Frau Gehlhaars Monatszyklus – Mai 2017 mit Schmerzen, Hass und Jan Böhmermann

Es ist mit Sicherheit der kürzeste Monatszyklus, der jemals verfasst wurde. Ja klar, es ist Sommer und da lässt die Gehlhaar sich lieber die Sonne auf den dicken, weißen Bauch scheinen, als hier im Internet große Geschichten zu erzählen. Richtig? Falsch! Die schmerzvolle Wahrheit ist nämlich, dass ich seit Tagen nur in meiner Bude hänge, nichts erlebe und sich der Frust, nicht nach draußen zu können, langsam in Hass gegen alle glücklichen Menschen verwandelt, die sich mit Eis am Stiel in der Sommersonne vergnügen. Einfach so, ohne mich. Möge sie die Sonne zu Asche verbrennen!

Ich bin dumm. Sehr sogar. Seit einer Woche liege ich mit eingeklemmtem Nerv und Muskelschmerzen in der Kiste. Ich kann nicht sitzen, und das ist für jemanden, die den ganzen Tag eigentlich nichts anderes tut, schon sehr unvorteilhaft. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich mich überanstrengt habe und nicht rechtzeitig auf die kleinen Warnsignale meines geliebten Körpers gehört habe. Jetzt muss ich den ganzen Mist ausbaden, wobei ausliegen vielleicht das treffendere Wort ist. Und nun liege ich hier, vergammle und ärgere mich, dass ich noch nicht mal am Fenster sitzen kann, um die Menschen auf der Straße mit ihrem Eis in der Hand anzugröhlen. Das einzige, wozu ich noch halbwegs in der Lage bin, ist in alten Erinnerungen zu schwelgen, daran zu denken, dass ich mal jung war und ganz gut aussah und bei Jan Böhmermann in der Sendung saß. Daran, wie er mich „die Top-Autorin“ nannte und ich mir dachte, ja, endlich sagt es mal jemand. Wie wir uns mit tödlichen Blicken duellierten, ich gewann und wir gemeinsam über Behinderte lachten. Kurz.

Monatshighlight

Diesen einzigen und vielleicht ruhmreichen Auftritt im Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann und mir kann man sich als ganze Folge nur noch bis zum 30.06 im Internet ansehen. Und das war es auch schon in punkto Monatshighlight.

ZDF neo

Monatslink

Letztendlich habe ich erst später begriffen, dass ich in diesem Kampf, es allen beweisen zu müssen, dass ich doch so normal sein kann wie alle anderen auch, nur gegen mich selbst gekämpft habe… Stattdessen kämpft sie nun für die Rechte behinderter Menschen, etwa mit Blick auf das Bundesteilhabegesetz, das die Situation behinderter Menschen eigentlich verbessern soll, das Laura Gehlhaar aber kritisch sieht. Und hier wird die Frau, die gern und viel lacht, sehr ernst.“

Ja, das war ein gutes, ruhiges und besinnliches Gespräch mit dem Deutschlandfunk Kultur. Und hier kommt es nun zum nachhören.

Monatsvideos

Zusammen mit der großartigen Jodie Calussi habe ich ein YouTube-Video produziert. Und eigentlich wäre das schon alleine ziemlich dope, aber das Beste ist, dass wir gemeinsam mit der Aktion Mensch mehr Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung schaffen wollen, um Vorurteile und Diskriminierung mehr und mehr abzubauen.

Ich spiele gerne. Besonders gegen Menschen, die schlecht verlieren können. Dann gibt es zwei Optionen: Entweder ich gewinne und die andere Person verliert und ärgert sich, weil sie verloren hat, was mich immer sehr amüsiert. Oder ich verliere und die andere Person gewinnt und freut sich, weil sie gewonnen hat, was mich dann ebenfalls freut. Ich bin eben ein richtig guter Mensch. Und so freue ich mich auch für Jan Böhmermann im Spiel viral oder egal – die ganz besondere Edition, egal wie es ausgeht.

