Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2014

Es war Dezember. Zeit für Frau Gehlhaars Monatszyklus.

Liebe Leserinnen und Leser, dank vielen von euch, hatte ich ein großartiges Jahr 2014. Frau Gehlhaar ist in diesem Jahr online gegangen und ich durfte spannende und emotionsgeladene Monate erleben, die ich auf jeden Fall mit ins Jahr 2015 nehmen werde. Ich freue mich auf die anstehende Zeit mit schönen und lustigen Texten, mit starken Kommentaren darunter und auf neue Erkenntnisse.

Monatshighlight

Ein paar schöne Dinge sind im Dezember passiert. Weihnachten gehörte nicht dazu. Weder ‚Sissi‘, noch ‚Titanic‘ liefen im Fernsehen, nach dem ersten Gang vom Vier-Gänge-Weihnachtsmenü wurde mir schlecht und jedes Jahr muss ich mit der Angst umgehen, beim Betreten einer Kirche nicht in Flammen aufzugehen.
Und da ich manchmal ziemlich blöd bin, habe ich mich mit den Menschen gestritten, die ich am meisten liebe – meiner Familie. Nach ein bisschen Reue, Demut und Versöhnung war ich dann ziemlich geschlaucht und kein Stück motiviert, Silvester zu feiern.

Mein Monatshighlight war deshalb ein Radiointerview bei DRadio Wissen. Zwei Stunden durfte ich OnAir unter dem Thema ‚Auf Augenhöhe‘ über meine Erlebnisse, Erfahrungen als Frau im Rollstuhl, über Inklusion und das SozialeModell von Behinderung berichten. Dabei wurde ich lediglich von sehr gut gewählter Musik unterbrochen, die ich sogar selbst mitbestimmen durfte.
Aufhänger des Interviews waren drei Sprüche aus meinem Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo: Kann man da noch was machen?, Sie inspirieren mich! und Sitzt dein Freund auch im Rollstuhl?

Monatsbegegnung

Das erste Mal habe ich meine ‚Monatsentdeckung‘ auf der re:publica 2013 persönlich kennengelernt. Sie ist Journalistin, lebt in London, hat ihre eigene Kolumne bei zeitonline und heißt Christiane Link. Christiane schreibt über Barrierefreiheit, Inklusion und holt sich ihren Input aus aktuellen, medialen Anlässen und ihren eigenen Erfahrungen. Denn sie sitzt selbst seit ihrer frühen Kindheit im Rollstuhl. Ich lese ihre Kolumne deshalb so gerne, weil ich dabei das empfinde, was wohl viele meiner LeserInnen bei meinen Texten empfinden: Ich erkenne mich darin wider. Und dennoch richten sich die Texte vor allem an Nichtbehinderte. Christiane lässt Leute, die mit der Thematik Behinderung und Barrierefreiheit wenig zu tun haben, an ihrer Erlebniswelt teilhaben und zeigt auf, wie Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen inklusiv an der Gesellschaft teilhaben können und müssen. Ich bin froh darüber, dass es die Kolumne stufenlos in ein großes Magazin, wie die zeit geschafft hat und die manchmal sehr diskriminierenden Leserkommentare zeigen, dass wir solche Kolumnen dringend brauchen.

Monatsfact

Am 6. Dezember verstarb Stella Young. Unerwartet und schmerzlos, teilte ihre Familie mit. Stella Young war australische Journalistin, Aktivistin und Comedian. Sie setzte sich dafür ein, Behinderung zu normalisieren und nicht mehr als Defizit zu betrachten. Sie sprach von behinderten Menschen und nicht von Menschen mit Behinderung und lehnte sich dabei an das Soziale Modell von Behinderung, was besagt, dass Behinderung erstmal ein gesellschaftliches Problem sei. Niemand sollte seinen Körper als falsch betrachten und erkennen, dass es die gesellschaftlichen Umstände sind, die diesen Körper behindern und/oder einschränken. In meinem Radiointerview sprach ich ebenfalls darüber.
Ihre wohl bekannteste Rede hielt sie in Sydney auf der TEDx-Bühne. ‚Ich bin nicht hier für eure Inspiration‘ lautete das Motto. Stella Young betonte die Ungerechtigkeit, die sie erfährt, wenn sie von Nichtbehinderten als Inspiration herhalten muss. “Ist es wirklich fair, Menschen als Inspiration zu benutzen, nur weil sie ihren Körper so nutzen, wie sie ihn nutzen können?” Auch ich habe zu diesem Thema mal einen Text verfasst.
Stella Young war und ist eins meiner größten Vorbilder in der Behindertenbewegung. Sie hat einen großen Teil dazu beigetragen, mich wegen meiner Behinderung nicht zu schämen und passiv daneben zu stehen. Ihre berühmten Worte Disability doesn’t make you exceptional, but questioning what you think you know about it does“ haben in mir ihre Spuren hinterlassen.

Der ganze TEDx-Talk wurde hier transkribiert.

