Ausgeträumt – Bereich P.

„Wie heißen Sie?“, fragte die Frau mit goldener Brille. „Ich bin die Laura! Laura Gehlhaar!“, „Und was können Sie?“,  „Ich kann singen! Und ich habe mal fünf Jahre Ballett getanzt!“ antwortete ich, gab dabei eine Pirouette zum besten und sang bis in die fünfte Oktave. „Aha.“ Die Frau musterte mich unbeeindruckt. Ihre offensichtlich langen Haare waren zu einem strengen Dutt geformt. Sie zog ihre Brille leicht ungläubig nach unten und presste hervor: „Warten Sie in Bereich A. A heißt Anfänger.“

Viele sangen und tanzten. Der ein oder andere hatte sicherlich mehr als fünf Jahre Ballett getanzt und konnte bis in die sechste oder siebte, vielleicht sogar achte Oktave singen. Ich sah an mir hinunter. Ich hatte mir extra neue Ballettschuhe gekauft. Die alten waren schon ganz löchrig getanzt.

Jemand rempelte mich von der Seite an. „Ey hallo?! Remple mich nicht so von der Seite an!“, „Ich remple nicht! Ich tanze!“, raunzte mich ein großer, dunkelhaariger Typ an. Warum war Ben Affleck hier? Er sollte doch Batman im neuen Batmanfilm spielen?! „Warum bist du hier? Du spielst doch Batman im neuen Batmanfilm!“, fragte ich Ben.

Bens Augen verengten sich. Beleidigt und provokant fragte er mich: „Und was hast du hier verloren?“

„Ich kann singen! Und ich habe fünf Jahre Ballett getanzt!“, erzählte ich stolz, machte eine Pirouette und sang bis in die fünfte Oktave. „Und mehr kannst du nicht?“, fragte Ben unbeeindruckt. Ich überlegte kurz. „Ich kann noch Rollstuhlfahren! Aber ich habe meinen Rollstuhl zu Hause vergessen.“, sagte ich, während ich mein Bein gekonnt über meinem Kopf an die Marmorsäule zum Dehnen drückte. Meine Stirn presste ich an mein Knie. „Tja, blöd.“ stellte Ben fest. „Heutzutage musst du dich im Showbusiness von den anderen abheben! Du brauchst ein Markenzeichen! Ich habe z.B. ein kleines, niedliches Grübchen am Kinn“ Ben aka Batman streichelte sich verliebt über sein kleines, niedliches Grübchen. Ich wollte das nicht und drehte mich weg.

Ich dachte darüber nach. Vielleicht wäre es wirklich klug gewesen, meinen Rollstuhl mitzunehmen. Vielleicht wäre dann die strenge Frau mit strengem Blick und strengem Dutt weniger streng gewesen. Vielleicht wäre sie dann sogar beeindruckt gewesen, hätte mir gesagt, wie toll sie mich findet und dass ich eine wahre Inspiration sei. Und dann hätte sie mich nicht in den Bereich A für Anfänger geschickt, sondern in den Bereich F für Fortgeschrittene oder Bereich P für Profis oder sogar in den Bereich ÜP für Überdurchschnittliche Profis.

Ben hatte Recht. „Ben, du hast recht.“

„Laura Gehlhaar, bitte!“, rief eine hohe männliche Stimme aus dem Bereich A. Ich betrat einen Saal mit weißgoldenem Stuck und dicken Marmorsäulen. Ein kleiner, dünner Mann fragte mich mit hoher Stimme: „Was können Sie denn?“ Ich schluckte. „Ich kann singen. Und ich habe fünf Jahre Ballett getanzt.“ Ich sang bis in die fünfte Oktave, tanzte eine Pirouette und war außer Atem. Eine ältere, zierliche Dame mit weißem Haar und roter Brille musterte mich. „Und mehr können Sie nicht?!“, „Doch! Ich kann noch Rollstuhlfahren!“, presste ich nervös, aber überzeugend hervor. Der kleine, dünne Mann und die ältere, zierliche Dame sahen sich überrascht an und nickten einander anerkennend zu.

„Kommen Sie morgen wieder. Zum Bereich P. Und bringen Sie Ihren Rollstuhl mit!“

 

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Ich träume oft und wild. Meistens erinnere ich mich an alle Träume, die ich in einer Nacht hatte. Das habe ich mir so angewöhnt. ,Ausgeträumt‘ soll eine Reihe von Träumen werden, die mich zum Nachdenken oder zum Lachen gebracht haben. Für weitere Träume, klickt hier, hier und hier.

