„Krüppel-DNA gehört ausgerottet“

Wir hatten Hunger und entschieden uns spontan für den Burritoladen bei mir um die Ecke. Ich war mit meiner hochschwangeren Freundin schon vor Ort, der Mann kam mit einem Freund ein paar Minuten später dazu. Wir bestellten unser Essen und redeten über rote Hosen und Plazenten.
Dem Freund des Mannes fielen die beiden Typen mit Steppjacke und Jogginghose als erstes unangenehm auf. Beim Betreten des Ladens schienen sie direkt den ganzen Raum für sich in Anspruch zu nehmen. Ihre tiefen Stimmen hoben sich leicht vom üblichen Geräuschurwald der anderen Gäste ab. Ich ignorierte die beiden Typen, unterhielt mich weiter mit meiner Freundin und versuchte sie davon zu überzeugen, ihre Tochter in Spe Laura zu nennen.

Erst als ich zum wiederholten Mal das Wort „Spasti“ links hinter mir vernahm, stellte ich meine Überredungskünste ein und konzentrierte mich unauffällig auf das Gerede der beiden Männer. Aus dem Augenwinkel versuchte ich sie zu mustern und den Werdegang der Situation einzuschätzen. Ich wollte mir sicher sein, ob meine Erscheinung als Frau im Rollstuhl hier nun eine Rolle spielt oder nicht.
„Behinderte Fotze“ war das nächste, was mir vom dickeren der beiden Typen aus einem Meter Entfernung entgegen kam. Abrupt drehte ich mich um, setzte zum verbalen Gegenschlag an und verschluckte sofort all meine Wut in dem Augenblick, wo ich mir den großen, breiten Typen mit dunkelblauer Steppjacke, grauer Jogginghose und schwarzen Haaren genauer anschaute. Reste von Tätowierungen wuchsen aus den Jackenärmeln an seinen Handgelenken und dem Kragen der Jacke an seinem Hals hervor.
Ich versuche, Menschen so gut es geht, nicht aufgrund ihrer Äußerlichkeiten in Schubladen zu pressen und natürlich weiß ich, dass Tätowierungen nicht gleich auf aggressive Vollidioten schließen lassen, aber hier war es anders. Ich bekam Angst, als ich diesen Menschen sah. Es war ein unangenehmes Gefühl, das ich als persönliche Warnung interpretierte.
Als ich mich wieder umdrehte, fiel der wohl ekelhafteste Satz, den ich bisher in Bezug auf Behinderung gehört habe: „Krüppel-DNA gehört ausgerottet.“ Daraufhin erfolgte Gekicher und Gelächter. Ich schluckte. Der Mann sah mich besorgt an, stand vom Tisch auf, eilte zu mir rüber und wollte wissen, was da gerade gesagt wurde. Ich schwieg ihn an.

Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich wegen meiner großen Klappe irgendwann mal in ernsthafte Schwierigkeiten geraten würde.
Ich erinnere mich an andere Situationen, wo ich oder andere in meiner unmittelbaren Nähe Diskriminierung erfahren haben. „Sowas, wie dich hätte man vor 70 Jahren noch vergast“, sagte mir ein Mann in der U-Bahn, als er an mir vorbeihuschte. Lauthals schrie ich ihm hinterher, dass er mit seinem kleinen Pimmel woanders rumwedeln solle. Die anderen Fahrgäste hatten diesen „Austausch“ mitbekommen und ein paar sprachen mir danach anerkennend zu. Dass das alles auch in die Hose hätte gehen können, der Typ auf mich losgehen und mich verletzen hätte können, hatte ich damals erst im Nachhinein bedacht. Und wenn ich gar nichts gesagt hätte, wären mir die Leute, die mir gerade noch anerkennend auf die Schulter klopften, im Notfall zu Hilfe geeilt?
Einmal beobachtete ich in der U-Bahn, wie drei Jugendliche einem Jungen die Turnschuhe abzocken wollten. Der Junge saß verängstigt auf seinem Platz und konnte sich nicht wehren. Es waren noch zwei andere Fahrgäste im Abteil, die die Situation ebenfalls bewusst wahrnahmen.
Irgendwann sagte man mir, dass man im Notfall Passanten zum Handeln mobilisieren soll, wenn man sich selbst nicht in der Lage fühlt, aktiv zu werden. „Wenn Sie da jetzt nicht eingreifen, mache ich das und Sie sind dann Zeuge!“, sagte ich laut zu dem Mann, der mir schräg gegenüber saß. Ich wartete die Reaktion des Mannes gar nicht mehr ab und drohte den drei Jugendlichen laut, dass ich gerade die Polizei gerufen habe. Bei der nächsten Station stiegen sie aus.

