Die vor dem Wolf singt

Textsicher bewege ich meine Lippen zu Celine Dions ‚The power of love‘, lehne entspannt im Sitz des ICEs zurück nach Hause und balle selbstbewusst und voller Elan meine Faust, als die Dion ihr ‚looove‘ energisch und ebenfalls voller Elan bis zum großen Liedfinale in der vierten Oktave knallhart durchzieht. 

Strommasten lassen traurig ihre Seile über Grüne und braune Felder hängen. Nadelbäume rasen an meinem Fenster vorbei. Mein Blick streift einen Hasen, ein Reh, eine Kuh und dann einen Wolf. Ein grauer, großer Wolf.
Kerzengerade sitze ich in meinem Sitz, ziehe hektisch die Luft ein, reiße mir die Dion aus den Ohren und rufe: „Ein Wolf! Da ist ein Wolf!“ Ich presse meinen Finger an die Scheibe und drehe meinen Kopf mit großen Augen vom vorbeifahrenden Wolf zum Fahrgast zwei Sitze neben mir. Der alte Mann sieht mich erschrocken an. „Da war ein Wolf! Ich schwör!“, quietsche ich euphorisch geschockt. Der Mann schüttelt verständnislos den Kopf und dreht sich genervt weg. Er hat den Wolf nicht gesehen. „Blöd“, denke ich. „Jetzt glaubt mir das doch keiner!“
Die Felder von Brandenburg fließen weiter an meinem Fenster vorbei. Ich bin fast da. Der nächste Halt ist Berlin Spandau. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Vielleicht hänge ich mich ein bisschen mehr in die Räder, wenn ich den letzten Weg vom Ostbahnhof zu Fuß nach Hause rolle. „Wie schnell kann so ein Wolf rennen?“ und „Wie verhalte ich mich, wenn ein sehr großer und sehr böser Wolf vor mir steht?“ Ich schüttle mich und reibe mir dabei meine Oberschenkel mit den Händen. Es ist auf einmal kalt im Zug.
Ich habe Angst vor Wölfen. Ich habe Angst vor allem, was mich beißen und zerfetzen könnte. Am meisten habe ich Angst vor Haien. Ich bin die, die im Schwimmbad Angst hat, dass plötzlich ein Hai aus der Tiefe schießt, sich in meine Beine beisst und bei lebendigem Leib frisst. Ich habe vor nichts mehr Angst, als lebendig aufgefressen zu werden. Es ist meine Nummer eins Schreckensvorstellung.
Als Kind habe ich mit Begeisterung und großem Schock „Der weiße Hai“ gesehen. Seitdem konnte ich nicht mehr alleine in unserem Pool im Garten schwimmen. Wenn ich im Meer bade, stehe ich immer kurz vor einem Herzinfarkt und bin permanent hin und her gerissen, ob ich jetzt richtig schwimme, um nicht zu ertrinken, jedoch somit leichter von einem Hai angegriffen, zerfleischt und gefressen zu werden, oder ob ich, so weit es in meiner Möglichkeit steht, die Beine anziehe, aber somit eher drohe zu ertrinken. Es ist ein ewiges Dilemma.
„Nächster Halt: Berlin Hauptbahnhof“, meldet sich die Zugführerin. Ich schnalle die Tasche um mich herum, wickle mein Tuch um den Hals und setze mich zurück in den Rollstuhl. Es ist dunkel geworden, ich spiegel mich im Zugfenster und stelle fest: Wenn ein Wolf vor mir steht, wäre ich immer noch größer als er. Man hat mir mal gesagt, dass es von Vorteil ist, wenn man größer ist, als der Wolf. Und man soll laut sein.
Ich steige aus dem Zug und stecke mir die Dion zurück in meine Ohren. Schnell und laut singend fahre ich nach Hause.

