Frau Gehlhaars Monatszyklus – Februar 2015

Es ist mal wieder Zeit für Frau Gehlhaars Monatszyklus. Diesen Monat mit den allbekannten Schlagwörtern: Liebe, Sex, Karriere, Freundschaft und Jillian Mercado.

Monatshighlight

Wenn ich schon keinen Sex habe, rede ich einfach darüber und gab am 6. Februar ein Radiointerview bei DRadiowissen. Es war mir mal wieder eine Ehre, in der Sendung Eine Stunde Liebe bei DRadiowissen dabei sein zu dürfen und aus meinem (Sex)Leben zu erzählen. Und so ging es um Liebe, Vorurteile, Frustrationshintergründe und natürlich um guten Sex. Ein ausführlicher Text zu diesem Thema folgt sehr bald hier bei Frau Gehlhaar.

Dank meinem Gesprächspartner, dem Moderator Till Opitz, hatte ich eine wunderschöne und lustige Stunde Liebe. Gerade bei einem sensiblem Thema, wie Sexualität und Behinderung ist es wichtig, sich wohl und sicher zu fühlen. Und während ich meinen großen Spaß an diesem Interview hatte, hat die Onlineredaktion etwas versagt, indem sie ein sehr bescheuertes Titelbild ausgewählt hat. Ein Titelbild, wo eine offensichtlich nicht behinderte Frau in einem viel zu großen Dritte-Welt-Rollstuhl sitzt und das typische ‚Arme-in-die-Luft-vor-Lebensfreude-Bild‘ gibt. Das Bild wirkt passiv und unnatürlich und trägt zum Bild des selbstbestimmten und aktiven Menschen mit Behinderung nicht bei.
Meinen Wunsch, das Bild zu ändern, sowie die alternativen Bildvorschläge von meiner Seite lehnte die Onlineredaktion ab.

Nach meinem Interview bei DRadiowissen gab es von Seiten der Zuhörer den Wunsch, das Thema Sexualität und geistige Behinderungen aufzugreifen und der Öffentlichkeit näher zu bringen. Über dieses Interesse habe ich mich sehr gefreut und fand es um so schöner, dass Till Opitz und seine Kollegin, Inga Hinnenkamp diesem Wunsch nachgekommen sind und eine weitere Sendung Eine Stunde Liebe mit dem Titel Sex mit geistig Behinderten – Es ist kompliziert gestartet haben.
Aber auch hier muss meine Stimme etwas lauter werden, da ich weder den Titel, noch das Titelbild ansprechend, und schon gar nicht ’sexy‘ finde. Wie wäre es mit Sex mit geistig Behinderten – Es ist kompliziert, aber machbar oder etwas provokanter Sex kann jeder, aber nicht alle dürfen gewesen? Ich finde es, wie gesagt, große klasse, dass man sich diesen Themen öffentlich widmet, hätte mir aber mehr Sensibilität oder zumindest die Bereitschaft dafür, von der Redaktion gewünscht.

Dass Sexualität in Kombination mit Behinderung immer noch ein gesellschaftliches Tabu ist, finde ich traurig. Und dabei verbinde ich das noch nicht mal mit meiner eigenen Person, sondern vielmehr mit Menschen, die eine Lernbehinderung oder andere kognitive Einschränkungen haben. In der ganzen Diskussion um Inklusion, Gleichberechtigung und Chancengleichheit scheinen geistig behinderte Leute unterzugehen. Es wird zwar viel über sie diskutiert, aber nur selten mit ihnen. Und genau da ist der Schnittpunkt, wenn es auch um Sexualität geht. Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung in Wohngruppen oder Heimen leben, wird das Recht, welches eins der Grundrechte ausmacht, nämlich die Entfaltung und Entwicklung der eigenen Sexualität, oft verwehrt, oder kommen erst gar nicht in den Genuss, ihren sexuellen Horizont zu erforschen und zu erweitern, weil ihnen Aufklärung und Angebote fehlen oder ganz einfach vorenthalten werden. Sexualität ist in keinem Menschen einfach da. Sie muss entdeckt, erforscht, kommuniziert und entwickelt werden. Und das kann nun mal nur geschehen, wenn und während man sie auslebt. „Alle Menschen (auch die mit geistiger Behinderung) können ihre Persönlichkeit dann am besten ausbilden, wenn die sexuellen Fähigkeiten von Geburt an unterstützt und gefördert werden. Dazu ist eine besondere Begleitung erforderlich, denn die Sexualität ist nicht angeboren und entwickelt sich nicht von selbst.“, schreibt auch pro familiader führende Verband zu Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung in Deutschland.

