„Wo will der Rollstuhl denn raus?“

Muss ich einen Blinden vom Bahnsteigrand wegziehen? Hilft es, einem Stotternden die Worte in den Mund zu legen? Und kann ich Behinderte behindert nennen? Betroffene erklären Nichtbetroffenen, wie sie Situationen vermeiden, die für beide Seiten peinlich sind.

“Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?” lautet das aktuelle Thema der Rubrik Die Recherche – ein Onlineprojekt der Süddeutschen Zeitung. Redakteurin Sabrina Ebitsch schreibt in einem gelungenen Artikel über Klischees und Floskeln, die Menschen mit verschiedenen Behinderungen in ihrem Alltag entgegengebracht werden, und wie eine vorurteilsfreie Begegnung auf Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung aussehen könnte.

Ich freue mich immer sehr, wenn aus Interviews schöne und informative Artikel werden, frei vom Tonus des erhobenen Zeigefingers.

Und jetzt kommt der Auszug meines Interviewparts: Aus der Rollstuhlperspektive.

„Mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland sind schwerbehindert, fast neun Prozent der gesamten Bevölkerung. Trotzdem und trotz wachsender Bemühungen um Inklusion haben die meisten Nichtbehinderten keinen oder nur wenig Kontakt mit Menschen mit Behinderung oder anderen Einschränkungen. Entsprechend unsicher ist der Durchschnittsdeutsche, wenn es dann doch dazu kommt – wenn beispielsweise der neue Kollege im Rollstuhl sitzt oder einen ein blinder Passant nach dem nächsten Supermarkt fragt. Um Peinlichkeiten für beide Seiten, die leider noch immer allzu häufig sind, zu vermeiden, berichten fünf Betroffene aus eigener Erfahrung, wie es ist und wie es sein soll.

„Ich sage ja selbst: Also, ich geh jetzt“

Manchmal fragen mich fremde Menschen, wie es denn so im Bett läuft. Und ich frage mich, warum mich fremde Menschen auf mein Sexualleben ansprechen. Ist das in deren Erziehung so üblich gewesen? In meiner jedenfalls nicht. Ich würde das bei niemandem tun, den ich nicht kenne. Dann schaue ich nach unten: Ich sitze im Rollstuhl und bei Menschen mit Behinderung wird der Rahmen des ganz normalen Miteinanders leider oft gesprengt. Das ist nicht böse gemeint, aber anstrengend. Ich kann damit umgehen, meistens zumindest. Aber auch ich habe schlechte Tage und reagiere dann mit sarkastischen Kommentaren. Wenn mir jemand beim Einkaufen meint mitteilen zu müssen, dass ich ihn inspiriere, entgegne ich: „Warum? Ich gehe nur einkaufen. Genau wie Sie auch.“

Am besten ist es immer, sich zu fragen: Wie würde ich das finden? Wie wäre es mir in dieser Situation am liebsten? Einfach mal kurz in sich gehen, das hilft – auch weil es einem bewusst macht, dass Menschen mit Behinderung eben auch nur Menschen sind und nicht grundsätzlich anders ticken.

Über Hilfe annehmen und anbieten

Manche mögen es nicht, aber ich finde es super, wenn mir Hilfe angeboten wird. Ignoranz ist tausendmal schlimmer. Wenn ich mit einer schweren Tür kämpfe, ist es mir lieber, dass jemand eingreift, als dass er danebensteht und zuschaut. Zumindest dann, wenn es möglich ist, Hilfe auch abzulehnen, ohne dass der andere beleidigt ist (was auch vorkommt). Aber es gibt kein allgemeingültiges Rezept, da ist jeder anders.

Über den Kniefall

Besonders bemühte Gesprächspartner gehen neben mir in die Hocke, um auf Augenhöhe sprechen zu können. Dann schaue ich aber nach unten und frage mich, ob meinem Gegenüber nicht langsam die Knie wehtun. Ich bin es gewöhnt, nach oben zu gucken, und selbstbewusst genug dafür. Körperhöhe hat nichts mit Augenhöhe zu tun.

Über sprachliche Fallstricke

„Komm, wir gehen“ kann man natürlich auch zu einem Rollstuhlfahrer sagen. Das sind Sätze, die intuitiv zu unserem Vokabular gehören. Ich sage ja selbst: „Also, ich geh jetzt.“ Schlimm finde ich es, wenn sich Menschen nicht trauen, das Wort „Behinderung“ in den Mund zu nehmen. Ich mag sprachliche Überkorrektheiten nicht – Handicap ist nun mal falsch, es ist verniedlichend und klingt eher nach Abhängigkeit (mehr dazu hier). Mit solchen Euphemismen wird das Wort Behinderung und damit auch der Zustand schlechtgemacht. Ich habe nichts gegen „Behinderter“, finde aber „Mensch mit Behinderung“ besser, weil der Mensch im Vordergrund steht und die Behinderung eine Eigenschaft ist – wie die Haarfarbe. „Behinderter Mensch“ ist auch gut, weil es offen lässt, ob man behindert ist oder wird.