Auch im Burritoladen hätte ich gerne laut gebrüllt. Aber ich hatte Angst. Seit meinem Schädelbruch vor zwei Jahren habe ich Angst um meinen Körper und um meine Gesundheit. Wäre der große Typ auf mich losgegangen, hätte er mich ernsthaft verletzen können. Und dafür hätte er sich noch nichtmal anstrengen müssen. Ich hatte zum ersten Mal Angst, dass mich meine große Schnauze in ernsthafte Schwierigkeiten hätte bringen können. So, wie es mir meine Mutter immer eingebläut hat.

Und ich hatte Angst um den Mann, der kurz davor war, auf die beiden Idioten zuzurennen und zuzuschlagen, wenn ich nicht geschwiegen und ihm die ekelhaften Worte wiedergegeben hätte. Wider meiner Natur entschied ich mich bewusst dafür, so schnell wie möglich dort weg zu kommen. Auch weil da der Mensch involviert war, dem kein Haar gekrümmt werden darf und dessen Sicherheit mir wichtiger war, als irgendeine Verteidigung.

Der Abend war dann erstmal gelaufen. Wir verließen ohne etwas gegessen zu haben den Laden und waren schockiert von so viel Hass und Dummheit.

Die Qual, die wir danach erlebten, ist dass wir nichts dagegen gemacht haben. Man hat das Gefühl, diesen Vollpfosten das Feld und somit die Macht überlassen zu haben.
Was jetzt hilft, ist diese Geschichte öffentlich zu machen, sichtbar zu machen, dass diese Art von Diskriminierung existiert und jedem passieren kann. Denn im Grunde ging es primär gar nicht um meine Behinderung, sondern um den allgemeinen Stempel des Opfers, den jeder von solchen dummen Menschen aufgedrückt bekommt, der einer Minderheit angehört. Würde ich Merkmale, die meine Religion oder ethnische Herkunft verraten, nach außen tragen, wäre ich wohl ebenfalls Opfer irgendwelcher Beleidigungen dieser beiden Männer geworden. Das macht die Sache nicht besser, aber irgendwie erträglicher.

Ich muss das jetzt erstmal für mich verarbeiten.

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52 Gedanken zu „„Krüppel-DNA gehört ausgerottet“

  1. Erstaunlich, dass man ohne Hirn und ohne Herz überleben kann… Irgendwie sind solche Zombies für mich absolut gruselig und die Gefahr von so einem Typen verletzt oder sogar getötet zu werden wird uns wohl leider als reale Gefahr im Bewusstsein bleiben müssen um im entscheidenden Moment die Klappe halten zu können, nicht aus Feigheit sondern aus Cleverness.

  2. Pingback: Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2015 | Frau Gehlhaar

  3. Wir haben derartige Sprüche (besonders das mit dem Vergasen) schon oft gehört. Ihren Konter merke ich mir hoffentlich, aber ich bin eigentlich immer zu entsetzt bei sowas, um gut zu reagieren.

    Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Sie sich scheinbar nicht wohlgefühlt haben beim wortlosen Weggehen.

    Ich finde es schade, dass einige Kommentare hier auch in Richtung „weghören“ gehen. Das macht es nicht besser und es ist und war schon zu oft das Verhängnis für Menschen, dass anderen Menschen weggeschaut haben.

