Was guckst du?

Im gesellschaftlichen Bild finden Menschen mit Behinderung wenig bis gar keine Präsenz. Und das kann unterschiedliche Gründe haben. Bauliche Barrieren, wie z.B. Stufen oder zu enge oder zu schwere Türen, Gesetzeslagen, die Behinderte vom ersten Arbeitsmarkt fern halten oder Vorurteile, die den Weg zur Inklusion behindern, machen es Menschen mit Behinderung schwerer, selbstbestimmt am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilnehmen zu können.

Als Frau mit einer Behinderung habe ich mich dazu entschieden, mich aktiv für Inklusion einzusetzen, zu sensibilisieren und Vorurteile abzubauen. Ich blogge und schreibe über das Thema Behinderung und alles was dazu gehört. Mein Blog, die Magazine, für die ich schreibe, und meine Arbeit bei den Sozialhelden für das Projekt Leidmedien bieten mir u.a. Kanäle, wo ich mich mit meiner Behinderung sichtbar und hörbar machen kann. Meine Behinderung ist fester Bestandteil meines Jobs und – so seltsam es klingen mag – ich verdiene damit mein Geld.
Aber wie in jedem anderen Job, endet meine Arbeitszeit nicht um 18 Uhr, wenn ich das Büro verlasse. Anders als meinen Laptop im Büro liegen zu lassen und ihn am nächsten Tag wieder anzuschmeißen, kann ich meine Behinderung nicht nach Arbeitsschluss einfach ablegen und auf zwei Beinen nach Hause hüpfen. Ich nehme sie mit nach Hause, gehe mit ihr ins Bett und stehe am folgenden Tag wieder mit ihr auf. Und oft schleicht sich dann das Gefühl ein, als ob ich 24/7 arbeiten würde.

Verlasse ich das Haus, werde ich angeschaut. Ich fahre Rollstuhl und betrete somit automatisch eine Bühne, sobald ich mich auf den Straßen bewege. Ich schließe die Haustür hinter mir, gehe raus in die Öffentlichkeit und gestalte meinen alltäglichen Wahnsinn. Ich fahre zur Arbeit, gehe Einkaufen, treffe mich mit Freunden im Restaurant.
Und auch wenn es ein seltsamer Gedanke ist, aber allein durch meine Erscheinung als Frau im Rollstuhl mache ich Behinderung in der Gesellschaft sichtbar. Ich nehme mich dabei nicht wichtig, aber ich erkenne einen Mehrwert, warum ganz offensichtlich eine bloße Erscheinung, ein bloßes Präsentsein von Behinderung von unheimlicher Wichtigkeit zu sein scheint. Und das sind die unterschiedlichen Reaktionen meiner nicht behinderten Mitmenschen, wenn ich als Rollstuhlfahrerin öffentlich auftrete. Es sind Reaktionen, wie Mitleid, Anerkennung, Schock oder gar Bewunderung. Es sind Blicke, die mir täglich begegnen.

