Bitte nicht einsteigen!

Ich fahre nicht nur Rollstuhl. Ich fahre auch U-Bahn, Bus und S-Bahn. Berlin erlebe ich als Rollstuhlfahrerin sehr barrierefrei. Vergleiche ich andere deutsche Städte oder Länder, in denen ich bisher gelebt habe, kann ich mich hier am besten frei und selbständig bewegen. Laut BVG sind 100% der Linienbusse barrierefrei und es kommen stets mehr Aufzüge an U-Bahn- und S-Bahnstationen hinzu. Im Jahr 2013 erhielt die Stadt sogar den „Access City Award 2013“, die höchste europäische Auszeichnung für Barrierefreiheit.

Das erste Mal bin ich vor sieben Jahren mit der U-Bahn gefahren. Ich liebe den Geruch, den Dreck, die unfreundlichen Bahnfahrer, das Drängeln und Flirten mit Unbekannten. Ich liebe die Aussicht aus der U1, wenn man über die Oberbaumbrücke fährt und über die Spree hinweg den TV-Tower erblickt. Doch vor allem liebe ich die damit verbundene Unabhängigkeit.

U-Bahn_Laura

Die Stationen, wo Aufzüge vorhanden sind, habe ich auswendig im Kopf. Beinah jeden Tag sitze ich in irgendeinem öffentlichen Verkehrsmittel. Mit Rollstuhl und motorisiertem Handbike. Muss ich in ein älteres U-Bahnmodell einsteigen, legt mir der Bahnfahrer eine Rampe zu Füßen, um die Stufe in die Bahn zu überbrücken. Raus hüpfe ich selbst. In die neuen Modelle komme ich ohne Hilfe hinein.

Die Notbremse eines Gutachtens

Ende letzten Jahres hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmer (VDV) ein Gutachten zum Unfallrisiko durch E-Scooter veröffentlicht. Die Verkehrsbetriebe der Stadt Köln und Herne haben als erstes das Verbot, E-Scooter in Bahn und Bussen nicht mehr mitzunehmen, ausgesprochen. Die Städte München, Köln, Frankfurt, Dortmund, Kassel und Bremen zogen nach.
Auslöser für dieses plötzliche Verbot war ein Gutachten der STUVA, Studiengesellschaft für unterirdische Verkehrsanlagen e.V. Dabei führte die STUVA selbst keine Untersuchungen durch, sondern stützte sich auf Berechnungen eines 22 Jahre alten Gutachtens, das wohl herausfand, dass die Mitnahme der besagten E-Scooter gefährlich sei. Bei einer Notbremsung „würden die Hilfsmittel wahrscheinlich umkippen“ und dabei den Benutzer und andere Fahrgäste gefährden.
Auch ich habe vor ein paar Jahren mal eine Notbremsung in der U-Bahn erlebt. Und tatsächlich habe ich mich dabei leicht verletzt. Ein stehender Fahrgast ist auf mich gefallen und verbog mir dabei den Rücken, während ein anderer Fahrgast zusätzlich von hinten nachdrückte. Denn auch er konnte sich bei dieser Notbremsung nicht aufrechthalten. Da ich immer ganz vorne im Zug stehe, hielt mich glücklicherweise die Wand zur Fahrerkabine in einer senkrechten Position. Generell ist dieser Wandplatz wohl einer der sicherste Plätze für Leute, die auf ein Hilfsmittel angewiesen sind und dieses während der Fahrt nicht verlassen wollen/können, da eine mögliche Stoßkraft von einer Wand abgefangen wird.

Die größte Gefahr, die ich im Moment einer starken Bremsung erfuhr, waren lediglich die umherfliegenden Fahrgäste. Und dafür brauche ich kein Gutachten.