    Andere Menschen in Ihrer Würde herabzusetzen, wie hier tw. in den Kommentaren geschehen, halte ich aber auch für die falsche Lösung. Die Menschenrechte gelten für alle Menschen.

  4. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, wo derartiges zwar nicht ausgesprochen – weil politisch inkorrekt – aber gelebt wurde. Aufgrund der fortschreitenden Behinderung meiner Mutter, die noch selbst als Kind das Verschwinden Behinderter bewusst miterlebt hat, waren wir als Familie gezwungen uns damit bewusst auseinanderzusetzen. Es brauchte Jahre, bis wir unsere Mutter soweit hatten, dass sie im Rollstuhl das Haus verließ und jeder solche Kommentar und es gab in den 80ern und 90ern noch viel mehr als heute, führte dazu, dass wir erneut kämpfen mussten, dass sie sich in ein Konzerthaus oder Ausstellung wagte. Ein Restaurant war damals nahezu undenkbar.

  5. Ich finde es schockierend, wie einige über Menschen mit Behinderungen denken und sprechen.
    Wir sollten sie zuerst als Menschen und nicht als “behindert” wahrnehmen. Leider habe ich den Eindruck, dass
    sich ableistische Denkweisen nicht nur sog. “bildungsfernen Bevölkerungsschichten” vorkommen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft und auch bei Akademiker*innen. Eine Medizinstudentin meinte dass es besser wäre, wenn Menschen mit Down-Syndrom gar nicht erst auf die Welt gebracht würden. Ich habe ihr gesagt, dass ich das anders sehe und Menschen mit Behinderungen ein Recht auf Leben haben. Leider denken sehr viele, dass Behinderung überwiegend mit Leid und Krankheit verbunden ist. Ich denke, dass und Menschen mit Behinderungen auf Dinge aufmerksam machen können, die uns vielen nicht mehr auffallen. Sie freuen sich bspw. über die Tiere in der Natur und verfügen über eine hohe Empathie.
    Was mir an dem Beitrag weniger gefällt ist die m.E. unreflektierte Verwendung des Wortes “Idiot” – Der Begriff wurde in der NS-Zeit und auch schon früher für psychisch kranke Menschen und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung benutzt. Ich kann verstehen, dass derart menschenverachtende Beleidigungen fassungslos und wütend machen, jedoch sollten wir uns nicht auf die sprachliche Ebene rechtsradikaler Aggressoren begeben.

  6. Naja, jeder hat heute das Recht sich bestmöglich idiotisch und vollkommen daneben zu verhalten. Mich machen solche Typen zornig, wütend und traurig zu gleich, wenn sie solche „Heldentaten“ brauchen um besser als andere zu sein.
    Statt sich die Hände an solchen Typen schmutzig zu machen denke ich mir bei solchen Situationen immer „ruhig bleiben. Eines Tages gerät die Type an den vollkommen Falschen und dann bekommt er seine eigene Medizin zu spüren“.
    Nur Mut, Dummheit und Idiotie ist in der Gesellschaft auf dem Vormarsch, aber es gibt auch die anderen, die Menschen so akzeptieren wie sie sind.

  7. Pingback: Die kaiserliche Woche // KW 45 & KW 46 | Kaiserinnenreich

  8. Der Kommentar von Ulan_KA trifft meinen ersten Gedanken, das war auch ein sehr schwaches Auftreten des Personals/Geschäftsführers.

    Deine Reaktion war die einzig Richtige, leider kann fast jeder hier ein Lied über solche Situationen singen.
    Ich musste leider schon häufiger erfahren, was es bedeutet, in Situationen zu kommen, in denen nicht nur die Wort schmerzen bereiten.