Der erschrockene Blick

Ja, ich habe einen rasanten Fahrstil. Und da ich seit über sieben Jahren in Berlin lebe und jegliche Ruppigkeit, die den Berlinern unterstellt wird, schon längst übernommen habe, kommt es auch vor, dass ich Leute unbewusst streife, wenn sie mir zu langsam gehen, plötzlich mitten auf dem Gehweg stehen bleiben oder nebeneinander in einer Fünfergruppe die ganze Breite des Gehwegs einnehmen. Die Art des erschrockenen Blicks, die ich hier beschreiben möchte, wird mir genau in dem Moment des Streifens entgegengebracht. Und das ist erstmal nichts besonderes. Auch ich würde erschrocken gucken, würde mich jemand ohne Ankündigung streifen. Ich wäre nicht nur erschrocken, sondern auch sauer über diese Dreistigkeit, was ich mit einem „Ey!“oder einem „Ey, hallo?!“ oder einem „Ey, hallo, geht’s noch?“ mit leicht aggressivem Unterton lautstark unterstreichen würde. Bin ich jedoch diejenige, die jemandem ein Vorderrad in die Fersen rammt oder ruppig mit dem Ellbogen die Hüfte des anderen streift, dreht sich dieser jemand zwar irritiert und hektisch in meine Richtung, doch während mich ärgerliche und zum Teil aggressive Blicke vergebens auf Augenhöhe suchen, nur um mich in der nächsten Sekunde auf dessen Hüfthöhe zu entdecken, verschwindet jegliche Irritation und Ärgernis aus dem Gesicht des eigentlichen Opfers und zurück bleibt lediglich der erschrockene Blick. Und das ist ziemlich enttäuschend. Denn während ich mich innerlich schon auf eine Pöbelei gefreut eingestellt habe, wird dieser ernüchternde erschrockene Blick auch noch durch eine Entschuldigung (!) bei mir getoppt. Jemand entschuldigt sich bei mir – oft auch unter leichten Schmerzen – weil ich sie/ihn angefahren habe!
Was zurückbleibt ist eine genervte und enttäuschte Rollstuhlfahrerin, die immerhin so gnädig ist, dass sie allen Angefahrenen verzeiht.

Der geschockte Blick

Neben rasant, kann ich aber auch ganz gediegen durch die Straßen flanieren. Immer dann, wenn ich nicht in Eile oder gestresst bin, genieße ich meinen ‚Spaziergang‘ durch meine Stadt. Ich gucke in Schaufenster und beobachte Menschen und höre dabei Musik. Kurzum: Ich genieße mich selbst.
Leute, die vor mir (spazieren)gehen, machen mir dann nichts aus. Ich habe Zeit und es stört mich nicht, mich ihrem Tempo anzupassen. Sollte ich dennoch das Bedürfnis haben, zu überholen, frage ich freundlich von hinten um eine Lücke zum Durchhuschen.
Doch immer dann, wenn ich als erste von hinten bemerkt werde, auch wenn ich keinerlei Zeichen zum überholen gebe, springen die Leute beinah panisch zur Seite. Dabei sind solche Ausweichmanöver unnötig und gefährlich. Einmal sprang jemand unsanft vor einen Baum, als er mir unaufgefordert den Weg frei machen wollte. Und letztendlich war das auch für mich gefährlich, da ich mich vor Lachen nicht mehr halten konnte und selbst fast einen Laternenmast geküsst hätte.
Fairerweise muss ich an dieser Stelle sagen, dass mein Handbike, mit dem ich mich auf den Straßen bewege, Geräusche macht. Im Rad befindet sich ein Motor, von dem ich mich gerne mal ziehen lasse, und dieser Motor gibt ein leises Brummen von sich. Es mag sein, dass sich Menschen dadurch irritiert fühlen oder denken, sie müssten mir schnell aus dem Weg gehen und das Geräusch als Aufforderung zum Seitensprung interpretieren. Besonders schlimm sind Pärchen, wo mich eine/r von hinten bemerkt und seine/n PartnerIn meint sie/ihn von mir wegziehen zu müssen. Und dann kann ich in diesem geschockten Blick auch eine Art Todesangst entdecken. Die Angst, ich könnte alles und jeden mit meinem Rollstuhl überfahren. So, als ob ich mein Gerät nicht unter Kontrolle hätte. Dem ist aber nicht so! (Außer ich habe deutlich einen sitzen.) Ich fahre seit zehn Jahren Rollstuhl und seit neun Jahren Handbike. Beides habe ich inzwischen ganz gut drauf.*