Monatsentdeckung

Immer wieder und fortlaufend werden mir Blogempfehlungen, Artikel oder lustige Tweets in die Timeline gespült. Freunde empfehlen mir gute Serien und Bücher. Oder ich lande per Zufall in einer schönen Bar oder außergewöhnlichem Restaurant.
Diesen Monat habe ich (und viele andere auch) eine junge Künstlerin aus England entdeckt, die mit ihrem Video Prototype viral ging. Viktoria Modesta wirkt dabei an der aktuellen Channel 4 – Kampagne Born Risky mit und wird von selbiger als der ‚erste Popstar mit Amputation‘ unter dem Slogan Forget what you know about disability gehyped. Beim erstmaligen Ansehen des Videos war ich begeistert. Ich schickte es an meine Kollegen im Büro, teilte es auf Twitter. Doch bei all der Begeisterung gab es ein kleines Problem: Es war einzig und allein die Beinprothese, die Modesta seit ihrem 20. Lebensjahr trägt, die mich begeisterte. Auf sehr kunstvolle, beinah aggressive Art wird die Prothese im Video in Szene gesetzt und scheint Gesang, Liedtext und Outfit in den Schatten zu stellen. Und es scheint, als ob Modesta die ganze Aufmerksamkeit, die ganze Begeisterung nur wegen ihrer Beinprothese bekommt. Schaut man sich frühere Interviews oder Auftritte Modestas an, wo ihre Behinderung nie eine Rolle spielte, wird dieser Eindruck nur noch bestätigt. Auch Modesta selbst legte in vergangenen Auftritten ganz offensichtlich viel Wert darauf, weder ihre Prothese, noch ihre Behinderung zu thematisieren. Sie sah sich selbst der Behindertenszene nicht zugehörig. Und das fände ich völlig in Ordnung, denn am Ende muss jede/r selbst schauen, was er/sie mit seiner/ihrer Behinderung macht.
Channel 4, der generell Menschen mit Behinderung gerne als superhumans glorifiziert, scheint in Viktoria Modesta wieder einen dieser superhumans gefunden zu haben und vergisst leider, dass ein Slogan, der uns auffordert, alles über Behinderung zu vergessen, den behinderten Menschen selbst nicht hilft und nur wenig mit Inklusion zu tun hat.
Ich hätte mir ein Video mit genau dieser sehr talentierten Musikerin gewünscht, ohne dass eine wenig reflektierte Kampagne, erst dafür sorgen muss, eine Künstlerin groß rauszubringen.

Monatssong

Ich hatte mir noch nie einen Song im Radio gewünscht. Und schon gar nicht, wenn ich gerade selbst live im Studio sitze. Der Song ‚Stadtrandlichter‘ von Clueso ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich ihn zum ersten Mal hörte und mutierte schnell zu meinem Song des Monats. Er erinnert mich an das Schöne der Einsamkeit und macht, dass ich mich wohl und kuschelig fühle, während es draußen kalt und nass ist. Glücklich darüber, gerade live ein Gespräch mit einer tollen Moderatorin im Radio zu haben und zu wissen, dass mir gute Menschen dabei zuhören, gab mir der Song schließlich den Rest an Überwältigungsgefühlen und es kullerten mir ein paar Tränen übers Gesicht, was von der Moderation natürlich sofort aufgegriffen wurde. Während meines Radiointerviews wurde die Playlist leider rausgeschnitten. Aus GEMA-Gründen.

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3 Gedanken zu „Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2014

  1. Irgendwie bin ich bei dem Satz „Stella Young betonte die Ungerechtigkeit, die sie erfährt, wenn sie von Nichtbehinderten als Inspiration herhalten muss. “Ist es wirklich fair, Menschen als Inspiration zu benutzen, nur weil sie ihren Körper so nutzen, wie sie ihn nutzen können?”“ hängen geblieben. Ich hab auch deinen eigenen Text dazu gelesen. Ich finde es einleuchtend, dass du sagst, man könne quasi nur eine Inspiration für andere sein, wenn man bewusst dazu beiträgt diese Menschen zu inspirieren.
    Ich frage mich gerade, ob das wirklich so ist. Ich verstehe den Standpunkt, den Stella Young vertritt, sowie deinen. Aber auf der anderen Seite nutzen Menschen beispielsweise ihre Stimme, um zu singen. Vielleicht tun sie dies nur, weil sie es gerne tun, nicht mit der Intention andere zu inspirieren und tun dies ungewollt trotzdem. Obwohl sie ihren Körper ja in diesem Moment auch so nutzen, wie sie ihn nutzen können.
    Auf der anderen Seite gibt es aber auch sicher Menschen mit Behinderung, die mit ihrer Behinderung nur schwer umgehen können. Die vielleicht depressiv werden, denen vielleicht das Selbstbewusstsein fehlt und die vielleicht stolpern im Leben über die Art, wie sie ihren Körper nutzen können.
    Ich glaube nicht, dass man immer aktiv dazu beitragen muss, Menschen zu inspirieren. Ich kann aber auch verstehen, dass man darüber anders denkt, wenn man bei alltäglichen Dingen ständig diesen Satz hört. Das kann ich nicht beurteilen, denn mir hat beim Einkaufen noch niemand gesagt, dass ich eine Inspiration für ihn wäre 😉
    Liebe Grüße und danke, dass du so offen schreibst und einen so gut mit deinen Texten zum Nachdenken bringst.

  2. Danke für die Empfehlungen, habe die Videos gerne angesehen und kann mich deiner Kritik zu Viktoria Modesta nur anschließen. Gesanglich war der Clip höchstens Durchschnitt.

    Mit dem Wissen, dass Stella Young verstorben ist, hat der TedTalk nochmal einen anderen Beigeschmack bekommen.

  3. liebe frau gehlhaar,
    herzlichen dank für deine (ich hoffe das ist in ordnung) einblicke 2014. ich bin gespannt, was die zukunft bringen wird. vermutlich höchstens langsam neues, aber kleinschrittigkeit ist ja immerhin etwas. mach weiter so und ein gutes neues jahr!
    liebe grüße,
    jule*

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