Was gar nicht geht: Wenn mich jemand auf meine Behinderung reduziert, wie es mir neulich im Bus passiert ist. Der Busfahrer hat nach hinten geschrien: „Wo will der Rollstuhl denn raus?“ Ich hab nicht reagiert und mir gedacht, wenn er eine Antwort von meinem Rollstuhl will, kann er lang warten. Als er noch mal und noch mal gerufen hat, habe ich nur gesagt: „Ich nehme mal an, da, wo ich raus will.“ Ich definiere mich nicht über meinen Rollstuhl, ich bin tausendmal mehr als das.

Über politisch nicht korrekte Kinder

Kinder sind unverblümt, sie stellen Fragen, vor denen Erwachsene zurückschrecken: Warum kann die nicht laufen? Warum sitzt die Frau da drin? Ich finde es toll, wenn Kinder Dinge hinterfragen und habe eher Schwierigkeiten mit Eltern, die verschämt danebenstehen und zischen: „Guck da nicht so hin“. Kinder – und nicht nur die – müssen hingucken, müssen fragen. Das ist eine Chance, von Anfang an Unsicherheiten abzubauen.

Ich lächle in solchen Situationen immer, versuche nett zu sein, auch wenn mir gerade nicht danach ist. Ich sage zum Beispiel: Weil ich nicht laufen kann. Oder: Weil ich lieber sitze. Und wenn das Kind dann wieder nach dem Grund fragt, sage ich: Spring mal. Und dann hüpft es, und ich erkläre, dass ich das meinen Beinen eben nicht genauso befehlen kann. Das verstehen Kinder. Jeder Mensch mit Behinderung hat eine Mission, aufzuklären und das Miteinander zu entkrampfen.“

 

Beim Lesen des vollständigen Artikels habe ich auch noch einiges lernen können! Dafür möchte ich mich bedanken bei Heiko Kunert („Das Fleisch liegt auf sechs Uhr“), Julia Probst („Reden Sie mit Gehörlosen nicht wie mit einem Kind“) und Aleksander Knauerhase („Je weniger Small Talk, desto besser“). Den ganzen Artikel „Wo will der Rollstuhl denn raus?“ kann man hier nachlesen.

Gut gemeint, schlecht gemacht

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Fassungslos und verletzt sah ich mir das Plakat zur ARD-Themenwoche Toleranz an. Wieso fragt mich die ARD, ob ein dunkelhäutiger Mann eine Belastung oder Bereicherung sei? Oder ob ein Rollstuhlfahrer Außenseiter oder Freund ist? Oder ist es im zweiten Fall die Behinderung, die einen zum Außenseiter oder zum Freund macht?
Je länger ich darüber nachdachte und rätselte, wie mir die ARD auf so eine provokante und verletzende Art, Toleranz näher bringen will, desto wütender wurde ich. Mit solchen Gegenüberstellungen, wie Außenseiter oder Freund wird meine Existenz und die Existenz aller anderen Minderheiten in Frage gestellt. Im Jahr 2014 fragt die ARD noch immer, ob es normal oder nicht normal ist, wenn zwei Männer sich lieben! Auch glaube ich nicht, dass die Hautfarbe darüber entscheidet, ob jemand eine Belastung oder Bereicherung ist. Das einzige, was ich hinter solch einer plumpen Fragestellung entdecke, sind wenig reflektierte Wahrnehmungsmuster, die keineswegs jemanden einladen, seine eigenen möglichen Vorurteile zu überdenken.  

Wer sollte eigentlich wem gegenüber tolerant sein?

Komischerweise scheint sich die Plakatserie nur an den Otto Normalverbraucher zu richten, der sich doch bitte zu entscheiden hat, in welchem Maße er mich als Mensch mit einer Behinderung und andere gesellschaftliche Minderheiten tolerieren möchte.
Als Mensch mit einer Behinderung möchte ich bezüglich solch einer Themenwoche nicht toleriert, also erduldet, werden. Und schon gar nicht möchte ich durch die von der ARD auf einen Thron gestellte Mehrheit in eine Schublade gesteckt werden. Das lässt mich passiv dastehen. Ich möchte, so wie jeder andere auch, in meinem Wesen und meiner Erscheinung akzeptiert werden und die gleichen Rechte und Pflichten haben, wie jeder andere auch.

Viele Menschen im Netz kritisieren die Umsetzung dieser Kampagne. Und das völlig zurecht. Durch meine bisherige Arbeit für Leidmedien bin ich für dieses Thema und die Kommunikation nach außen sehr sensibilisiert. Auch berate ich selbst
Werbeagenturen, wenn sie sich solch ein Thema zur Aufgabe machen wollen. 

