Komplimente zu Silvester

Es war Silvester 2009. Mein erstes Silvester in Berlin. Ein Freund meiner ehemaligen Mitbewohnerin lud uns zum Feiern in seine WG ein. Im langen Flur hing ein Rennrad an der Wand, in der Küche hing das gleiche Modell in Olivgrün. Eine alte Kinositzbank stand im Flur. Eine typische Berliner Studenten-WG in Kreuzberg, Altbauwohnung, zweiter Stock. Damals, noch acht Kilo weniger auf den Rippen, nahm mich dieser Freund Huckepack und trug mich nach oben. „Boah, bist du leicht!“, verkündete er mir beim Erreichen des ersten Stocks. Von da an mochte ich den Freund meiner Mitbewohnerin. Und es sollte nicht bei diesem einen Kompliment in dieser Silvesternacht bleiben.

Ich quetschte mich durch den engen Flur, vorbei an den anderen Partygästen und fuhr drei Typen etwas unsanft in die Hacken. Sie entschuldigten sich dafür, ich verzieh ihnen und belohnte mich mit einem ersten Glas Champagner.

Schnell kam ich ins Gespräch mit anderen Partygästen, erzählte gefühlte 40 Mal, wer ich bin, was ich studiere und wie lange ich schon in Berlin sei. Aus dem Augenwinkel sah ich zwei junge Frauen. Blond, süß und mit so hohen High-Heels, dass ich mich fragte, ob der Freund meiner Mitbewohnerin sie ebenfalls einzeln nach oben getragen hat. Mit grellen und immer in einer Oktave zu hohen Stimmen kam immer wieder mal ein „Schaaatz, mach ma Foto!“ und dann standen sie da, lächelten sexy in die Digitalkamera und winkelten bei jedem Schuss ein Bein mit einem High-Heel an.

Sie stellten sich mit ,Nina‘ und ,Franzi‘ vor und setzten sich vor mir auf die schwarze Ledercouch. Sie seien die Freundinnen von Lucas und Tobi. Franzi beschwerte sich, dass Tobi kurz vor Mitternacht schon so betrunken sei. Sie müsse übermorgen ihre Hausarbeit einreichen. BWL, zweites Semester. Und deshalb müsse sie den Abend etwas ruhiger angehen. Nina und Lucas feierten heute ihren Jahrestag. Sie sind Silvester 2008 zusammengekommen, waren zwischenzeitlich getrennt, weil Lucas für ein Semester im Ausland war und da was mit Blanca hatte. Ich versuchte, mitfühlend zu schauen, nickte verständnisvoll und atmete demonstrativ einmal tief ein. Wir schauten uns so lange an, bis mich Nina leicht zögernd fragte: „Hast du eigentlich auch einen Freund?“ „Ja“, lächelte ich. „Oh, schön!“, grinste mich Nina an und Franzi fügte hinzu: „Und?“ „Und was?“, fragte ich zurück. Wollte Franzi jetzt wissen, ob er auch hier ist? Ob er auch eine Blanca im Ausland hat? Oder ob er auch in Berlin wohnt? „Nee…“ ergänzte Nina Franzis Frage. „Sitzt der auch im Rollstuhl?“ „Noch nicht“, sagte ich grinsend und hob verschwörerisch eine Augenbraue. Nina und Franzi guckten mich schockiert an. Mit einer beruhigenden Handbewegung wollte ich die beiden aus ihrer Schockstarre erlösen, schien sie jedoch mit dem Satz „Nein, der sitzt nicht im Rollstuhl.“ gleich in den nächsten Schockzustand zu katapultieren. „Voll schön für dich! Herzlichen Glückwunsch!“, rief Franzi schrill hervor und klatschte aufgeregt in die Hände. Und Nina fügte anerkennend hinzu: „Naja, du bist ja auch voll die Hübsche!“ Jetzt hob ich beide Augenbrauen. Ich war irritiert und verblüfft. Nicht zum ersten Mal bekam ich Reaktionen, wie Anerkennung und Schock nach der Aussage, dass mein Freund nicht im Rollstuhl sitzt. Jedoch bekam ich es noch nie so laut und offensichtlich aufs Butterbrot geschmiert, wie in dieser Silvesternacht. Aber immer wieder stelle ich mir die gleichen Fragen: Warum diese Anerkennung? Warum dieser Schock? Warum werde ich glorifiziert als jemand, die es geschafft hat, mit einer Behinderung, einen Partner ohne Behinderung an der Seite zu haben? Ganz nach dem Motto ,Du hast es geschafft!‘.

