Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2016

Zwischen seelischen Abgründen, schlaflosen Nächten, fettigen Haaren und noch fettigerem Essen, habe ich mir endlich mal wieder ein wenig Zeit für meinen geliebten und stark vermissten Monatszyklus genommen. Auch um zu beweisen, dass ich außerhalb meines Buchschreibens noch irgendwie sowas wie ein Leben habe. Ich übertreibe, ich weiß. Aber ich liebe es, zu übertreiben.

Herzlich Willkommen bei Frau Gehlhaars Monatszyklus über geile Bilder und geile Frauen.

Monatshighlight

Wenn man das Wort besoffen mit mir in Verbindung bringt, finde ich das schon mal gut. Nicht, weil ich ständig besoffen im Slalom durch Berlin heize und irgendwelche Straßenschilder umniete, sondern weil dieses Adjektiv in einem positiv lustigen Zusammenhang benutzt wird. Ja, ich weiß, ich freue mich hier über eine Nichtigkeit, aber wann kommt es schonmal vor, dass mir eine gewisse Coolness fürs Rollstuhlfahren attestiert wird, wenn das Wort besoffen fällt?

Laura Gehlhaar erzählt, dass sie immer ein sportlicher Typ gewesen sei – und das auch heute noch ist, sie liebe Bewegung. In ihrem Blog schreibt sie sehr ehrlich und persönlich über sich, ihr Leben, ihren Alltag und auch Reaktionen auf ihre Behinderung. Sie schreibt, dass sie manchmal besoffen Rollstuhl fährt – aber auch wie fremde Menschen mit ihr umgehen, die sie oft ohne Vorankündigung tätscheln oder Dinge sagen wie: „Du bist doch viel zu hübsch, um behindert zu sein.“ Oder: „Toll, wie du dein Schicksal meisterst.“

In der Sendung Neugier genügt auf WDR5 gab ich, wie ich finde, mein bisher schönstes Radiointerview. Völlig tiefenentspannt, ohne Aufregung und mit ganz viel Spaß erzählte ich ein bisschen über meinen Alltag, in dem Diskriminierung, Vorurteil und andere Arten von Ausgrenzung nunmal eine Rolle spielen. Es ist kein Interview, in dem sich nur auf Negatives konzentriert wird und doch mussten manche Dinge, wie Gesetzeslagen und dringende Wünsche, die mir als Frau mit Behinderung sehr wichtig erscheinen, genannt und besprochen werden. Und am Ende geht es dann doch auch um Essentielles, wie Reisen, nicht-kochen und den Mann.

Monatsmagazin

Es gibt vieles, was man lesen sollte. Es gibt einiges, was man besser nicht lesen sollte. Und es gibt die Barbara. Die sollte man sich diesen Monat unbedingt noch schnell besorgen, weil…

Jaaa, genau! Das neue Tatort-Team aka Ninia LaGrande und Frau Gehlhaar schmücken so manche Seite im aktuellen Magazin Barbara. Zu kaufen an jedem Kiosk. Und weil das ein professionelles Fotoshooting mit einer super Fotografin, Valeria Mitelman, war und wir dadurch extrem geil aussehen, wie ich ich finde, habe ich Valeria gebeten, gleich mal meine Wampe wegzuphotoshoppen. Das hat zwar nicht ganz geklappt, aber ich habe auch schöne Schuhe!
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Monatserlebnis

