Herzensbruch

„Aus welchem Heim kommen Sie denn jetzt?“, fragte mich der alte Halbgott in weiß. Ich rollte mit den Augen und presste frustriert und mit der aller letzten Schlagfertigkeit, die mein gebrochener Schädel noch zusammensetzen konnte, hervor: „Fragen Sie auch jeden dunkelhäutigen Mitbürger, von welchem Baumwollfeld er kommt?!“

Der Geruch von Desinfektionsmittel vermischte sich mit dem Geschmack von Eisen in meinem Mund. „Nana, Sie müssen mir die Frage schon zugestehen. Die meisten Rollstuhlfahrer leben doch in Heimen.“ Gerne hätte ich den alten Mann jetzt aufgeklärt, ihm von meinem Leben erzählt. Dass niemand von meinen rollstuhlfahrenden Freunden in irgendwelchen Heimen leben, sondern in ihren Wohnungen, arbeiten gehen und Freunde treffen.
Ich hätte dem alten Mann mit weißem Haar und weißem Kittel gerne erzählt, wie ich jeden morgen aufstehe, mich fertig mache und mit der U-Bahn zur Arbeit fahre.

Und ganz beiläufig hätte ich dem alten und vorurteilsbehafteten Mann erzählt, wie mich Ben vor zwei Wochen mitten in der Nacht weckte und mich zu einem Picknick an die Spree entführte. Wie wir am Ufer knutschten und fummelten und um die Wette pupsten. Davon, wie ich für ihn seit Wochen meine Arbeit vernachlässigte. Ich liebe meine Arbeit. Aber Ben liebte ich mehr. Ich hätte erzählt, wie wir abends die Dialoge von Sheakspeares Romeo und Julia rezitierten. Auf sächsisch. Er war Romeo. Ich war Julia.
Davon, wie dieser Mann es geschafft hatte, meinen Bauch anzufassen, ohne dass ich verkrampft und voller Scham die Luft anhielt. Und schließlich hätte ich ihm erzählt, wie mir Ben an diesem sonnigen Nachmittag kalt und verschämt mitteilte, dass er mich nicht mehr liebt, mich auf der Oberbaumbrücke stehen ließ und wie dabei mein Herz zerbrach. Wie ich in einem Anfall von Frust zwei Monatsgehälter für sinnloses Onlineshopping auf den Kopf haute und davon, wie es heute morgen an meiner Tür klingelte und mir das ganze Paket voll mit Frust und Monatsgehältern in Form von Kleidern und Tops in die Hände gedrückt wurde. Wie ich mich an der Haustür abstieß, weil ich keine Hand mehr zum Fahren frei hatte, nach hinten rollte, am Türrahmen hängen blieb und mich mit Schwung überschlug. Wie ich meinen Schädel auf dem harten Steinfußboden brechen hörte und sich mein Mund mit warmer Flüssigkeit füllte, die nach Eisen schmeckte. All das hätte ich dem alten Mann erzählt und ihm gezeigt, wie ekelhaft normal mein Leben ist.

Aber stattdessen kotzte ich ihm in der Notaufnahme vor die Füße.

Schädel-Hirn-Trauma mit Schädelfraktur und Hirnblutung war die offizielle Diagnose. Gebrochenes Herz und Liebesschmerz wurden nicht in die Krankenakte aufgenommen.

In meinem Einzelzimmer hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Wenn ich nicht schlief, quälte ich meinen erschütternden Kopf mit den ganzen Warum-Fragen. Und während unter meinen Armen die Achselhaare immer länger wurden und die Tränen in meinen Wangenporen niemals trockneten, suchte ich nach Antworten.

Ganz bestimmt wurde es ihm zu anstrengend, meinen Rollstuhl ständig einarmig aus dem Auto zu heben. Gewiss wurde ich ihm beim Treppentragen zu schwer. Kurz bevor er mit mir auf dem Rücken im vierten Stock vor seiner Wohnungstür ankam, vernahm ich manchmal ein leises Stöhnen.
Ich streichelte über meinen nackten Bauch unter der Decke. Ich hatte ein bisschen zugenommen. Und sowieso war ich bestimmt zu dick. Vielleicht log er schon die ganze Zeit, während er mir immerzu sagte, dass man mich so schön anpacken kann. Ich sei so weich und kuschelig, sagte er dann. An einem morgen fragte ich Ben, wie viele Muttermale ich am Rücken hätte. Es waren 56 Stück. Ich hatte viele Fragen und Ben steckte viel Zeit in die Antworten. Er war der geduldigste Mann, den ich je kennen und lieben gelernt hatte. Er hetzte mich nicht, wenn ich mir meine Zeit zum Anziehen nahm oder mit meiner besten Freundin telefonierte, während er daneben saß. Dann wirkte er oft abwesend, schaute an die Decke und streichelte gedankenverloren mit Zeige- und Mittelfinger seine Schläfe.