Monatsvorhersagung

Am 2.06 sitze ich bei Bettina Böttinger im Kölner Treff. Start ist um 22:00 Uhr auf WDR! Und als ich mir die vergangenen Sendungen einmal angesehen habe, freute ich mich besonders über den Gastauftritt von Kassandra Wedel. Sie ist Tänzerin und Schauspielerin und lebt mit einer Behinderung. In der Sendung saßen Kassandra Wedel abwechselnd zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen gegenüber, die für sie übersetzten. Ich möchte den Wert dieser Aussage hier nicht allein auf diese Gegebenheit legen, denn natürlich sollte es normal sein, dass gehörlose Gäste in solchen Talkshows, Gebärdensprachdolmetscher*innen zur Seite haben. Die höhere Stellung des Besonderen an dieser Aussage hat einen eher bitteren Beigeschmack, denn noch immer sind Menschen mit Behinderung im deutschen Fernsehen schlichtweg unterrepräsentiert oder finden in der Medienwelt erst gar nicht statt. Das ist immer noch ein großes Problem, da diese Minderheit somit automatisch nicht in den Köpfen der Medienkonsument*innen existiert. Würde ich das warum und weshalb dieser Aussage erörtern, würde dieser Monatszyklus wohl nicht der kürzeste, sondern der längste in seiner Form werden. Es sei deshalb kurz gesagt, dass der Beruf des*der Gebärdensprachdolmetscher*in ein sehr wichtiger Bestandteil zur Teilhabe gehörloser Menschen ist. Leider üben in Deutschland gerade mal ca. 600 bis 700 Frauen und Männer diesen Beruf aus, wobei es laut BGSD – Dachverband der Gebärdensprachdolmetscher und DGB – Gehörlosenverband mind. 80.000 gehörlose und hörbeschädigte Menschen gibt. Auch gibt es für viele Bereiche keinen expliziten Kostenträger, so dass die Finanzierung schwierig ist.

 

So, ich sehe gerade, dass dieser Beitrag doch etwas länger geworden ist als geplant. Für einen kurzen Moment drohte sogar der Hass in mir zu verfliegen. Schreiben hilft. Deshalb höre ich jetzt an dieser Stelle auf.
Der Mann kocht und bringt mir gleich Indisches Essen ans Bett. Ich kann ja nichts. Draußen sitzen meine Nachbarn auf dem Balkon und lachen. Ich rufe den Mann, er soll bitte das Fenster schließen.

Ibiza – von Schweinen und der Kunst der Demut

Die Bustür geht auf. „Erstmal nur der Rollstuhl! Nur der Rollstuhl!“, ruft ein großer, breiter Mann mit gelber Neonweste. Seine Worte gelten besonders den Menschen, die sehr nervös direkt an der Tür darauf warten, dass sie und wirklich nur Sie die ersten, die aller ersten sein werden, die das vor uns parkende Flugzeug betreten werden. Ganz besonders eilig scheint es der Mann vor mir zu haben. Schon seit 20 Minuten klebt seine faltige, weiße Hand an dem aus Sicherheitsgründen deaktivierten Türöffner des Busses, bereit ihn durch ein strebsames Pressen einzudrücken und die Bustür zum Öffnen zu zwingen. Seine kleine, dicke Frau krallt sich fordernd um den matt weißen Arm ihres Mannes, so als ob sie ihm sagen will: „Horst, öffne die Tür! Öffne endlich die verdammte Tür, Horst!“ Aber Horst muss warten. Alle müssen warten, denn erst muss „der Rollstuhl“ raus. Das wäre in diesem Fall dann ich.

