Frau Gehlhaars Monatszyklus – November 2014

Manchmal schafft man es, selbst mich zu inspirieren. Geschafft hat das diesmal die Ninia LaGrande. Sie hat nicht nur gerade ein lustiges Buch geschrieben, sondern auch eine neue Rubrik auf ihrem Blog gestartet. In Weekly LaGrande erzählt sie über ihre Wochenerlebnisse, ihre Highlights und zeigt, was sie modetechnisch drauf hat. Das ist eine schöne Idee, dachte ich. Das möchte ich auch, dachte ich. Nur ohne Mode. Und jetzt starte ich die Rubrik Frau Gehlhaars Monatszyklus.
Liebe Leserinnen und Leser, bitte bleiben Sie ruhig. Es geht bei dieser Rubrik weder schleimig, noch blutig zu. Ich werde mit den Kategorien Monatshighlight, Monatsbegegnung, Monatsfacts, Monatsentdeckung und Monatssong über meine Erlebnisse, Erkenntnisse, Freuden- und Trauergeschichten erzählen. Und das jeden Monat.

Monatshighlight

Es scheint ein Phänomen zu sein. Den November empfinde ich jedes Jahr als sehr stressig und vollgepackt. Vielleicht sind es die November-Blues. Vielleicht hat der November aber auch einfach nur Torschlusspanik, nicht im Jahresrückblick erwähnt zu werden und trägt deshalb jedes Jahr ziemlich dick auf. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich den diesjährigen Novemberstress sehr genossen habe und dass mich gleich mehrere Highlights durch den November trugen. Ich schlenderte von einem Inklusionskongress zum nächsten, durfte einen Vortrag halten über die mediale Berichterstattung von Menschen mit Behinderung und habe an einer Podiumsdiskussion in der Friedrich-Ebert-Stiftung teilgenommen. Mit Leuten aus Politik, Wirtschaft und sozialen Vereinen, mit Leuten mit und ohne Behinderung habe ich über Inklusion geredet und teilweise hart diskutiert. Manchmal fuhr ich frohen Mutes nach Hause, weil mir bewusst wurde, dass sich das Bild eines Menschen mit Behinderung über die letzten Jahre mehr und mehr aus der Passivität in das Bild eines aktiven Menschen verwandelt, der selbstbestimmt sein will, gesehen und gehört werden will, und dabei auch mal lauter werden muss. Komischerweise scheinen viele Leute ohne Behinderung von dieser Aktivität etwas irritiert zu sein. Dann frage ich mich allerdings, was solche Leute aus Politik und Wirtschaft denn bitte erwarten, wenn sie das Wort Inklusion in den Raum werfen und dabei oft außer acht lassen, dass es nicht reicht, sich nur mit diesem Wort zu schmücken, sondern dass es sich hierbei um ein in der Behindertenrechtskonvention verankertes Menschenrecht handelt, welches es einzufordern gilt. Und das nicht erst morgen oder nächste Woche, sondern hier und jetzt.
Und auch wenn sich einige behinderte Menschen gegen das gesellschaftlich passive Bild mehr und mehr zu wehren scheinen und ihre Rechte aktiv einfordern, sind es nach meinen Beobachtungen noch viel zu wenige. Auf Veranstaltungen, in Talkshows oder auf anderen Bühnen wird viel geredet über Inklusion und Behinderte. Aber wo sind diese Behinderten überhaupt, frage ich mich. Durch dieses ganze Diskutieren und ‚Besserwissen‘ der Nichtbehinderten drückt man selbst im Zeitalter der Inklusion den Menschen mit seiner Behinderung in die Passivität. Oder ist es vielleicht sogar der behinderte Mensch selbst, der sich drücken oder gar unterdrücken lässt? Warum werden nicht viel mehr Leute, die eine Behinderung haben, laut, wehren sich gegen dieses Stigma und fordern, was ihnen laut Gesetz zusteht?

Monatsbegegnung

In dieser Woche begegnete mir eine tolle junge Frau, die mit einer schweren Form von Rheuma lebt. Sie hat eine auffällige Gehbehinderung und kann ihre Hände nur sehr gering benutzen. Sie ging als Kind auf eine Regelschule und bekam dafür einen Einzelfallhelfer an die Seite gestellt. Er war dafür da, ihr beispielsweise in die Jacke zu helfen oder ein Snickers aus dem Papier zu pulen. Die Eltern hatten darauf Anspruch und die junge Frau dachte ‚Ok, wenn man behindert ist, braucht man so jemanden einfach‘. Jedoch hinterfragte sie die Existenz ihres Einzelfallhelfers ziemlich schnell, als sie wegen ihm und der damit verbundenen Sonderstellung zur Außenseiterin der Klasse wurde. Auch ihre zwei besten Freundinnen verstanden nicht, warum ständig eine fremde Person um ihre Freundin herumtanzt, erzählte mir die junge Frau. „Wenn du einen Schokoriegel oder deine Jacke anziehen willst, können wir dir auch helfen!“ Der Einzelfallhelfer hatte somit ausgedient, die Kinder halfen sich untereinander und lernten, was es bedeutet, Hilfe anzubieten und danach zu fragen.
Ich möchte an dieser Stelle niemals die Position und den Nutzen eines Einzelfallhelfers infrage stellen. Sie werden in vielen Fällen dringend gebraucht, werden auch in Zukunft nicht mehr wegzudenken sein und müssen noch mehr gefördert werden. Aber ich möchte auch darauf aufmerksam machen, dass man individuell und vor allem in Absprache mit dem betroffenen Kind selbst klärt, wo Unterstützung nötig ist und so früh wie möglich dem Kind beibringt, seine Bedürfnisse und Fähigkeiten zu kommunizieren und vor allem für sich selbst zu sprechen! Denn nur so lernt man seinen eigenen Wert zu schätzen, wird selbstbewusst und lernt gezielt das einzufordern, was man braucht.