Um mein gebrochenes Herz nicht weiter zu belasten, hätte ich es mir so gerne ganz einfach gemacht und alles auf meine Behinderung geschoben. Dann hätte ich jetzt einen Haken hinter die ganze Misere machen können und mich in meiner Opferrolle gebadet. Aber Ben war anders. Er wollte immer alles über mich und meinen Körper wissen. Und ich erzählte es ihm. Ganz ohne Scham und die Angst davor, dass er mich für irgendetwas verurteilen hätte können. Er nahm mich so, wie ich bin und mochte mich nicht trotz meiner Behinderung, sondern mit ihr. „Die einzige, die damit ein Problem zu haben scheint, bist du selbst.“, sagte er mir einmal und traf mich mit dieser Wahrheit hart ins Gesicht.

Meine Zimmertür wurde aufgerissen, eine Krankenschwester eilte zu meinem Bett. „Machen sie mal ihre Beine auseinander.“ Ich nahm die Decke zur Seite, stellte resigniert fest, dass ich diese Aufforderung jetzt wohl länger nicht mehr zu hören bekommen würde und zog schmerzvoll die Luft ein, als mir die Schwester mit den flinken Fingern den Dauerkatheter herausriss.

Und in diesem Moment, als mir die Last von meinem Unterleib genommen wurde, begriff ich, dass das nicht die einzige Last war, die soeben von meinem Körper verschwand. Ich erkannte, dass Bens Entscheidung, mich nicht mehr zu lieben, seine eigene war und nichts mit mir oder meiner Behinderung zu tun hatte.

Er hatte mir nie Hoffnung gemacht. Er war ein Mann, der schnell da war und alles gab und genauso schnell wieder weg war und alles nahm.

„Wie geht es ihnen?“, fragte mich der junge Arzt mit Hornbrille. „Gut.“, log ich. „Ende der Woche dürfen Sie nach Hause. Bei Ihrer Verletzung müssen sie sich aber auf eine lange Genesung einstellen.“

Das war mir klar. Ich machte diesen Liebeskummerwahnsinn schließlich nicht zum ersten Mal mit.

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26 Gedanken zu „Herzensbruch

  1. Hey, ich habe auch sowas wie eine Behinderung, also eigentlich habe ich eine Behinderung, aber ich mags nie so nennen, nichtmal vor mir selbst. Ich höre schlecht, also etwa 50 % weniger auf beiden Ohren, nur das sieht man eben nicht. Dafür meine Kuhaugen, wenn ich wiedermal was nicht verstehe. Und was sich Leute denken, wenn ich einfach gar nicht reagiere, weiß ich nicht, weil ichs ja nicht mitbekomme.
    Etwas, das mein Ex zu mir gesagt hat, lässt mich bis heute nicht los „Wann legst Du Dir endlich ein Hörgerät zu? Du bist so peinlich“ 😮 Nur dass sich bei mir leider keines anpassen lässt, weil ich auch eine Hyperakusis und Tinitus habe 😦
    Naja, als wir zusammen kamen, da hat er sich auch noch lange verständnisvoll gegeben, doch ich wurde ihm anscheinend mit meinen „Problemen“ immer mehr lästig und war am Ende einfach nicht mehr gut genug für seine „schickimicky Karrierewelt“ in der alle tough sind und wie aus dem Werbespot rausglänzen 😦 Das hemmt mich bis heute, wenn es darum geht jemanden neuen kennenzulernen. Dieses „Du bist einfach nicht gut genug“….
    Danke für Deine Worte, und danke fürs Zu“lesen“
    Lisa

  2. Ich selbst, als „Weißkittel“ zu Beginn meines beruflichen Werdegangs hoffe immer inständig, nicht von dieser Art Vorurteile überrollt zu werden…denn das geschieht viel zu oft und viel zu schnell!
    Auch aus diesem Grund vielen Dank für diese wundervolle, traurige Erzählung! Und liebe Grüße, Jana

  3. Eine traurige und schöne Geschichte!

    Zitat:
    „Und ganz beiläufig hätte ich dem alten und mit Vorurteilsbehafteten Mann erzählt …“
    Irgendwie scheint das „mit“ in der Mitte des Halbsatzes zu viel zu sein …

  4. So schön ….. hab das auch erst durch (sogar inkl. Überschlag, ist aber nicht so dramatisch gewesen, nur Kopfschmerzen). Immer wieder toll zu lesen und ja auch Männer können Tränen im Auge haben (oder doch Heuschnupfen?).