    Ich würde mich nochmal im Laden sehen lassen, nicht um einen Burrito zu essen, sondern die Mitarbeiter auf die besagte Situation nochmal aufmerksam zu machen und zu rede zu stellen.
    Die beiden Herren sind vielleicht häufiger dort und namentlich bekannt.
    Eine Anzeige kann auch noch später geschrieben werden.
    Es gibt genug Zeugen, die die Situation mitbekommen haben…

    Gerade in diesen Zeiten, in denen sich Menschen mit solchen Meinungen auf die Straße trauen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen und auch noch meinen sie seien die Mehrheit, lohnt sich der Widerstand.
    Egal ob auf der Straße oder im Netz um Vorurteile und Unwahrheiten aufzudecken und zu widerlegen.

    Mich beeindruckt die Vielzahl der Kommentare, die zeigen, dass auch wenn man sowas immer wieder erleben wird, es immer noch Leute gibt die ihren Kopf nicht nur haben, damit es nicht in den Hals regnet.

  9. Man sollte irgendwo eine Insel kaufen und solche Typen dort absetzen. Dann könnten diese mit ihresgleichen zusammen leben. Bin mir absolut sicher, das nach kürzester Zeit wieder Beleidigungen untereinander an der Tagesordnung wären. Menschen mit dieser primitiven Hirnsubstanz können nur andere beleidigen und anmachen, weil sie mit ihrer eigenen Unfähigkeit sozial zu agieren nicht klar kommen.
    Bin selbst Rollstuhlfahrer und habe mittlerweile keinerlei Toleranz solchen Menschen gegenüber.
    Die müssten weg.

    • Oooookkkkayyy, ich schreibe 2 Jahre später unter dein Kommentar, deswegen sind die Chancen, dass du das liest 1 zu 1000000, aber egal, ich sage es einfach, DU SPRICHST MIR AUS DER SEELE. Solche Menschen MÜSSTEN EINFACH WEG!!! SCHLUSS, PUNKT, AUS.

  10. Du hast eine Kompetenz gezeigt, die überlebenswichtig ist. Zur rechten Zeit, am rechten Ort. Vergegenwärtige Dir, dass Du da eine unschätzbare Fähigkeit hast: Du kannst für Deine Sicherheit sorgen ohne den Kopf zu verlieren. 🙂
    Das arme, tätowierte Würstchen geht aus der Situation nicht klüger als zuvor. Es schwimmt weiterhin im eigenen Saft und hat schon vor langer Zeit angefangen, streng zu riechen (äußerlich wie innerlich).
    Die blockierende Erinnerung: Füttere sie möglichst nicht, lass sie vorüberziehen und lebe Dein Leben.
    Jede Minute, die Du zufrieden lebst, ist ein Schlag gegen solche kleinen Würstchen, ein Sieg, den Du jederzeit erleben kannst. Und wenn Du heute noch immer wieder von der Erinnerung eingefangen wirst: Gleich morgen beginnt ein neuer Tag, morgen kannst Du weiter siegen. Jede Minute.
    Denn Hass vergiftet das Leben und das Würstchen ist voll davon, es sorgt schon selbst für seinen Untergang.



    Ja, ich spreche aus eigener Erfahrung und mit ungebrochenem Kampfeswillen.

  11. Unglaublich…
    Aber trotzdem ein Teil unseres Alltags, hier hilft nur offensives Auftreten und das Verlassen der Szene mit erhobenem Haupt, was Frau Gelhaar wunderbar gelungen ist. Sich hier auf die Ebene der Aggressoren ‚herab‘ zu begeben, hätte diese nur bestätigt.

    • Ich frage mich hier, warum man nicht die Polizei angerufen hat !!!!! Natürlich muss man gegen solch dumme Menschen vorgehen. Der Trick in der U-Bahn war war perfekt. D
      as rufen der Polizei aus dem Restaurant wäre darum
      richtig gewesen.

      • Wenn man hier in der Schweiz in so einer Situation die Polizei anruft, wollen die erst mal so viele Fragen beantwortet haben, dass dich der andere schon mal abstechen kann, wenn er merkt, dass du die Polizei rufst – und meistens kommen sie dann nicht mal.

