Silvester und ihr

Der vorletzte Tag im Ferienhaus. Der letzte Tag in 2016. Ich habe geduscht, gefrühstückt und liege jetzt auf dem Sofa. Gleich frage ich den Mann, ob er mir ein Bierchen bringt, denn Sofa und Kühlschrank trennen drei große Stufen. Es wäre also sehr umständlich, mich jetzt auf den Weg zum Kühlschrank zu machen. Ich sitze ja in einem Rollstuhl, bzw. liege jetzt auf dem Sofa. Gleich kommt mein Bier. Ein Bier zum Anstoßen darauf, dass schon zwei meiner insgesamt sechs schwangeren Freundinnen ihr Baby geworfen haben. Prost! Mindestens zwei schöne Dinge im Jahr 2106.

Anstoßen werde ich auch auf all die Menschen, die mein Jahr zu einem guten und außergewöhnlichen Jahr gemacht haben. Medienmenschen, die mich eingeladen haben und mir eine Plattform gegeben haben, damit ich anderen Menschen erzählen konnte, was da so geht und was nicht mit behinderten Menschen in Deutschland. Dass der Alltag eines behinderten Menschen von struktureller Diskriminierung geprägt ist. Und dabei musste ich lernen, dass es manchmal einfach verdammt schwer ist, öffentlich auf Alltagsdiskriminierung aufmerksam zu machen und gleichzeitig zu überzeugen, dass mein Leben und das Leben vieler anderer behinderter Menschen ein gutes und erfülltes Leben sein kann.

Jetzt hat der Mann mir ein Bier hingestellt, ein helles König Ludwig, mein Lieblingsbier. Ich halte es hoch und stoße auf euch an, liebe Leserinnen und Leser. Von euch habe ich die schönsten Nachrichten bekommen und über die Fotos, die euch mit meinem Buch im Bett, auf dem Sofa oder am Strand (!) zeigen, schreie ich vor Freude. Schön, irgendwie bei euch zu sein. Prost!

Ich hasse Silvester. Das weiß jeder, der schon ein bisschen was von mir gelesen hat. Es folgt ein Ausschnitt aus meinem Buch Kann man da noch was machen?

Letztes Jahr Silvester hatte mir die Nettigkeit von drei anderen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes das Leben gerettet.

Auf dem Weg zur Silvesterparty meiner besten Freundin blieb ich um kurz vor 00:00 Uhr im Schnee stecken. In einer Seitenstraße, Friedrichshain, Nordkiez, allein.

Ein Reifen steckte bis zur Hälfte im Schnee, das andere Rad drehte durch, ich auch. Es gab kein Vor und kein Zurück und kurz überlegte ich, ob ich mich auf den kalten, nassen Boden setzen, den Rollstuhl aus dem Loch ziehen und mich dann wieder hochhieven sollte. Aber ich verwarf diesen Gedanken in dem Augenblick, als ich die Komponente meiner schweren, dicken Winterkleidung mit in die Gleichung aufnahm. Einmal unten im Schnee hockend würde ich nie wieder aus eigener Kraft hochkommen.

Wenn es kalt wird, ziehe ich mich schön warm an. Ich bin eine Frostbeule. Durch meine unzähligen Schichten werde ich so gut wie bewegungsunfähig. Würde mich jetzt jemand nach vorne schubsen, läge ich mit allen vieren von mir gestreckt im Schnee. Kopf nach unten und nicht imstande, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Der Maggie-Simpson-Schneeengel. Ich saß also im wahrsten Sinne des Wortes fest und lachte mit einem Hauch von Verzweiflung laut in den sternenklaren Himmel, der in sechs Minuten von bunten Raketen zerschossen werden würde. Ich blies warme Luft zwischen meine kalten Hände und rubbelte sie aneinander. Die Drohung, die ich Freunden gegenüber schon oft ausgesprochen hatte, nämlich das nächste Silvester alleine zu Hause zu verbringen, schien sich zu erfüllen. Beinahe, denn neben dem offensichtlichen Alleinsein war ich leider nicht zu Hause in der Wärme und in Sicherheit. Stattdessen steckte ich im Schnee fest und hatte noch dazu mein Handy absichtlich zu Hause gelassen. Vor dem einsamen Erfrierungstod konnte ich also noch nicht mal einen letzten Gruß an meine Eltern schicken, genauso wenig wie ich um Hilfe bitten konnte.

Wenn man erfriert, spürt man angeblich nichts. Man schläft einfach ein. Der Gedanke half irgendwie. Über den eigenen Tod habe ich schon oft nachgedacht. Schnell, schmerzfrei und leicht dramatisch sollte er sein. Ich glaube, der Tod ist der intimste Moment im Leben eines Menschen. Und das einzige Gefühl, das ich in dem Moment meines Todes nicht empfinden möchte, ist Scham.

Bibbernd schaute ich mich in der menschenleeren Straße um. Würde ich mich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn ich mitten in Berlin in einer Seitenstraße erfrieren würde? Und das auch nur, weil ich so doof war und mich mit meinem Rollstuhl festgefahren hatte und obendrein noch mein Handy vorsätzlich zu Hause gelassen hatte?

Die Antwort gefiel mir ganz und gar nicht.

Nach einem sehr düsteren Moment hörte ich plötzlich in die Stille hinein Stimmen. Ich erkannte zwei Männer- und eine Frauenstimme. Die drei unterhielten sich lauthals auf Spanisch, direkt hinter der nächsten Häuserecke! Ich überlegte nicht lange und schrie: »Hola!«, das einzige Wort, das ich auf Spanisch konnte. Sofort verstummte das Gespräch. Dann schauten zwei Köpfe um die Ecke. »Do you need help?«, fragte mich ein kleiner Mann mit dicker Wollmütze. »Sí, sí!«, rief ich unendlich erleichtert und nickte heftig. Die beiden Typen zogen und drückten mich aus dem Schnee. Grauer Matsch und Eis setzten sich immer wieder zwischen Rädern und Greifreifen fest. In der Nähe zündeten die ersten Raketen. »Happy New Year!«, rief der größere Typ und umarmte mich. »Happy New Year!«, antwortete ich zitternd und mit blauen Lippen. Die junge Frau drückte mich fest und fragte mich, ob ich noch Hilfe bräuchte. »All I need is a drink«, lachte ich. Wir verabschiedeten uns mit einer weiteren Umarmung, wie es in Spanien so üblich ist.

Kommt gut ins neue Jahr. Seid friedlich und gut zueinander. Wir brauchen das. Mehr denn je.

Eure Frau Gehlhaar

 

Und jetzt Alkohol.

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5 Gedanken zu „Silvester und ihr

  1. Pingback: Linkschau #15 – Coincidence

  2. Ich hoffe du bist heuer besser ins neue Jahr gerutscht!
    Ich wünsche dir ein schönes, gesundes und vor allem glückliches Jahr 2017!
    Kämpf für die Sachen, die dir wichtig sind, gib nie auf!

    LG

  3. Danke für deine Zeilen. Euch wünsche ich eine fantastische Silvester-Nacht und für das kommende Jahr alles Gute, vor allem Liebe und Freiheit in allen Angelegenheiten.

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