 

Meine Behinderung, der Arschlochfilter

Du gehst aus, mit deiner besten Freundin in eine Bar. Ihr habt euch nett aufgehübscht, natürlich ohne jegliche Hintergedanken. Der einzige Mensch, für den du dich hübsch machst, bist sowieso und ausschließlich nur du selbst. Ihr wollt einfach einen schönen Abend miteinander verbringen. Unter euch, ohne Männer.
Und dann, ganz zufällig, sitzt er auch in dieser Bar, lächelt dich an. Du flirtest, du weißt, du siehst heute gut aus. Er kommt zu dir rüber und du erkennst unmittelbar: Er hat alles, was du dir je gewünscht hast. Groß, breite Schultern zum anlehnen. Seine Jeans trägt er lässig auf den Hüften. Er spricht dich an, mit tiefer, warmer Stimme sagt er dir, wie schön du bist. Du erkennst seine Güte und Aufrichtigkeit in diesem einen Satz. Du verliebst dich in der Nacht, in der ihr miteinander schlaft. Ihr seht euch wieder, geht miteinander aus, schlaft miteinander. Er ist genau das, was du brauchst und dir gut tut. Und natürlich erkennt er das selbe in dir.

Die ganze Geschichte kommt dir bekannt vor? Gut, mir auch nicht. Denn das mit der Liebe sieht in der Realität und vor allem in Berlin oft anders aus. Es ist die Stadt der ewigen Affären. Paare, die zusammen nach Berlin kamen, trennen sich. Oft weil einer den Versuchungen, die einem hier ständig unter die Nase gerieben werden, nicht standhalten kann. Er/sie entdeckt plötzlich, dass da auch noch andere Frauen/Männer sind, die einen weiterbringen könnten als der/die eigene Partner/in. Alleinstehende kommen in ihren 20ern in die Stadt, streben nach Selbstverwirklichung und entdecken die Unverbindlichkeit, nur um am Ende genau an dieser zu scheitern und frustriert, enttäuscht und immer noch Single mit Mitte 30 wieder zurück zu ihren Wurzeln kehren, sich besinnen und den Partner fürs Leben beim nächsten Dorffest finden.
Wer alles will und sich selbst verliert
In Berlin scheint sich niemand binden zu wollen, aber jeder wünscht sich eine glückliche Beziehung. Ohne Verantwortung, ohne gemeinsame Wohnung, ohne Kompromisse. Ich kenne keinen Single – und davon gibt es in der Hauptstadt ja bekanntlich viele – der glücklich über diesen Status ist. Das Paradoxe: Jeder scheint sich über das Problem im Klaren zu sein und analysiert:
Jeder strebt nach Selbstverwirklichung im Job, im Privatleben, im Bett. Man bindet sich nicht mehr, man wartet nur noch, bis das Bessere an der nächsten Ecke steht. Der bessere Job, die bessere Wohnung, die bessere Frau, der bessere Mann. Dieses Warten interpretiere ich als kontinuierliches Streben nach dem Besseren, getragen von hohen und oft utopischen Erwartungen, vor allem in Partnerschaften, genährt von den unzähligen Angeboten und Reizen, die diese Stadt zu bieten hat.
Doch das ganze Streben birgt eine große Gefahr: Man verliert seine Bescheidenheit. Eine Tugend, die für unser Seelenheil wichtig ist. Das Besinnen auf das hier und jetzt, zufrieden sein, mit dem was man hat, zu schätzen wissen, mit wem man zusammen ist. Das alles scheint verloren zu gehen. Dabei zeugt die Fähigkeit, sich auf etwas besinnen zu können, von Selbstbewusstsein. Man ist sich seiner Selbst bewusst. Man weiß, was man hat, was man von sich selbst und vom Leben erwarten kann. Das soll das Streben nach Selbstverwirklichung natürlich nicht ausschließen – im Gegenteil. Das zwischenzeitliche Besinnen auf sich selbst und das Hinterfragen seiner eigenen Werte, liefern womöglich genau die Stabilität, die man braucht, um sich selbst zu verwirklichen und dabei auch erfolgreich zu sein. Und dann kann man beruhigt aufhören, auf dieses Bessere zu warten oder danach zu streben. Man steht hinter seinem Vorhaben und seinen Entscheidungen und kann für sich selbst und andere Verantwortung nehmen. Das wirkt sich auch auf die Entscheidung aus, eine Partnerschaft einzugehen. Besonders dann, wenn er oder sie eine Behinderung besitzt. Man bringt sich entspannter und selbstbewusster an den Mann/die Frau, weil man weiß, was gut für einen ist. Man ist in der Lage, mehr zu sehen, als nur die Behinderung.
Es gibt guten und guten Sex
Es hat Zeit und Männer gebraucht, um diesen für mich nun logisch klingenden Gedanken in Worte zu fassen und danach zu leben. Ich strebe nicht mehr danach, den perfekten Partner – was auch immer perfekt bedeutet – zu suchen und habe gelernt, keine utopischen Erwartungen an Menschen, und schon gar nicht an diesen einen Partner, zu stellen. Um ehrlich zu sein, ist es mir auch einfach zu anstrengend. Ich habe aufgehört, mich von Männern finden zu lassen, die nicht wissen, was sie wollen und nicht mehr in mir sehen, als ein exotisches Abenteuer. Mir ist bewusst, dass ich auf viele Männer mit einer paradoxen Erscheinung als sehr faszinierend wahrgenommen werde. Ich bin sehr selbstbewusst, gehe sicher mit meinem Körper um, bin laut und manchmal lustig und wirke als starke Person nach außen. Auf der anderen Seite trage ich eine für andere offensichtliche Schwäche mit mir herum. Ich schmiere jedem so offensichtlich aufs Brot, dass ich in meinem Leben auch schon härtere, prägende Zeiten erlebt habe, dass manch einer hin und her gerissen ist, in welche Schublade er mich nun stecken soll. Es ist paradox, es ist verwirrend, es ist faszinierend. Und es ist in Ordnung für mich. Auch ich fühle mich von dem mir unbekannten angezogen, bin neugierig und möchte mich in neuen Situationen ausprobieren. Doch ich fühlte mich in diesen Momenten objektiviert, reduziert auf meine Behinderung und als das mal-mit-einer-Frau-im-Rollstuhl-geschlafen-Abenteuer abgestempelt. Meistens von Männern, die bei Frauen auf den ersten Blick gut ankommen, die jede haben könnten und schon alle gebumst haben, nun gelangweilt sind und in mir ihre ganz persönliche Herausforderung sehen. Das ist nicht der Regelfall, aber es kam vor. Bis mir mein damaliger Freund sagte: “Die einzige, die sich hier reduziert, bist du selbst.” und mich mit dieser Wahrheit knallhart ins Gesicht traf. Die Möglichkeiten, dass mich jemand geil findet, weil ich sein Typ Frau bin und vielleicht ausstrahle, dass ich auch kein Mauerblümchen bin, ließ ich außen vor. Und vielleicht versteckte ich mich sogar in diesen Momenten hinter meiner Behinderung; konnte ich doch alles Scheitern ganz einfach auf sie zurückführen. Dass mich jemand nicht haben wollte, weil ich womöglich zu dominant, zu vorlaut, zu bescheuert oder einfach nicht sein Typ war, zog ich nur selten in Betracht.

