Der Bachelor

„Oh Gott, der hat ja gar keine Haare!“, wurde schnell zum gängigen Ausruf der Kandidatinnen, als sie während der Anfahrt zur Villa durch die verdunkelten Scheiben einer Limousine zum ersten Mal den diesjährigen Bachelor erblicken mussten.
Wartend stand er da. Der Glatzköpfige. Und sah dabei zu, wie die Damen ihre dünnen Körper in zu engen Kleidern nacheinander aus der Limousine drückten. Erst glitzernde Highheels mit langen Beinen dran, dann ein Kopf mit langen Haaren. Manchmal echt. Manchmal unecht. Es folgten ein paar tapsige Schritte und dann standen sie vor ihm. Nervös und einige schon angetrunken. Küsschen links, Küsschen rechts, Smalltalk und erste magnetische Blicke. Die hat er übrigens drauf, der Bachelor, und sie werden im Laufe der Sendung noch für viel Herzrasen und Eifersuchtsattacken unter den Kandidatinnen sorgen.

Interessiert, sensationsgeladen und manchmal auch fassungslos schaue ich mir seit vier Wochen jeden Mittwoch an, wie ein großer Mann, Mitte 30, ohne Haare die Frau für sein Leben versucht zu finden. Sein Beuteschema scheint einfach: Alle Frauen, außer einer, sind jünger als er. Die Jüngste ist gerade mal 21 Jahre. „Trotzdem ist sie reifer als alle anderen!“, weiß der Mittdreißigjährige. Alle Frauen sind schlank, nett anzusehen. Ein paar studieren sogar! Damit Mann und Zuschauer nicht völlig durcheinander geraten, gibt es auch eine Dame mit roten Haaren und eine mit dunkler Hautfarbe.

Aber was wäre, wenn sich eine der Kandidatinnen mit einem markanteren Merkmal von allen anderen abheben würde? Was wäre, wenn es eine Kandidatin gäbe, die unter 1,40 m groß ist oder eine deutlich mehr wiegt, als 60 kg? Und wie würde der Bachelor reagieren, wenn es eine Kandidatin gäbe, die im Rollstuhl sitzen würde?
Natürlich trifft man im Spiel der Liebe vorher eine gewisse Auswahl: Wie alt sollte sie sein? Welche Figur sollte sie haben? Humor, Intellekt, Kochkünste spielen vielleicht auch eine Rolle. Das alles sind Fragen, die sich ein Bachelor vor einer Sendung gefragt haben wird und nach denen die Frauen letztendlich ausgewählt wurden.
Aber wird er sich auch überlegt haben, ob er sich eine Frau im Rollstuhl an seiner Seite vorstellen könnte?

In der ersten ,Nacht der Rosen‘ lag ich auf der Couch vor dem Fernseher und habe mir Folgendes überlegt:

Bildschirmfoto 2014-02-20 um 14.46.51

Im Laufe der letzten Folgen habe ich die Geschichte weitergesponnen. Das alles ist in meinem Kopf entstanden und hoffentlich weit weg von jeglicher Realität.

Das erste Mal

Nach der Anfahrt wird jeder Kandidatin vom Chauffeur die Tür der Limousine aufgehalten, damit sie so elegant wie möglich aussteigen kann. Das ist höflich und hat Stil. Der Bachelor schaut gespannt dabei zu, rührt sich nicht vom Fleck, begrüßt die Dame erst,   wenn sie vor ihm steht und guckt ihr und allen anderen mit einer perfekt einstudierten Drehung grinsend hinterher, wenn sie vom ersten Smalltalk erlöst ist und sich auf den Weg in die Villa macht. Der Chauffeur hätte der Dame im Rollstuhl nicht nur die Tür aufgemacht, sondern hätte diesen auch aus dem Kofferraum holen müssen. Nach gespannten, überraschten Blicken, hätte sich der Bachelor wohl direkt vom Fleck bewegt und seine Hilfe angeboten. Gerade dann als sie sich im engen Kleidchen rüber in den Rollstuhl schwingt. Das ist höflich und hat Stil. Ein „ja krass!“ oder „das ist ja interessant!“ hätten seine ersten Reaktionen sein können. Eine Mischung aus Unsicherheit, leichtem Schock und Faszination. Wie sollte er eine Frau einordnen, die in seinen Augen attraktiv scheint und im Rollstuhl sitzt?