Inklusion einfordern

Für meine Mama

„Die hasst mich! Die hat’s voll auf mich abgesehen!“, beschwerte ich mich bei meiner Mutter, als ich wütend und frustriert mit einer für mich nicht angemessenen Deutschnote nach Hause kam. Ich war 15 Jahre alt und die Welt schien sich gegen mich verschworen zu haben. Genervt setzte ich mich auf den Küchentisch und sah meiner Mutter dabei zu, wie sie hochschwanger vier Kochtöpfe gleichzeitig organisierte, während mein kleiner Bruder den Zeigefinger in die heiße Tomatensauce tunkte, sich verbrannte und heulte. „Boah Mama, hörst du mir überhaupt zu?!“, „Laura, dann sprich sie doch mal darauf an! Und deck jetzt endlich den Tisch!“, erwiderte meine Mutter und hielt den Finger meines Bruders unter kaltes Wasser.

Am nächsten Tag im Deutschunterricht nahm die Verschwörung gegen mich ihren Lauf; kein Lob für offensichtlich gute mündliche Beiträge, Ignorieren meines Aufzeigens und der übliche strenge Blick in meine Richtung.

Es läutete zur großen Pause und während alle aus dem Klassenzimmer eilten, nahm ich meinen Mut zusammen, stellte mich vor das Pult und schoss heraus: „Frau A.D., warum hassen Sie mich?“ Frau A.D. lächelte mich an: „Laura, ich hasse dich nicht. Ganz im Gegenteil.“, „Aber zu mir sind Sie immer streng und die Jungs bekommen immer Lob und die Mädchen nie.“ Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Eigentlich wollte ich immer so werden, wie Frau A.D.: klug, emanzipiert, flink und schlagfertig. Frau A.D. schien immer alles im Griff zu haben. Sie wusste, was sie kann, wovon sie sprach und dass sie gut aussieht. Und das fand ich auch gut.

„Ich erzähl dir jetzt mal was, Laura: Du bist eine Frau. Frauen haben es auch in unserer heutigen Gesellschaft nicht leicht. Sie müssen mehr kämpfen als Männer, nur um am Ende das Gleiche zu bekommen. Du bist nicht nur eine Frau. Du bist eine Frau mit Behinderung. Du wirst doppelt kämpfen müssen, nur um am Ende das gleiche wie alle anderen zu bekommen.“ Sie sah mir tief in die Augen. „Ich hasse dich nicht. Ich bereite dich aufs Leben vor.“ Ich schluckte und verließ das Klassenzimmer.

Heute, 16 Jahre später, erinnere ich mich an die Worte meiner Deutschlehrerin und erlebe beinah täglich das, was sie mir damit sagen wollte. In vielen Situationen meines Alltags muss ich für mich das einfordern, was für Menschen ohne Behinderung eine Selbstverständlichkeit ist. Dann muss ich der Frau hinter der Kinokasse erklären, dass ich neben meiner Freundin im Kino sitzen möchte und nicht drei Reihen hinter ihr, weil sich dort ordnungsgemäß der Platz für die ‚Begleitperson’ befindet. Oder ich muss die laufenden Leute im vollen Aufzug dazu auffordern, die Treppen zu benutzen, damit ich endlich in meine gewünschte Etage komme. Dann muss ich um meinen Wunscharbeitsplatz kämpfen, weil dieser aufgrund von Denkmalschutz nicht barrierefrei ist und ich dem Amt klarmachen muss, dass eine Rampe, die lediglich zwei Stufen abdecken soll, dem Gebäude nicht wehtun wird und mir das Recht gibt, am normalen Arbeitsleben teilzunehmen.

Ich könnte mit dieser Aufzählung endlos fortfahren und wenn ich daran denke, dass Freunde und Bekannte nicht das gleiche Gehalt für die gleiche Leistung verdienen dürfen, weil sie aufgrund ihrer Behinderung auf Assistenz angewiesen und somit an das Sozialamt gekoppelt sind, mag diese kurze Aufzählung als ‚Wehwehchen des Alltags’ erscheinen. Aber auch diese Wehwehchen kosten Kraft und fordern viel Energie, wenn es darum geht, sein Recht auf Gleichberechtigung und Selbstbestimmtheit, sein Recht auf Inklusion, geltend zu machen.