Von der PR-Agentur der ARD hätte ich mir eine Kampagne gewünscht, die auf feine, provokante Art mit den Vorurteilen der Menschen spielt. Der Betrachter sollte sich beim Anschauen des Plakates beim Hegen eines Vorurteils ertappt fühlen und mit einem Lächeln weitergehen. Man stelle sich z.B. einen erwachsenen Mann mit Trisomie 21 vor und darüber steht der Satz einer von 1.999.999 Lehrern in Deutschland. Oder man sieht ein gleichgeschlechtliches Paar und darüber steht eins von 199 Paaren in Deutschland, das am 11.11.11 geheiratet hat.

Am 15.11 geht die ARD mit ihrer Toleranz-Themenwoche an den Start. Vor ein paar Tagen bekam ich von einem großen Radiosender die Anfrage, ob ich ein Interview über das Leben und Lieben mit Behinderung geben möchte. Gestern habe ich mich dagegen entschieden. Das ist sehr bedauerlich, da mich dieser Sender seit meiner Kindheit begleitet und ich zu dem Interviewthema schöne und lustige Geschichten hätte erzählen können. Jedoch möchte ich aus den oben genannten Gründen nicht Teil dieser eigentlich gut gemeinten, aber schlecht gemachten Aktion sein.
Ich hoffe, dass es noch viele Themenwochen in Zukunft geben wird, die sich den Randthemen unserer Gesellschaft widmen werden. Ohne Diskriminierung und Schubladendenken, sondern mit Witz, Charme und gesundem Menschenverstand.

Kopf in den Sand

Ich war im Urlaub. Auf Kos in Griechenland. Und das sollte ein Urlaubsbericht werden. Ein Bericht über die Insel, ihre Sehenswürdigkeiten und ihre Kultur. Ich wollte berichten, wie ich einen Surfkurs besuchte und scheiterte, wie ich jeden Abend mit Uzo und neu gewonnenen griechischen Freunden am Strand saß, das Leben und den Sonnenuntergang feierte. Ich wollte darüber berichten, wie mich die Unternehmungslust packte und zu welchen neuen Urlaubserkenntnissen ich gekommen bin. Und ich wollte endlich tschick lesen. Ein Buch, von dem alle schwärmen. Eine Woche lang lag es auf meinem Nachttisch im Hotel. Ungeöffnet. Unberührt.

Eine Woche habe ich weder einen Surfkurs besucht, noch packte mich irgendeine Unternehmungslust. Eigentlich packte mich gar keine Lust. Zu nichts. Ich lag einfach nur da und existierte. Am Strand, am Pool. Schon am ersten Tag legte sich bei mir ein Schalter um und ich vergaß alles, was mich die Wochen vor der Reise stresste, beschäftigte, traurig oder fröhlich machte. Hätte mich im Hotel jemand nach meinem Beruf oder Alter gefragt, hätte ich erst angestrengt überlegen müssen.

Mein Kopf war im Off-Modus. Ich habe mich kaum bewegt. Vom Bett zum Frühstück, vom Frühstück an den Strand, vom Strand zum Abendessen, vom Abendessen ins Bett. Und zwischendurch habe ich einfach nur über das Meer in die Ferne geschaut.

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Einmal machten wir einen Ausflug nach Kos-Stadt. Wir gingen über den Markt und ich schaute mir die vielen nackten Griechischen Götter an. Das gefiel mir, glaube ich. Ich probierte eine Sonnenbrille aus und bekam sie vom Verkäufer geschenkt. Ein anderer Verkäufer schenkte mir ein Tuch. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht wollte er mir eine Freude machen, vielleicht war ich in Griechenland aber auch eine Göttin, der man etwas schenken muss.

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An einem sehr regnerischen Tag war ich froh, eine Göttin zu sein und ein Tuch geschenkt bekommen zu haben. Denn somit konnte ich mich den ganzen Tag bei Regen und Donner mit diesem Tuch beschäftigen. Ich habe es gewickelt und gefaltet. Um meinen Hals, um meine Brust, um meinen Kopf.

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Und nach dem Unwetter lag ich wieder am Strand und schaute in die Ferne. Ein älterer Herr beobachtete mich dabei. Ein paar Tage später, als ich wieder am Strand lag und in die Ferne schaute, kam er zu mir und schenkte mir ein Bild. Er hätte mich gemalt, sagte er.

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Dass mich der Maler und Bildhauer Peter Müller gezeichnet hat, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. So oder so hat es mich sehr gerührt. Das Bild ist inzwischen eingerahmt und hängt bei mir im Badezimmer. Danke Peter!

Für das bloße Sein kleine Geschenke bekommen zu haben, war eine schöne Erfahrung. Ich habe nichts getan und habe etwas bekommen.

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Die letzten Tage lag ich wieder am Strand. Oder am Pool. Und blickte in die Ferne. Ohne auch nur einen Gedanken an meinen Alltag zu verlieren. Gestern kam ich wieder in Berlin an. Braungebrannt. In der U-Bahn demonstrierte ein betrunkener Penner seinen offenen Armbruch. Eine Frau kotzt daraufhin den Boden voll. Alles wie immer. Hallo Berlin.FullSizeRender-8