Das Date

Hubschrauberflüge, Bunjijumping, Safari, Quadbikerennen, Tauchen. Sekt, Champagner, Kerzenlicht. Das alles und mehr fährt der Bachelor für seinen Harem auf. Mal sucht er sich mehrere Frauen für solche Dates aus. Mal bekommt nur eine das Privileg, mit dem Bachelor einen Tag und manchmal auch eine Nacht zu verbringen.
Während der letzten Folge fragte ich mich, welche barrierefreien Dates einer rollstuhlfahrenden Kandidatin geboten worden wären. Da auf jedem Date immer reichlich Alkohol fließt, hätte sie sich mit einem gewissen Alkoholpegel wohl auch auf einen Elefanten gesetzt. Was hätte da noch groß passieren können? Im Rollstuhl sitzt sie ja schließlich schon. Aber das hätte der TV-Sender aus Sicherheitsgründen wohl eher abgelehnt. Genau wie die Safari. Denn wenn sie einer dieser freilaufenden Leoparden angegriffen hätte, wäre sie die letzte gewesen, die hätte weglaufen können.
Bei einem ersten Date wäre es wohl eher ruhiger zugegangen. Ein Herantasten, ein Ausprobieren. Was kann ich mit einer Frau im Rollstuhl eigentlich alles machen, hätte sich der Bachelor gedacht.
Mit einem Auto hätte er die Dame abgeholt. Einem Oldtimer. Cabriolet. Den Rollstuhl hinten auf die Rückband und weg. Der Bachelor fährt einhändig. Der andere Arm lehnt lässig auf der Rückenlehne des Beifahrersitzes. Der Bachelor hat alles unter Kontrolle. Während der Fahrt würde er dann das erste ernste Gespräch einleiten: „Warum sitzt du im Rollstuhl? Was ist passiert?“ Vertraglich hätte sie sicherlich vorab unterschreiben müssen, auf diese Fragen lang und breit einzugehen. Für die Sensation, die Emotion und letztendlich für die Einschaltquote. Traurige Klaviermusik hätte die Antworten untermalt und als Tagline stünde unter ihrem Namen: Tapfer meistert sie ihr Schicksal. Oder: Trotz Behinderung ist sie mutig und lebensfroh.
Angekommen am paradiesischen Strand Südafrikas hätte Mann sie auf Händen zu einem bereits aufgebauten Picknick über den Sand getragen. Der erste Körperkontakt. Musik von Adele im Hintergrund. Eine kurze Kameraeinstellung auf den leeren Oldtimer und wie der Rollstuhl daneben steht. Ebenfalls leer. Ein süßes Bild.
Nach dem Absetzen auf der Picknickdecke das erste ,Stößchen‘. Das nächste Themenfeld: Beziehung. Die Möglichkeiten müssen erörtert werden. Er würde wissen wollen: „Hattest du schon eine längere Beziehung?“ Die Frage nach dem Sex würde er hier subtil unterbringen. „Saß der auch im Rollstuhl?“
Nach Klarstellung nimmt der Bachelor erleichtert einen weiteren Schluck Sekt. Gut, denkt er sich, dann funktioniert es also auch im Bett und schöne Brüste und Augen hat sie ja auch. Ach, und Humor, denkt er sich, ihr Humor ist wirklich toll. Mit ihr kann ich lachen, denkt er weiter, wie mit nem Kumpel.
Geknutscht hätte man am Strand sicher auch. Ausprobieren darf man sich.