Ein anderes Extrem ist, dass mir aufgrund meiner eingeschränkten Mobilität, eingeschränkter Sex unterstellt wird. „Wie soll das denn funktionieren, wenn du noch nichtmal laufen kannst?“, wurde ich einmal gefragt. Oder es wird davon ausgegangen, dass ich einfach nur passiv rumliege und der Sex sowieso nicht gut sein kann. Solche Fragen oder Vorstellungen empfinde ich eher als dumm und zeugen von mangelhaften Vorstellungsvermögen. Wie solche nichtkreativen Menschen im Bett sind, kann ich mir dann wiederum sehr gut vorstellen.
Das Gute an gutem Sex ist, dass es den guten Sex gar nicht gibt. Jede/r muss für sich selbst entdecken, was sich gut anfühlt, wo und wie man zu seiner Befriedigung kommt und wie man Befriedigung an seine/n Partner/in zurückgeben kann – ob mit oder ohne Behinderung.
Sexualität ist nicht einfach da. Sie muss im Laufe des Lebens entwickelt, erforscht und ausgelebt werden. Ein gutes Körpergefühl und Kommunikation sind wohl die Schlüssel zu einem erfüllten Sexualleben. Mit einer Behinderung ist man gezwungen, sich mit seinem Körper auseinanderzusetzen und seine Kreativität zu optimieren. Anders funktioniert es nicht. Bringt man dann noch eine gute Portion Humor mit, das Verständnis, dass es beim Sex auch mal um Macht geht, ist der Spaß und die Leidenschaft schonmal gesichert.
Behinderung als Kompromiss?
Beziehung bedeutet neben gemeinsamen Urlauben, Partys und morgendlichem Sex nunmal auch Arbeit. In gewissen Situationen muss man zurückstecken um des Partners Willen und Glück. Man versteht es auch als Kompromiss eingehen. Auch das ist hin und wieder normal in einer Beziehung. Wenn das beide wissen, kann man beruhigt sein, dass der Partner, für den gerade noch zurückgesteckt wurde, genauso kompromissbereit ist, wenn der andere es gerade braucht und wünscht. Eine Wechselwirkung, an der man wächst und sich selbst besser kennenlernt.
Mit meiner Behinderung begegne ich dem Vorurteil, dass der Partner in einer Beziehung besonders viele Kompromisse eingehen muss. Dann mussten sich meine Exfreunde auch schonmal Sprüche anhören, wie „Warum tust du dir das an?“ oder „Hast du dir das auch gut überlegt?“ Damals brachte mich das oft in die Verlegenheit, kontinuierliche Überzeugungsarbeit zu leisten und manchmal sogar Dinge schöner zu reden, als sie in Wahrheit sind. Ich habe mich geschämt für die Dinge, die ich aufgrund meiner Biologie nicht kann oder anders erledigen muss. Und so habe ich mich auf Festivals gequält und kam an meine körperlichen Grenzen, oder habe mir bewusst kein Steak bestellt, weil ich in der rechten Hand wenig Kraft habe, um somit nicht nach Hilfe beim Schneiden fragen zu müssen. Ich wollte Leuten und Männern keinen Nährboden für solche Aussagen liefern, ich wollte nicht, dass jemand wegen meiner Behinderung einen Kompromiss eingehen muss. Bis ich entdeckte, dass mich der ständige Drang, Normalität, die nach Meinungen anderer nur ohne Behinderungen zu erreichen wäre, beweisen zu wollen, viel mehr anstrengte, als offen und ehrlich mit den Folgen meiner Behinderung umzugehen.
Wenn ich heute signalisiert bekomme, dass Menschen mir ein schweres, ‚unnormales‘ Leben aufgrund meiner Behinderung attestieren, gehe ich einfach mal davon aus, dass diese Leute bisher keine Erfahrung oder Begegnung mit Behinderungen gehabt haben, dass ihnen durch Medien und anderen gesellschaftlichen Instanzen ein defizitorientiertes Bild von Behinderung vermittelt und anerzogen wurde. Vielleicht wissen sie nicht, dass sich behinderte Menschen genauso aktiv und kompromissbereit in Beziehungen verhalten, wie der/die Partner/in. Eine Behinderung zu besitzen, bedeutet weder weniger bieten zu können, noch mehr zurückstecken zu müssen. Es geht darum – wie in jeder anderen Beziehung auch – ein Gleichgewicht zu halten, sich zu ergänzen. Und genauso, wie ich in einer Beziehung mit meiner körperlichen Situation, viel antreibe, viel motiviere, viel Kraft und Stärke gebe, kann ich auch viel kaputt machen, verletzen und Fehler begehen. Letztendlich schützt eine Behinderung nicht davor, auch mal das Arschloch zu sein. Und so entdeckte ich eines Tages, dass ich meinen damaligen Freund in Sachen persönliche und berufliche Entwicklung überholt hatte. Und auch das ist normal in einer Beziehung. Aber ich ging einfach weiter und ließ meinen Freund knallhart zurück, ohne dass ich ihm die Chance gab, meine Entwicklung zu verstehen und eventuell mit mir mitzugehen. Ich stellte meine Bedürfnisse über das Seelenheil des Mannes, den ich mal sehr geliebt habe.

