Frau Gehlhaars Monatszyklus – der einzig wahre

Als ich angezogen bin, ist es 10:36 Uhr. Meine Gynäkologin erwartet mich um 11:00 Uhr in ihrer Praxis. Zum Durchflüften, Routineuntersuchung. Mein Telefon klingelt, als ich um 10:47 Uhr das letzte Mal auf die Uhr im Eingang schaue. „Verf***te Sch***e!“, murmele ich, reiße hektisch und aggressiv mein Handy aus der Tasche. Die Nummer bekannt, keine Zeit, Bauchschmerzen. Das Handy zurück in die Tasche pressen, Tür aufreißen, raus.

Nach 36 Metern merke ich, dass ich zu kalt angezogen bin. Ich ziehe die Schultern nach oben und drücke den Wollschal von unten gegen mein Kinn. Meine Zunge ertastet einen Flusen von meinem Wollschal. Ich verdrehe genervt die Augen und halte an. Nach vorne gebeugt greife ich mit Daumen und Zeigefinger an meine Zungenspitze. „Arschloch.“, beschimpfe ich den Flusen, streife ihn am Knie ab, setze zum Weiterfahren an und spüre ein leichtes, wohltuendes Gefühl um meinen Brustkorb. Das schöne Gefühl, wenn man am Abend nach einem harten Arbeitstag erschöpft und glücklich nach Hause kommt, das Shirt über den Kopf zieht, mit automatisiertem Griff den Verschluss am BH aufmacht, der Natur ihren freien Fall lässt und einmal tief durchatmet. Vor Erleichterung.
Es ist nicht Abend, es ist 10:54 Uhr. Ich bin nicht zu Hause und das bekannte Gefühl ist nicht wohltuend und erleichternd, sondern peinlich und ärgerlich. Ein weiterer Aggressionserguss überkommt mich, Tränen schießen mir in die Augen.

Außer Atem, mit trockenem Mund und Haaren, die in alle Richtungen, vorzüglich nach oben, stehen, schmeiße ich mich um 11:09 Uhr mit vollem Schwung und Hass gegen die schwere Praxistür. Die Arzthelferin sieht mir gelassen dabei zu, wie ich mich schweratmig und mit offenem BH Zentimeter für Zentimeter durch die sehr schwere Tür quetsche. Sie scheint fasziniert, mir stehen Tränen in den Augen. „Na da haben Sie’s ja doch noch geschafft.“, sagt die schwarzhaarige Arzthelferin mit einem Mund, den ich hinter der hohen Theke nicht sehe. Die massive Tür schlägt hinter mir zurück ins Schloss. „Ich habe um 11:00 Uhr einen Termin. Gehlhaar.“ Mit feuchten Augen gucke ich auf die schwarzen Haare hinter der Theke. „Dauert noch kurz.“, sagt die Frau.

Im Wartezimmer sind alle Stühle besetzt. Ich parke zwischen einem schwangeren Teenagerpärchen und einem schwangeren Teenagerpärchen. Ich ziehe meine Nase nach oben und schluchze leise. Schwangere Teenagerpärchen machen mich immer traurig.
„Ich sehe mich selbst nicht als Traummann“, titelt ein Promiheft und zeigt den künstlich verträumt wirkenden David Garret mit Geige am Hals auf der Titelseite. Ich möchte das nicht.