Monatsbegegnung

Meine absolute Monatsbegegnung war das Kennenlernen von Kaiserin 2 aus dem Kaiserinnenreich. Ganz spießig und erwachsen kam Mareice, die Mama von Kaiserin 2, am Wochenende zum Kaffee und Kuchen vorbei. Wir sprachen über Karriere, Hochzeitsanträge und die perfekte Größe von Ehebetten und zwischendurch verliebte ich mich in Kaiserin 2, die mit ihren noch nichtmal zwei Jahren schon so deutliche und klare Sätze spricht, dich anschaut, als hätte sie dich sowieso schon zehn Mal durchschaut und ihre Mama so liebevoll behandelt, dass es beim Zugucken wehtut.
Ich freue mich, sehr bald auch Kaiserin 1 kennenzulernen und weiß jetzt: Gute Menschen machen gute Menschen.

Eine weitere wunderschöne Monatsbegegnung hatte ich mit meinen Damen von Riga. Wenn wir uns zu dritt treffen, haben wir natürlich immer eine gute Zeit. Aber in dieser Februarwoche war der gemeinsame Abend besonders entzückend. Für die Aktion Mensch wurden wir an diesem Abend von Wiebke begleitet. Ihr Auftrag: Einen Artikel über unsere Freundschaft schreiben. Für schöne und vor allem ehrliche Fotos hat mein großartiger Sozialhelden-Kollege und lieber Freund, Andi gesorgt.

"Guck nicht so blöd!", Foto und Satz: Andi Weiland

„Guck nicht so blöd!“, Foto und Satz: Andi Weiland

Da der Artikel für seine Endversion gekürzt werden musste, kommt hier noch ein Ausschnitt, der das Begreifen unserer Liebe zueinander ziemlich gut auf den Punkt bringt:

„Wir lieben uns wegen unserer Charaktere“. Das hört sich schön an. Sehr klar. „Eine Behinderung ist wie ein Arschloch-Filter: Nur wer so eine Bodenständigkeit mitbringt, kann sich so freundschaftlich oder partnerschaftlich auf jemand mit Behinderung einlassen“. Das sagt jetzt Laura. Sie nennt die Dinge gern beim Namen.
Die Charaktere, die sich lieben: Anna mag an Laura, dass sie zu den Dingen eine klare Meinung hat und auch mal auf den Tisch hauen kann. Laura mag an Anna, dass sie so vorurteilsfrei an Menschen und Situationen rangeht. Anna mag an Monique, dass sie einfach cool ist und Monique findet an Laura toll, dass sie ihr immer wieder den Spiegel vorhält. An Anna schätzt sie, dass sie so viel positive Leichtigkeit mitbringt und Laura mag an Monique deren klaren Verstand. Zusammen sind sie: Sissi, Heidi und Klara, zumindest in den Minuten, in denen sie sich in die Heldinnen aus Wien und von der Alm verwandeln. Dann blödeln sie auf bayrisch rum, von dem sie keine Ahnung haben, weil keine von ihnen aus Bayern kommt. „Noa, simmer net“. Klara ist übrigens Heidis Freundin aus Frankfurt, die im Rollstuhl sitzt, so wie Laura im echten Leben.