Dass in diesem Moment meine eigene Person und alle anderen Menschen mit Behinderung in ein schlechtes Licht gestellt werden, ist den Leuten meist nicht bewusst. Und in solchen Momenten können mir noch so viele Leute etwas von Gleichberechtigung und vollwertiges Leben erzählen. Denn Anhand von diesen Reaktionen erkenne ich, dass diese Begriffe in den Köpfen noch lange nicht angekommen sind. Das hat auch einen traurigen Beigeschmack, denn viele Behinderte könnten sich durch diese Erwartungshaltung unter Druck gesetzt fühlen und einen Partner, der wie sie auch eine Behinderung hat, kategorisch ablehnen. Oft aus dem Grund, weil sie es auch ‚schaffen’ wollen.

Das Paradoxe war: Auch mein Freund bekam Anerkennung zugesprochen, wenn er erzählte, dass seine Freundin im Rollstuhl sitzt. Jedoch aus einer anderen Motivation heraus. Er war der Mutige, der Starke, der sich mit einer, in deren Augen, schwachen Frau eingelassen hat, sich für sie opfert, sie womöglich pflegt und viele Kompromisse eingehen muss. Das kam bei anderen Frauen gut an. Sie sahen in ihm den Fürsorglichen, den Frauenversteher, den tiefgründigen Menschen. Und das alles wären schöne Gedanken gewesen, würden sie mich nicht automatisch in die Rolle der Bittstellerin pressen. Denn natürlich sah ich meinen damaligen Freund als mutig und stark und sehr tiefgründigen, bodenständigen Menschen. Sonst hätte ich ihn schließlich nicht für mich gewählt. Aber wo bleibe ich mit meiner Stärke und Fürsorge? Dass ich als Frau ebenfalls Stärke, Fürsorge, Rücksicht oder Kompromissbereitschaft mitbringe, wird oft vergessen.

Mit Sicherheit ist es ein nicht ganz leichter Prozess, sich von diesen vorurteilsgeprägten Denkmustern zu lösen, wenn man es denn überhaupt möchte. Selbst ich habe mich schon dabei ertappt, dass mich die Behinderung eines Mannes im Erkennen seiner Attraktivität blockierte. Es hat lange gedauert, bis ich mich von solchen Denkmustern lösen konnte. Dabei spielte die eigene Akzeptanz eine entscheidende Rolle. Mein Freund sagte mir mal, dass er mich ohne meine Behinderung gar nicht haben wolle, weil ich dann ein anderer Mensch wäre. Und mehr gibt es nicht zu sagen.

Ich trank mein viertes Glas Champagner aus. Wäre ich nicht auf meiner ersten Berliner Silvesterparty gewesen, hätte ich den beiden Mädchen erklärt, warum ich ihre Reaktion unpassend und verletzend finde. Aber ich wollte mich amüsieren und sagte stattdessen: „Girls, ich gehe jetzt ins Wohnzimmer, tanzen.“, beugte mich nach vorn und flüsterte: „Ich habe schon ziemlich einen sitzen, versteht ihr.“ Sie verstanden nicht.
Franzi rief in Babysprache: „Schaaatz, machst du ma Foto von uns dreien?!“ Doch noch bevor Tobi seine Digitalkamera zücken konnte, drehte ich mich um und verschwand ins Wohnzimmer.
Um kurz nach 12 machte Franzi dem sehr betrunkenen Tobi eine Szene. Zur gleichen Zeit verließ ich die Silvesterparty und fuhr zu meinem Freund.