E-Rollstühle dürfen (!) weiterhin in Bussen und Bahnen mitgenommen werden. Sie seien durch ihre kompaktere Bauweise sicherer, da sie sich im Innenraum des Verkehrsmittels wenden und sich somit in Fahrtrichtung stellen können. An dieser Stelle werden meine Zweifel sehr groß, dass sich die Autoren des Gutachtens intensiv mit der Kippfreudigkeit eines Rollstuhls jeglicher Art auseinandergesetzt haben. Denn sonst hätte man herausgefunden, dass eine Stellung quer zur Fahrtrichtung wahrscheinlich die sichere Variante für den Fahrgast mit E-Scooter, E-Rollstuhl oder Aktivrollstuhl ist. Würde ich mich mit meinem Rollstuhl genau in Fahrtrichtung positionieren, würde ich bei jeder Abfahrt nach hinten kippen und mich schwer verletzen. Bei einer Positionierung gegen die Fahrtrichtung würde ich vorne überkippen oder hätte zumindest Probleme, mich aufrecht zu halten. Bei Nässe oder Matsch bestünde bei beiden Positionen erhöhte Rutschgefahr. Eine Querstellung mit meinem Rollstuhl mit und ohne Handbike gibt mir nicht nur genügend Halt bei ruckartigen Abfahrten oder ahnungslosen Bremsmanövern, sondern auch die Möglichkeit, im Ernstfall umherfliegende Passagiere abzuwehren.

Erst denken, dann handeln

Das Verbot empfinde ich als eine Frechheit und diskriminierend für Menschen, denen dadurch ganz offensichtlich ein großer Teil ihrer Selbständigkeit genommen wird.
E-Scooter werden vor allem von Senioren benutzt und Menschen, die teilweise auf Hilfsmittel zurückgreifen müssen. Ein Verbot wird vor allem die Menschen treffen, die in ländlichen Gebieten leben, wo es keinen Anschluss an das Schienennetz gibt und der Busverkehr die einzige Möglichkeit darstellt, um einkaufen zu gehen, Arztpraxen zu besuchen oder soziale Kontakte zu pflegen.
Bisher selbständig lebende Menschen mit Behinderung werden so auf Hilfeleistungen angewiesen sein, die sie bisher nicht in Anspruch nehmen mussten.

Berlin und Hamburg planen kein Verbot zum Transport von E-Scootern. Markus Falkner von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) sagt: „Die Barrierefreiheit ist ein hohes Gut, dem wir uns verpflichtet fühlen. Sie genießt Vorrang.“ Norbert Killewald (SPD) ist Beauftragter der nordrhein-westfälischen Landesregierung für Behinderte. Den Beschluss der Verkehrsbetriebe nennt er „Schwachsinn hoch drei“ und eine „Katastrophe“.

Würde man mich von heute auf morgen von den öffentlichen Verkehrsmitteln ausschließen, würde man mir einen großen Teil meiner Selbständigkeit und Freiheit nehmen.
Bevor man in Sachen Barrierefreiheit einen Schritt zurückgeht, hätte man sich Gedanken über Ursachen und Folgen machen müssen und über Lösungen – wenn überhaupt ein Problem bestünde – nachdenken sollen.

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12 Gedanken zu „Bitte nicht einsteigen!

  1. Um die Gleichbehandlung bei den Gefährdungen einerseits der E-Scooter nutzenden Behinderten und den unangeschnallten, sogar stehenden Fahrgästen in Bussen und Bahnen zu gewährleisten muss für alle Fahrgäste eine Gurtpflicht gefordert werden. Dazu sollte die Unfallstatistik im gesamten Land herangezogen werden.
    Wenn die Betreiber von Bussen und Bahnen im ÖPNV vor diese Alternative gestellt werden, dürfte die übertriebene Einschätzung der Gefahr durch und für E-Scooter-Fahrer sehr schnell vom Tisch sein.

  2. „…sondern auch die Möglichkeit, im Ernstfall umherfliegende Passagiere abzuwehren.“

    Danke! Made my Day! Queerstellen ist immer die beste Möglichkeit einigermaßen sicher mit dem Rollstuhl im OVP mitgenommen zu werden. Ach was sind das immer für herrliche Diskussionen mit den Fahrern/ Reisenden…

  3. Ich sehe bei diesem Blogpost nur ein Problem: ich war vor rund 2 Jahren in Berlin und es war so gut wie gar nicht barrierefrei. Habe also eine ganz andere Erfahrung gemacht.
    Wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist und eine Muskelerkrankung hat, kommt man NUR mit fremder Hilfe in Bus, U-Bahn & co. Und mit einem E-Rollstuhl wären die Barrieren in die Buse und U-Bahnen unüberwindbar gewesen.
    Außerdem waren die einheimischen Leute nicht sehr hilfsbereit.
    Deshalb würde mich interessieren, wo du dich aufhältst da ich ja ganz andere Erfahrungen gemacht habe!

