an vermeintlich Schwächeren zu ergötzen?

Geht man in der Hierarchie ein bisschen weiter nach oben, erkennt man, dass die Unterdrückung der Selbstbestimmung von behinderten Menschen ein generelles Problem der Wohlfahrtsindustrie ist. Denn wie wir alle längst wissen, ist das Geschäft mit Behinderten eine sehr lukrative Angelegenheit. Jedes Jahr gehen mehrere Milliarden Euro an Institutionen, in denen behinderte und psychisch kranke Menschen arbeiten und wohnen müssen. Mein Bruder ist einer dieser Menschen. Und während sein Arbeitsplatz den Staat um die 6.000 € kostet, geht mein Bruder mit 76,00 € nach Hause. Klar, dass man behinderte Menschen auch immer schön „behindert macht“ und alles dafür tun muss, dass diese ekelhafte Beziehung von Abhängigkeit der Wohlfahrt gefördert und gefordert wird. Das bedeutet nicht, dass aktiv zu solchen Taten aufgerufen wird, aber es wird auch nichts aktiv dagegen getan, bzw. präventive Maßnahmen ins Leben gerufen, die Mitarbeiter*innen in ihren Untaten entlarven. Es muss an Strukturen gearbeitet werden, die erst gar keinen Nährboden für Abhängigkeit liefern.
Wie die Wohlfahrtsindustrie in Deutschland funktioniert, warum sie so boomt und Exklusion, statt Inklusion schafft, liest man z.B. in den Artikeln „Werkstattbericht“ und „Geldgierige Wohlfahrt“.

Monatsbilder

Letzte Woche war ich mit Andi Weiland unterwegs. Immer, wenn ich mit Andi unterwegs bin, passieren schöne Dinge. Und diese schönen Dinge werden dann mit der Kamera festgehalten.

Fotos: Andi Weiland

Monatsgrusel

Es gibt sie – Menschen, die einem auf ganz eklige Art und Weise zu nahe kommen. Sie müssen dich noch nicht mal angefasst haben, und dennoch fühlst du dich betoucht. Deine Privatsphäre wurde durchdringt und auf eine komische Art beschmutzt.

Meine erste Reaktion, als ich diese Mail bekam, war mich zu schütteln. Mein Körper sagte mir, dass ich das, was mich gerade angefasst hat, sofort wieder abschütteln muss.

… es gibt vielleicht eine Möglichkeit, ihren Körper
über alternative Heilmethoden zu unterstützen, möglicher Weise
sogar ihm zu helfen.

Ich bin Reiki Lehrer und seit langen Jahren Mitglied im Dachverband
für Geistiges Heilen.

Als ich mich das letzte Mal mit einem kleinen Mädchen in
Osnabrück beschäftigt habe, die eine Art von Blutkrebs hatte,
da bekam ich auf der geistigen Ebene Bilder zu sehen, die dieses
junge Mädchen als junge Frau zeigten. Aus diesen Bildern zog ich den
Schluss, dass diesem Mädchen geholfen werden kann.
Nach einem 3/4 Jahr war dem Mädchen dann geholfen.
Sie ist heute wieder kerngesund und ihre Blutwerte sind normal.

Ich war so frei, mich mit Ihnen auf geistiger Ebene zu verbinden,
um zu sehen, ob ich etwas für Sie tun kann. Ihr Oberkörper macht einen
sehr fitten Eindruck, aber ab dem Becken bis zu den Füßen wird es
schwierig. — Im Laufe dieser energetischen Untersuchung habe ich
ihren rechten Fuß in die Hand genommen und Sie haben ihn weggezogen.
Wenn Sie das auch in der Realität mit Ihrem Fuß machen können, dann
wären meine Bilder/Visionen nichts Besonderes. Wenn Sie das aber in der
Realität mit Ihrem Fuß nicht machen können, dann wäre das für mich eine
interessante Sache und die Bestätigung meines Gefühls, dass man
Ihrem Körper auf der geistigen Ebene helfen kann.

Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht, dass mein Körper auf diese Art angefasst wird. Ungefragt. Und vor allem möchte ich nicht, dass mein Körper – den ich so liebe, wie er ist – als Versuchskaninchen für irgendwelche heiligen Heilmethoden herhalten muss. Lasst die Finger von mir – auch die imaginären.

Monatslinks

Wie passen die Unfähigkeit zu Kochen, die Liebe zu gutem Essen und das Rollstuhlfahren zusammen? Stimmt, gar nicht! Da ich aber auf eine vielfältige Küche nicht verzichten will und es wenige barrierefreie Restaurants gibt, habe ich mir die Zeit genommen, beides miteinander zu verbinden. Und hier die besten Tipps für euch auf dem neuen Blog der S-Bahn: „Essen leicht gemacht – der Kiezcheck Friedrichshain-Kreuzberg mit Laura Gehlhaar“ 

Immer, wenn ich in meine Heimatstadt Düsseldorf fahre und ich mit meiner Mama über die Rhein-Knie-Brücke fahre, nachdem sie mich vom Hauptbahnhof eingesammelt hat, habe ich Pipi in den Augen. Und das liegt nicht nur an der großen Celine Dion, die wir dann im Auto hören, sondern vor allem am Ausblick den Rhein runter, über seine Promenade, bis hin zum Fernsehturm. Düsseldorf, ich liebe dich. Und euch nehme ich jetzt mit auf eine die „Rollstuhlgerechte Tagestour durch Düsseldorf“ – die schönste (!) Stadt am Rhein.

Monatsvideo

Wer hätte gedacht, dass ich mal in der TV Sendung von Raul Krauthausen sitze, um mein Buch „Kann man da noch was machen?“ vorzustellen, als wir uns vor fünf Jahren kennenlernten? Ich nicht. Aber jetzt ist das eben so und ich mag es.

Monatsvorhersagung

30.3, 22:15 Uhr, Neo Magazin Royale
25.04, 9:07 Uhr, Deutschlandradio Kultur
5.05 Jolie (Printausgabe am Kiosk)

 

So, in zwei Stunden geht mein Zug nach Düsseldorf. Denn leider muss ich am Samstag nach Ibiza fliegen. Jedes Jahr pack ich mir meine Mutter ein und fliege mit ihr in die Sonne. Was das für jeden von uns bedeutet, kann man auf „Kopf aus“ und „Juist – mit Mama und Celine Dion“ nachlesen. Und wer ein bisschen mitgenommen werden möchte, kann das auf meinem Instagramaccount gerne tun. Tschüss, wir sehen uns.

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Ein Gedanke zu „Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2017

  1. Liebe Laura,
    Über die Anmaßung des Reki-Typen bin ich schockiert! Mir ist das auch mal genauso passiert und ich kenne das Gefühl von dem du sprichst. Dass du den Fuss in seiner Vision weggezogen hast, hätte ihm eindeutig zeigen müssen, dass du mit seiner „Behandlung“ auf keinen Fall einverstanden bist. In dem Berufsfeld gibt es seriöse Menschen, aber keiner davon würde so etwas ungefragt tun. Und hätte er dein Buch gelesen, wüsste er genau, wie du zu deinem Körper stehst.

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