Der Text erschien ebenfalls hier. Die Hörversion kann man sich hier reinziehen.

Bitte nicht einsteigen!

Ich fahre nicht nur Rollstuhl. Ich fahre auch U-Bahn, Bus und S-Bahn. Berlin erlebe ich als Rollstuhlfahrerin sehr barrierefrei. Vergleiche ich andere deutsche Städte oder Länder, in denen ich bisher gelebt habe, kann ich mich hier am besten frei und selbständig bewegen. Laut BVG sind 100% der Linienbusse barrierefrei und es kommen stets mehr Aufzüge an U-Bahn- und S-Bahnstationen hinzu. Im Jahr 2013 erhielt die Stadt sogar den „Access City Award 2013“, die höchste europäische Auszeichnung für Barrierefreiheit.

Das erste Mal bin ich vor sieben Jahren mit der U-Bahn gefahren. Ich liebe den Geruch, den Dreck, die unfreundlichen Bahnfahrer, das Drängeln und Flirten mit Unbekannten. Ich liebe die Aussicht aus der U1, wenn man über die Oberbaumbrücke fährt und über die Spree hinweg den TV-Tower erblickt. Doch vor allem liebe ich die damit verbundene Unabhängigkeit.

U-Bahn_Laura

Die Stationen, wo Aufzüge vorhanden sind, habe ich auswendig im Kopf. Beinah jeden Tag sitze ich in irgendeinem öffentlichen Verkehrsmittel. Mit Rollstuhl und motorisiertem Handbike. Muss ich in ein älteres U-Bahnmodell einsteigen, legt mir der Bahnfahrer eine Rampe zu Füßen, um die Stufe in die Bahn zu überbrücken. Raus hüpfe ich selbst. In die neuen Modelle komme ich ohne Hilfe hinein.

Die Notbremse eines Gutachtens

Ende letzten Jahres hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmer (VDV) ein Gutachten zum Unfallrisiko durch E-Scooter veröffentlicht. Die Verkehrsbetriebe der Stadt Köln und Herne haben als erstes das Verbot, E-Scooter in Bahn und Bussen nicht mehr mitzunehmen, ausgesprochen. Die Städte München, Köln, Frankfurt, Dortmund, Kassel und Bremen zogen nach.
Auslöser für dieses plötzliche Verbot war ein Gutachten der STUVA, Studiengesellschaft für unterirdische Verkehrsanlagen e.V. Dabei führte die STUVA selbst keine Untersuchungen durch, sondern stützte sich auf Berechnungen eines 22 Jahre alten Gutachtens, das wohl herausfand, dass die Mitnahme der besagten E-Scooter gefährlich sei. Bei einer Notbremsung „würden die Hilfsmittel wahrscheinlich umkippen“ und dabei den Benutzer und andere Fahrgäste gefährden.
Auch ich habe vor ein paar Jahren mal eine Notbremsung in der U-Bahn erlebt. Und tatsächlich habe ich mich dabei leicht verletzt. Ein stehender Fahrgast ist auf mich gefallen und verbog mir dabei den Rücken, während ein anderer Fahrgast zusätzlich von hinten nachdrückte. Denn auch er konnte sich bei dieser Notbremsung nicht aufrechthalten. Da ich immer ganz vorne im Zug stehe, hielt mich glücklicherweise die Wand zur Fahrerkabine in einer senkrechten Position. Generell ist dieser Wandplatz wohl einer der sicherste Plätze für Leute, die auf ein Hilfsmittel angewiesen sind und dieses während der Fahrt nicht verlassen wollen/können, da eine mögliche Stoßkraft von einer Wand abgefangen wird.

