Inspiration

Es gibt Menschen, die glauben, dass ich allein durch meine Erscheinung als Rollstuhlfahrerin eine Inspiration sei. Dann werde ich für alltägliche Dinge, die jeder andere normale Mensch auch einfach so tut, gelobt und gefeiert. Während meines Studiums der Sozialpädagogik und Psychologie fand es jeder wahnsinnig toll, dass ich studiere, obwohl ich genau das mache, was meine 260 Kommilitonen auch taten: Lernen, Kiffen und Prüfungen schreiben. Der U-Bahnfahrer, der mir jeden morgen die Rampe vor die Bahn legt, lobte mich erst letzte Woche zum wiederholten mal, wie stark es wäre, dass auch ich arbeiten gehe. Wenn ich feiern bin, ernte ich Sprüche, wie “Toll, dass du auch weggehst! Du inspirierst mich!” Was soll ich darauf antworten? Soll ich diese für mich komische Art von Anerkennung zurückgeben, indem ich sage: “Ich finde es auch toll, dass du feiern gehst!”?

Fremde klopfen mir anerkennend auf die Schulter allein deswegen, weil ich existiere. Und genau in diesem Moment fühle ich mich zum Objekt degradiert. In diesem Augenblick verschwinden mein Charakter, meine Eigenschaften und mein Wesen hinter meiner Behinderung. Es kommt mir so vor, als ob mir mit meiner Behinderung ein grundlegend schweres Leben unterstellt wird. Leute glauben dann, dass zu einer Behinderung eine extra Portion Mut oder Stärke dazugehören muss, um all das zu machen, was sie auch tun. Dadurch werden mir normale, alltägliche Dinge hoch angerechnet und somit als Inspiration verschrieben. Mir ist bewusst, dass diese Menschen es eigentlich nett meinen. Aber letztendlich ist es nur nett für sie selbst, denn ich habe bewusst nichts zu dieser Inspiration beigetragen.

Wenn ich sogar einen Schritt weiter gehe, behaupte ich, dass meine Behinderung in solchen Situationen als eine Art ,fühl-dich-gut‘-Tropfen für andere herhalten muss. Diese Leute neigen zu denken: “Nun, wenn diese Frau im Rollstuhl studieren oder sich auf Parties amüsieren kann, sollte ich mich nicht beklagen.” Oder: “Es könnte schlimmer sein. Ich könnte auch im Rollstuhl sitzen.”

Ich behaupte mal, dass ich eine sehr gute Menschenkenntnis habe, die reicht, dass ich die Gedanken des Einzelnen oft schon von den Augen ablesen kann. Und wenn ich dann gesagt bekomme, ich sei eine Inspiration, weil derjenige eigentlich denkt, dass er/sie auf keinen Fall so leben könnte, muss ich innerlich schreien.

Mich beeindruckt so schnell auch niemand, der einfach nur rote Haare hat, besonders klein ist oder nur einen Arm hat. Für mich sind das lediglich Eigenschaften, die einen Menschen auf bestimmte Art und Weise ausmachen können, in bestimmten Tätigkeiten oder Situationen beeinflussen können. Mal mehr, mal weniger. Letztendlich liegt es in der Verantwortung, was die-/derjenige aus diesen Eigenschaften macht. Es ist das, was jemand aus seinen roten Haaren macht. Vielleicht sind es extravagante Frisuren, die andere Leute inspirieren eine ähnliche Frisur auch mal auszuprobieren oder ein Gedicht über diese außergewöhnliche Frisur zu schreiben.

Es hat mich viel Zeit gekostet, um solchen Reaktionen locker entgegenzutreten. Am Anfang meiner Rollstuhlkarriere war ich überwältigt, wie viel Aufmerksamkeit ich von fremden Leuten bekam. Wenn mir jemand aus dem Nichts sagte, wie stark oder mutig ich sei, war ich geschmeichelt. Wer inspiriert nicht gerne andere Menschen, ohne etwas dafür geleistet zu haben? Mein Job war einfach: Ich tauchte irgendwo auf und war eine Heldin. Aber irgendwann ging mir genau diese Aufmerksamkeit tierisch auf die Nerven. Gerade zu dem Zeitpunkt, wo ich mich an meine neue Position gewöhnt hatte und sie für mich eine normale Gegebenheit wurde. Ich wollte einfach nur in Ruhe in irgendeinem Club tanzen, mit der Bahn zur Arbeit fahren oder im Supermarkt einkaufen gehen. Eben all die Dinge machen, wie andere Leute auch. Und auf einmal machten mich solche Inspirationsausbrüche sehr wütend. Dann bekamen die Leute einen vorlauten Spruch von mir gedrückt oder ich strafte sie mit bösen Blicken. Und was passierte? Auf einmal war ich für alle die frustrierte, undankbare Behinderte, die ein leidliches Leben führen muss. Mit dieser Art bestätigte ich nicht nur das kümmerliche Leben eines Menschen mit Behinderung, sondern ich machte auch noch alle wütend. Am meisten mich selbst.