Bevor man jedoch den Schritt geht, für sich selbst zu kämpfen, muss einem ins Bewusstsein, dass man als Mensch und vor allem als Mensch mit Behinderung gar keine andere Wahl hat, als aktiv für sich und seine Rechte und Bedürfnisse zu kämpfen. Das ist zwar traurig, aber eben auch oft die Realität. Nur passiv daneben stehen und sich aufregen, dass der Aufzug am Bahnhof immerzu überfüllt mit offensichtlichen Läufern ist, reicht nicht, um etwas an seiner eigenen Situation zu ändern. Die Tür aufhalten, höflich fragen, wer von den Herrschaften denn gut zu Fuß ist, bringt einen manchmal schneller in die gewünschte Etage und somit an sein Ziel, als gedacht.

Das, was meine Lehrerin damals zu mir sagte, schien meine Mutter schon immer gewusst zu haben. Die Art und Weise, wie ich für mich und andere einstehen kann, ist letztendlich auch oder vor allem auf die Attitüde und Liebe meiner Mutter zurückzuführen. Sie hat meinen Mut und meine Eigenwilligkeit erkannt und gestärkt und mich durch ihre Bodenständigkeit und Humor zu einem selbstbewussten Menschen gemacht.

 

„Alle meine Kinder sind besonders“

Den Status des ‚besonderen Kindes’ hatte ich nie. Meine Behinderung wurde nie schöngeredet oder gar als besonders gesehen. Mir wurde nie ins Ohr geflüstert, dass ich ‚auserwählt’ wurde, dass mir meine Behinderung gegeben wurde, um im Leben eine höhere Aufgabe zu erfüllen. Sie war einfach da. Manchmal war das gut. Manchmal war das schlecht.

Hätte man mir ständig gesagt, dass ich aufgrund meiner Behinderung etwas ganz Besonderes bin, hätte ich mich mit diesem Status gemütlich zurückgelehnt, mir meine besonderen Füße massieren und meinen besonderen Hintern hinterhertragen lassen. Jeglicher wichtiger Konkurrenzkampf zwischen meinen Brüdern, Freunden und mir wäre wohl weggefallen. Es hätte ja auch gar keinen Sinn gemacht, sich mit mir zu duellieren. Hätte ich verloren, hätte mein Trostpreis natürlich mehr Wert gehabt, als der Hauptgewinn. Ganz einfach, weil ich das ‚besondere’ Kind gewesen wäre. Was hätte das aber für Zeichen gesetzt bei dem, der den Hauptgewinn abgesahnt hat? Dass die eigene Leistung sofort an Wert verliert, wenn ein Behinderter im Spiel ist? Dass Behinderte immer toll sind, egal was sie machen?

Hätten mich meine Eltern aufgrund meiner Behinderung als besonders betitelt, wäre ich in unserer heutigen Leistungsgesellschaft ziemlich auf die Nase gefallen und hätte das sowieso schon schräge Bild eines passiven Behinderten nur noch verstärkt. Paradoxerweise bin ich im gesellschaftlichen Leben oft die einzige, die sich eben nicht als etwas Besonderes aufgrund der Behinderung sieht. Dann reagieren Menschen oft irritiert, wenn ich auf einmal laut werde und mich gehoben artikuliere, nicht die passive Behinderte bin, sondern aktiv für mich und meine Rechte einstehe. Ganz einfach, weil sie es von so jemandem wie mir nicht erwartet hätten.

Meine Mutter hat mich so erzogen, wie alle guten Mütter ihre Kinder erziehen: Zu einem eigenständigen Menschen. Das ist auch der Grund, warum ich mich gleichauf mit allen anderen sehe und überhaupt erst ein Bewusstsein für Gleichberechtigung entwickeln konnte.

 

„Musst du selbst wissen“

Ich kann mich nicht erinnern, jemals von meiner Mutter oder von meinem Vater gehört zu haben „das kannst du nicht“. Als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene, also heute, hatte ich immer schon klare Vorstellungen von dem, was ich gerne tun möchte. Ich wollte Balletttanzen, also tanzte ich viele Jahre Ballett. Ich wollte meinen Führerschein machen, also machte ich meinen Führerschein. Ich wollte in die Niederlande zum Studieren ziehen, also zog ich in die Niederlande.
Natürlich waren da Zweifel und Sorgen, die jede Mutter hegt: Wie besorgst du dir einen Wasserkasten nach Hause? Was ist, wenn dein Auto mal liegen bleibt? Was willst du kochen?
Aber vor allem war da ein starkes Vertrauen in meine Person und meine Ideen, welches mich schon durch mein ganzes Leben trägt.
Ich kenne heute 10 Möglichkeiten, wie man einen schweren Wasserkasten als Rollstuhlfahrerin nach Hause bekommt, ich habe die Nummer vom ADAC und ernähre mich sehr gesund.