Der Mann mit gelber Neonweste schiebt mich die kleine, schmale Rampe runter, während Horst und seine Frau und alle anderen Fluggäste im Bus warten müssen und mir dabei zusehen, wie ich mich auf dem Rollfeld vom Rollstuhl auf den sehr schmalen Bordrollstuhl setze. „Cool, dich kenn‘ ich!“, wirft mir eine männliche Stimme an meinen Hinterkopf. Intuitiv ducke ich mich leicht nach vorne. „Äh, wie bitte?“ Ich drehe meinen Kopf nach hinten und treffe auf zwei große, strahlende Augen. „Gestern im Fernsehen gesehen.“, sagt der Mund unter den Augen. „Oh! Ja, das kann sein.“, lächle ich zurück, während mich zwei unbekannte Hände mit dem Gurt am Bordrollstuhl festschnallen.
Mit dem Profil zum Bus sitzend, sehe ich wie der Urlaub für die meisten Menschen im Bus schon jetzt in diesem Moment begonnen hat. Wie im Zoo stehen sie da. Dicke, bleiche Menschen mit blonden Strähnchen in den Haaren, glitzernden Gürteln und Bauchtäschchen und drücken sich die Nasen an der Glasscheibe platt, begierig darauf zu hoffen, dass die schwarz angezogene Frau auf dem Rollfeld durch einen brennenden Reifen springt.
Die Frau – das bin ebenfalls ich – springt aber nicht, sie wird in Zeitlupe Stufe für Stufe auf dem viel zu schmalen Stuhl die Treppe hoch zum Flugzeug getragen und das ist mindestens genauso spannend zu beglotzen, wie ein Sprung durch einen brennenden Reifen, mit doppelten Salto. Ich hasse Menschen, denke ich mir und hebe ganz oben angekommen den Ficker-Finger zu all den gaffenden Menschen unter mir, eingesperrt hinter einer Scheibe.
Ich hasse Menschen, denke ich nicht zum ersten Mal, und in letzter Zeit immer öfter.

Es ist windig und irgendwo im Osten geht die Sonne auf. Es ist 7:05 Uhr und um 7:20 Uhr startet unser Flug nach Ibiza.

Aber was ist das genau, das ich immer wieder und in letzter Zeit eben auch sehr häufig, einen Hassschub auf Menschen bekomme? Wo kommt das her, frage ich mich? Letzte Woche stand ich mit dem Auto an der Ampel einer großen Kreuzung in Düsseldorf. Ich hatte rot und sah gelangweilt dabei zu, wie von rechts die Autos langsam über die Kreuzung fuhren. Ziemlich schnell sah man, wie sich links die Autos langsam stauten, und jede*r vernünftige Autofahrer*in hätte jetzt, auch wenn er/sie grün hatte, hinter der Linie gewartet, da dessen Auto sonst mitten auf der Kreuzung hätte stehen bleiben müssen, während ich und alle anderen Autos hinter mir ihre Grünphase gehabt hätten.
Die Ampel wurde grün und die Hoffnung, jetzt gediegen aufs Gas treten zu können, verpuffte in dem Moment, als sich 4-5 Autofahrer*innen dachten, noch schnell auf die andere Seite der Kreuzung durchdrücken zu können, obwohl sich schon lange eine offensichtliche Autoschlange gebildet hatte. Und während ich mich früher lauthals und aggressiv über alle Autofahrer*innen aufgeregt hätte, saß ich in diesem Moment einfach nur da und starrte resigniert auf die Autos vor mir, in denen sich die Fahrer und Fahrerinnen darüber aufregten, dass sich andere über sie aufregen, weil sie nicht hinter einer grünen Ampel eine weitere Rotphase abwarten konnten, nur um dann drei Minuten später auf das vor ihm fahrende Auto aufzuschließen, weil sie überheblich waren, anstatt Rücksicht zu nehmen. Vollidioten. Und dennoch wundere ich mich, warum ich in diesem Moment so ruhig bleiben konnte, mein Temperament sich in keinster Weise äußerte und ich einfach nur dasaß und innerlich weinte. Nicht, weil Autofahrer*innen mich daran hinderten bei Grün über die Straße zu fahren, sondern weil ich eine Art Charakter wiederentdeckte, der sich auf so viele Situationen des Alltags beliebig transferieren lässt. Es kommt mir so vor, als ob jeder Mensch wahnsinnige Angst davor hätte, etwas von sich, seinem Platz abgeben zu müssen. Jede*r scheint enorme Angst zu haben zu kurz zu kommen, nicht schnell genug zu sein, nicht den ganzen Kuchen für sich allein abzubekommen. So als ob es große Schmerzen für einen bedeutet, abzugeben, auf etwas verzichten zu müssen, damit es anderen auch gut gehen kann. Das zu beobachten, tut mir wiederum weh.