Heute habe ich eine für mich gut funktionierende Balance gefunden. Wenn mir jetzt jemand seine Hand auf die Schulter legt und mir stolz verkündet, ich würde ihn/sie inspirieren, bedanke ich mich höflich, nachdem ich unauffällig meine Schulter weggezogen habe und sage: “Warum? Ich gehe nur einkaufen. Genau wie Sie auch.”

Der erste Mensch, der sich allein durch meine Behinderung inspirieren lassen kann, bin ich selbst. Meine Behinderung bringt mich womöglich in außergewöhnliche Situationen und Lebenslagen. Irgendwann kam ich darauf, mich genau davon leiten zu lassen und aufzuschreiben, wie ich mein Leben mit meiner Behinderung wahrnehme, erlebe und belebe. Meine Behinderung allein sollte nicht reichen, um andere Menschen zu erleuchten, denn ich habe nichts geleistet um sie zu erwerben. Es ist nur eine Eigenschaft, wie rote Haare.

Die wunderbare Teal Sherer hat das Thema ‚Inspiration‘ hier in ihrer Serie ‚My Gimpy Life‘ auf den Punkt gebracht.

Dieser Text wurde auch für das Projekt Kein Widerspruch veröffentlicht.
Advertisements

14 Gedanken zu „Inspiration

  1. man neigt wohl als person ohne einschränkung zu solchen reaktionen, grade wenn man den menschen nicht kennt. ich finde es dennoch super, dass das für dich völlig normal geworden ist (und ich hoffe, mich damit jetzt nicht in die riege derer, die diese kommentare loslassen einzureihen), einfach weil ich eine wunderbare frau kenne, die seit über 25 jahren im rollstuhl sitzt und sich bis heute nicht daran gewöhnt hat. manchmal hat man wohl das gefühl, dass es diesen menschen gut tut, ihnen zu sagen, dass sie viel schaffen. oft ist es aber wohl wirklich nur kontraproduktiv.

  2. Pingback: "Inspiration Porn - In Erinnerung an Stella Young"

  3. Pingback: So einfach lass ich mich nicht mehr inspirieren | I can't come …

  4. Wenn ich das lese, dann kommt mir der vermeiniche Fauxpas, den ich mir jüngst geleistet habe, als mich eine Blinde in der Sauna-Umkleide nach ihren Spind fragte und ich unbewusst mit der Gegenfrage „Welche Nummer hast du denn?“ konterte, gleich weit weniger schlimm vor. Zumal es ja nicht böse gemeint war…

  5. Die „Inspiration“ liegt nicht in der Behinderung an sich, sondern darin, dass jemand aus dieser Situation „das Beste macht“ und nicht etwa depressiv wird oder sich isoliert. Denn letzteres stellt man sich automatisch vor, wenn man sich selbst in die Situation versucht hinein zu denken: nicht mehr laufen können… da bricht (in der eigenen Fantasie aller Laufenden) eben eine Welt zusammen und ein normales Leben erscheint unmöglich.

    Bzw. als starker Sieg, als Heldinnentat.

    • Ein Mensch, der wie ich ebenfalls auf einen Rollstuhl wegen einer chronischen Krankheit angewiesen ist und ein selbstverständliches und völlig normales und eigenständiges Leben führt, ist nicht zwangsläufig depressiv oder zieht sich zurück und isoliert sich. Warum sollte er? Weil die anderen das von ihm erwarten?

      Nur weil ich nicht normal laufen kann bzw. auch an Krücken, geht meine Welt nicht unter und auch die Welt geht allgemein nicht unter.

      Das Leben zu akzeptieren, wie es ist das Leben zu geniessen und daraus das Beste zu machen hängt nicht davon ab, ob man einen Rollstuhl benutzt oder nicht. Das sollte sich jeder Mensch auf die Fahne schreiben.

      Denn was könnte man von „Fussgängern“ sagen, die an schweren Depressionen leiden, obwohl sie keine körperliche Beeinträchtigung aufweisen, und keinen Ausweg sehen als Suizid zu begehen? Von Fussgängern dürfte man so etwas – Depression und Suizid – ja gar nicht erwarten oder wie?

      Ob jetzt ein Mensch wegen eines Unfalls, einer Krankheit oder einer angeborenen Behinderung auf einen Rollstuhl angewiesen ist, wirkt sich das nicht zwangsläufig und dauerhaft negativ aus!

    • @ClaudiaBerlin nun ich frage mich, warum soll denn nicht jeder Mensch auf dieser Welt das Beste aus seinem Leben machen und nicht jammern und depressiv zu Hause sitzen unabhängig davon, welches Leben er hat oder welches Schicksal?

      Ich kenne genügend Menschen, die körperlich kerngesund sind – und nicht wie ich auch auf einen Rollstuhl angewiesen bin wegen einer chronischen Krankheit – ihr ganzes Leben jammern depressiv sind Alkohol trinken oder am Schluss sogar Suizid begehen, obwohl sie objektiv betrachtet gar keinen Grund dazu hätten.

