Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2015

Ach du scheiße, es ist schon wieder Weihnachten! Die Zeit rast, mein 33-jähriger Geburtstag rückt näher und die Phase der Akzeptanz meiner nicht mehr verschwindenden Schlaffalte am linken Auge hat begonnen.

Es ist an der Zeit, kurz stillzustehen und sich die Ereignisse des letzten Monats noch einmal genau anzusehen. Herzlich Willkommen bei Frau Gehlhaars Monatszyklus über Hass und Bosheit und tolle Aktionen als kleine Lichtblicke. Warum man den Glauben an das Gute im Menschen gerade in diesen Tagen niemals verlieren darf und die Liebe immer gewinnt.

Monatshighlight

Selten hat mich ein Text so traurig und fassungslos nach dem Schreiben zurückgelassen. Es ist etwas passiert, das mich sehr gekränkt und meine Würde verletzt hat. Ich wurde beleidigt und beschimpft und fühlte mich macht- und wehrlos. Die Begegnung mit dummen, bösen Menschen habe ich in dem Text „Krüppel-DNA gehört ausgerottet“ niedergeschrieben und auf diese Art versucht, sie zu verarbeiten. Doch das soll und darf nicht als offizielles Monatshighlight verbucht werden! Dafür will ich hier keinen Raum mehr geben. Mein ganz persönliches Monatshighlight ist die Reaktion meiner LeserInnen auf dieses Erlebnis! Reaktionen von Mitgefühl, Verständnis, Wut und ganz viel Zusprechen von Mut und Liebe. Noch nie habe ich mich Menschen so nahe gefühlt, denen ich noch nie zuvor begegnet bin. Und das allein durch die vielen Nachrichten auf allen Kanälen, die mich nach der Veröffentlichung des Textes erreicht haben. Ich fühlte mich von jedem verstanden und das ist eines der stärksten Gefühle, die ich kenne. Ich danke euch.

Monatslink

Letzten Monat bekam ich eine sehr herzliche Anfrage von dem österreichischen Online-Magazin Better than ever, ob man einen Artikel über mich schreiben dürfe. Na klar! Und hier ist das gute, kurze Stück, inmitten von anderen Artikeln über andere tolle Frauen, die durch Taten und Projekte andere motivieren und inspirieren.

Monatsaktion

Frauen, Männer und Kinder, die vor Krieg und Armut mit gefährlichen Mitteln flüchten mussten, brauchen Menschlichkeit und Unterstützung. Sie brauchen Nahrung, warme Kleidung und eine Zukunft, in der sie Frieden und Ruhe erfahren können. Und jeder kann hierzu einen kleinen Teil beitragen.
Mit dem Projekt ‪#‎HelpDontHate‬ meiner lieben Kollegen aus der Blogfabrik startete am 30.11 ein Fundraising für Geflüchtete und man kann immer noch spenden.

Stufen sind eine alltägliche Barriere für Millionen von Menschen weltweit – ob mit Rollstuhl, Gehhilfe oder Kinderwagen. Das wissen auch wir von den Sozialhelden und riefen mit Map My Day – Sei die Bewegung! am 3.12 dazu auf, mitzuhelfen und mit ein paar Klicks auf der Online-Karte Wheelmap.org Orte einzutragen, nachdem sie auf ihre Barrierefreiheit untersucht wurden. Seit der Aktion wurden über 22.000 neue Orte auf auf der wheelmap eingetragen, sodass wir inzwischen bei über 600.000 Orten weltweit sind. Und natürlich können immer weiter neue Orte Markiert werden! Für mehr Freiheit und Rock’n’Roll.

Monatsbegegnung

Am 3.12 war der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung und seitdem hänge ich mit dem Mann im UN-Hauptquartier in New York. Nicht physisch, aber für alle sichtbar, festgehalten für die Ewigkeit auf einer Fotografie. Ein Bild, das keine großen Worte braucht, um zu erzählen, was Inklusion bedeutet.

Foto: Andi Weiland

Foto: Andi Weiland

Das Foto zeigt mich und den Mann von hinten, wie wir händchenhaltend durch die Hinterhöfe der Blogfabrik spazieren. Ein bisschen Liebe zwischen Backsteinhäusern und Baustellen. Und auch wenn es für den Mann und mich nichts Besonderes ist, Hand in Hand durch die Stadt Berlin zu flanieren, ist es ein Bild mit gesellschaftlichem Seltenheitswert. Wir merken es an den verwundernten Blicken der Passanten. Oft werden wir angelächelt, was natürlich schön ist, aber es zeigt eben auch, dass das Bild eines inklusiven Paares, von dem eine/r eine Behinderung hat und die/der andere nicht, für deutlich mehr Reaktionen sorgt, als bei dem typischen Mann-Frau-Bild, bei dem niemand eine sichtbare Behinderung hat. Das Bild ist nicht nur schön und liebevoll, wie ich finde.
Es zeigt etwas Außergewöhnliches in seiner Normalität. Und das ist Liebe.

Und weil die Liebe immer gewinnt und Andi Weiland einfach ein toller Fotograf ist, wurde das Bild mit zehn anderen Fotos aus der ganzen Welt für die ‚UN Photo Exibition‘ ausgewählt.