Während der letzten Reisen habe ich den größten Wert darauf gelegt, so wenigen Menschen wie möglich zu begegnen. Im Urlaub rede ich auch nicht viel. Eigentlich sitze ich immer nur da und gucke irgendwo hin. Als geübte und eingesessene Rollstuhlfahrerin gucke ich zum Beispiel oft aus dem Fenster. So wie hier.

Diesen Blick habe ich, seit ich mit meiner Mama aus dem Auto gestiegen bin, nachdem wir einen sehr steilen und mit Schlaglöchern, so groß wie Krater, bedeckten Weg hoch auf den Berg des kleinen Dörfchens Es Cubells gefahren sind. „Oh Gott, ist das schön.“, ist das erste, was ich sage, als sich mein Blick auf den Fels im Meer verliert. „Boah, ist das windig hier oben! Hoffentlich werden wir hier nicht krank!“, sagt meine Mutter, als sie aus dem Auto steigt.
Während mein Blick weiter auf dem Fels Es Vedra haftet, trägt meine Mutter unseren Koffer ins Steinhaus. Und dann ist sie da – Ruhe. Keine lauten, ängstlichen Menschen, nur meine Mama und ich und ab und zu ein paar neugierige Schweine, die uns besuchen kommen und ihre feuchten, zuckenden Schweinsnasen überall reinhalten, auch in unsere Haare, wenn wir nichts ahnend auf unseren Sonnenliegen liegen und pennen. Aber all das dürfen sie und dann gebe ich Ihnen auch mal ein Stück von meinem Käsebrot ab und freue mich, dass es ihnen schmeckt.

Ich glaube, dass mangelnde Demut ein grundlegendes Problem des/der einzelnen in unserer Gesellschafft ist. Die Menschen vergessen, vor allem das, was sie nicht jeden Tag sehen oder hören. Wir alle wissen aus unseren Geschichtsbüchern, wie schnell alles verloren gehen kann, wenn sich Menschen abschirmen, eine Mauer um sich herum bauen und andere ausschließen. Wenn jede*r stets große Angst davor hat, zu kurz zu kommen und etwas von sich und seinem/ihrem Hab und Gut abgeben zu müssen, sollten wir uns fragen, wann es uns selbst und anderen am besten geht. Wenn man für einander da ist, Respekt wahrt und auf gegenseitige Unterstützung hoffen kann? Wenn man aufmerksam durch seinen Alltag geht und auf den anderen achtet? Vielleicht sollten wir versuchen demütiger zu sein – vor anderen und vor uns selbst – und uns darauf besinnen, dass wir selbst und alles um uns herum schnell zerbrechen kann.

Der Urlaub ist wunderschön. Gerne hätte ich von Traumstränden und anderen schönen Orten der Insel erzählt, aber nach jedem Besuch eines solchen Strandes oder urigen Dörfchens mit seinen kleinen, verwinkelten Gassen, wurde uns immer wieder klar, dass es hier oben auf unserem Berg einfach am schönsten ist.
Morgen Abend geht unser Flug zurück nach Düsseldorf. Meine Mutter steht in der Küche und kocht Gemüse, während ich ein letztes Mal mit deepen Gedanken in den Sonnenuntergang schaue. „Mücke! MÜCKE!“, höre ich sie aus der Küche rufen und nach zwei Sekunden folgt ein dreckiges Lachen: „Tot! TOT!“ Wir wurden nicht krank hier oben auf dem Berg und meine Mutter ist der lustigste Mensch auf der Welt.

Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2017

Ein paar Monatszyklen sind vergangen und hier ist nicht viel passiert. Oft wurde ich seither gefragt, ob alles in Ordnung sei, ob es mir gut ginge. Ja, es geht mir gut. Denn wie meine Oma schon damals immer meine Mutter beruhigte, als ich mit meiner Klasse in der Jugendherberge war  und nichts von mir hab hören lassen, gilt: „So lang de nix vong denn Blagen hörs, jeht et denn jut!“

Monatshighlight

Und dann kommt ganz plötzlich jemand aus dem Nichts, deckt mal eben schwerwiegende Fälle von Demütigung, körperlichen und seelischen Missbrauch an Menschen mit Behinderung in Einrichtungen und Werkstätten auf und fackelt die ganze Watte, in die das deutsche Wohlfahrtssystem über all die Jahre gemütlich eingehüllt war, mit einem einzigen RTL-Beitrag ab. Burn motherfucker, burn.
Das Team Wallraff schickte Undercover-Reporterin Caro Lobig als Praktikantin „Steffi“ in Einrichtungen der Lebenshilfe e.V., wo behinderte Menschen leben und arbeiten, und nahm mit versteckter Kamera verstörende Szenen auf, die mich bis heute sehr wütend und traurig machen. Heimbetreuer*innen und Heilerziehungspfleger*innen schikanieren, quälen und unterdrücken behinderte Bewohner*innen. Ein Pfleger stellt einer strak gehbehinderten Bewohnerin ein Bein, sodass sie stürzt und macht sich dann über sie lustig. Ein Bewohner wird in einem dunklen Zimmer eingesperrt als Strafe, weil er sich beim trinken mehrmals bekleckert. Solche Szenen sind schlimm und ich befürworte deren Veröffentlichung sehr. Jedoch verbirgt sich hinter diesen grausamen Taten noch ein ganz anderes Problem.

Nach einer monatelangen Undercover-Ermittlung in diversen Einrichtungen wird schnell klar, dass es sich hier zunächst um ein Problem der Machtstrukturen zwischen Betreuer*innen und Bewohner*innen handelt. Hier wird die Selbstbestimmung der Bewohner*innen ganz strukturell unterbunden. Man fragt sich, warum arbeiten solche Vollidiot*innen in so einem Beruf, bei dem es um soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz und das fördern der individuellen Selbstbestimmung geht? Man fragt sich aber auch, wer und warum solche Menschen eingestellt hat und wie es überhaupt zu solchen Taten seitens der Betreuer*innen kommen kann. Aus Frust? Oder um sich an dem geilen Gefühl von Macht an vermeintlich Schwächeren zu ergötzen?

Geht man in der Hierarchie ein bisschen weiter nach oben, erkennt man, dass die Unterdrückung der Selbstbestimmung von behinderten Menschen ein generelles Problem der Wohlfahrtsindustrie ist. Denn wie wir alle längst wissen, ist das Geschäft mit Behinderten eine sehr lukrative Angelegenheit. Jedes Jahr gehen mehrere Milliarden Euro an Institutionen, in denen behinderte und psychisch kranke Menschen arbeiten und wohnen müssen. Mein Bruder ist einer dieser Menschen. Und während sein Arbeitsplatz den Staat um die 6.000 € kostet, geht mein Bruder mit 76,00 € nach Hause. Klar, dass man behinderte Menschen auch immer schön „behindert macht“ und alles dafür tun muss, dass diese ekelhafte Beziehung von Abhängigkeit der Wohlfahrt gefördert und gefordert wird. Das bedeutet nicht, dass aktiv zu solchen Taten aufgerufen wird, aber es wird auch nichts aktiv dagegen getan, bzw. präventive Maßnahmen ins Leben gerufen, die Mitarbeiter*innen in ihren Untaten entlarven. Es muss an Strukturen gearbeitet werden, die erst gar keinen Nährboden für Abhängigkeit liefern.
Wie die Wohlfahrtsindustrie in Deutschland funktioniert, warum sie so boomt und Exklusion, statt Inklusion schafft, liest man z.B. in den Artikeln „Werkstattbericht“ und „Geldgierige Wohlfahrt“.