Der mitleidige Blick

Es ist der Blick, bei dem ich am liebsten zum Schlag ausholen würde. Der Blick, wo die Stirn leicht zusammengedrückt wird und zusammengepresste Lippen ein mühsames Lächeln hervorquälen. Ein Blick, der mir zu sagen scheint, dass ich aufgrund meiner Behinderung ne ziemlich arme Sau bin. Aber bin ich das denn wirklich?
Wird mir Mitleid entgegengebracht, geht dem immer die Annahme voraus, dass ich leide. Eine mir völlig unbekannte Person stellt sich in diesem Moment über mich, nimmt eine Herrschaftsposition ein und lässt mich hilflos in einer Art Opferrolle zurück. Das macht mich wütend und ich frage mich, wo diese für mich sehr anmaßende Annahme, ich würde leiden, herkommt?
Menschen geraten schnell in den Modus, ihre eigene Lebensrealität mit der des anderen zu vergleichen. Fragen wie „Was würde ich tun, wenn ich im Rollstuhl sitzen würde?“, „Wie würde mein Leben aussehen?“ schießen einen durch den Kopf, möglicherweise gefolgt von Antworten, wie „Nein, ich könnte so nicht leben“ oder „Lieber sterbe ich, als im Rollstuhl zu sitzen“. Letzteres wurde mir sogar schon mehrmals ins Gesicht gesagt.
Bis heute ist nicht geklärt, ob es sich beim Mitleid um ein angeborenes Gefühl handelt und es insofern zur menschlichen Natur gehört, oder ob dieses Gefühl kulturell bedingt ist und wie beides zusammenhängt. Infolgedessen steht ebenfalls im Raum, ob das Mitleid als eine Emotion oder vielmehr als eine Einstellung, bzw. Haltung betrachtet wird.
Beziehe ich mich ausschließlich auf die hier oben beschriebene Situation, liegt die Annahme erstmal nahe, dass es sich um ein kulturell bedingtes Gefühl handelt, eine Emotion, die uns anerzogen wurde und durch Dinge, wie z.B. mitleidserregende Berichterstattung über Menschen mit Behinderung noch verstärkt und bestätigt wird.
Seit Jahrzehnten werden Menschen mit körperlich und kognitiven Behinderungen als Opfer deklariert. Es sind die Menschen, die in Einrichtungen leben müssen, auf Hilfe angewiesen sind. Es sind die Eingeschränkten, die Kranken, die Passiven. Und weil uns von Beginn an eingebläut wurde, dass die Gesundheit im Leben das höchste Gut zu sein hat, man funktionieren muss, um die nötige gesellschaftliche Akzeptanz und politischen Rechte zu bekommen, wird der nicht perfekte Körper als etwas Negatives, Schreckliches oder als etwas Trauriges, Bemitleidenswertes gesehen.
Das bittere ist: Es ist ein Bild, das fremdbestimmt wurde. Menschen, die mich und offensichtlich auch viele andere Behinderte nicht kennen, haben mir das Bild des bedauernswerten Opfers auferlegt und ich darf den ganzen Mist nun ausbaden! Denn immer dann, wenn mir dieser mitleidige Blick an den Kopf knallt, übergießt sich auch ein kleines Gefühl der Niederlage über mich, da ich hier für etwas kämpfen muss, was ich nicht selbst verschuldet habe.
Bedingung des Mitleids ist die Nähe, d. h. faktisches Mitleid kann sich immer nur auf anschaulich gegebenes Leid beziehen. Ich leide nicht, also hab‘ kein Mitleid mit mir.

Der anerkennende Blick

„Toll, dass Sie trotzdem rausgehen!“ oder „Sie inspirieren mich.“ sind Sprüche, die mir seit meiner Rollstuhllaufbahn oft begegnen. Der für mich negative Beigeschmack ist allerdings, dass ich dabei für etwas Lob bekomme, was für mich mein alltägliches Leben ausmacht: Einkaufen gehen, zur Arbeit fahren, eine Beziehung führen, mich mit Freunden zum tanzen treffen. Mit Sicherheit erfordern all diese Dinge mehr Aufwand, mehr Organisation im objektiven Vergleich zu einem Menschen, der all das ohne eine Behinderung durchzieht, jedoch ist dieser nach außen zu scheinende Mehraufwand meine Normalität. Ich bin somit irritiert, wenn ich Anerkennung für diese Normalität bekomme. Auch möchte ich nicht als Fühl-dich-gut-Tropfen herhalten, wenn mir eine Person anerkennend auf die Schulter klopft, damit sie sich besser fühlen kann.