      Die Menschen erwarten von jemanden mit einer Behinderung, dass er nicht aufhören kann sein „Leid“ zur Schau zu stellen und sich zu beklagen über das, ach so schlechte Leben und das Schicksal und sind irritiert, wenn sie dann jemanden im Rolli sehen der ganz anders ist, der voll im Leben steht. Sie erwarten dass Menschen im Rolli sich entsprechend ihrem Bild im Kopf verhalten. Denn sie selbst denken: „was für ein schreckliches Leben sie/er muss doch jeden Tag leiden und traurig sein.“ Doch sind die Gedanken/das Bild der Fussgänger deckungsgleich mit den Gedanken und Gefühlen der Menschen mit einer Beinträchtigung? Warum muss ein Mensch im Rolli per se tottraurig sein? Ist nur die Fähigkeit normal laufen zu können, das was einen Menschen zum richtigen Menschen macht? Aber seine Charaktereigenschaften, seine Interessen Wünsche, Bedürfnisse völlig fürs Menschsein völlig unerheblich?

      Ich meine damit, warum wird ein Rollstuhl per se mit Weltuntergang assoziiert? Die grösste Tragödie überhaupt und dass das Leben damit vorbei sei? Zumal dieses Schicksal jeden Menschen treffen kann, wenn man bedenkt dass 94 % aller Menschen gesund auf die Welt gekommen sind.

      Wäre das die grösste Tragödie überhaupt, dann würden doch alle Menschen im Rolli (oder mit Blindheit usw.) Suizid begehen und alle anderen Fussgänger würden fröhlich und glücklich weiterleben?

      Ich verstehe nicht, warum Menschen das nicht erkennen/einsehen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Das Leben hat sich nur ein wenig verändert und es braucht mehr Organisationstalent, was es aber noch viel mehr braucht für alle Menschen ist die gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft und die gleichen Chancen – sowohl im privaten als auch beruflichem Sektor.

      Der Rolli ist nichts anderes als ein Hilfsmittel, welches die Mobilität kompensiert, genauso wie eine Brille die Sehschwäche kompensiert. Oder eine Armprotese die Handfunktion. Nicht mehr und nicht weniger!

  6. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Coming Out, Open Source und Barrierefreiheit – die Blogschau

  7. Hier wird der Nagel auf den Kopf getroffen und genau das gesagt, was vielen Vierrädrigen 😉 im täglichen Leben passiert…Nervtötende Sprüche von ahnungslosen, klugscheißenden Leuten zu ertragen, obwohl man nichts anderes macht und schlichtweg lebt.

  8. Wunderbar! Ich habe mich in Vielem wiedererkannt und musste sehr schmunzeln. In Hamburg habe ich eine Gruppe für Mütter mit Behinderung gegründet (www.mcourage.de) und wir Frauen haben schon so oft über diese sog. Inspiration gesprochen. Ich glaube, dass der Punkt, um den es im Kern geht, von den meisten (gehenden) Menschen (ohne Behinderung), nicht verstanden werden kann. Ihr Erleben ist anders – und damit auch die Perspektive. Deshalb sind Texte wie dieser so wichtig. Eine Sache allerdings ist… kniffelig: Rote Haare (wie Brille tragen, dritte Zähne usw.) sind vielleicht doch andere „Eigenschaften“, als eine Behinderung. Der Unterschied wäre mir doch wichtig, um nicht zu verharmlosen (auch so ein Trend manchmal). Hier dient der Vergleich trotzdem ganz gut zur Verdeutlichung der Aussage. Danke für den Beitrag!

  9. ich hab so ein kleines aber sehr wirksames sammelsurium von gesundheitlichen beeinträchtigungen, welche andere menschen nicht sehen, wenn sie mich sehen.
    mir würde es sehr gut tun, wenn mir wenigstens hin und wieder solche bemerkungen wie „Toll, dass du auch weggehst! Du inspirierst mich!” entgegen fliegen würden.

    inspirierend und auch manchmal traurig, wie unterschiedlich die bedürfnisse (und deren befriedigung )von uns lebenden sind…

  10. einen rollstuhl zu nutzen und sich in eine konstruierte kategorie (die sog. behinderung) zu definieren bzw. sich definieren zu lassen, sind zwei paar, sich deutlich unterscheidene, schuhe…

  11. Für mich sind die Gedanken in diesem Blogpost eine Inspiration. Ein Anstoß dazu mal darüber nachzudenken warum es so ist wie du es beschreibst. Ich vermute ja das „Leiden“ hier eine große Rolle in den Köpfen der Menschen spielt. Wer eine Behinderung hat der „leidet“. Was in der Gesellschaft schlichtweg fehlt: Ein Bild von Menschen mit Behinderung die Spaß haben und das Leben leben. Was ja nicht ausschliesst, dass es durchaus auch Situationen und Momente gibt in denen es einem schlecht geht. Wie jedem Menschen.

    • Ich empfehle den Film : „Wärst du lieber tot?“ Von Christina Seeland mit Thomas Vollmar an der Kamera.
      Gruß, Kakerlake

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s