„Frau Gehlhaar!“

Vor dem Spiegel ziehe ich mich aus. Die Jacke, das Shirt, den kaputten BH. Trotzig und ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schmeiße ich ihn in den Mülleimer zwischen Taschentücher und Hygieneutensilien. Die Augen müde, klein, ungeschminkt, gerötet. Die Haare zerzaust und zu einer Art Dutt gemacht, durch die man in Berlin an normalen Tagen als hippe Modebloggerin identifiziert werden würde. Es ist kein normaler Tag. Es ist Montag. Ich habe die letzte Nacht nicht geschlafen, weil mein Hormonhaushalt gerade eine Party nach der anderen feiert. Ohne mich. Das Licht, das diese Party beenden sollte, würde erst in ein paar Tagen angehen. Bis dahin würden mich die kleineren Missgeschicke, die mich an normalen Hormontagen eher kalt lassen, in den emotionalen Wahnsinn treiben. Seit Tagen bringen mich belanglose Kleinigkeiten aus dem Konzept: Ich stoße mir sanft den Ellenbogen und heule. Ich gucke Pocahontas und heule. Ich bleibe unspektakulär mit dem Schal an der Türklinke hängen und beschimpfe vulgär Schal und Türklinke. Diesen Tagen gehen Tage voller Arbeit, unnatürlichem Stress und andere menschliche Abgründen voraus.
Und ich habe festgestellt: Ich bin sehr dumm. Ich habe im März zu viele Termine zugesagt, alles in einen Monat gepackt und mir dadurch keine Zeit zum Durchatmen eingeräumt. Ich war krank und tanzte auf zu vielen Partys gleichzeitig und jetzt besaufen sich meine Hormone alleine weiter, während ich erschöpft in der Ecke liege. Besudelt vom eigenen Stressschweiß und getrockneten Tränen.

Wenn mir meine Gynäkologin durch irgendeine subtile Art vermitteln sollte, dass mein Haar nicht sitzt, ich müde aussehe oder den kaputtgegangenen BH bedauert, würde ich anfangen zu heulen. „Sieht alles gut aus.“, sagt sie stattdessen. Ich fange an zu heulen. Meine Gynäkologin fragt, warum ich denn jetzt heulen würde. Unter Tränen antworte ich: „Es ist Zeit für meinen Monatszyklus.“, „Frau Gehlhaar, Stimmungsschwankungen sind ganz normal, wenn der Monatszyklus ansteht.“, „Trotzdem! Ich verstehe das nicht! Eigentlich liebe ich meinen Monatszyklus! Ich freue mich jeden Monat darauf und meine Leser auch!“ Ich weine lauter und weiter: „Ich habe große Erwartungen an meinen Monatszyklus. Doch diesen Monat ist alles anders.“, „Sie warten jetzt ein paar Tage ab, empfangen ihren Monatszyklus, schreiben darüber und nächsten Monat nehmen Sie sich dann wieder mehr Zeit für sich. Dann werden Sie sich auch wieder daran erfreuen, das verspreche ich.“, erwidert meine Gynäkologin sanft.

Um 12:28 Uhr verlasse ich die Praxis, brettere das Kopfsteinpflaster entlang und denke über die Worte meiner Ärztin nach. Ich freue mich auf den April. Schöne, entspannte Sachen erwarten mich. Und das, weil ich auch einfach mal Nein gesagt habe, als jemand was von mir wollte. Das fühlt sich gut an. Ich möchte das.

Die Sonne sucht sich ein kleines Wolkenloch und scheint mir ins Gesicht. Am Ende der Straße sitzt ein sehr gut aussehender Typ an einem Cafétisch. Er lächelt mich an. Meine Nase wandert einen Zentimeter höher zu einem leichten Kopfnicken. Ich lächle zurück, hebe gekonnt leicht eine Augenbraue. Ein wohliges Gefühl durchstoßt meinen Körper. Und dann ist da dieses Schlagloch.

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4 Gedanken zu „Frau Gehlhaars Monatszyklus – der einzig wahre

  1. Ach je, das kenne ich. Leider kann ich solche Gefühlszustände nicht an meinen Hormonen festmachen und habe bis heute kein Muster feststellen können. Bestenfalls einen Sommer-Winter-Zyklus. Immerhin.

  2. Solange die Hormone noch saufen können sind die wenigstens noch halbwegs in Ordnung. Trotz Termine, Zyklus und Co. ein schönes Wochenende. 🙂

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