„…We are pleased to inform you that your photograph has been selected for the UN Enable Photo Exhibition 2015 and will be incorporated in the commemorations of the International Day of Persons with Disabilities at UN Headquarters in New York on December 3. Your photograph will include the title, caption and name of photographer, as submitted in the Copyright release form. The final ten images will also be posted on the UN Enable website, and may be used in our outreach efforts. We received over 150 photograph submissions from around the world. The final ten images were selected by an in-house Committee of UN officers and staff at the UN Departments of Economic and Social Affairs, and Public Information.“

Monatsvideo

Selten hatte ich ein Telefonat mit einem Journalisten, der sich so natürlich, interessiert und geistreich mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt hat, wie vom Magazin PULS des Bayrischen Rundfunk. Umso mehr freute ich mich auf das Endprodukt, das die Frage „Sind uns Behinderte egal“ sehr authentisch aufgreift und jetzt in einem Film zu sehen ist.

Monatsliebeserklärung

Und die geht ganz stark an meine LeserInnen. Danke für eure Anteilnahme, das Lesen meiner Texte, die Kritik, die kleinen Liebeserklärungen zwischendurch und das Mutmachen. Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit euch und wünsche euch und den Menschen, wo das Herz dran hängt, eine Frohe Weihnacht!

Und jetzt Alkohol.

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3 Gedanken zu „Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2015

  1. Pingback: Markierungen 12/24/2015 - Snippets

  2. Hallo Frau Gehlhaar,

    durch Zufall bin ich auf Ihren Blog gestoßen. Mich zieht in den Bann, wie Sie „trotzig“ gegen blödsinnige Vorstellungen von behinderten Menschen ankämpfen. Der Satz „Ich möchte nicht geheilt werden“ in einem Fernsehbericht ist da herausstechend. Die meisten nichtbehinderten Menschen werden das niemals nachvollziehen können. Auf den zweiten Blick kann ich die Haltung einiger Rollstuhlfahrer, nichts an ihrem Körper ändern zu wollen, doch nachvollziehen, vor allem bei jenen, die seit Geburt oder von früher Kindheit an auf den Rollstuhl angewiesen sind. Ich habe im Netz gesehen, daß es sogar Grabenkämpfe zwischen jenen, die sich mit ihrer Behinderung eingerichtet haben und jenen, die sich sehnlichst den Durchbruch zur Heilung von Behinderungen in der Medizin herbeisehnen, gibt. Auf jeden Fall kann es noch spannend werden, wenn der Durchbruch einmal da ist und einige die Behandlung tatsächlich ablehnen werden. Ich glaube, daß der Durchbrauch eines Tages kommen wird und es eine Frage der Zeit ist.

    Ich habe den Eindruck, daß oft einfach der Wille fehlt, Rollstuhlfahrern wirklich alles zugänglich zu machen. Es müssen nicht immer und überall Aufzüge sein, zumal Aufzüge bei Stromausfall nicht laufen oder auch sonst störanfällig sind wie alle elektronischen Einrichtungen. Rampen mit Hilfsgeländer sind immer einsatzbereit und können meistens mit wenig Aufwand hergestellt werden. Wenn aufgrund örtlicher Begebenheiten nur eine recht steile Rampe kurzfristig herstellbar ist, wird zumindest die Arbeit von Hilfspersonen erleichtert. Es ist doch ein unhaltbarer Zustand, daß Rollstuhlfahrer mit der Bahn riesige Umwege fahren müssen oder Einstiegshilfen 24 Stunden vorher angemeldet werden müssen. Es ist nicht zuviel verlangt, daß Zugbegleiter oder der Zugführer beim Einstieg helfen und einfache, an die Bahnsteighöhen anpaßbare Rampen für alle Züge angeschafft werden. Bei der Dürener Kreisbahn habe ich einmal gesehen, wie einfach das gehen kann. Als ein paar Rollstuhlfahrer aussteigen wollten, kam der Zugführer zur Türe und hat per Hand eine Rampe herunter- und nach dem Ausstieg der Rollstuhlfahrer wieder eingeklappt.

    Ich fände es noch besser als sich mit der Unzugänglichkeit von Orten abzufinden, wenn Rollstuhlfahrer vorher anrufen und einfach nach Zugangshilfe durch Mitarbeiter fragen. Es mag sein, daß einigen Dienstleistern die Hürden für behinderte Menschen noch nicht bewußt war, bis jemand angerufen und nach Hilfe zum Zugang gefragt hat. Das kann der Anstoß sein, sich eine bewegliche Rampe anzuschaffen. Wenn die Nachfrage auch von leitenden Mitarbeitern abgewimmelt wird, ist klar, daß man sich nicht um die Bedürfnisse von behinderten Menschen schert. Es gibt heute eine wirksame Waffe: Bewertungen im Netz und in den Medien. Wenn ich lese, daß man sich in Gaststätte XY weigert, Rollstuhlfahrern beim Zugang zu helfen oder behinderte Menschen abschätzig behandelt, werde ich als nichtbehinderter Mensch dort ebenfalls nicht hingehen und anderen davon abraten. Neben völlig gleichgültigen Zeitgenossen gibt es auch andere, die sich von solchen Dienstleistern abgestoßen fühlen. Auf die Bahn bin ich leider angewiesen. Sonst wäre es angemessen, dieses Unternehmen ebenfalls zu meiden.

    Schöne Weihnachten und ein gutes neues Jahr,

    Alexander Dietz

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