  12. Pingback: Markierungen 11/11/2015 - Snippets

  13. Ich würde vorschlagen Anzeige gegen die Person zu erstatten. Auch wenn kein Name des Täters bekannt ist, ist er bestimmt vorher schonmal straffällig geworden und vielleicht erinnerst Du dich noch genau an eines seiner Tattoos oder kannst weitere Merkmale beschreiben. Das hilft vielleicht etwas gegen die Ohnmacht.

  14. Ja, diese Beschreibung trifft mich auch sehr und ich kann die Angst und Bestürzung und den Abscheu gut nachfühlen. Und doch bin ich die ganze Zeit irritiert, bis ich den Kommentar von Tobias lese: „Gehirn-Krüppel DNA gehört ausgerottet.“ Da wird mir klar, was mich irritiert. Worin unterscheiden sich eigentlich die Kommentare von der ursprünglichen Aussage?
    Alle schreiben irgendwie „Da ist etwas, das mir Angst macht, das muss weg.“ Und das höre ich auch in dem Satz um den es geht.
    So einfach wird es nicht zu haben sein, wir werden das nicht einfach weg machen können. Wie groß muss die Not von jemandem sein, der so etwas sagt, wie klein fühlt er sich wirklich. Wollen wir ihn den kühl kalkulierenden Demagogen überlassen, nur weil wir ebenso voller Angst sind?
    In der Situation selbst hätte meine eigene Angst mir hoffentlich auch den Weg vor die Tür gewiesen, mit einigem Abstand wünsche ich mir, dass ich genauer hinsehen kann.

  15. Sie getrauen sich nun wieder ganz offen, die Widerwärtigen, Hohlen, Dumm gesoffenen, die Taugenichtse, die außer ihren Vorurteilen und ihrem sinnlosen Hass nichts haben. Die Ohnmacht unserer Volks(ver)treter, das kaum verstohlene Liebäugeln so mancher politischer Würdenträger und Institutionen mit den erschreckend erstarkenden politisch rechts sich Tummelnden – diese Dinge machen solche – ich mag das Wort kaum in den Mund nehmen – Menschen stark, stärker, als ihnen und uns gut tut…

  16. Ein ätzendes Erlebnis – ich finde es traurig, dass Ihr so etwas erleben musstet. Vollhonks!

    Die Reaktion war wahrscheinlich goldrichtig, um gesund aus der Situation zu kommen. Im Nachhinein bleibt trotzdem dieses Gefühl der Ohnmacht und der Schwäche, den Idioten das Feld überlassen zu haben. Ich kenne diese Frustration – aber man sollte da eine Grenze ziehen. Wenn man sich zusätzlich über die eigene (völlig richtige) Reaktion ärgert, dann hatten die Typen nicht nur Macht in dieser Situation, sondern auch in den Stunden und Tagen darauf.

    Ich frage mich, wie diese Menschen damit umgehen würden, wenn sie durch Krankheit oder Unfall plötzlich körperlich oder geistig selbst nicht mehr in gewohnter Weise leben könnten. Oder auch der Partner bzw. das Kind. Mal eben ausrotten bzw. sich selber vom „Leid“ erlösen? Diese kognitive Dissonanz müsste doch unerträglich sein.

  17. Hallo 🙂

    Ich finde es nicht nur schlimm, dass es solche Menschen noch gibt, sondern auch das in solchen Situation zu wenig Menschen einen „Hintern in der Hose“ haben und was dagegen tun. Ich kann nachvollziehen, dass du als einzelne Person nicht jemanden gegenüber trittst vor dem du Angst hast, aber ihr wart in einem Lokal und sicherlich haben diese Bemerkungen mehrere Menschen mitbekommen. Fünf Menschen hätten gereicht und statt dir wäre der Typ gegangen. Schade dass sich die Leute zu so etwas nicht aufraffen können.

    Hab noch eine schöne Woche 🙂

  18. Traurige Geschichte, fürwahr. Aber noch trauriger finde ich, dass in dieser Situation das nähere Umfeld nicht entsprechend reagierte, sofern es überhaupt bemerkt (sein wollte) wurde. So konnte dieser Monstertroll seinen Unrat über dich auskippen und kam schadlos und unbelehrt davon. Das tut mir Leid für dich.

