Batman

Liebe Menschen,

seit gestern erreichen mich die schönsten Mails, Nachrichten und Kommentare. Wenn ein Text, wie ‚Herzensbruch‘, einige Leser und Leserinnen zu Tränen rührt, ist das ein wahnsinniges Kompliment! Durch den Text habe ich jeden nah an mich herangelassen und stelle nun fest, dass auch ihr mich mit euren Geschichten und Erfahrungen sehr nah an euch herangelassen habt.

Danke für eure Offenheit und schönen, ehrlichen Worte.

Über Nacht konnte mein Blog über 60.000 Besucher für sich verbuchen. Und das nach nur einem halben Jahr. Oh Lord!
Ich* habe mal gerechnet: Wenn ich 60.000 Menschen an meine Brust drücken würde und jeder Drücker würde 4sek dauern, wäre ich 66.6 Stunden, bzw. 2,7 Tage beschäftigt! Das wäre anstrengend, aber machbar.

Und weil heute ein guter Tag ist und auch noch mein Mann, also Batman, Geburtstag hat, werde ich nun, wie Batman in diesem Clip, singen! „Heiliges Metronom!“

*mein Cousin

Herzensbruch

„Aus welchem Heim kommen Sie denn jetzt?“, fragte mich der alte Halbgott in weiß. Ich rollte mit den Augen und presste frustriert und mit der aller letzten Schlagfertigkeit, die mein gebrochener Schädel noch zusammensetzen konnte, hervor: „Fragen Sie auch jeden dunkelhäutigen Mitbürger, von welchem Baumwollfeld er kommt?!“

Der Geruch von Desinfektionsmittel vermischte sich mit dem Geschmack von Eisen in meinem Mund. „Nana, Sie müssen mir die Frage schon zugestehen. Die meisten Rollstuhlfahrer leben doch in Heimen.“ Gerne hätte ich den alten Mann jetzt aufgeklärt, ihm von meinem Leben erzählt. Dass niemand von meinen rollstuhlfahrenden Freunden in irgendwelchen Heimen leben, sondern in ihren Wohnungen, arbeiten gehen und Freunde treffen.
Ich hätte dem alten Mann mit weißem Haar und weißem Kittel gerne erzählt, wie ich jeden morgen aufstehe, mich fertig mache und mit der U-Bahn zur Arbeit fahre.

Und ganz beiläufig hätte ich dem alten und vorurteilsbehafteten Mann erzählt, wie mich Ben vor zwei Wochen mitten in der Nacht weckte und mich zu einem Picknick an die Spree entführte. Wie wir am Ufer knutschten und fummelten und um die Wette pupsten. Davon, wie ich für ihn seit Wochen meine Arbeit vernachlässigte. Ich liebe meine Arbeit. Aber Ben liebte ich mehr. Ich hätte erzählt, wie wir abends die Dialoge von Sheakspeares Romeo und Julia rezitierten. Auf sächsisch. Er war Romeo. Ich war Julia.
Davon, wie dieser Mann es geschafft hatte, meinen Bauch anzufassen, ohne dass ich verkrampft und voller Scham die Luft anhielt. Und schließlich hätte ich ihm erzählt, wie mir Ben an diesem sonnigen Nachmittag kalt und verschämt mitteilte, dass er mich nicht mehr liebt, mich auf der Oberbaumbrücke stehen ließ und wie dabei mein Herz zerbrach. Wie ich in einem Anfall von Frust zwei Monatsgehälter für sinnloses Onlineshopping auf den Kopf haute und davon, wie es heute morgen an meiner Tür klingelte und mir das ganze Paket voll mit Frust und Monatsgehältern in Form von Kleidern und Tops in die Hände gedrückt wurde. Wie ich mich an der Haustür abstieß, weil ich keine Hand mehr zum Fahren frei hatte, nach hinten rollte, am Türrahmen hängen blieb und mich mit Schwung überschlug. Wie ich meinen Schädel auf dem harten Steinfußboden brechen hörte und sich mein Mund mit warmer Flüssigkeit füllte, die nach Eisen schmeckte. All das hätte ich dem alten Mann erzählt und ihm gezeigt, wie ekelhaft normal mein Leben ist.

Aber stattdessen kotzte ich ihm in der Notaufnahme vor die Füße.

Schädel-Hirn-Trauma mit Schädelfraktur und Hirnblutung war die offizielle Diagnose. Gebrochenes Herz und Liebesschmerz wurden nicht in die Krankenakte aufgenommen.

In meinem Einzelzimmer hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Wenn ich nicht schlief, quälte ich meinen erschütternden Kopf mit den ganzen Warum-Fragen. Und während unter meinen Armen die Achselhaare immer länger wurden und die Tränen in meinen Wangenporen niemals trockneten, suchte ich nach Antworten.