  5. Pingback: Herzensbruch | Du bist gut so!

  6. So wunderschön, berührend wie dieser Blogpost geschrieben ist, Laura Gehlhaar, so ratlos und mit Fragezeichen hinterläßt er mich aber auch… (die ich, selber nichtbehindert, seit vielen Jahren einen Mann mit Behinderung liebe)
    Es war offenbar so wunderschön und passend mit Ben, deinen Bildern und Andeutungen nach zu schließen…
    Warum und durch was verließ er dich dann so mit einem Mal??
    Kann man LIEBE (sic!) an und ausknipsen wie eine Lampe? Hat diese LIEBE denn dann überhaupt beide Menschen DURCHDRUNGEN in allem? Ist dies alles „wegmachbar“ per Knopfdruck und jetzt wird quasi nur noch frisch nach vorne geschaut?
    Das erscheint – zumindest mir – nahezu unmöglich! Bei einer AFFAIRE ja, da scheint mir das gut möglich zu sein – aber bei einer LIEBE?
    Hm…
    Fragen über Fragen…
    Danke für diesen schönen, und daraus auch gedankenanregenden Post!

  7. Ich habe immer in meinen Beziehungen , angst gehabt das irgendwann eine Frau kommt, die nicht behindert ist und somit das Leben für ihn einfacher wäre. Das waren immer die falschen Männer. Mein Verlobter und ich sind 3 Jahre zusammen. Bei ihm hatte ich nie diese Gedanken, er ist der Richtige.

  8. Pingback: Blogpost-Empfehlung: Herzensbruch | kissability

  9. Hach…. da könnte ich auch ein Tränchen verdrücken. Sooo schön geschrieben. Der Moment, wenn das Herzchen bricht – eigentlich unbeschreibbar, aber Sie finden die passenden Worte. Auf dass ein neuer Ben kommt!
    Gruß, Daniela

  10. Liebe Frau Gehlhaar, ein wundervoller Artikel. Mein Herz wurde vor ein paar Jahren auch gebrochen und es hat gefühlte Jahrzehnte gebraucht bis es wieder ganz war. Heute kann ich drüber lachen. Ich wünsche Ihnen, dass es schnell und gut verheilt.

  11. Oh und solche Menschen wie den Arzt finde ich ganz abscheulich! Sie machen es zwar oft nicht mit Absicht, aber so eine Ignoranz finde ich fast so schlimm wie offene Intoleranz… gerade als Arzt muss er doch wissen das man auch mit körperlichen Einschränkungen selbständig leben kann?!

  12. Der letzte Satz stößt mir ganz bitter auf, aua 😦 Aber ich finde es toll, wie du in diesem Artikel wieder einmal klar gemacht hast, dass dein Leben nicht wirklich anders ist als das von einer Person, die gehen kann. Dass du dich nicht im Selbstmitleid einer „Opferrolle“ suhlst, ist echt stark -das schaffen in dem Moment die allerwenigsten! Aber Ben scheint auch ein anständiger Kerl gewesen zu sein, die gibt es allgemein nicht oft. Ich wünsche dir, dass du so einen noch einmal findest und dass es mit dem dann passt!
    Liebe Grüße

  13. Liebe Laura Gehlhaar,

    Hut ab – wie Sie dieses dunkle Kapitel aus Ihrem Leben, mit soviel Herz erzählen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Jede andere Frau in der Situation, hätte wohl Extremer reagiert, und das ganz ohne Rollstuhl.
    In Ihnen steckt mentale Stärke, Leidenschaft und Liebe …
    Leben Sie weiter so intensiv Ihr Leben, und pfeifen Sie auf Bewertungen und Grenzen, die brauchen Sie nicht: „Denn Sie sind eine ganz starke Frau!“

    Mit den besten mentalen Erfolgsgrüssen,
    Swen-William Bormann 😉 Wenn Du es träumen kannst, dann kannst Du es auch: „Einfach tun“!

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