    Aber es passt in das Muster, dass ich schon seit Längerem in Deutschland feststelle. Mit zunehmender sozialer Dunkelheit trauen sich mehr und mehr Trolle an die Oberfläche und wichsen sich verbal ab. Großstädte sind dafür besonders geeignet, sie sind wie ein Magnet für Arschlöcher – Tendenz steigend. Deshalb wandte ich mich schon vor zehn Jahren mit Grausen, suchte und fand meine Ruhe auf dem Land vlakbij Großstadt. Hier ist die soziale Kontrolle noch intakt. Natürlich gibt es auch bei uns Gesinnungstäter, über die man nur den Kopf schütteln kann. Aber sie werden einfach stumm gelächelt (Todesstoß für Trolle 😀 ). Dafür opfere ich gerne ein paar Stunden Lebenszeit und Umweltgewissen; weil mehr Fahrerei. Und die Kraft, die ich tagtäglich brauchte, um in der Stadt zurecht zu kommen schenke ich nun meiner glücklichen(!) Familie. Denk mal (möglichst vorbehaltlos) darüber nach …

  19. Mir hilft immer folgender Gedanke: „Sie sind es nicht wert, auch nur ein kleinwenig Raum in deinen Gedanken zu bekommen, das haben die nicht verdient“ – Und sobald die widerliche Erinnerung an sie auftaucht, denke ich auch: „Lass ihnen nicht diesen Raum“ Vielleicht bringt dir dieser Gedanke etwas. Es macht diese Menschen nicht ungeschehen, doch es nimmt ihnen ein Stück ihrer Macht. Alles Liebe Julia

  20. Vor 70 Jahren? Vor 70 Jahren haben die, die so genanntes „unwertes Leben“ vernichtet haben, den Krieg bereits verloren und stünden in Nürnberg vor Gericht! Jetzt habe ich mich zwar auf deren Niveau begeben, aber das war’s mir alle mal wert… (Sorry, aber Sarkasmus ist angesichts solcher Begebenheiten das einzig zivilisierte, was ich noch habe)

  21. Gestern hatte ich Sie gezielt angeklickt, weil ich Ihre (klugen :)) Einschätzungen u. a. zu Filmen kannte und ich dachte, vielleicht sind Sie schon zu einer zum gestrigen „Tatort“ gekommen.
    Klar, dass Sie dafür dann keinen Kopf hatten.
    Ich verstehe die Ambivalenz (was machen? – nichts machen?).
    Ich finde das Gesagte – verabscheuungswürdig, um mir mit einem Wort zu behelfen – aber das sollte es natürlich auch sein. Je mieser, desto besser in den Augen jener. Was könnte mieser, existentieller sein, als einem Menschen „Lebensrecht“, oder auch Würde, „abzusprechen“. Genau wie Sie es sagen – es bezog sich hier auf Ihre Behinderung (–> nein, nahm sie vielmehr zum Aufhänger), es könnte sich aber auf alles beziehen, das Spielchen kann man mit jeder/-m spielen, und genau wie Sie sagen, noch ein bisschen lieber vielleicht, wenn gesellschaftlich eh (noch) eine deutliche Schieflage herrscht, denn dann gibt es noch eine größere Zahl irgendwelcher Bezüge, die natürlich auch der/die, der/dem man den Sch… vorrotzt, kennt.
    Ich finde das Gesagte (besser Ausgerotzte) ganz schrecklich und es kaum möglich, darüber einfach mal „hinwegzusehen“, und zugleich finde ich das aber letztlich das Einzige, was ihm angemessen ist, und es auch nicht sehr wichtig, welches Verhalten in dieser einen Situation jetzt optimaler gewesen wäre oder nicht oder vielleicht.
    Im Sinne von – das ist nicht Ihre Welt, und letztlich hat es eben auch nichts mit Ihnen zu tun (siehe Spielchen und Aufhänger). Sie wollen und realisieren und leben etwas, das wohltut, das human ist, und das ist das, was zählt.
    Und viel mehr, als Sie in dieser einen Situation überhaupt, vielleicht, vielleicht auch eher nicht, hätten bewegen können im Sinne einer Welt, die sich (für alle) lohnt, bewegen Sie mit Ihrer Arbeit in Ihrem Blog, Radiogesprächen etc. (Daher schrieb ich zu Beginn von meiner „Tatort“-Überlegung, als kleines Beispiel dafür.)
    (Was nicht heißen soll, dass Sie alleine diesen „Job“ hätten, den haben wir alle, klar :), auf welche Weise umgesetzt auch immer.)
    In diesem Sinne!