Monatsbilder

Letzte Woche war ich mit Andi Weiland unterwegs. Immer, wenn ich mit Andi unterwegs bin, passieren schöne Dinge. Und diese schönen Dinge werden dann mit der Kamera festgehalten.

Fotos: Andi Weiland

Monatsgrusel

Es gibt sie – Menschen, die einem auf ganz eklige Art und Weise zu nahe kommen. Sie müssen dich noch nicht mal angefasst haben, und dennoch fühlst du dich betoucht. Deine Privatsphäre wurde durchdringt und auf eine komische Art beschmutzt.

Meine erste Reaktion, als ich diese Mail bekam, war mich zu schütteln. Mein Körper sagte mir, dass ich das, was mich gerade angefasst hat, sofort wieder abschütteln muss.

… es gibt vielleicht eine Möglichkeit, ihren Körper
über alternative Heilmethoden zu unterstützen, möglicher Weise
sogar ihm zu helfen.

Ich bin Reiki Lehrer und seit langen Jahren Mitglied im Dachverband
für Geistiges Heilen.

Als ich mich das letzte Mal mit einem kleinen Mädchen in
Osnabrück beschäftigt habe, die eine Art von Blutkrebs hatte,
da bekam ich auf der geistigen Ebene Bilder zu sehen, die dieses
junge Mädchen als junge Frau zeigten. Aus diesen Bildern zog ich den
Schluss, dass diesem Mädchen geholfen werden kann.
Nach einem 3/4 Jahr war dem Mädchen dann geholfen.
Sie ist heute wieder kerngesund und ihre Blutwerte sind normal.

Ich war so frei, mich mit Ihnen auf geistiger Ebene zu verbinden,
um zu sehen, ob ich etwas für Sie tun kann. Ihr Oberkörper macht einen
sehr fitten Eindruck, aber ab dem Becken bis zu den Füßen wird es
schwierig. — Im Laufe dieser energetischen Untersuchung habe ich
ihren rechten Fuß in die Hand genommen und Sie haben ihn weggezogen.
Wenn Sie das auch in der Realität mit Ihrem Fuß machen können, dann
wären meine Bilder/Visionen nichts Besonderes. Wenn Sie das aber in der
Realität mit Ihrem Fuß nicht machen können, dann wäre das für mich eine
interessante Sache und die Bestätigung meines Gefühls, dass man
Ihrem Körper auf der geistigen Ebene helfen kann.

Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht, dass mein Körper auf diese Art angefasst wird. Ungefragt. Und vor allem möchte ich nicht, dass mein Körper – den ich so liebe, wie er ist – als Versuchskaninchen für irgendwelche heiligen Heilmethoden herhalten muss. Lasst die Finger von mir – auch die imaginären.

Monatslinks

Wie passen die Unfähigkeit zu Kochen, die Liebe zu gutem Essen und das Rollstuhlfahren zusammen? Stimmt, gar nicht! Da ich aber auf eine vielfältige Küche nicht verzichten will und es wenige barrierefreie Restaurants gibt, habe ich mir die Zeit genommen, beides miteinander zu verbinden. Und hier die besten Tipps für euch auf dem neuen Blog der S-Bahn: „Essen leicht gemacht – der Kiezcheck Friedrichshain-Kreuzberg mit Laura Gehlhaar“ 

Immer, wenn ich in meine Heimatstadt Düsseldorf fahre und ich mit meiner Mama über die Rhein-Knie-Brücke fahre, nachdem sie mich vom Hauptbahnhof eingesammelt hat, habe ich Pipi in den Augen. Und das liegt nicht nur an der großen Celine Dion, die wir dann im Auto hören, sondern vor allem am Ausblick den Rhein runter, über seine Promenade, bis hin zum Fernsehturm. Düsseldorf, ich liebe dich. Und euch nehme ich jetzt mit auf eine die „Rollstuhlgerechte Tagestour durch Düsseldorf“ – die schönste (!) Stadt am Rhein.

