Die vor dem Wolf singt

Textsicher bewege ich meine Lippen zu Celine Dions ‚The power of love‘, lehne entspannt im Sitz des ICEs zurück nach Hause und balle selbstbewusst und voller Elan meine Faust, als die Dion ihr ‚looove‘ energisch und ebenfalls voller Elan bis zum großen Liedfinale in der vierten Oktave knallhart durchzieht. 

Strommasten lassen traurig ihre Seile über Grüne und braune Felder hängen. Nadelbäume rasen an meinem Fenster vorbei. Mein Blick streift einen Hasen, ein Reh, eine Kuh und dann einen Wolf. Ein grauer, großer Wolf.
Kerzengerade sitze ich in meinem Sitz, ziehe hektisch die Luft ein, reiße mir die Dion aus den Ohren und rufe: „Ein Wolf! Da ist ein Wolf!“ Ich presse meinen Finger an die Scheibe und drehe meinen Kopf mit großen Augen vom vorbeifahrenden Wolf zum Fahrgast zwei Sitze neben mir. Der alte Mann sieht mich erschrocken an. „Da war ein Wolf! Ich schwör!“, quietsche ich euphorisch geschockt. Der Mann schüttelt verständnislos den Kopf und dreht sich genervt weg. Er hat den Wolf nicht gesehen. „Blöd“, denke ich. „Jetzt glaubt mir das doch keiner!“
Die Felder von Brandenburg fließen weiter an meinem Fenster vorbei. Ich bin fast da. Der nächste Halt ist Berlin Spandau. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Vielleicht hänge ich mich ein bisschen mehr in die Räder, wenn ich den letzten Weg vom Ostbahnhof zu Fuß nach Hause rolle. „Wie schnell kann so ein Wolf rennen?“ und „Wie verhalte ich mich, wenn ein sehr großer und sehr böser Wolf vor mir steht?“ Ich schüttle mich und reibe mir dabei meine Oberschenkel mit den Händen. Es ist auf einmal kalt im Zug.
Ich habe Angst vor Wölfen. Ich habe Angst vor allem, was mich beißen und zerfetzen könnte. Am meisten habe ich Angst vor Haien. Ich bin die, die im Schwimmbad Angst hat, dass plötzlich ein Hai aus der Tiefe schießt, sich in meine Beine beisst und bei lebendigem Leib frisst. Ich habe vor nichts mehr Angst, als lebendig aufgefressen zu werden. Es ist meine Nummer eins Schreckensvorstellung.
Als Kind habe ich mit Begeisterung und großem Schock „Der weiße Hai“ gesehen. Seitdem konnte ich nicht mehr alleine in unserem Pool im Garten schwimmen. Wenn ich im Meer bade, stehe ich immer kurz vor einem Herzinfarkt und bin permanent hin und her gerissen, ob ich jetzt richtig schwimme, um nicht zu ertrinken, jedoch somit leichter von einem Hai angegriffen, zerfleischt und gefressen zu werden, oder ob ich, so weit es in meiner Möglichkeit steht, die Beine anziehe, aber somit eher drohe zu ertrinken. Es ist ein ewiges Dilemma.
„Nächster Halt: Berlin Hauptbahnhof“, meldet sich die Zugführerin. Ich schnalle die Tasche um mich herum, wickle mein Tuch um den Hals und setze mich zurück in den Rollstuhl. Es ist dunkel geworden, ich spiegel mich im Zugfenster und stelle fest: Wenn ein Wolf vor mir steht, wäre ich immer noch größer als er. Man hat mir mal gesagt, dass es von Vorteil ist, wenn man größer ist, als der Wolf. Und man soll laut sein.
Ich steige aus dem Zug und stecke mir die Dion zurück in meine Ohren. Schnell und laut singend fahre ich nach Hause.

 

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9 Gedanken zu „Die vor dem Wolf singt

  1. Das Problem welches Du mit dem Wolf hast, ist genau das Problem was der Wolf mit dem Menschen hat. Vor allem in Brandenburg. Wir nennen es das Rotkäppchenphänomen. Unter anderem durch diese Fabel wurde der Wolf schon mal in Deutschland ausgerottet. Obwohl es einen Fabel ist und bleibt. Wölfe sind so ziemlich das ungefährlichste was es gibt. NIE würdest Du einen Wolf ‚zufällig‘ aus der Nähe zu Gesicht bekommen, eher einen verlaufenen Schäferhund, der nach Wolf aussieht. (Die echte Wolf-Hund Identifizierung geht nur mittels DNA-Test). Wölfe sind extrem scheu und würden sich niemals freiwillig etwas das nach Mensch riecht nähern. Trotzdem ist es der Mensch der seine Wiederansiedlung erschwert. Schade. Denn Wölfe würden unserer Kulturlandschaft sehr bereichern! #Informationagainstfear : https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/wolf/wissen/15812.html

    (Angst solltest Du übrigens tatsächlich haben vor Wildschweinen. Die sind 100 mal gefährlicher als Wölfe und vor allem Wildsauen die Ihre Frischlinge beschützen wollen sind unberechenbar!)

  2. Das Lied ist nur in der Originalversion von Jennifer Rush a Wahnsinn. Musikgeschmack ist einer meiner Partnerschaftsfilter – (Celine Dion aaaahhh!!!!????) ;). „I drove all night “ ist auch nur in der Version von Roy Orbison und eventuell Cyndi Lauper ein schöner Schachtfetzen. FÜr mich gilt eher Homo homini lupus.

    P.S.: Die Sängerin Jennifer Rush floss in den 1980iger Jahren sogar ins Wienerische Idiom ein.

  3. Kein Wolf ist Wolf genug um dass zu tun, was dir Angst macht. Wenn er ein Wolf ist … Grüße von meinem Totem.

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