  22. Du bist so stark und ich bewundere dich dafür, dass du ruhig bleiben konntest – dir selbst und deinem Mann zuliebe. Das ist klug und reflektiert, Hut ab. Natürlich sehe ich trotzdem den Zwiespalt vor dem du hier stehst: Dulden und damit auch annehmen, dass solche Meinungen weiter verbreitet werden, oder wehren und Kopf und Kragen riskieren. Ich denke, so hart es ist, dass solche Leute sich so oder so nicht ändern. Egal ob du ihnen etwas Kluges, Verbales an den Kopf wirfst oder ob ihnen irgendwer mit der Eisenstange eine überbrät. Gegen solche Ignoranz hilft nur Erziehung und Bildung – und selbst das ist ab einem gewissen Punkt vergeblich, weil der Mensch dann schon so verdorben ist und davon nicht mehr weg will…

  23. Unglaublich. So etwas macht wortwörtlich betroffen. Ich hoffe, es geht eucht gut und erfahrt mehr Kraft durch Unterstützung, als dieses schlimme Ereignis euch genommen hat.

  24. Ich empfinde Entsetzen, Wut und Trauer. Ich kenne auch das elende Gefühl der Ohnmacht, sich nicht genug gewehrt zu haben, glaube aber, dass du/ihr in der Situation wirklich klug und angemessen gehandelt habt.

  25. Ich kenne solche Vorkommnisse von meinen regelmäßigen Schaufensterbummels mit einer blinden Freundin. Das angenehmste ist dann noch die offensichtliche Hilflosigkeit und Angst vor und im Umgang mit Behinderten. Was es nicht besser macht, aber erklärbar, irgendwie.

    Und daraus resultiert eine Distanzierung, die sich im besten Fall mit Weggehen äussert und im schlimmsten Fall, wie von dir geschildert in Abwertung und Entmenschlichung. Der „Krüppel“ ist dann ein Objekt und kein selbstbestimmtes Subjekt mehr. Das senkt dann die Hemmschwelle ins Unterirdische.

    Chapeau für dein Verantwortungsgefühl deiner Freundin gegenüber, denn ich denke, wärst du alleine gewesen, du hättest wohl anders reagiert. Mir geht es da mit meiner blinden Freundin sehr ähnlich. Auch sie ist der Mensch, den ich auf keinen Fall in Gefahr bringen will. Das eklige Gefühl danach kenne ich auch. Leider. Runtergeschluckte Wut schmeckt sauer und stösst auf.

    Aber fertig mit den Erklärungsversuchen: Die meisten sind einfach abgrundtief böse, hasserfüllte Idioten!

    Hilft auch nicht, ich weiss aber vielleicht hilft das Wissen um Solidarität. Lass dich nicht runterziehen und unterkriegen.

    PS: Ich wollte eigentlich nicht „gefällt mir“ anklicken… *grmbl*

    PPS: Ich werde das auch teilen…

  26. Du siehst mich fassungslos, quasi sprachlos. Irgendwie auch hoffnungslos. Es gibt viele, die so sind. Zu viele. Aber ja, man muss weiter machen. Ich selber schreibe nur. Immer wieder. Gegen solche. Ob es hilft? Ich hoffe, es setzt ein Zeichen. Irgendwann. Ja, ab und an muss man schweigen. Wenn man selber sonst nicht rauskäme. Denn: Käme man nicht heil raus, könnte man nicht mehr dagegen kämpfen. Damit wäre mehr verloren als dieser eine Kampf. Ich werde das hier teilen. Und hoffe, es teilen noch ganz viele. Dir alles Liebe. Mögen die guten Menschen die Idioten überwiegen.

