Kopf aus

Ich war im Urlaub. Auf Kos in Griechenland. Und das sollte ein Urlaubsbericht werden. Ein Bericht über die Insel, ihre Sehenswürdigkeiten und ihre Kultur. Ich wollte berichten, wie ich einen Surfkurs besuchte und scheiterte, wie ich jeden Abend mit Uzo und neu gewonnenen griechischen Freunden am Strand saß, das Leben und den Sonnenuntergang feierte. Ich wollte darüber berichten, wie mich die Unternehmungslust packte und zu welchen neuen Urlaubserkenntnissen ich gekommen bin. Und ich wollte endlich tschick lesen. Ein Buch, von dem alle schwärmen. Eine Woche lang lag es auf meinem Nachttisch im Hotel. Ungeöffnet. Unberührt.

Eine Woche habe ich weder einen Surfkurs besucht, noch packte mich irgendeine Unternehmungslust. Eigentlich packte mich gar keine Lust. Zu nichts. Ich lag einfach nur da und existierte. Am Strand, am Pool. Schon am ersten Tag legte sich bei mir ein Schalter um und ich vergaß alles, was mich die Wochen vor der Reise stresste, beschäftigte, traurig oder fröhlich machte. Hätte mich im Hotel jemand nach meinem Beruf oder Alter gefragt, hätte ich erst angestrengt überlegen müssen.

Mein Kopf war im Off-Modus. Ich habe mich kaum bewegt. Vom Bett zum Frühstück, vom Frühstück an den Strand, vom Strand zum Abendessen, vom Abendessen ins Bett. Und zwischendurch habe ich einfach nur über das Meer in die Ferne geschaut.

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Einmal machten wir einen Ausflug nach Kos-Stadt. Wir gingen über den Markt und ich schaute mir die vielen nackten Griechischen Götter an. Das gefiel mir, glaube ich. Ich probierte eine Sonnenbrille aus und bekam sie vom Verkäufer geschenkt. Ein anderer Verkäufer schenkte mir ein Tuch. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht wollte er mir eine Freude machen, vielleicht war ich in Griechenland aber auch eine Göttin, der man etwas schenken muss.

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An einem sehr regnerischen Tag war ich froh, eine Göttin zu sein und ein Tuch geschenkt bekommen zu haben. Denn somit konnte ich mich den ganzen Tag bei Regen und Donner mit diesem Tuch beschäftigen. Ich habe es gewickelt und gefaltet. Um meinen Hals, um meine Brust, um meinen Kopf.

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Und nach dem Unwetter lag ich wieder am Strand und schaute in die Ferne. Ein älterer Herr beobachtete mich dabei. Ein paar Tage später, als ich wieder am Strand lag und in die Ferne schaute, kam er zu mir und schenkte mir ein Bild. Er hätte mich gemalt, sagte er.

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Dass mich der Maler und Bildhauer Peter Müller gezeichnet hat, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. So oder so hat es mich sehr gerührt. Das Bild ist inzwischen eingerahmt und hängt bei mir im Badezimmer. Danke Peter!

Für das bloße Sein kleine Geschenke bekommen zu haben, war eine schöne Erfahrung. Ich habe nichts getan und habe etwas bekommen.

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Die letzten Tage lag ich wieder am Strand. Oder am Pool. Und blickte in die Ferne. Ohne auch nur einen Gedanken an meinen Alltag zu verlieren. Gestern kam ich wieder in Berlin an. Braungebrannt. In der U-Bahn demonstrierte ein betrunkener Penner seinen offenen Armbruch. Eine Frau kotzt daraufhin den Boden voll. Alles wie immer. Hallo Berlin.FullSizeRender-8

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9 Gedanken zu „Kopf aus

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  3. Als ich die Fotos gesehen habe, musste ich sofort an meinen Urlaub auf Kreta denken. Das Panorama sieht haargenau gleich aus. 🙂

    Als ich nach dem Rückflug in Tegel ausstieg, hat es geregnet. Wenn ich das hier nun lese, kommt es mir vor als hättest du meine Reise nacherzählt.

  4. Danke für den Urlaubsbericht!!!!! Auch die Rückkehr samt offenem Armbruch war beeindruckend. Das „Heimkommen“ ist nicht selten ernüchternd. Mittlerweile tendiere ich eher zum Urlaub daheim. Das kann auch paradiesisch sein und kostet quasi nix.

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