Bei der Fachveranstaltung „Online trifft Offline – Feministische Diskurse und Strategien“ durfte ich einen Input geben zum Thema Inklusion heute: Digitales Empowerment als Chance und Herausforderung. Kern des Statements war es zu zeigen, wie gesellschaftliche Minderheiten das Netz für sich und ihre Stimme nutzen können. Das Internet hat meine Behinderung sichtbar und hörbar gemacht. Es ist gut zu sehen, dass immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen das Netz nutzen, um auf ihre Lebensrealität aufmerksam zu machen. Das Netz fungiert dabei als eine Art Spiegel der Gesellschaft, die von Vielfalt geprägt ist. Durch das Internet und den damit verbundenen Einblick in verschiedene Lebensrealitäten bietet sich die Chance, seine eigene Sichtweise, eigene Privilegien und Ansichten zu reflektieren und sie zu hinterfragen.
Und weil es sich bei der Veranstaltung um eine Feministische Veranstaltung handelte, widmete ich ganz frei meinen Vortrag den Frauen, die nur eine ganz leise, bzw. gar keine Stimme im Netz haben. Frauen, denen es an Möglichkeiten fehlt, aufgrund einer Lern- oder anderen kognitiven Behinderung, im Internet auf sich selbst und ihre Lebensrealität aufmerksam zu machen.
Wenn ich mich in Berlin auf die Suche machen muss nach einer Gynäkologischen Praxis, die einen höhenverstellbaren Untersuchungsstuhl hat, und ich an meiner Suche fast verzweifle, weil es in einer Metropole wie Berlin tatsächlich nur eine einzige Praxis gibt, die barrierefrei ist, ist das ein kleiner Skandal, wie ich finde. Und was mache ich dann? Ich greife zum Handy und twittere darüber. Ich mache diese Art von Diskriminierung öffentlich.
Frauen, die aufgrund ihrer kognitiven Behinderung in Wohnheimen leben müssen und nicht selten keinen Internetzugang haben oder auf andere Kommunikationskanäle zurückgreifen können, haben auch keine Chance, auf ihre Lebensrealitäten aufmerksam zu machen. Sie haben keine Stimme im Netz und auch nicht im „Real Life“, die ihre individuellen Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt laut ins Land ruft. Dabei erfährt jede zweite bis dritte Frau, die aufgrund ihrer Behinderung in einem Wohnheim lebt, Auswirkungen von Gewalt.

Es war die erste Veranstaltung, bei der ich als Speakerin auftrat, die erstmal nichts mit Inklusion zu tun hatte. Das ist eine bittere Feststellung und ich wünschte, es würden noch viel mehr Organisatoren Menschen mit Behinderung eine Plattform bieten, um ihre Veranstaltung kulturell zu bereichern.

Monatsbegegnung

Kübra Gümüşay ist Journalistin, Bloggerin, Mama, Politikwissenschaftlerin, Feministin und seit diesem Monat eine meiner größten weiblichen Vorbilder. Ich traf sie auf der Veranstaltung „Online trifft Offline“ in Duisburg zum ersten Mal und war sofort hypnotisiert von ihrem sehr klaren, offenen und bodenständigen Auftreten. Mit ihrem Blog Ein Fremdwörterbuch bricht sie mit Stigmata und gibt all denen eine Stimme, die sonst medial eher stumm gehalten werden. Sie erzählt von Vorurteilen, die sie als Deutschtürkin erfährt; von sich wundernden Menschen, wenn sie als Kopftuchträgerin – für viele ein Symbol der Unterdrückung – den Mund aufmacht, Kritik äußert, Meinungen vertritt und (!) fließend (!) Deutsch (!) spricht. Und ja, das alles legt sich wie eine Schablone über meine eigene Landkarte des Lebens mit den ganzen Dörfern voll mit Vorurteilen und den Einbahnstraßen an Alltagsdiskriminierungen, die ich als Frau mit Behinderung erfahre.

Und dann saß ich da in der ersten Reihe auf dieser Veranstaltung, auf der ich gleich sprechen müsste, und hörte Kübras ehrlichen, starken und wahren Worten zu, die mich so sehr berührten, mein kaltes Herz erwärmten und mich zum heulen brachten.
Zum Glück waren zwischen Kübra und mir noch zwei andere Frauen mit ihrem Statement an der Reihe, so dass ich kurz Zeit hatte, meine Tränen zu trocknen und noch einmal tief durchzuatmen.

Und wer sich ebenfalls mitziehen lassen möchte von dieser tollen Stimme, hört sich Kübras Radiointerview „Wir haben die Pflicht, uns zu empören!“ an.

Monatsvideo

Diesen Monat wurden mir so viele Links mit Videos und Filmen in die Timeline gespült, dass ich es nicht wagen möchte, mich für nur eins zu entscheiden. Deshalb kommt hier eine kleine Auswahl für den individuellen Geschmack und die tagesabhängige Stimmung!

Auf Arte kann man sich gerade den Kurzfilm „Nimm mich“ anschauen. Der Film bietet einen sehr (!) intimen Einblick in das Sexleben eines Paares, das in einem Behindertenheim lebt. Ein Mitarbeiter assistiert ihnen im sogenannten “Intimitätszimmer”.
Ich muss ehrlich gestehen, dass selbst ich, die denkt, sie hätte schon alles gesehen, bei diesem Film schlucken musste und die ein oder andere Schamröte durch mein Gesicht fegte.

Jeder zehnte Mensch in Deutschland hat eine Behinderung – aber warum nehmen wir Menschen mit Behinderung in unserem Alltag so selten wahr? ze:tt hat mit Raul Krauthausen gesprochen und ist dieser Frage mal auf den Grund gegangen.