  27. Fassungslos macht mich, dass der Wirt das entweder nicht mitbekommen hat oder gar ignoriert hat. In einer Gastronomie, in der ein Gast einen anderen ohne Konsequenzen angehen kann, da gehe ich nie wieder hin und rate jedem, der mich fragt, dringend davon ab da hin zu gehen.
    Ich wüsste daher wirklich gern, wo das war…

  28. Pingback: Keine Macht den Doofen | König von Haunstetten

  29. Ich verstehe sehr gut, das Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit in der erlebten Situation. Auch wenn es sich für dich so anfühlt, als wenn du den Idioten das Feld überlassen hast, finde ich, dass du genau richtig gehandelt hast. Es sind Idioten, die ihre hirnlosen Parolen ohne Angst vor Verlusten raushauen. Ohne Anstand und ohne Rücksicht. Diese Menschen zögern nicht, andere Menschen zu verletzen, egal warum. Warum sie das tun, sei dahingestellt. In meinen Augen habt ihr Stärke bewiesen. Ihr habt die Situation entschärft, das Leben eines Ungeborenen geschützt und seid mit heiler Haut davon gekommen. Was hätte es gebracht, diesen Vollpfosten die Meinung zu sagen? Ihre Meinung hätte es nicht geändert, sie hätten vielmehr ihren Willen bekommen: sie wollten provozieren und das hätten sie dann auch geschafft. So fühlt es sich vielleicht feige für euch an. Aber ihr hättet diese Menschen nicht verändern oder zum Nachdenken bringen können. Diese Menschen wollen sich nicht ändern und wollen auch nicht nachdenken.
    Ich wäge auch häufig ab, wann es sich „lohnt“ die Klappe aufzumachen und wann nicht. Wann bringe ich mich oder andere in Gefahr?
    Ich wünsche dir, dass du den Abend gut verarbeiten kannst und die Idioten als idiotische Minderheit betrachten kannst.
    Liebe Grüße,
    Frauke

  30. puh, das haut rein. einerseits, weil es mir meine eigene sprachlosigkeit verdeutlicht. und andererseits. weil es mir meine erfahrungen bestätigt. erfahrungen, die ich leiber vferdrängen würde. geht natürlich nicht… danke, und das meine ich ernst, danke fürs wunde aufreißen.

  31. Das zu lesen löst eine Menge von Gefühlen in mir aus: Wut, Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit und – Ohnmacht. Es ist immer wieder unfassbar wie dumm, dreist und respektlos sich manche Leute verhalten, sei es weil sie Opfer ihrer „(V)Erziehung“ sind, aus Ignoranz oder Angst vor dem Anderssein.

    Ich weiss, im Moment fällt es sicher noch schwer das alles einfach so beiseite zu wischen, aber bei solchen Leuten wäre jedes Wort, jeder weitere Gedanke an sie einfach nur Zeit- und Energieverschwendung. Sie, Frau Gelhaar, und jeder andere Mensch der einfach etwas „bunter“ ist als alle anderen hat es einfach nicht nötig sich so etwas bieten zu lassen. Einfach „drüber stehen“, lächeln und nicht mehr darüber nachdenken.

  32. Die Situation ist eine Schande; trotzdem war es meiner Einschätzung nach klug, die inneren Warnungen zu respektieren und danach zu handeln.

    Allenfalls kann man noch Wirt oder Kellner auffordern, zu handeln, aber ob das funktioniert …

  33. Gehirn-Krüppel DNA gehört ausgerottet, Bildung schadet Vorurteilen, Stillhalten war in der Situation das Beste, aber traurig das sowas überhaupt noch passiert, LG Tobias

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