Die größte Gefahr, die ich im Moment einer starken Bremsung erfuhr, waren lediglich die umherfliegenden Fahrgäste. Und dafür brauche ich kein Gutachten.

E-Rollstühle dürfen (!) weiterhin in Bussen und Bahnen mitgenommen werden. Sie seien durch ihre kompaktere Bauweise sicherer, da sie sich im Innenraum des Verkehrsmittels wenden und sich somit in Fahrtrichtung stellen können. An dieser Stelle werden meine Zweifel sehr groß, dass sich die Autoren des Gutachtens intensiv mit der Kippfreudigkeit eines Rollstuhls jeglicher Art auseinandergesetzt haben. Denn sonst hätte man herausgefunden, dass eine Stellung quer zur Fahrtrichtung wahrscheinlich die sichere Variante für den Fahrgast mit E-Scooter, E-Rollstuhl oder Aktivrollstuhl ist. Würde ich mich mit meinem Rollstuhl genau in Fahrtrichtung positionieren, würde ich bei jeder Abfahrt nach hinten kippen und mich schwer verletzen. Bei einer Positionierung gegen die Fahrtrichtung würde ich vorne überkippen oder hätte zumindest Probleme, mich aufrecht zu halten. Bei Nässe oder Matsch bestünde bei beiden Positionen erhöhte Rutschgefahr. Eine Querstellung mit meinem Rollstuhl mit und ohne Handbike gibt mir nicht nur genügend Halt bei ruckartigen Abfahrten oder ahnungslosen Bremsmanövern, sondern auch die Möglichkeit, im Ernstfall umherfliegende Passagiere abzuwehren.

Erst denken, dann handeln

Das Verbot empfinde ich als eine Frechheit und diskriminierend für Menschen, denen dadurch ganz offensichtlich ein großer Teil ihrer Selbständigkeit genommen wird.
E-Scooter werden vor allem von Senioren benutzt und Menschen, die teilweise auf Hilfsmittel zurückgreifen müssen. Ein Verbot wird vor allem die Menschen treffen, die in ländlichen Gebieten leben, wo es keinen Anschluss an das Schienennetz gibt und der Busverkehr die einzige Möglichkeit darstellt, um einkaufen zu gehen, Arztpraxen zu besuchen oder soziale Kontakte zu pflegen.
Bisher selbständig lebende Menschen mit Behinderung werden so auf Hilfeleistungen angewiesen sein, die sie bisher nicht in Anspruch nehmen mussten.

Berlin und Hamburg planen kein Verbot zum Transport von E-Scootern. Markus Falkner von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) sagt: „Die Barrierefreiheit ist ein hohes Gut, dem wir uns verpflichtet fühlen. Sie genießt Vorrang.“ Norbert Killewald (SPD) ist Beauftragter der nordrhein-westfälischen Landesregierung für Behinderte. Den Beschluss der Verkehrsbetriebe nennt er „Schwachsinn hoch drei“ und eine „Katastrophe“.

Würde man mich von heute auf morgen von den öffentlichen Verkehrsmitteln ausschließen, würde man mir einen großen Teil meiner Selbständigkeit und Freiheit nehmen.
Bevor man in Sachen Barrierefreiheit einen Schritt zurückgeht, hätte man sich Gedanken über Ursachen und Folgen machen müssen und über Lösungen – wenn überhaupt ein Problem bestünde – nachdenken sollen.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Dezember 2014

Es war Dezember. Zeit für Frau Gehlhaars Monatszyklus.

Liebe Leserinnen und Leser, dank vielen von euch, hatte ich ein großartiges Jahr 2014. Frau Gehlhaar ist in diesem Jahr online gegangen und ich durfte spannende und emotionsgeladene Monate erleben, die ich auf jeden Fall mit ins Jahr 2015 nehmen werde. Ich freue mich auf die anstehende Zeit mit schönen und lustigen Texten, mit starken Kommentaren darunter und auf neue Erkenntnisse.