Die Kandidatinnen

„Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, dass da groß was läuft.“, hätte sicherlich eine von den jungen, blonden Kandidatinnen im Off des Einzeldates gesagt. „Die ist keine Konkurrenz für mich“, hätte sie wohl weitergedacht.
„Ach, ich hoffe, die haben einen schönen Tag und kommen mal auf ihre Kosten.“, hätte wohl eine andere junge, blonde Kandidatin gesagt. Und im Stillen weitergedacht: „Die ist sowieso keine Konkurrenz für mich.“
Die ein oder andere hätte es sogar gerührt, dass ihr Traummann, der Bachelor, gerade eine Frau im Rollstuhl dated. Es macht ihn ja so sympathisch, so menschlich, so sozial. Und so würden die Herzen genauso hoch schlagen, als wenn man einen heißen Typen mit einem Kleinkind beim Spielen beobachten würde.
Aber vielleicht gäbe es auch eine Kandidatin, die aus tiefstem Herzen eifersüchtig ist. Eine Kandidatin, die denkt und offen ausspricht: „Die nutzt doch jetzt voll ihre Behinderung aus und lässt sich überall hintragen. Das ist ja jetzt voll der Vorteil für die!“ Und diese Kandidatin wäre mir sogar sympathisch.

Nächte der Rosen

Niemals hätte der Bachelor die Dame im Rollstuhl in der ersten Nacht der Rosen rausgeworfen. Das hätte ihn unsympathisch gemacht. Schließlich hätte er ihr eine ,Chance‘ gegeben und den ,Menschen hinter der Behinderung‘ kennenlernen wollen.
Letzte Woche stürzte eine Kandidatin während eines Gruppendates von ihrem Quadbike und brach sich den Bügel ihres BH‘s. Als Trösterchen bekam sie vom Bachelor direkt eine Rose und war somit in der nächsten Runde.
Einen Bügelbruch des BH‘s hätte die Frau im Rollstuhl nicht gebraucht, um solch ein Trösterchen zu bekommen. Für die Spannung unter den Kandidatinnen oder vielleicht auch nur für ihre Tapferkeit und ihren Mut hätte sie sogar direkt eine Rose nach dem Einzeldate bekommen und wäre somit für die nächste Entscheidungsrunde ,gesichert‘.

Der Rauswurf

Drei Körbe musste der Bachelor in dieser Staffel schon einstecken. Die Begründung war immer dieselbe: „Ich möchte etwas besonderes sein und nicht eine von vielen.“ Dass jeder Status von etwas ,besonderem‘ verloren geht, sobald man bei solch einem TV-Format mitmacht, wussten die Damen wohl nicht.
Da kein Bachelor einer rollstuhlfahrenden Frau auf direktem Weg einen Korb geben würde und sie den ,besonderen‘ Status sowieso schon inne hat, würde sie kurz vor Schluss aus ,persönlichen Gründen‘ ausscheiden. Bei einem sehr persönlichen Gespräch bei Sekt, Kerzenlicht und Champagner würden sich beide versprechen, auf jeden Fall in Kontakt zu bleiben. „Sie ist wirklich eine besondere Frau und bringt mich sehr zum lachen. Aber für den letzten Funken hat es schließlich nicht gereicht.“, würde sein Plädoyer lauten. Und stolz würde er hinzufügen: „Und das hat nichts mit ihrer Behinderung zu tun!“

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3 Gedanken zu „Der Bachelor

  1. liebe laura,

    habe deinen block erst vor kurzem entdeckt und „arbeite“ mich nun von hinten nach vorne durch. 🙂 herrlich wie du schreibst und hier ganz besonders die bachelorgeschichte. 😀 danke!!

  2. Hach, Frau Gehlhaar, Du hast schon eine tolle Phantasie. Aber soviel muß man über das Format gar nicht nachdenken 😉
    PS: Er durfte angeblich selbst entscheiden. Die Vorauswahl (welche Frau kommt in die Sendung) hat die Produktionsfirma getroffen.

  3. Pingback: NaLos_BlickTipps: Noch mehr starke Frauen | NaLos_MehrBlick

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