    • Das Hilfsmittel sollte sich immer an die Behinderung anpassen, so dass man sich selbständig bewegen kann. Auch ich habe eine Muskelerkrankung und bewege mich ohne fremde Hilfe fort. Ich bin in ganz Berlin unterwegs und erlebe die öffentlichen Verkehrsmittel als sehr barrierefrei. Die Berliner gelten als hart und ruppig. Haben aber ein gutes Herz und sind hilfsbereit, wenn man sie höflich fragt. Eine Frage der Einstellung.

      • Aber nach meiner Erfahrung nach könnte ich mich auch mit meinem E-Rollstuhl dort NICHT fortbewegen.
        Und das kann ich in meiner Heimat mehrheitlich schon. Und in London auch.
        Also ich persönlich wäre in Berlin aufgeschmissen. Hatte mich auf die Stadt gefreut. Aber für mich ist das System einfach unglaublich schlecht aufgebaut. Es gibt ja nicht einmal Hinweise, wo man welchen Lift zu welcher U-Bahn-Linie findet. Sehr traurig.
        Und die Leute konnten einem auch nicht weiterhelfen. Nicht einmal die Polizisten.

      • Das tut mir leid für dich. Dann solltest du mal über deinen E-Rollstuhl nachdenken. Ich kenne viele Leute in E-Rollstühlen, die sich in Berlin natürlich selbständig fortbewegen. Wie gesagt, das Hilfsmittel sollte sich deinen Bedürfnissen anpassen.
        Schade, dass die U-Bahnbeschilderung für dich schlecht aufgestellt ist. Wenn ich in einer fremden Stadt bin, muss ich mich natürlich auch erstmal neu orientieren, aber das finde ich normal. Nach ein, zwei Tagen gewöhnt man sich dran.

      • Glücklicherweise bekomme ich jetzt dann einen stärkeren Rollstuhl.
        Nur nochmal zum Thema Beschilderung: hab vor kurzem eine Sendung aus Deutschland gesehen, wo es um Toleranz, Barrierefreiheit und co. ging.
        Und die meinten auch, dass es in manchen Städten ganz schlecht beschildert ist. Aber ich denke, es gibt sicher schon eigene barrierefreie Wege für Touristen. So kenn ich es halt von Venedig und so. Gibts mittlerweile laut einem Freund von mir auch für Berlin. Und 2016 möchte ich wieder einen Versuch starten und Berlin ein weiteres Mal erkunden 🙂

  4. In Bielefeld sind die E-Scooter seit ein paar Tagen auch verboten, so las ich. Den Gedanken aus Deinem vorletzten Satz habe ich auch immer wieder, wenn ich (Fahrerin eines Adaptivrollstuhls) nun E-Scooter-FahrerInnen sehe. Mutig und richtig finde ich es, wenn sie trotzdem versuchen, sich auch jetzt in die Busse und Bahnen zu „wagen“!

    Liebe Grüße –

    Anna (wirklich, ich heiße auch so)

  5. Hallo,
    wieder mal ein guter Beitrag.

    Eine Frage:
    Ein E-Scooter, damit sind diese Modelle

    https://www.google.com/search?q=e+scooter&newwindow=1&safe=off&client=ubuntu&hs=Ddy&channel=fs&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=ftW0VIyKAsrxUpTQgsgO&ved=0CEwQsAQ&biw=1205&bih=680#newwindow=1&safe=off&channel=fs&tbm=isch&q=e+scooter+mit+sitz&revid=1945705720

    gemeint?

    Wobei vielleicht auch eine Unterscheidung zwischen Mobiltitätshilfe und Spielzeug, sinnvoll wäre.

    Gruß,
    Patrice

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