Stark, mutig, selbstbewusst
Es ärgerte mich, wenn mein Freund als der starke, mutige und fürsorgliche Mann glorifiziert wurde von Leuten, die ihm anerkennend auf die Schulter klopften, nur weil er sich in eine Frau im Rollstuhl verliebt hatte. Ich fühlte mich in ein schlechtes Licht gestellt und als Bittstellerin abgestempelt. Und noch heute rufen diese Art von Menschen Anflüge von Aggressionen in mir aus. Jedoch habe ich für mich auch ein Fünkchen Wahrheit in diesen Aussagen entdeckt. Jeder Mann, der sich für mich entscheidet, muss neben einigen anderen Eigenschaften auch mutig, stark und fürsorglich sein. Ich würde keinen Mann, der nicht diese drei Eigenschaften mitbringt, für mich auswählen. Ich mag diese Eigenschaften an Männern. Sie tun mir gut. Ich habe an mir ebenfalls diese Attribute entdeckt und fühle mich in ihnen bestätigt und bestärkt, wenn ich sie auch bei meinem Mann wiederfinde. Und das ist gut so, denn andersrum glaube ich nicht, dass sich jemals ein Mann auf mich einlassen würde, der nicht mutig und stark ist. Nur wer bodenständig, selbstbewusst ist und weiß, was er will und ihm gut tut, würde sich auf mich die starke Frau mit Behinderung einlassen. Ganz einfach, weil er dann mehr sieht, als nur den Rollstuhl.
Kein Mann, der nicht offen für Perspektivwechsel, kreativ und geerdet ist, der Vielfalt erkennt und sie zu schätzen weiß, hätte das Selbstbewusstsein, mich an seiner Seite zu haben. Und das liegt nicht primär an meiner Behinderung, sondern weil ich die Laura bin, schnelllebig und sehr engagiert bin. Ich weiß, wie ich gut funktioniere, urteile streng und manchmal zu hart. Mein Humor ist schwarz, geht gerne unter die Gürtellinie und abends heul ich manchmal, weil ich mich besinne und erkenne, dass ich ganz schön viel Glück im Leben gehabt habe.
Und schließlich braucht mein Mann all diese Eigenschaften auch, um mit den gesellschaftlichen Vorurteilen, die meine Behinderung nunmal in der heutigen Zeit immer noch mitbringen, umzugehen: “Sind Sie ihr Betreuer?”, gab die Dame hinter der Kinokasse als Antwort auf meine Frage “Haben Sie noch zwei Plätze nebeneinander für Saal vier?” und schaute dabei meinen damaligen Freund an. Er fasste daraufhin meinen Hinterkopf und presste seinen Mund so erotisch auf meinen, wie wir es sonst nur zu Hause taten. Es war seine Art auf die Frage der Kinofrau zu antworten.Nur wer sich auf sich selbst besinnen kann und weiß, dass Bescheidenheit nicht bedeutet, sich einschränken zu müssen, sondern sie sich als Tugend bewahren kann, wird das Ding – das wäre in diesem Fall dann ich – schaukeln.

