#onmyown

Ich war noch nie alleine feiern. Zwar hatte ich schon oft das Bedürfnis und die Lust, alleine loszuziehen, habe es aber dann doch nie durchgezogen. Aus Scham und weil ich Angst hatte vor den Blicken, die mich für meine Einsamkeit bemitleiden hätten können. Man muss entweder verzweifelt oder sexuell frustriert sein, um sich alleine unter das Partyvolk zu mischen, dachte ich. Dass ich diesen Abend alleine feiernd und #onmyown beenden sollte, hatte ich einem ganz einfachen Zufall zu verdanken.

Und dieser Zufall ergab sich aus einem Date mit einem Typen, der das große Bedürfnis hatte, mir sehr viel aus seinem Leben mitzuteilen. Nach 20 Minuten konnte ich mir ein genaues Bild seines Vater-Sohn-Komplexes machen, erfuhr, wie blutiger Durchfall bei einem Yorkshire Terrier aussah und dass seine beste Freundin extrem dick sei. Mit letzterem wollte er mir wahrscheinlich signalisieren, dass er auf gar keinen Fall irgendwelche Berührungsängste gegenüber Menschen hat, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Ich beglückwünschte ihn für diese tolle Erkenntnis und nahm einen weiteren, tiefen Zug meines, Gott sei dank, überdosierten alkoholischen Getränks.

Zwei Stunden und vier Drinks später, wusste er, dass ich 31 Jahre alt bin.

Ich bot ihm an, mich nicht auch noch zur nächsten UBahnstation zu bringen, fuhr alleine im Slalom Richtung Alexanderplatz und begann zu twittern.

Ich dachte mir, dass ich ziemlich ,einen sitzen‘ habe, sah kurz an mir hinunter, freute mich über diese Ironie und beschloss die UBahnstation hinter mir zu lassen. Mit luftiger Sommerbrise rollte ich die Karl-Marx-Allee entlang und stieß mehrere Male ein fassungsloses „Arschloch!“ hervor. Ich ärgerte mich über mich selbst. Darüber, dass ich anderen immer wieder so viel Raum zum Abladen seelischer Sorgen lasse und selbst nicht zu Wort komme. Ich bin eine gute Zuhörerin und reagiere auf die Geschichten der anderen mit Interesse und Empathie. Freunde wissen das an mir zu schätzen. Fremde leider auch. Und dann bekam ich einfach so die tiefsten seelischen Abgründe detailgetreu auf den Tisch geknallt. „Arschloch.“

Eine Menschentraube von rosa Hemden und kurzen Kleidchen wartete darauf, dass sie von zwei großen, sehr breiten Türstehern durchgewunken werden. Diese Opfer, dachte ich. Ich überlegte, wann ich das letzte Mal schlangestehen musste und erinnerte mich: Noch nie.
Aus dem Club dröhnte Hip Hop Musik. Der Sommerwind wehte von hinten durch meine Haare. So konnte ich den Abend nicht beenden. Ich atmete tief durch und ließ mich vom Wind und einem Leck-mich-am-Arsch-Gefühl vorbei an den verdutzten Türstehern direkt in den Club wehen.

Es waren bestimmt nicht alles Bodybuilder, aber so viele aufgepumpte Muskeln, geballt in einem einzigen Körper, überzogen von solariumgebräunter Haut hatte ich noch nie gesehen. Ein sehr großer Typ sah mich an. Er hatte wohl noch nie eine Frau mit echten langen Haaren, echten großen Brüsten verpackt im schwarzen, langen Kleid und im Rollstuhl sitzend gesehen. Er grinste mich an.

Sein Name war Renée. Er betonte das zweite ,e‘ mit besonderem Nachdruck. „Reneee.“, sprach ich ihm nach. „Renee-e!“, verbesserte Renée. „Rennee!“ „Nä, Rennee-e!“ „Rennie-e!“
Renée gab auf. „Willste was trinken?“, fragte er mich. Ich folgte Renée tanzend und immer noch im leichten Slalom zu einer neonblau leuchtenden Bar. Zwei Kumpels von Renée wurden mir vorgestellt: Martin und Patriec. Die einfache Schreibweise mit ‚iec‘ am Ende. Sie alle waren braungebrannt. Die Köpfe wirkten durch die großen Muskeln auffällig klein. Ziemlich schnell fragte mich Patriec, warum ich im Rollstuhl sitzen würde. Ich erzählte ihnen die Geschichte, wie ich als Stewardess über Sibirien abstürzte und als einzige überlebte. Sie glaubten mir.

Ich liebe Hip Hop. Meine besten Choreos kann ich zu guter Hip Hop Musik mit dröhnendem Bass an den Mann bringen.

Von hinten tanzt jemand seinen Schritt zwischen meine Schultern. Dank Renée’s Drink machte mir das aber nichts mehr aus. Ich drehte mich um und sah in zwei große, funkelnde Diamantenohrringe.

Nach einem erfolgreichen Tanz klatschten wir uns ab und ich verschwand.
Ich war sehr glücklich, nahm mir vor, ab jetzt öfters alleine feiern zu gehen, verwarf dieses Vorhaben wieder, da ich es sonst eh nicht mache und rollte mit kräftigem Rückenwind nach Hause.

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3 Gedanken zu „#onmyown

  1. Gut.
    Das ist einfach nur gut (bis auf den vergeigten Anfang des Abends)
    Ich werd glaub ich auch mal wieder allein tanzen gehn
    🙂

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