Monatsfacts

In letzter Zeit wurde ich von Lesern und Leserinnen oft gefragt, was ich genau beruflich mache und wie mein Alltag so aussähe. Die Antwort gibt es jetzt verpackt in den Monatsfacts:
Seit Januar 2014 arbeite ich selbständig. Ich habe keinen festen Arbeitgeber und keine festen Arbeitszeiten. Ich habe mich damals bewusst zu diesem Schritt entschieden und bin sehr glücklich damit. Der Druck von Arbeitgebern und Deadlines ist weniger geworden, da ich jetzt selbst entscheide, wer mein Arbeitgeber sein soll und mir die Deadlines selbst setze. Somit kann ich mich mehr meinen Leidenschaften widmen: Coachen, schreiben und Vorträge halten.

Es ist lustig, denn immer, wenn ich erzähle, dass ich coache, bekomme ich Reaktionen, wie „Oh, cool! Welche Mannschaft denn?“ oder ein unglaubwürdiges „Aha. Und was machst du da?“. Meine Antwort ist stets: Coaching bezeichnet eine Vielzahl von Trainings- und Beratungskonzepten zur Entwicklung und Umsetzung persönlicher oder beruflicher Ziele und der dazu notwendigen Kompetenzen, wie z.B. Führungs-, Umsetzungs- oder Selbstmanagementkompetenzen.

Nach meiner Arbeitszeit in der Psychiatrie und meiner Weiterbildung zur Mediatorin und Coach, zähle ich inzwischen durchschnittlich vier bis fünf Leute pro Jahresquartal, die zu mir zum coachen kommen.
Der Begriff des Coaching im psychisch/sozialen Bereich ist noch immer kein geschützter Begriff. Es gibt somit keine staatlich anerkannte Ausbildung oder wissenschaftlich fundierte Qualitätsstandards für diese Tätigkeit. Das wiederum ist ein großes Problem, wenn es um finanzielle Unterstützung oder Kostenübernahme von z.B. Krankenkassen geht. Solange es keine staatliche Anerkennung gibt, müssen meine Klienten für ihre Coachingsessions selbst zahlen.

Auch ich hatte mich Ende 2013 für ein Intensivcoaching von vier Stunden entschieden und habe dabei entdeckt, dass ich mich selbständig machen möchte und dafür einen Karriereplan zusammen mit meinem Coach erstellt. Nach der Session war ich platt und habe erstmal geheult. Denn während dieser vier intensiven Stunden fährt der Kopf auf Höchstleistung. Man reflektiert sein Denken und Handeln, spricht seine Wünsche aus und reaktiviert die Fähigkeiten, die zu diesem Zeitpunkt dringend gebraucht wurden. Alles war auf einmal so klar und zum Greifen nah.

Und genau das, was viele andere als die größte Schwierigkeit in der Selbständigkeit sehen, empfinde ich als größtes Glück: Ich bin mein eigener Boss! Ich entscheide, wann, wo und wie ich arbeite. Das hat einen großen Einfluss auf mein Selbstbewusstsein gehabt. Ich empfinde weniger Selbstzweifel, was meine Arbeit betrifft und frage immer dann nach Feedback und Kritik, wenn ich entscheide, dass das mir und meiner Arbeit jetzt gut täte. Konstruktives Feedback bekomme ich vor allem von meinen Kollegen der Sozialhelden, wo ich als freie Mitarbeiterin tätig bin, mitverantwortlich für die Redaktion von Leidmedien bin, Workshops gebe und Vorträge halte.

Meine größte Herausforderung liegt darin, mich selbst zu disziplinieren und morgens den müden Schweinehund zu überwinden, um ans Werk zu gehen. Und dann ist da noch der Umgang mit der Einsamkeit. Schreiben macht einsam. Ich sitze an meinem Mac und bin alleine. Natürlich treffe ich Freunde, gehe aus oder erledige meine alltäglichen Dinge, wie Einkaufen, Sport oder Physiotherapie. Aber tagsüber verbringe ich allein und nur mit meinen Texten. Ich habe noch nicht einmal eine Muschi (Katze), obwohl ich bei Twitter bin.