Monatsfacts

Ich habe diesen Monat ziemlich viel geweint. Ich weine eigentlich immer viel. Denn auch, wenn ich eine ziemlich harte Nuss bin, möchte ich am Ende des Tages nur auf den Arm. Ich weine aber nicht, weil ich besonders traurig bin oder ich mir besonders viel den Kopf gestoßen habe. Ich weine besonders häufig, wenn Menschen oder Situationen mein kaltes Herz berühren. Und das ist diesen Monat das ein oder andere Mal passiert.

Dann habe ich aus Wut geweint, weil mich das Drama um Tuğçe Albayrak sehr mitgenommen hat. Mit 23 Jahren hatte sie sich in einem kurzen Moment für Mut und Zivilcourage entschieden. Sie wollte zwei jungen Mädchen helfen, die von anderen in der Öffentlichkeit bedroht wurden. Dafür musste sie mit dem Leben bezahlen.
Ich hoffe sehr, dass sich die Leute durch den Tod Tuğçes nicht in ihrer Bereitschaft für Zivilcourage einschränken lassen. Wenn sich jemand einer Situation nicht gewachsen fühlt, so kann er/sie immer noch andere Leute mobilisieren, einzuschreiten oder Hilfe zu rufen. Man kann die Polizei rufen und laut verkünden, dass man die Polizei gerufen hat.

Ich weinte aus Erschöpfung. Die Tatsache, dass ich mich für einen Kampf für Chancengleichheit und Selbstbestimmtheit entschieden habe und diesen Kampf auch öffentlich austrage, nagt manchmal an meiner Kraft. Mich macht dieser Kampf oft müde, oft verzweifle ich und oft stelle ich mich und meine Waffen in diesem Kampf infrage. Und wie das bei Kämpfen nunmal so ist, kommen die Früchte nur sehr schleppend zutage.

Und ich weinte vor Freude. In diesem Monat feierten wir mit dem Sozialhelden e.V. 10-jähriges Jubiläum. Bereits im Sommer begannen wir mit den Vorbereitungen und am 28.11 konnte die Gaudi unter dem Motto Jeder kann ein Held sein endlich stattfinden. Starke und emotionale Reden von Johnny Haeusler, Holger und Raul, ein lustiger Text von Ninia LaGrande, schöne Musik von Blind & Lame und anderen Acts trugen uns durch den Abend. Meine Eltern kamen extra aus Düsseldorf nach Berlin und sowieso habe ich endlich auch ein paar der anderen Helden-Eltern kennengelernt. Das volle Programm und die vielen Gespräche des Abends ließen es nicht zu, um kurz in sich zu gehen und auf tiefe Emotionen zu stoßen. Und somit lag ich erst am Tag danach im Bett, starrte an die weiße Decke, ließ den Abend Revue passieren und weinte. Ich weinte, weil es dort Menschen gibt, die mit mir diesen Kampf fechten, die gleichen Ideale und Vorstellungen haben, wie ich und die nicht passiv daneben stehen und die Dinge einfach passieren lassen, sondern die Themen und Probleme erkennen und ihnen aktiv begegnen. Ich weinte, weil mir bewusst wurde, wieviel Glück ich hatte, diesen Menschen vor zwei Jahren zu begegnen und ein Teil von ihnen zu werden. Und als ich da lag und weinte und mein Glück erkannte, ging das Weinen über in lautes Lachen.

Monatsentdeckung

Immer wieder und fortlaufend werden mir Blogempfehlungen, Artikel oder lustige Tweets in die Timeline gespült. Freunde empfehlen mir gute Serien und Bücher. Oder ich lande per Zufall in einer schönen Bar oder außergewöhnlichem Restaurant.
Diesen Monat habe ich mich aber über drei Entdeckungen ganz besonders gefreut: Innerhalb von vier Tagen sog ich jeden Dialog, jede Szene und jede ernüchternde Wahrheit über das Leben der Serie True Detective auf. Doch neben der ganzen Freude über Brutalität und menschliche Abgründe, klebte beim Gucken der Serie auch eine schmierige Enttäuschung an mir: Da findet man endlich seinen Seelenverwandten und dann ist es lediglich eine fiktive Figur in einer Serie.

Die zweite Entdeckung verhalf mir meine eigene Mutter.

In diesem Monat wurde ich vom Featurette Blog zur Bloggerin der Woche ernannt. Mit einem sehr rührenden Text beschreibt Katrin ihre Highlights bei Frau Gehlhaar. Und ja, beim Lesen kamen mir die Tränen. Danke Katrin.

Monatssong

Kurz vor meinem Urlaub in Griechenland habe ich mir das neue Album ‚you&me‘ von Alecia Moore (P!nk) und Dallas Green gekauft. Als ich am Strand lag und aufs Meer schaute, habe ich die Songs rauf und runter gehört. Jetzt bin ich nicht nur textsicher, sondern habe wiederentdeckt, dass Pink ja tatsächlich singen kann.

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5 Gedanken zu „Frau Gehlhaars Monatszyklus – November 2014

  1. Pingback: Rollifräuleins Schatz der Woche - The Interview - Rollifräulein

  2. Liebe Laura,
    danke für diese persönlichen Einblicke! Es macht immer wieder Spaß von dir zu lesen! ❤
    Ich freu mich jetzt schon auf weitere Beiträge in deinem Monatszyklus! (Von mir auch aus mit Tränen, solange auch immer wieder welche der Freude wie bei der #HeldenFeier dabei sind…)
    Und sei stolz auf den Kampf, den du mit deinen Helden kämpfst – ihr macht das großartig!!! ❤

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