Monatsvideo

Wer hätte gedacht, dass ich mal in der TV Sendung von Raul Krauthausen sitze, um mein Buch „Kann man da noch was machen?“ vorzustellen, als wir uns vor fünf Jahren kennenlernten? Ich nicht. Aber jetzt ist das eben so und ich mag es.

Monatsvorhersagung

30.3, 22:15 Uhr, Neo Magazin Royale
25.04, 9:07 Uhr, Deutschlandradio Kultur
5.05 Jolie (Printausgabe am Kiosk)

 

So, in zwei Stunden geht mein Zug nach Düsseldorf. Denn leider muss ich am Samstag nach Ibiza fliegen. Jedes Jahr pack ich mir meine Mutter ein und fliege mit ihr in die Sonne. Was das für jeden von uns bedeutet, kann man auf „Kopf aus“ und „Juist – mit Mama und Celine Dion“ nachlesen. Und wer ein bisschen mitgenommen werden möchte, kann das auf meinem Instagramaccount gerne tun. Tschüss, wir sehen uns.

My Disability, My Asshole Filter

Foto: Andi Weiland

Foto: Andi Weiland

It took a little time and a little more men to find the right path through the dating jungle. At a certain point along the way I stopped to let me be picked up by guys that would only see me as the means for an exotic sexual experience. Especially the ›I know I look good and already had them all‹ type seems to consider me a welcome relief from their fuck routine. I on the other hand am less than satisfied with men like these. Needless to say I am much more than that and have always been.

Speaking from my point of view, I have long stopped looking for Mr. Perfect (regardless of what does or does not pass as ›perfect‹) and learned not to have unrealistic expectations of possible partners. Quite frankly, it just got too exhausting. No matter how aware I am of what I look for in a person or how willing I am to go out on a limb: ultimately, I cannot influence what’s going on behind the persons eyes in front of me.

My seemingly paradox guise seems to have a noticeable impact on more than a few men. While being self confident, acting securely, being loud, funny even sometimes, and appearing strong and independent, at the same time, I walk (or roll) around with a pretty obvious weakness. By my outer appearance alone I let everyone know immediately that I have been through tough times and might be dependent on help.
Thus, a lot of guys are not sure what to make out of me: Am I the bold, partly pretty, partly smart cheeky gal, or am I the helpless, disabled blonde with limited capacities? It’s confusing, it’s fascinating, and it’s mysterious. I see why it is and that’s okay with me.
Actually the same goes for me. I am not always consistent in my reactions to men, either. Whenever I am fighting off being hurt or criticized, it’s very tempting to blame failure on my partner. ›If only had been able to better handle my disability, we’d still be together …‹ I have a persistent blind spot for the possibility that the guy might just consider me too dominant, cheeky, or a plain nutcase. The same blind spot covers a man just liking me because I’m exactly his type. Maybe I’m just hiding behind my disability in insecure moments like these, who knows.

There is not that one good sex

The assumption that my limited physical mobility equals limited sexual capabilities is another phenomenon that I face due to my disability. ›How could it work if you cannot even walk?‹ I’ve been asked before. Others are certain that I just lie around passively and that sex with me just cannot be good.
Questions and speculations like these are plain stupid. They are a testimony of insufficient imagination and flawed fantasy. What’s good about good sex is that there isn’t that one good sex. Everybody has to discover individually what feels good, how to be satisfied, and how to satisfy your partner – whether disabled or not. A decent feeling for your own body and being able to communicate are key to a satisfactory sexuality.

