Juist – mit Mama und Celine Dion

Kurz vorm Sommerloch habe ich mir meine Mama eingepackt und bin mit ihr nach Juist gefahren. Juist – die schönste Nordseeinsel und das von meinen Eltern am meist angesteuerte Urlaubsziel meiner Kindheit. Juist war für mich als Kind der größte Abenteuerspielplatz. Schlafenszeiten und andere Verpflichtungen existierten auf der Insel nicht. Auf Juist bin ich den ganzen Tag Fahrrad gefahren. Oder Ponykutsche.
Wenn mir heute auf der Berliner Straße der Wind durch die Ohren pfeift oder ich höre, wie große Stofffahnen durch den Wind an ihre Mäste geschlagen werden, schalte ich automatisch in den Juister Erinnerungsmodus. Sogar mein Gehirn gaukelt mir dann vor, salzige Meeresluft zu riechen.

Ganze 20 Jahre war ich nicht mehr auf Juist. In diesen 20 Jahren habe ich aber oft an die schönen Zeiten auf Juist gedacht. Es ist nicht so, dass ich Juist je bewusst vermisst habe oder ständig daran dachte, irgendwann noch einmal dorthin zurückzukehren. Es kam mir noch nicht mal in den Sinn, Juist als Reiseziel vorzuschlagen, als meine Mutter und ich vor kurzem unseren alljährlichen Urlaub planten.
Ich wollte nach Formentera. Doch dieser Vorschlag wurde kurz und knapp zerschlagen, als meine Mutter verkündete, aus Angst vor Terroranschlägen nie wieder fliegen zu wollen. „Lass uns mal lieber mit dem Auto fahren. Dann können wir wenigstens schön singen und Päuschen machen!“

Mit meiner Mama stundenlang im Auto zu sitzen und zu Celine, Whitney oder Mariah zu singen, war ein guter alternativer Plan. Doch die erste und vielleicht größte Enttäuschung des ganzen Urlaubes, tischte sich schon auf, als mich meine Mutter vom Düsseldorfer Hauptbahnhof abholte:

Panisch suchte ich nach einem USB-Stecker im Auto meiner Mutter, mit dem wir am darauffolgenden Tag von Düsseldorf aus nach Norddeich fuhren, um mit der Fähre (barrierefrei!) rüber auf die Insel zu setzen. Mit meiner eigenen Best-of-Dion-Liste, die wir dank des vorhandenen USB-Steckers auf den knapp drei Stunden Autofahrt rauf und runter hörten. Gott sei dank.

Und Juist? Juist war wunderschön. Mit meinem Handbike bretterte ich in alter Vertrautheit durch die Straßen, wich gekonnt plattgefahrenen Pferdeäpfeln aus und fuhr bis an die Enden der Stege am Strand*, um meinem Gehirn zu beweisen, dass es auch noch den echten, uneingebildeten Geruch von salziger Meeresluft gibt.

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Die nächsten Tage beschränkte sich unser Leben auf das Folgende: Morgens an den Strand, dann schwimmen, dann wieder Strand und immer essen. Und zwischendurch stellte meine Mutter mal wieder einiges fest:

„Mir tut es beim Atmen weh. Genauso fängt bei mir ne Gallenkolik an.“

„Ich kann nicht schlafen. Ich hatte bestimmt schon über 20 Hitzewallungen.“

„Ich kann nicht schlafen. Mein Knie.“

„Mein ganzer Körper juckt. Das liegt an dem Mückenstich.“

„In diesem Aufzuglicht sehe ich immer krank aus.“

„Ich sehe aus, als hätte ich die Schwindsucht. Das ist dieses Aufzuglicht.“

„Ich sehe aus, als wäre ich tot krank. Das liegt am Aufzuglicht.“

„Bei diesem Licht im Aufzug bekomme ich Depressionen.“

Ich liebe die Zeit mit meiner Mutter und merke – auch wenn ich immer dagegen angekämpft habe – dass ich ihr immer ähnlicher werde. Und das ist gar nicht mal so schlimm, denn meine Mama ist ne ziemliche Bombe. In jeglicher Hinsicht.