Ganz bestimmt wurde es ihm zu anstrengend, meinen Rollstuhl ständig einarmig aus dem Auto zu heben. Gewiss wurde ich ihm beim Treppentragen zu schwer. Kurz bevor er mit mir auf dem Rücken im vierten Stock vor seiner Wohnungstür ankam, vernahm ich manchmal ein leises Stöhnen.
Ich streichelte über meinen nackten Bauch unter der Decke. Ich hatte ein bisschen zugenommen. Und sowieso war ich bestimmt zu dick. Vielleicht log er schon die ganze Zeit, während er mir immerzu sagte, dass man mich so schön anpacken kann. Ich sei so weich und kuschelig, sagte er dann. An einem morgen fragte ich Ben, wie viele Muttermale ich am Rücken hätte. Es waren 56 Stück. Ich hatte viele Fragen und Ben steckte viel Zeit in die Antworten. Er war der geduldigste Mann, den ich je kennen und lieben gelernt hatte. Er hetzte mich nicht, wenn ich mir meine Zeit zum Anziehen nahm oder mit meiner besten Freundin telefonierte, während er daneben saß. Dann wirkte er oft abwesend, schaute an die Decke und streichelte gedankenverloren mit Zeige- und Mittelfinger seine Schläfe.

Um mein gebrochenes Herz nicht weiter zu belasten, hätte ich es mir so gerne ganz einfach gemacht und alles auf meine Behinderung geschoben. Dann hätte ich jetzt einen Haken hinter die ganze Misere machen können und mich in meiner Opferrolle gebadet. Aber Ben war anders. Er wollte immer alles über mich und meinen Körper wissen. Und ich erzählte es ihm. Ganz ohne Scham und die Angst davor, dass er mich für irgendetwas verurteilen hätte können. Er nahm mich so, wie ich bin und mochte mich nicht trotz meiner Behinderung, sondern mit ihr. „Die einzige, die damit ein Problem zu haben scheint, bist du selbst.“, sagte er mir einmal und traf mich mit dieser Wahrheit hart ins Gesicht.

Meine Zimmertür wurde aufgerissen, eine Krankenschwester eilte zu meinem Bett. „Machen sie mal ihre Beine auseinander.“ Ich nahm die Decke zur Seite, stellte resigniert fest, dass ich diese Aufforderung jetzt wohl länger nicht mehr zu hören bekommen würde und zog schmerzvoll die Luft ein, als mir die Schwester mit den flinken Fingern den Dauerkatheter herausriss.

Und in diesem Moment, als mir die Last von meinem Unterleib genommen wurde, begriff ich, dass das nicht die einzige Last war, die soeben von meinem Körper verschwand. Ich erkannte, dass Bens Entscheidung, mich nicht mehr zu lieben, seine eigene war und nichts mit mir oder meiner Behinderung zu tun hatte.

Er hatte mir nie Hoffnung gemacht. Er war ein Mann, der schnell da war und alles gab und genauso schnell wieder weg war und alles nahm.

„Wie geht es ihnen?“, fragte mich der junge Arzt mit Hornbrille. „Gut.“, log ich. „Ende der Woche dürfen Sie nach Hause. Bei Ihrer Verletzung müssen sie sich aber auf eine lange Genesung einstellen.“

Das war mir klar. Ich machte diesen Liebeskummerwahnsinn schließlich nicht zum ersten Mal mit.

Danke

Im Januar 2014 ging ich mit meinem Blog ‚Frau Gehlhaar‘ online. Seither habe ich spannende und lehrreiche Erfahrungen machen dürfen. Ich habe lustige und kluge Leute kennengelernt und schöne und kritische Texte geschrieben.

Es hat ein Jahr gedauert, bis ich allen Mut zusammengenommen hatte, um mit meinem Blog endlich online zu gehen. Den letztendlichen Anstoß gab mir meine Freundin und liebe Kollegin, die mich im Mai 2013 an meinen Schultern packte, mich anstrahlte und sagte: „Laura, einfach machen!“ Danke Lili, für deine Ideen und sehr kritischen Blick auf die Dinge.
Danke an die tollsten Arbeitskollegen, die mein Herzblut entfacht haben und mir vorleben, wie man für eine Sache kämpft.

Immer wieder erreichen mich Mails von Lesern und Leserinnen, die ich mir wirklich alle (!) durchlese. Ich freue mich über jegliche Art von Nachrichten und bin auch für Kritik sehr offen und dankbar, solange sie konstruktiv ist.

Meine Texte sind meine eigene Sicht der Dinge und spiegeln meine eigene Lebensrealität wider. Ich möchte mir es nicht anmaßen, meine Erlebniswelt als Maßstab für andere Menschen mit und ohne Behinderung zu nehmen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er anderen und der Welt entgegentritt. Mir ist bewusst, dass ich durch meinen Blog und den Weg an die Öffentlichkeit eine soziale Verantwortung trage. Ich mag diese Verantwortung und gebe mein Bestes, um ihr gerecht zu werden.

Besonders möchte ich mich bei den Leuten bedanken, die meine Texte ganz ok finden und mir das auch in Nachrichten sehr lieb und emotional mitteilen. Bei der ein und anderen Mail habe ich vor Rührung sogar schon ein Tränchen verdrückt. Oder ich hatte was im Auge. Das kann ich jetzt gar nicht mehr so genau rekonstruieren.

Danke Lorenz, für die Verwirklichung des Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingos. Was für ein Trip.

Als ‚Bonbon‘ durfte ich auf dem Cover des aktuellen Aktion Mensch Magazins erscheinen. Bescheiden, wie ich versuche zu sein, seht ihr das hier:

Danke.

 

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