Vor ein paar Tagen traf ich meinen Nachbarn in der Tiefgarage. Er fragte, wie es mir so geht. Ich antwortete, dass ich gerade sehr viel schreiben muss und mich diese Arbeit etwas einsam macht. Am Abend klingelte mein Nachbar an der Tür. Er fragte, ob wir zusammen nach Mitte joggen wollen. Dann sind wir zusammen nach Mitte gejoggt. Dick eingepackt, zwei Stunden lang.
Mein Nachbar wollte mir was Gutes tun. Ich glaube, das waren die schönsten zwei Stunden seit Wochen.

Monatsentdeckung

Wenn ich den Begriff Model im Rollstuhl höre, hat das für mich immer einen bitteren Beigeschmack. Wenn eine Frau oder ein Mann modelt und im Rollstuhl sitzt, dann ist der einzige Grund für ihre/seine Modelexistenz die Gegebenheit, dass sie/er eben im Rollstuhl sitzt. Dabei urteile ich nicht über die Models, sondern appelliere vielmehr an Auftraggeber, nicht allein für die Behinderung auszusuchen, um Wörter, wie Vielfalt und Inklusion an ihre Kampagne zu kleben, sondern den Menschen – und jetzt sage ich etwas, was ich zusammenhanglos niemals sagen würde – nach Äußerlichkeiten und Style auszusuchen, um ihn bei seinem Projekt darzustellen.
Jillian Mercado ist so ein Typ. Sie ist ein gefragtes High-Fasion-Model und gehört zu den schönsten und ausdruckstärksten Menschen, die ich je gesehen habe. Sie ist einer dieser Typen, die man ständig angucken muss, wenn sie den Raum betreten. Der Clou: Jillian modelt nicht, weil sie im Rollstuhl sitzt, sondern Fashion verkörpert.
Jillian Mercado wurde 1987 in New York City geboren, ist Absolventin des Fashion Institute of Technology und wurde durch die Diesel-Kampagne letztes Jahr berühmt. Ihr Beruf als Model habe viel mit ihrem Selbstbewusstsein gemacht, wie sie sagt. Was genau sie damit meint, sieht man hier:

Monatssong

Wolke 4 von Philipp Dittberner ist mein Monatssong. Den Zustand Wolke 4 kenne ich zur Genüge. Damals habe ich ihn geliebt, heute hasse ich ihn. Warum? Das erfahrt ihr im nächsten Blogpost.

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5 Gedanken zu „Frau Gehlhaars Monatszyklus – Februar 2015

  1. Pingback: Die kaiserliche Woche // KW 10 | Kaiserinnenreich

  2. Was für ein schöner Blogeintrag ich stehe sehr auf deinen klaren und sauberen Schreibstil. Die Einsamkeit an der Tastatur kann zermürbend sein und ich flüchte mich deshalb nicht selten in die Bibliothek.

    Viele Grüße
    AnKo

  3. Pingback: Unsere Link- und Lesetipps zum Wochenende | Das HIRO-Blog.

  4. Wow, was für ein Februar! 🙂
    Schade, dass deine Vorschläge von der Redaktion abgelehnt wurden. Die zweite Sendung konnte ich noch nicht hören, aber Titel und Bild dazu sind wirklich nicht ansprechend…

    „Gute Menschen machen gute Menschen.“ – Danke für diesen Satz! ❤

    Deine ausführlichen Monatsfacts finde ich auch super spannend. Wird es das in den nächsten Monatszyklen auch geben? Fände ich spannend!

    Danke übrigens, dass du mich an Jillian Mercado erinnert hast. Wow, was für eine Ausstrahlung!!

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