Meine Behinderung ist sichtbar. Sie prägt meine Persönlichkeit und filtert automatisch die Menschen, die nicht mehr in mir sehen, als den Rollstuhl als Symbol für Passivität und Defizit. Meine Behinderung ist mein ganz persönlicher Arschlochfilter.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Februar 2015

Es ist mal wieder Zeit für Frau Gehlhaars Monatszyklus. Diesen Monat mit den allbekannten Schlagwörtern: Liebe, Sex, Karriere, Freundschaft und Jillian Mercado.

Monatshighlight

Wenn ich schon keinen Sex habe, rede ich einfach darüber und gab am 6. Februar ein Radiointerview bei DRadiowissen. Es war mir mal wieder eine Ehre, in der Sendung Eine Stunde Liebe bei DRadiowissen dabei sein zu dürfen und aus meinem (Sex)Leben zu erzählen. Und so ging es um Liebe, Vorurteile, Frustrationshintergründe und natürlich um guten Sex. Ein ausführlicher Text zu diesem Thema folgt sehr bald hier bei Frau Gehlhaar.

Dank meinem Gesprächspartner, dem Moderator Till Opitz, hatte ich eine wunderschöne und lustige Stunde Liebe. Gerade bei einem sensiblem Thema, wie Sexualität und Behinderung ist es wichtig, sich wohl und sicher zu fühlen. Und während ich meinen großen Spaß an diesem Interview hatte, hat die Onlineredaktion etwas versagt, indem sie ein sehr bescheuertes Titelbild ausgewählt hat. Ein Titelbild, wo eine offensichtlich nicht behinderte Frau in einem viel zu großen Dritte-Welt-Rollstuhl sitzt und das typische ‚Arme-in-die-Luft-vor-Lebensfreude-Bild‘ gibt. Das Bild wirkt passiv und unnatürlich und trägt zum Bild des selbstbestimmten und aktiven Menschen mit Behinderung nicht bei.
Meinen Wunsch, das Bild zu ändern, sowie die alternativen Bildvorschläge von meiner Seite lehnte die Onlineredaktion ab.