Monatshighlight

Ein paar schöne Dinge sind im Dezember passiert. Weihnachten gehörte nicht dazu. Weder ‚Sissi‘, noch ‚Titanic‘ liefen im Fernsehen, nach dem ersten Gang vom Vier-Gänge-Weihnachtsmenü wurde mir schlecht und jedes Jahr muss ich mit der Angst umgehen, beim Betreten einer Kirche nicht in Flammen aufzugehen.
Und da ich manchmal ziemlich blöd bin, habe ich mich mit den Menschen gestritten, die ich am meisten liebe – meiner Familie. Nach ein bisschen Reue, Demut und Versöhnung war ich dann ziemlich geschlaucht und kein Stück motiviert, Silvester zu feiern.

Mein Monatshighlight war deshalb ein Radiointerview bei DRadio Wissen. Zwei Stunden durfte ich OnAir unter dem Thema ‚Auf Augenhöhe‘ über meine Erlebnisse, Erfahrungen als Frau im Rollstuhl, über Inklusion und das SozialeModell von Behinderung berichten. Dabei wurde ich lediglich von sehr gut gewählter Musik unterbrochen, die ich sogar selbst mitbestimmen durfte.
Aufhänger des Interviews waren drei Sprüche aus meinem Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo: Kann man da noch was machen?, Sie inspirieren mich! und Sitzt dein Freund auch im Rollstuhl?

Monatsbegegnung

Das erste Mal habe ich meine ‚Monatsentdeckung‘ auf der re:publica 2013 persönlich kennengelernt. Sie ist Journalistin, lebt in London, hat ihre eigene Kolumne bei zeitonline und heißt Christiane Link. Christiane schreibt über Barrierefreiheit, Inklusion und holt sich ihren Input aus aktuellen, medialen Anlässen und ihren eigenen Erfahrungen. Denn sie sitzt selbst seit ihrer frühen Kindheit im Rollstuhl. Ich lese ihre Kolumne deshalb so gerne, weil ich dabei das empfinde, was wohl viele meiner LeserInnen bei meinen Texten empfinden: Ich erkenne mich darin wider. Und dennoch richten sich die Texte vor allem an Nichtbehinderte. Christiane lässt Leute, die mit der Thematik Behinderung und Barrierefreiheit wenig zu tun haben, an ihrer Erlebniswelt teilhaben und zeigt auf, wie Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen inklusiv an der Gesellschaft teilhaben können und müssen. Ich bin froh darüber, dass es die Kolumne stufenlos in ein großes Magazin, wie die zeit geschafft hat und die manchmal sehr diskriminierenden Leserkommentare zeigen, dass wir solche Kolumnen dringend brauchen.

Monatsfact

Am 6. Dezember verstarb Stella Young. Unerwartet und schmerzlos, teilte ihre Familie mit. Stella Young war australische Journalistin, Aktivistin und Comedian. Sie setzte sich dafür ein, Behinderung zu normalisieren und nicht mehr als Defizit zu betrachten. Sie sprach von behinderten Menschen und nicht von Menschen mit Behinderung und lehnte sich dabei an das Soziale Modell von Behinderung, was besagt, dass Behinderung erstmal ein gesellschaftliches Problem sei. Niemand sollte seinen Körper als falsch betrachten und erkennen, dass es die gesellschaftlichen Umstände sind, die diesen Körper behindern und/oder einschränken. In meinem Radiointerview sprach ich ebenfalls darüber.
Ihre wohl bekannteste Rede hielt sie in Sydney auf der TEDx-Bühne. ‚Ich bin nicht hier für eure Inspiration‘ lautete das Motto. Stella Young betonte die Ungerechtigkeit, die sie erfährt, wenn sie von Nichtbehinderten als Inspiration herhalten muss. “Ist es wirklich fair, Menschen als Inspiration zu benutzen, nur weil sie ihren Körper so nutzen, wie sie ihn nutzen können?” Auch ich habe zu diesem Thema mal einen Text verfasst.
Stella Young war und ist eins meiner größten Vorbilder in der Behindertenbewegung. Sie hat einen großen Teil dazu beigetragen, mich wegen meiner Behinderung nicht zu schämen und passiv daneben zu stehen. Ihre berühmten Worte Disability doesn’t make you exceptional, but questioning what you think you know about it does“ haben in mir ihre Spuren hinterlassen.