Ich möchte Anerkennung für meine Leistung. Jede/r darf mir lobend auf die Schulter klopfen, wenn ich einen netten Vortrag gehalten habe, einen coolen Text geschrieben habe oder laut und emotional eine Strophe von Celine Dion gesungen habe, ohne zu merken, dass im Aufzug jemand hinter mir stand.

Der ignorierende Blick

Es ist der vielleicht interessanteste Blick von allen. Der Blick, wo bewusst weggeguckt wird. Man könnte ihn auch den „verbissenen“ Blick nennen, denn es sind meistens genau die Leute, denen früher eingetrichtert wurde: „Behinderte guckt man nicht an!“ und dabei hektisch von ihren Eltern weggezogen wurden. Und das ist sehr schade, weil diesen Menschen auf eine Art nicht beigebracht wurde, ihre Umwelt zu erforschen und sie womöglich zu hinterfragen. Vor allem Kinder müssen sich alles anschauen und erfragen. Als Frau mit Behinderung musste ich erst lernen, dass Kinder auch schonmal gnadenlos gucken, Fragen stellen und in Wunden bohren, ohne mich dabei unwohl oder beleidigt zu fühlen und ihnen das zu gewährleisten. Und auch Eltern von neugierigen Kindern sollte das bewusst sein. Ich mag es von Kindern gefragt zu werden, wieso, weshalb, warum ich Rollstuhl fahre. Es ist wie eine Chance für Kinder und heranwachsende Menschen, Berührungsängste gar nicht erst entstehen zu lassen. Und dann braucht es den bewusst ignorierenden Blick auch nicht mehr, da er abgelöst wurde, von einem neutralen und im Idealfall freundlichen Blick.

Das Glotzen

Ich bin ein neugieriger Mensch. Wenn ich etwas oder jemanden sehe, das oder den/die ich vorher noch nie zuvor gesehen habe, ist meine erste Reaktion, hinzuschauen. Erst einmal, vielleicht ein zweites Mal. Und vielleicht sogar ein bisschen länger. Dabei ist es natürlich wichtig, dass man nicht in den Glotzer-Modus verfällt – ein Blick, bei dem jeglicher Ausdruck aus dem Gesicht verschwindet, die Kinnlage nach unten sinkt und die Augen weit aufgerissen sind. Ein Blick, der nicht nach gefühlten zwei Sekunden aufhört, sondern einfach non-stop weitergeht.
Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man interessiert guckt oder einfach nur sinnlos glotzt. Ich erkenne sofort, wer mich wie anschaut. An das ‚Angucken‘ aufgrund meiner Behinderung musste ich mich gewöhnen. Heute ist es okay, wenn Leute aus Interesse gucken – nicht glotzen! Wenn sie jemanden, wie mich noch nicht gesehen haben, müssen sie sogar hinschauen, um zu kapieren, dass es Leute wie mich gibt und dass ich mit meiner Erscheinung als Rollstuhlfahrerin das gesellschaftliche Bild mit präge.

 

Ich mag Aufmerksamkeit. Und wenn nicht gerade Mitleid, Schock oder glotzen dabei ist, werde ich sogar gerne angeschaut. Ich zeige meinen Körper – außer die Knie! – gerne. Ich mag meine Nase und meine Haare und liebe meine Brüste. Und natürlich bekomme ich auch nette Blicke auf meine Nase ab oder ernte Bewunderung für das Kleid, das ich gerade trage.

Gucken ist gut. Auch ich gucke mir manchmal Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen an. Vielleicht frage ich mich, was er/sie wohl hat oder schaue mir das Rollstuhlmodell genauer an. Das Hinschauen bereichert mich, erweitert meinen Horizont und beruhigt mich, dass ich nicht die einzige bin, die sich zeigt, den ganz normalen Lebenswahnsinn in Angriff nimmt und Vielfalt in unsere Gesellschaft bringt.

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Foto: Andi Weiland

*An dieser Stelle möchte ich mich aufrichtig bei all den Leuten entschuldigen, die ich angefahren und verletzt habe, tot sind oder jetzt selbst im Rollstuhl sitzen müssen.