Nach meinem Interview bei DRadiowissen gab es von Seiten der Zuhörer den Wunsch, das Thema Sexualität und geistige Behinderungen aufzugreifen und der Öffentlichkeit näher zu bringen. Über dieses Interesse habe ich mich sehr gefreut und fand es um so schöner, dass Till Opitz und seine Kollegin, Inga Hinnenkamp diesem Wunsch nachgekommen sind und eine weitere Sendung Eine Stunde Liebe mit dem Titel Sex mit geistig Behinderten – Es ist kompliziert gestartet haben.
Aber auch hier muss meine Stimme etwas lauter werden, da ich weder den Titel, noch das Titelbild ansprechend, und schon gar nicht ’sexy‘ finde. Wie wäre es mit Sex mit geistig Behinderten – Es ist kompliziert, aber machbar oder etwas provokanter Sex kann jeder, aber nicht alle dürfen gewesen? Ich finde es, wie gesagt, große klasse, dass man sich diesen Themen öffentlich widmet, hätte mir aber mehr Sensibilität oder zumindest die Bereitschaft dafür, von der Redaktion gewünscht.

Dass Sexualität in Kombination mit Behinderung immer noch ein gesellschaftliches Tabu ist, finde ich traurig. Und dabei verbinde ich das noch nicht mal mit meiner eigenen Person, sondern vielmehr mit Menschen, die eine Lernbehinderung oder andere kognitive Einschränkungen haben. In der ganzen Diskussion um Inklusion, Gleichberechtigung und Chancengleichheit scheinen geistig behinderte Leute unterzugehen. Es wird zwar viel über sie diskutiert, aber nur selten mit ihnen. Und genau da ist der Schnittpunkt, wenn es auch um Sexualität geht. Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung in Wohngruppen oder Heimen leben, wird das Recht, welches eins der Grundrechte ausmacht, nämlich die Entfaltung und Entwicklung der eigenen Sexualität, oft verwehrt, oder kommen erst gar nicht in den Genuss, ihren sexuellen Horizont zu erforschen und zu erweitern, weil ihnen Aufklärung und Angebote fehlen oder ganz einfach vorenthalten werden. Sexualität ist in keinem Menschen einfach da. Sie muss entdeckt, erforscht, kommuniziert und entwickelt werden. Und das kann nun mal nur geschehen, wenn und während man sie auslebt. „Alle Menschen (auch die mit geistiger Behinderung) können ihre Persönlichkeit dann am besten ausbilden, wenn die sexuellen Fähigkeiten von Geburt an unterstützt und gefördert werden. Dazu ist eine besondere Begleitung erforderlich, denn die Sexualität ist nicht angeboren und entwickelt sich nicht von selbst.“, schreibt auch pro familiader führende Verband zu Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung in Deutschland.

Monatsbegegnung

Meine absolute Monatsbegegnung war das Kennenlernen von Kaiserin 2 aus dem Kaiserinnenreich. Ganz spießig und erwachsen kam Mareice, die Mama von Kaiserin 2, am Wochenende zum Kaffee und Kuchen vorbei. Wir sprachen über Karriere, Hochzeitsanträge und die perfekte Größe von Ehebetten und zwischendurch verliebte ich mich in Kaiserin 2, die mit ihren noch nichtmal zwei Jahren schon so deutliche und klare Sätze spricht, dich anschaut, als hätte sie dich sowieso schon zehn Mal durchschaut und ihre Mama so liebevoll behandelt, dass es beim Zugucken wehtut.
Ich freue mich, sehr bald auch Kaiserin 1 kennenzulernen und weiß jetzt: Gute Menschen machen gute Menschen.

Eine weitere wunderschöne Monatsbegegnung hatte ich mit meinen Damen von Riga. Wenn wir uns zu dritt treffen, haben wir natürlich immer eine gute Zeit. Aber in dieser Februarwoche war der gemeinsame Abend besonders entzückend. Für die Aktion Mensch wurden wir an diesem Abend von Wiebke begleitet. Ihr Auftrag: Einen Artikel über unsere Freundschaft schreiben. Für schöne und vor allem ehrliche Fotos hat mein großartiger Sozialhelden-Kollege und lieber Freund, Andi gesorgt.