Der ganze TEDx-Talk wurde hier transkribiert.

Monatsentdeckung

Immer wieder und fortlaufend werden mir Blogempfehlungen, Artikel oder lustige Tweets in die Timeline gespült. Freunde empfehlen mir gute Serien und Bücher. Oder ich lande per Zufall in einer schönen Bar oder außergewöhnlichem Restaurant.
Diesen Monat habe ich (und viele andere auch) eine junge Künstlerin aus England entdeckt, die mit ihrem Video Prototype viral ging. Viktoria Modesta wirkt dabei an der aktuellen Channel 4 – Kampagne Born Risky mit und wird von selbiger als der ‚erste Popstar mit Amputation‘ unter dem Slogan Forget what you know about disability gehyped. Beim erstmaligen Ansehen des Videos war ich begeistert. Ich schickte es an meine Kollegen im Büro, teilte es auf Twitter. Doch bei all der Begeisterung gab es ein kleines Problem: Es war einzig und allein die Beinprothese, die Modesta seit ihrem 20. Lebensjahr trägt, die mich begeisterte. Auf sehr kunstvolle, beinah aggressive Art wird die Prothese im Video in Szene gesetzt und scheint Gesang, Liedtext und Outfit in den Schatten zu stellen. Und es scheint, als ob Modesta die ganze Aufmerksamkeit, die ganze Begeisterung nur wegen ihrer Beinprothese bekommt. Schaut man sich frühere Interviews oder Auftritte Modestas an, wo ihre Behinderung nie eine Rolle spielte, wird dieser Eindruck nur noch bestätigt. Auch Modesta selbst legte in vergangenen Auftritten ganz offensichtlich viel Wert darauf, weder ihre Prothese, noch ihre Behinderung zu thematisieren. Sie sah sich selbst der Behindertenszene nicht zugehörig. Und das fände ich völlig in Ordnung, denn am Ende muss jede/r selbst schauen, was er/sie mit seiner/ihrer Behinderung macht.
Channel 4, der generell Menschen mit Behinderung gerne als superhumans glorifiziert, scheint in Viktoria Modesta wieder einen dieser superhumans gefunden zu haben und vergisst leider, dass ein Slogan, der uns auffordert, alles über Behinderung zu vergessen, den behinderten Menschen selbst nicht hilft und nur wenig mit Inklusion zu tun hat.
Ich hätte mir ein Video mit genau dieser sehr talentierten Musikerin gewünscht, ohne dass eine wenig reflektierte Kampagne, erst dafür sorgen muss, eine Künstlerin groß rauszubringen.

Monatssong

Ich hatte mir noch nie einen Song im Radio gewünscht. Und schon gar nicht, wenn ich gerade selbst live im Studio sitze. Der Song ‚Stadtrandlichter‘ von Clueso ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich ihn zum ersten Mal hörte und mutierte schnell zu meinem Song des Monats. Er erinnert mich an das Schöne der Einsamkeit und macht, dass ich mich wohl und kuschelig fühle, während es draußen kalt und nass ist. Glücklich darüber, gerade live ein Gespräch mit einer tollen Moderatorin im Radio zu haben und zu wissen, dass mir gute Menschen dabei zuhören, gab mir der Song schließlich den Rest an Überwältigungsgefühlen und es kullerten mir ein paar Tränen übers Gesicht, was von der Moderation natürlich sofort aufgegriffen wurde. Während meines Radiointerviews wurde die Playlist leider rausgeschnitten. Aus GEMA-Gründen.