*In der juister Touristeninformation kann man zwischen zwei verschiedenen Strandrollstühlen wählen, um gemütlich bis ins Meer zu fahren.
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15 Gedanken zu „Juist – mit Mama und Celine Dion

  1. Pingback: Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2017 | Frau Gehlhaar

  2. Hi, sorry erst mal, dass ich den neuesten Blogbeitrag für eine allgemeine Frage benutze. Bin über den VICE-Artikel hergekommen (jaja, ich weiß).

    Was hälst du als Frau im Rollstuhl davon, wenn ein Mann dich mit „Hey, bist du vom Himmel gefallen?“ anspricht? Total unangemessen? Lustig? Zu offensichtlich?

  3. Ein sehr schöner und lebendiger Blog mit tollen Fotos von der Insel! Freut mich, dass Sie nicht enttäuscht wurden und es Ihnen so gut gefallen hat.

    P.s: die Disziplin „Pferdeäpfelslalom“ gibt es exklusiv nur bei uns und am Wetter arbeiten wir noch 😉

    LG aus Juist

  4. Cool, ich bin durch das Magazin heute morgen aufmerksam geworden. Ich habe schon lange nicht mehr so viel inspirierendes über eine, mir bis dahin fremde Welt, gelesen. Zu blöd, dass ich noch anderes zu tun habe. Sie haben einen Fan gewonnen. Über das Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo hab ich herzlich gelacht. Aber das ist sicher eine Fiction. Alles Gute weiterhin. Raphael

    • Hallo Raphael.
      Nein, leider ist das Rollstuhl-Bullshit-Bingo keine Fiction. Im Sommer, bei schönem Wetter, wenn viele Menschen unterwegs sind, kann man innerhalb einer Woche mindestens die Hälfte schaffen. Eigendlich fehlt noch der Radfahrer, der abspringt um einen den letzten Meter den Hügel hinauf zu schieben und „Warten Sie, ich mache Ihnen die Tür auf.“ (Dabei geht es schneller, wenn ich es alleine mache.)

  5. Ich habe gerade deinen Auftritt beim ZDF verfolgt. Supi! Eine tolle junge Frau mit wachen Augen und klugem Verstand. Ich habe mir gleich deinen Blog angeschaut.Ein tolles reines Design, klare Worte und ein außergewöhnlicher Schreibstil über ein Thema, das irgendwann mal gewöhnlich werden sollte. Danke für die Mitnahme auf die Insel. Ich bin immer bemüht, einmal im Jahr das Meer sehen und riechen zu können. Ich kann dich gut verstehen.

  6. Ich glaube, ich habe noch nicht einen einzigen Blogbeitrag kommentiert. Nicht nur hier nicht, sondern generell. Aber: Du sprichst mir aus der Seele! Ich habe 15 Jahre lang jeden Sommer (manchmal auch Ostern + Herbst) mit meiner Familie auf Juist verbracht. Letztes Jahr (nach 12 Jahren Juist-Abstinenz) sind wir dann auch mal wieder dahin gefahren und es war großartig :). Pure Kindheits-Erinnerungs-Glücksgefühle.

  7. Guten Tag Frau Gehlhaar,
    Ich wollte schon mehrmals Urlaub auf Juist machen aber es kam immer etwas dazwischen. Mittlerweile bin ich Mutter von Zwillingsmädels und bin überrascht dass sie geschrieben haben, sie hätten als Kind immer viel Spaß dort während des Urlaubs gehabt. Ich bin immer davon ausgegangen dass diese Insel eher Einsamkeit bietet. Würden Sie sagen dass sie trotzdem für Kinder auch geeignet ist? Für ein paar Tipps wäre ich ihnen dankbar. Liebe Grüße Nadine

  8. Danke. Ich habe wirklich herzhaft gelacht als ich diesen Blog, so heißt das doch oder?, gelesen habe.
    Ich finde es großartig wie Du schreibst liebe Laura. Grüße auch an Deine bombastische Mama von mir!

  9. Liebe fraugelhaar,

    an T’s Geburtstag fuhr ich am Bodensee lang, hörte Dein Interview auf B2 und habe mich sehr amüsiert!
    Nach dem gerade gelesenen Bericht, glaube das heißt auch Blog, muss ich Dich unbedingt abonnieren. Und im September kaufe ich mir Dein Buch. Und Deine Mama ist ne Riesen-Bombe.
    Sei umarmt
    Aggi

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