"Guck nicht so blöd!", Foto und Satz: Andi Weiland

„Guck nicht so blöd!“, Foto und Satz: Andi Weiland

Da der Artikel für seine Endversion gekürzt werden musste, kommt hier noch ein Ausschnitt, der das Begreifen unserer Liebe zueinander ziemlich gut auf den Punkt bringt:

„Wir lieben uns wegen unserer Charaktere“. Das hört sich schön an. Sehr klar. „Eine Behinderung ist wie ein Arschloch-Filter: Nur wer so eine Bodenständigkeit mitbringt, kann sich so freundschaftlich oder partnerschaftlich auf jemand mit Behinderung einlassen“. Das sagt jetzt Laura. Sie nennt die Dinge gern beim Namen.
Die Charaktere, die sich lieben: Anna mag an Laura, dass sie zu den Dingen eine klare Meinung hat und auch mal auf den Tisch hauen kann. Laura mag an Anna, dass sie so vorurteilsfrei an Menschen und Situationen rangeht. Anna mag an Monique, dass sie einfach cool ist und Monique findet an Laura toll, dass sie ihr immer wieder den Spiegel vorhält. An Anna schätzt sie, dass sie so viel positive Leichtigkeit mitbringt und Laura mag an Monique deren klaren Verstand. Zusammen sind sie: Sissi, Heidi und Klara, zumindest in den Minuten, in denen sie sich in die Heldinnen aus Wien und von der Alm verwandeln. Dann blödeln sie auf bayrisch rum, von dem sie keine Ahnung haben, weil keine von ihnen aus Bayern kommt. „Noa, simmer net“. Klara ist übrigens Heidis Freundin aus Frankfurt, die im Rollstuhl sitzt, so wie Laura im echten Leben.

Monatsfacts

In letzter Zeit wurde ich von Lesern und Leserinnen oft gefragt, was ich genau beruflich mache und wie mein Alltag so aussähe. Die Antwort gibt es jetzt verpackt in den Monatsfacts:
Seit Januar 2014 arbeite ich selbständig. Ich habe keinen festen Arbeitgeber und keine festen Arbeitszeiten. Ich habe mich damals bewusst zu diesem Schritt entschieden und bin sehr glücklich damit. Der Druck von Arbeitgebern und Deadlines ist weniger geworden, da ich jetzt selbst entscheide, wer mein Arbeitgeber sein soll und mir die Deadlines selbst setze. Somit kann ich mich mehr meinen Leidenschaften widmen: Coachen, schreiben und Vorträge halten.

Es ist lustig, denn immer, wenn ich erzähle, dass ich coache, bekomme ich Reaktionen, wie „Oh, cool! Welche Mannschaft denn?“ oder ein unglaubwürdiges „Aha. Und was machst du da?“. Meine Antwort ist stets: Coaching bezeichnet eine Vielzahl von Trainings- und Beratungskonzepten zur Entwicklung und Umsetzung persönlicher oder beruflicher Ziele und der dazu notwendigen Kompetenzen, wie z.B. Führungs-, Umsetzungs- oder Selbstmanagementkompetenzen.

Nach meiner Arbeitszeit in der Psychiatrie und meiner Weiterbildung zur Mediatorin und Coach, zähle ich inzwischen durchschnittlich vier bis fünf Leute pro Jahresquartal, die zu mir zum coachen kommen.
Der Begriff des Coaching im psychisch/sozialen Bereich ist noch immer kein geschützter Begriff. Es gibt somit keine staatlich anerkannte Ausbildung oder wissenschaftlich fundierte Qualitätsstandards für diese Tätigkeit. Das wiederum ist ein großes Problem, wenn es um finanzielle Unterstützung oder Kostenübernahme von z.B. Krankenkassen geht. Solange es keine staatliche Anerkennung gibt, müssen meine Klienten für ihre Coachingsessions selbst zahlen.