Since my disability forces me to deal with my body in creative ways on a daily basis, I lead a fulfilled life on every level. In combination with a healthy dose of (preferably black) humor, this guarantees both my fun and passion.
Aside from sharing vacations, parties, and morning sex, relationships do require constant work for both partners. Certain circumstances require the subordination of your own needs in favor of those of the partner. Best-case scenario is that the compromises you make do not feel like compromises at all. If you truly love someone, that one’s well-being is the greatest reward for yourself. A linkage to grow from and get to know yourself better.

Disability as a compromise?

A prejudice I keep coming across is that my respective partner has to make an exceptional amount of compromises in our relationship. My boyfriends keep hearing questions like ›Why do you keep putting up with that?‹ or ›Have you really thought this through?‹
There are two sides to phrases like these. On the one hand they question my partner’s freedom of choice and their affection for me. On the other hand it leaves me angry when my other half gets a glorifying pat on the back for being brave and caring. All that just for falling in love with a woman in a wheelchair. Especially the ladder sheds a poor light on me and makes me feel like a supplicant.
Biased reactions like these have made me feel hurt and urged to prove the opposite more than once. For a long time I felt ashamed for my insufficiencies and the obligation to comply with various demands. That in mind, I dragged myself to festivals and concerts, often reaching, or worse, exceeding my physical limits. At restaurants, I would deliberately avoid ordering meat in order not to have to ask for help cutting it due to my weak right hand. By no means did I ever want to give room to such presumptions and used most of my energies for coming across as being independent. Until I figured out that the constant self-imposed pressure to show how ›normal‹ I am was in fact more demanding than being honest about the effects of my disability – and to give a shit about what others thought about it. Big time.

Courageous, strong, attentive

I have become more lenient over time. Nowadays, whenever I sense that people impose a difficult life outside the norm on me because of my disability, I just assume they have not been regularly exposed to disabled people yet and that the media and other social institutions have conveyed a blurred, deficit-oriented picture of disability to them. Maybe they just do not know yet that one’s disability does not inform about the level of willingness to be active or compromise in comparison to anyone able-bodied. Being disabled does not equal being unable to give less or to settle for more or less. At the same time, a disability does not prevent anyone from being an asshole.

A healthy well-balanced relationship requires long-term devotion to it, just like any other partnership on this planet.
Any man who considers a relationship with me has to be courageous, strong, and attentive, among other things. I would not choose a man for myself who lacks any one of these traits. I like these characteristics in men. They nurture me, whether that’s in conjunction with my disability or not. I hardly know myself as a grown up without a wheelchair.

Yet, I know that I, too, bring these qualities to the table and therefore want my partner to mirror them. I consider myself lucky, because I have little faith in any man chosing me who is not courageous, strong, and attentive.
Only a guy who is confident, knows what he wants, and what does him good will put up with me, a strong woman with a disability. Not because he’s able to overlook the wheelchair and the disability, but because he is man enough to face both and accept them as part of me.
Only the man who can stay true to himself and does not confuse being humble with having to restrict himself will have a shot at making it work out with me. Anyone lacking an open mind for a change in perspective, acknowledging, and appreciating diversity would not have the balls to keep my by his side.
Because it’s me, Laura. Funny, assertive, cheeky, and pushy. Devoted, enthusiastic, judgmental, and lying in bed at night, hoping for Mr. Right to come along like a crybaby. My disability has had an impact on my personality and I like the person it has formed.

Yet the best thing about it is that it works as an automatic filter for all those not seeing nothing more in me than a disabled woman, whose wheelchair symbolizes passivity and weakness.

My disability operates as my personal asshole filter.

 

Laura Gehlhaar was born in Düsseldorf, Germany in 1983. Studies of social work and psychology brought her to the Netherlands, before moving to Berlin in 2008, following her heart and a job at a psychriatic ward. Since completing a training for mediation and coaching in 2014, she works both as coach and author. Besides writing about life both in the city and in the wheelchair, she speaks publicly about inclusion and accessibility. Her first book „Kann man da noch was machen?“ was published by Heyne in september 2016.