Aufgrund meiner Behinderung muss ich einige Dinge anders organisieren und handhaben. Das fördert die Kreativität und Selbstreflexion und brachte mich sehr schnell zur Selbständigkeit.
Mit dem Begriff der Selbständigkeit meine ich jedoch nicht, dass man alles alleine bewältigen muss. Vielmehr ist es die Erkenntnis darüber, was man braucht und offen kommuniziert, wenn man dafür Unterstützung benötigt.

 

„Mein Kind geht aufs Gymnasium“

Ich ging aufs Gymnasium und war die ganzen Schuljahre bis hin zum Abitur das einzige Kind mit einer sichtbaren Behinderung. Die meisten meiner Lehrer waren schon sehr alt, hatten ihren Karrierehöhepunkt irgendwann in den 70er Jahren und waren im Umgang mit einer pubertierenden, vorlauten und rechthaberischen Göre, die dann auch noch eine Gehbehinderung hatte, total überfordert. Müssen wir jetzt besonders nett zu ihr sein? Dürfen wir ihr auch mal Grenzen zeigen? Einige Lehrer suchten Rat bei meiner Mutter und bekamen dann zu hören: „Sie behandeln mein Kind, wie jedes andere Kind: Wenn sie sich nicht benehmen kann, geben Sie ihr eins auf den Deckel.“ Viele meiner Lehrer nahmen sich die Worte meiner Mutter zu Herzen, manche sogar zu sehr, und ich fühlte mich weder bevormundet, noch strenger behandelt. Das war ein gutes Gefühl, denn meine Behinderung spielte einfach keine Rolle mehr. Auch meine Klassenkameraden verstanden meine Behinderung als eine Eigenschaft, die einfach da war und zu mir gehörte. Und logischerweise galten für mich die gleichen Leistungsmaßstäbe, wie für jeden anderen auch. Leider auch in Mathe.

Heute weiß ich, dass es mir sehr gut tat, mich mit anderen Kindern ohne Behinderung zu messen. Ganz einfach, weil es mich auf das spätere ‚normale’ Leben vorbereitet hat.
Jedoch ereigneten sich auch Situationen, wo ich mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung meiner Lehrer gebraucht hätte. Nämlich dann, als ich von anderen Kindern aus anderen Klassen aufgrund meines leichten Hinkens gehänselt wurde. Kinder können grausam sein. Das weiß ich, denn ich war auch mal ein Kind. Aber wenn dieses Kind aktiv um Hilfe fragt und vom Opfer zur Täterin gemacht wird, indem Lehrer ihr vorschlagen, aufgrund des Mobbings doch die Schule zu wechseln, findet weder Gleichberechtigung, noch Chancengleichheit statt. Warum sollte ich für unanständiges Verhalten anderer die Konsequenzen tragen?

Es ist erschreckend, dass in der aktuellen Debatte um Inklusion an Schulen noch immer Kinder mit Behinderung vom vermeintlichen Opfer zum Täter gemacht werden, indem man sie regelrecht fernhalten will von den nicht-behinderten Kindern. Das geschieht oft unter dem Deckmantel des Beschützens. Aber wovor? Und vor allem, vor wem? Hätte es mich ‚beschützt’, die Schule zu wechseln? Und wird auch den Kindern vorgeschlagen, die Schule zu wechseln, weil sie zu dick sind und aufgrund dessen gemobbt werden? Ich glaube nicht.
Mir hätte man signalisiert, dass es nicht gut ist, eine Behinderung zu haben. Weder gut für mich, noch gut für andere. Warum sollte ich für etwas bestraft werden, für das ich doch gar nichts kann?

Als Kind kannte ich die Worte Inklusion und Chancengleichheit noch nicht, empfand lediglich ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Irgendetwas lief schief und ich wollte mich dieser Ungerechtigkeit nicht beugen.
Diese sehr bittere Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich mir von niemandem meine Behinderung schlecht reden lassen darf, niemand sollte mich in die Position bringen, mich für meine Behinderung rechtfertigen zu müssen, oder gar sich dafür zu schämen.
Meine Mutter sagte mir damals, dass es ganz allein meine Entscheidung sei, ob ich gehen oder bleiben sollte. Ich blieb. Und kämpfte. Und machte die gute Erfahrung, dass Klassenkameraden, die immer hinter mir standen, sich auch mal vor mich stellten und zum Schlag ausholten. Päng!