Auch ich hatte mich Ende 2013 für ein Intensivcoaching von vier Stunden entschieden und habe dabei entdeckt, dass ich mich selbständig machen möchte und dafür einen Karriereplan zusammen mit meinem Coach erstellt. Nach der Session war ich platt und habe erstmal geheult. Denn während dieser vier intensiven Stunden fährt der Kopf auf Höchstleistung. Man reflektiert sein Denken und Handeln, spricht seine Wünsche aus und reaktiviert die Fähigkeiten, die zu diesem Zeitpunkt dringend gebraucht wurden. Alles war auf einmal so klar und zum Greifen nah.

Und genau das, was viele andere als die größte Schwierigkeit in der Selbständigkeit sehen, empfinde ich als größtes Glück: Ich bin mein eigener Boss! Ich entscheide, wann, wo und wie ich arbeite. Das hat einen großen Einfluss auf mein Selbstbewusstsein gehabt. Ich empfinde weniger Selbstzweifel, was meine Arbeit betrifft und frage immer dann nach Feedback und Kritik, wenn ich entscheide, dass das mir und meiner Arbeit jetzt gut täte. Konstruktives Feedback bekomme ich vor allem von meinen Kollegen der Sozialhelden, wo ich als freie Mitarbeiterin tätig bin, mitverantwortlich für die Redaktion von Leidmedien bin, Workshops gebe und Vorträge halte.

Meine größte Herausforderung liegt darin, mich selbst zu disziplinieren und morgens den müden Schweinehund zu überwinden, um ans Werk zu gehen. Und dann ist da noch der Umgang mit der Einsamkeit. Schreiben macht einsam. Ich sitze an meinem Mac und bin alleine. Natürlich treffe ich Freunde, gehe aus oder erledige meine alltäglichen Dinge, wie Einkaufen, Sport oder Physiotherapie. Aber tagsüber verbringe ich allein und nur mit meinen Texten. Ich habe noch nicht einmal eine Muschi (Katze), obwohl ich bei Twitter bin.

Vor ein paar Tagen traf ich meinen Nachbarn in der Tiefgarage. Er fragte, wie es mir so geht. Ich antwortete, dass ich gerade sehr viel schreiben muss und mich diese Arbeit etwas einsam macht. Am Abend klingelte mein Nachbar an der Tür. Er fragte, ob wir zusammen nach Mitte joggen wollen. Dann sind wir zusammen nach Mitte gejoggt. Dick eingepackt, zwei Stunden lang.
Mein Nachbar wollte mir was Gutes tun. Ich glaube, das waren die schönsten zwei Stunden seit Wochen.

Monatsentdeckung

Wenn ich den Begriff Model im Rollstuhl höre, hat das für mich immer einen bitteren Beigeschmack. Wenn eine Frau oder ein Mann modelt und im Rollstuhl sitzt, dann ist der einzige Grund für ihre/seine Modelexistenz die Gegebenheit, dass sie/er eben im Rollstuhl sitzt. Dabei urteile ich nicht über die Models, sondern appelliere vielmehr an Auftraggeber, nicht allein für die Behinderung auszusuchen, um Wörter, wie Vielfalt und Inklusion an ihre Kampagne zu kleben, sondern den Menschen – und jetzt sage ich etwas, was ich zusammenhanglos niemals sagen würde – nach Äußerlichkeiten und Style auszusuchen, um ihn bei seinem Projekt darzustellen.
Jillian Mercado ist so ein Typ. Sie ist ein gefragtes High-Fasion-Model und gehört zu den schönsten und ausdruckstärksten Menschen, die ich je gesehen habe. Sie ist einer dieser Typen, die man ständig angucken muss, wenn sie den Raum betreten. Der Clou: Jillian modelt nicht, weil sie im Rollstuhl sitzt, sondern Fashion verkörpert.
Jillian Mercado wurde 1987 in New York City geboren, ist Absolventin des Fashion Institute of Technology und wurde durch die Diesel-Kampagne letztes Jahr berühmt. Ihr Beruf als Model habe viel mit ihrem Selbstbewusstsein gemacht, wie sie sagt. Was genau sie damit meint, sieht man hier:

Monatssong

Wolke 4 von Philipp Dittberner ist mein Monatssong. Den Zustand Wolke 4 kenne ich zur Genüge. Damals habe ich ihn geliebt, heute hasse ich ihn. Warum? Das erfahrt ihr im nächsten Blogpost.